Mit Fingerübungen beginnen

„Aller Anfang ist schwer“ oder „Anfangen ist leicht“ – Sprichwörter transportieren oft sehr gegensätzliche Erfahrungen. In der Tat: Den einen fällt es leicht, etwas Neues anzufangen, nur haben sie Schwierigkeiten, dabei zu bleiben. Andere warten auf einen entscheidenden Impuls um anzufangen und schieben den Start vor sich her. Diese Erfahrungen machen auch Menschen, die schreiben. Die einen haben die Schublade voller vielversprechender Anfänge, die anderen den Kopf voller Ideen, aber das Blatt bleibt leer. „Mit Fingerübungen beginnen“ weiterlesen

Von Hentig über Kreativität

Kreativität scheint eine Art universales Heilmittel zu sein, aber auch wenn der Begriff von vielen gebraucht wird: Er ist überraschend unpräzise. Zu diesem Fazit kommt Hartmut von Hentig in seinem 1998 erstmals erschienen Essay „Kreativität. Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff“. Die Begriffsschwäche rührt her von zwei Unklarheiten: Zum einen ist unklar, ob Kreativität etwas ist, das wir in der Gegenwart besonders benötigen und deshalb auch einsetzen, oder ob sie nötig wäre, aber noch unverfügbar ist. Zum andern ist unklar, ob Kreativität ein Mittel ist oder ein Ziel. Von Hentig ist skeptisch, denn ob Kreativität ein Mittel ist, uns aus dem als festgefahren wahrgenommen Zustand unserer Zeit zu befreien, muss sich erst noch zeigen. „Von Hentig über Kreativität“ weiterlesen

Predigten komponieren

Schreiben führt in der Predigtvorbereitung zwar nicht zwingend zu guten Predigten, kann aber helfen, “theologische und lebenspraktische Themen intellektuell zu durchdringen, sowie … sich Glaubensinhalte und Traditionsfragmente anzueignen. Predigtschreiben kann dazu beitragen, dass Pfarrpersonen in ihrer seelischen, geistigen und geistlichen Existenz wachsen.“ (S. 372) Zu diesem Ergebnis kommt Annette Müller in ihrer Dissertation “Predigt schreiben”. Sie hat dafür empirisch untersucht, was eigentlich geschieht, wenn Predigerinnen und Prediger ihr Predigtmanuskript erstellen. Damit kommt dem Schreiben in der Predigtvorbereitung eine wichtige Funktion zu: Es wird “eingesetzt, um kreativ und verantwortlich Theologie zu treiben“ (S. 394). „Predigten komponieren“ weiterlesen

Mit Jugendlichen zur Sprache kommen

Cover "Spirituelle Schreibwerkstatt" - www.herder.de
Cover „Spirituelle Schreibwerkstatt“ – www.herder.de

Stephan Siggs „Spirituelle Schreibwerkstatt“ hat mich im Laden gleich angesprungen – aber trotz guter Ideen ist das Buch auch eine Mogelpackung. Treffender wäre ein Titel wie „Mit Jugendlichen zur Sprache kommen. Reden und Schreiben über den Glauben.“ Aber wahrscheinlich hätte ich das Buch bei so einem Titel eher liegen gelassen. Die „Spirituelle Schreibwerkstatt“ (mit dem Untertitel „mit jungen Menschen“) ist auf jeden Fall der ansprechendere Titel. „Mit Jugendlichen zur Sprache kommen“ weiterlesen

Robinsons Rat zum Zettelkasten

Zettelkastenreiter

In Haddon Robinsons Buch „Predige das Wort“ (Originaltitel: Biblical Preaching) wird sehr schön der Einsatz von Zettelkästen für Prediger beschrieben. In seinem Kapitel über die lebendige Ausgestaltung eines Predigtentwurfes mit illustrierendem Material schreibt Robinson:

„Das meiste Material findet der Prediger zweifellos in seiner eigenen Sammlung. Deshalb sollte es sich ein gutes Ordnungssystem dafür anlegen. Denn was er dort für seine Predigt findet, hängt völlig davon ab, was und wie er es hinein getan hat. Es gibt viele Systeme, um die Ergebnisse des Studiums und Lebens zuordnen. Normalerweise benötigt man zweierlei Karteien. In die eine Großformatige ordnet man Predigtnotizen, Auszüge und Kopien so, wie sie sind. Sie können eingeteilt sein nach Themen oder nach den Büchern der Bibel.

Als Ergänzung sollte ein Prediger ein Karteikartensystem mit kleineren Kärtchen führen. Ein Bereich dieses Systems bezieht sich auf die Bücher der Bibel. Hier notiert man sich auf den Karten Illustrationen, Auslegungsnotizen und Hinweise auf hilfreiche Literatur zu einzelnen Bibelstellen. Ein anderer Teil des Karteikartensystems sollte alphabetisch nach Themen geordnet sein.

Das meiste Predigtmaterial – Anekdoten, Zitate, Gedichte, Notizen zur Auslegung, Analogien, Literaturhinweis – kann auf solchen Karten gesammelt werden.

Jeder Prediger braucht ein System. Jedes System, das Ihnen hilft, Informationen zu ordnen, ist besser als gar keines. Es sollte aber auch gepflegt werden.“ (S. 129)

Haddon Robinsons Buch lohnt sich zu lesen. Die amerikanische Homiletik des 20. Jahrhunderts wird in der deutschen Homiletik ja leider nur am Rande wahrgenommen, was unter anderem daran liegt, dass nur wenige Bücher auf Deutsch vorliegen. Beklagt habe ich das schon im Verweis auf David Buttricks „Homiletic. Moves and Structure“. Robinsons Buch gehört zwar zu den klassischen und einflussreichsten Werken der amerikanischen Homiletik und liegt sogar auf Deutsch vor, aber wahrscheinlich ist es hier der evangelikale Verlagskontext, die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, die eine ernsthafte Rezeption erschwert. So ist beispielsweise das vom Verlag vorgeschaltete deutsche Vorwort unglaublich schlecht und theologisch von so unterirdischem Niveau, das es eigentlich eine verlegerische Untat ist – käme dem Verlag nicht das Verdienst zu, das Buch überhaupt auf Deutsch zugänglich zu machen. Weil ich das Buch wirklich schätze, werde ich es in meinen nächsten Artikeln etwas ausführlicher darstellen.

Robinson, Haddon W., Predige das Wort. Vom Bibeltext zur lebendigen Predigt. Überarbeitete Neuauflage, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg: 2001.
ISBN 978-3-86353-044-0. 9,90 €.

Über mich selbst schreiben

Notizbuch
(c) Günther Gumhold / pixelio.de

„Ich könnte ein Buch schreiben“, sagen Menschen häufig, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Doch obwohl viele Menschen gern von ihren Erlebnissen erzählen, gehen die wenigsten den nächsten Schritt, tatsächlich ihr Leben niederzuschreiben. Ratgeberliteratur zum Thema Autobiographie gibt es reichlich. Es scheint also Bedarf zu geben. Nun hat sich Hanns-Josef Ortheil als Autor und Herausgeber der DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben des Themas angenommen: „Schreiben über mich selbst“ versteht Ortheil aber „nicht nur [als] eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern [als] Teil einer umfassenderen ‚Lebenskunst‘ “, bei der es darum geht, „die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen“ (S. 147).

„Schreiben über mich selbst“, der mittlerweile sechste Band der Reihe, fügt sich gut ein in diese Schreibwerkstatt, deren Prinzip ist, Schriftstellern bei ihrem Schreiben über die Schulter zu sehen. Nicht nur im Titel lehnt sich Ortheil an Michel Foucaults Aufsatz „Über mich selbst schreiben“ an. Wie Foucault hebt Ortheil das regelmäßige Notieren als Grundlage des Schreibens hervor. Bei Foucault sind die Notizen Mittel zur Selbstreflexion, insofern stehen hier die Erkenntnisse und das Festhalten eigener wie fremder Gedanken im Mittelpunkt. Notieren ist neben Meditation und Gespräch mit sich und anderen Teil einer ästhetischen Lebensführung. Die Notizen selbst werden zum Rohstoff und Reservoir des eigenen Denkens. Ortheil, dessen Notizleidenschaft hinlänglich bekannt ist, findet in Foucault eine philosophische Entsprechung seines eigenen Ansatzes. Von diesem Ansatz war schon in „Schreiben dicht am Leben“ und „Schreiben auf Reisen“ zu lesen.

In „Schreiben über mich selbst“ geht es nun darum, durch das regelmäßige Notieren hellsichtig zu werden für das autobiografische Potential, den autobiografischen Rohstoff des Alltags. Es geht Ortheil nicht darum, zum Schreiben einer vollständigen Autobiografie anzuleiten. Im Gegenteil: Zeitgemäßes autobiografisches Schreiben besteht seiner Meinung nach „aus lauter eleganten, mit neuen und alten Medien verbundenen Textformen, die ein Leben spielerisch befragen, detaillierte erkunden und in Segmenten erzählen“ (S. 6), und zwar unablässig. Einfache Beobachtungen, Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken – alles wird möglichst „deutungsarm“ notiert, ohne sich zu fragen, „ob das Notierte überhaupt wert ist notiert zu werden“ (S. 148). Denn mit der Zeit kann alles zu einer wichtigen autobiografischen Notiz werden. Mit der Zeit entsteht so ein „Erinnerungs- und Erzählspeicher“ (S. 149) als persönliches Lebensarchiv aus Fragmenten des Alltags.

Interessant ist, dass Ortheil nicht mit dem Schreiben beginnt, sondern mit dem Erzählen. Man mag hierin eine weitere Spur Michel Foucaults finden, für den das Gespräch mit sich und anderen wichtiger Teil des ästhetischen Lebenskonzeptes war. Ortheil steigt in die Reihe seiner Beispiele ein mit einem Blick auf Andy Warhols telefonische Diktate von alltäglichen Erlebnissen (S.14). Von hier geht er weiter zu Beispielen dazu, „sich befragen zu lassen“ bzw. „sich gegenseitig zu befragen“ (unter anderem Michel Polacco und Michel Serres (S. 19ff) sowie Gilles Deleuze und Claire Parnet (S. 28ff)).

Mich hat zunächst irritiert, dass Hanns-Josef Ortheil fasst ein Viertel seines Buches diesen mündlichen Formen widmet. Der Blick auf mein Eingangsbeispiel zeigt aber, dass das Erzählenwollen ein wichtiger Indikator für autobiografische Potentiale von alltäglichen Erfahrungen ist: Vielen Menschen fällt es leichter über sich zu erzählen, als das Buch zu schreiben, das sie schreiben könnten. Beim Übergang vom Erzählen zum Schreiben ist es wichtig, diesen Indikator zu bemerken, denn er gibt den Impuls, „der unsere Aufmerksamkeit anzieht“ (S. 39) und letztlich ins Notieren führt. Mündlichkeit und Schriftlichkeit verdanken sich dem gleichen Impuls des Augenblicks, aber erst in der Notiz gerinnt die Gegenwart – egal ob bedeutsam oder nicht – zu etwas, das später sein autobiografisches Potential entfalten kann – oder auch nicht.

Ausgehend vom einfachen Notieren, zu dem sich Ortheil bereits in früheren Bänden der Reihe geäußert hat, werden zahlreiche, interessante Schreibprojekte vorgestellt – wie man es in der DUDEN-Reihe gewohnt ist, exemplarisch vorgeführt an Beispielen aus der Literatur. Viele dieser Projekte sind auch als Varianten und Impulse für das Führen eines Tagebuchs lesbar. Die angesprochenen Themen sind:

  • Briefe schreiben als Möglichkeit autobiografischen Schreibens (Seite 44ff)
  • Resümee ziehen (Beispiel John Cheevers Tagebücher (Seite 52ff))
  • Schreiben zu „magischen Wörtern“(Czesław Miłosz, S. 56ff) und „stabilen Wörtern“ (bzw. letzte Gewissheiten, Carlos Fuentes, S. 61ff)
  • Selbstportrait mit Foto (John Berger und Jean Mohr, S. 66ff), mit Musik (Ortheil, S. 71), mit Körperteilen (Raymond Federman, S. 77ff), mit Landschaft (Jean-Philippe Toussaint, S. 81ff; Marie Luise Kaschnitz, S. 83f), mit Büchern (Paul Raabe, S. 87ff)
  • Kindheitserinnerungen (Urs Widmer; Joe Brainard, S. 92ff), Kindheitsszenen (Nathalie Sarraute, S. 98ff; Jean-Paul Sartre, S. 100f); Früheste Erinnerungen (Goethe, S. 104ff; Elias Canetti, S. 107); Kindheitswelten (Walter Benjamin, S. 109ff); Gang durch die Kindheit (John Updike, S. 114ff; Peter Kurzeck, S. 117f)
  • Beschreibungen zu Zeitphasen des Lebens: die Familie (Marc Aurel, S. 119; Peter Weiss, S. 123); große und kleine Natur (Nature Writing; Henry David Thoreau, S. 126ff; Cord Riechelmann, S. 129); Liebe und Freundschaft (Roland Barthes, S. 132ff); Die jungen Jahre (Ernest Hemingway, S. 136ff); Brief an die Enkel (John Updike, S. 141ff)

Langsam wird deutlich, was die DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben so unverzichtbar macht: Sie rückt die Bedeutung des Notierens für das Schreiben in den Mittelpunkt. In „Schreiben über mich selbst“ wird dies Notizpraxis, in Anlehnung an Foucault, zum Teil einer umfassenden Lebenskunst. In vielfältiger Hinsicht können auch Predigerinnen und Prediger von dieser Kunst lernen: Für die Predigtpraxis sind persönliche Erfahrungen unverzichtbar. Notizen als Fundus helfen grundsätzlich dabei, einen Predigtgegenstand diachron zur eigenen Lebensgeschichte sowie Denk- und Glaubensentwicklung zu reflektieren. Persönliche Notizen helfen darüber hinaus, die blanken Gedanken mit dem Fleisch des Alltagslebens zu umgeben. Die von Ortheil vorgelegten Schreibprojekte lassen sich auch theologisch verlängern: denkbar wären zum Beispiel Selbstporträts zu biblischen Geschichten und Versen, Erinnerungen an Schwellen und Passagen des eigenen Glaubens, Notizen zu Begegnungen und Gesprächen mit prägenden Menschen, Predigten als Briefe an die Gemeinde und anderes mehr.

Fazit: Hanns-Josef Ortheils „Schreiben über mich selbst“ ist ein anregendes und inspirierendes Buch. Im Zusammenhang mit den andern Büchern der DUDEN-Reihe macht es deutlich, wie unverzichtbar regelmäßiges Notieren für das Schreiben – und vielleicht sogar für das Leben ist. Notizbuchfans und Tagebuchschreiber finden eine Fülle an Anregungen dafür, die Wahrnehmung für das autobiografische Potential der Gegenwart zu trainieren. Für Predigerinnen und Prediger stecken in dem Band Impulse für mehr Ich und gelebte Erfahrung auf der Kanzel.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens, Duden Verlag,Berlin, Mannheim und Zürich 2013.
ISBN 978-3-411-75437-3 | 14,95 € | 158 S.

Brockhaus bleibt kreativ an der Oberfläche

Coverbild aus dem Brockhaus-Pressebereich
© brockhaus.de

Nachdem der DUDEN-Verlag eine ganz interessante Reihe zum Kreativen Schreiben heraus gebracht hat, legt nun der BROCKHAUS-Verlag eine kompakte Übersicht über das Kreative Schreiben vor. Von anderen Schreibbüchern hebt sich der Band durch sein Format und seine Aufmachung deutlich ab. Das Buch streift sämtliche Themen des doch sehr weiten Feldes des Kreativen Schreibens, was allerdings zu lasten der Darstellungstiefe geht.

Während sich die kleinen Bücher aus dem DUDEN-Verlag jeweils einem Sonderthema des Schreibens widmen (Notizbuch, Tagebuch, Reisebuch, Schreiben im Netz, Spannungsliteratur und zuletzt Autobiografie), nimmt das BROCKHAUS-Buch im Groß-Oktav-Format auf jeweils rund 20 Seiten einen Komplex wie Genre, Lyrik und Nonfiction, Erzählung, Plot- und Figurenentwicklung als Ganzes in den Blick. Da bleiben zum Beispiel im Bereich Genre nicht mehr als zwei Seiten übrig für Kriminal-, Liebes- und historische Romane. Science-Fiction-, Abenteuer-, Horror-Roman müssen sich sogar mit nur einer Seite begnügen. Natürlich ist das sehr übersichtlich, aber deutlich weniger informativ als ein Wikipedia-Artikel zum entsprechenden Thema.

Auch die Vorstellung von Schreibmethoden ist sehr dürftig. So wird beispielsweise zwar das Clustering erwähnt und die Methode auf gut anderthalb Seiten knapp beschrieben, aber es wird weder erwähnt, von wem die Methode stammt, noch dass es ein wirklich hervorragendes Schreiblernbuch von Gabriele L. Rico dazu gibt. Dass die eigentlich Pointe der Methode, das Schaffen von Verknüpfungen über das sog. Versuchsnetz, nicht erwähnt wird, mag angesichts der Knappheit der Darstellung noch nachvollziehbar sein, aber dass es weder einen Hinweis auf weiterführende Literatur noch überhaupt eine Erwähnung in einem Literaturverzeichnis gibt, ist eigentlich mehr als sträflich. Ähnliches gilt für die Ausführungen zum Sudelbuch, zum Brainstorming und zum Zettelkasten. Das Mindmapping wird zwar in einer Übung angewandt, aber nicht methodisch eingeführt – entsprechend fehlt das Stichwort auch im Register.

Geschrieben haben das Buch Anni Bürki, Gitta Edelmann, Iris Leister und Anette Schwohl, allesamt Autorinnen beziehungsweise Dozentinnen für Kreatives Schreiben. Sie greifen auf bekannte Muster und Übungen zurück, ohne die Referenzen (bis auf wenige Beispiele) und weiterführende Literatur anzugeben. Aufgemacht ist das Buch wie ein Schul- oder Arbeitsbuch. Es gibt viele praktische, gut erklärte Schreibaufgaben, die zum Teil im Buch selbst eingetragen werden können. Diese Übungen gehören zu den Stärken des Buches und weisen darauf hin, dass die Autorinnen praktische Erfahrungen in der Anleitung von Schreibwilligen haben.

Fazit: Obwohl BROCKHAUS Kreatives Schreiben zunächst einmal durch seinen klaren Aufbau, seine Übersichtlichkeit und großzügiges Layout anspricht, enttäuscht das Buch im Blick auf die Details. Als Einführung taugt es nur begrenzt, weil die Autorinnen auf Hinweise zu vertiefender Literatur verzichten. Als Nachschlagewerk bleibt es zu oberflächlich: Register und Glossar sind unvollständig, Literaturangaben sind mangelhaft. Allenfalls als Schnupperkurs für absolute Neulinge oder als Übungsbuch ergänzend zu einer fundierteren Einführung ins Kreative Schreiben mag der BROCKHAUS-Band durchgehen. Wirklich empfehlen kann ich das Buch aber nicht.

BROCKHAUS Kreatives Schreiben. Vom leeren Blatt zum fertigen Text, F.A.Brockhaus/wissenmedia, Gütersloh/München 2013.
ISBN 978-3-577-00303-2 | 14,95 € | 240 S.

Kreatives Schreiben – fortgeschritten und vertieft

„Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ ist die Fortsetzung von Fritz Gesings Klassiker Kreativ Schreiben. Die Rückverweise auf den ersten Band unterstreichen bei der Lektüre den Fortsetzungcharakter. Dabei kommt es vereinzelt zu Wiederholungen und Bündelungen, die allerdings die Lektüre des ersten Bandes nicht überflüssig machen. Seit längerer Zeit wollte ich meine Notizen zu dem 2006 erschienen Buch aufschreiben, komme aber erst jetzt dazu.

Ein wesentliches Element des Buches sind die Analysen von drei erfolgreichen Romanen: Sakrileg von Dan Brown, About a Boy von Nick Hornby und Herr Lehmann von Sven Regener. Die leitende Frage von Gesing ist: Warum waren diese Bücher so erfolgreich und was können Autoren davon lernen? Ein wichtiger Teil der Antwort steckt darin, dass die jeweiligen Autoren ihre Leserschaft gut im Blick hatten. Wer also erfolgreich schreiben möchte, sollte sich im klaren sein, für wen er oder sie schreibt. Gesing geht dazu im ersten Teil des Buch auf Lesererwartungen und -typologien ein.

Wer seine Zielgruppe klar vor Augen hat, wird seine Geschichten entsprechend Gestalten. Diese Gestaltungsfragen nehmen den Hauptteil des Buches ein: Was ist zu berücksichtigen, damit Leserinnen und Leser das Buch nicht gleich nach den ersten Seiten wieder zuklappen? Dazu gilt es unter anderem, die Sympathie des Lesers für die Protagonisten zu wecken, das Interesse für die Geschichte zu wecken und die Spannung zu halten. Gesings Erkenntnisse sind nicht neu, aber wie schon im ersten Band ist das Fortgeschrittenen-Buch durch den klaren Aufbau auch ein gutes Nachschlagewerk für die Grundprinzipien des Schreibens.

Am interessantesten sind sicherlich die exemplarischen Analysen. Allerdings wird die Zeitgebundenheit des Buches dabei immer wieder deutlich: Harry Potter ist noch nicht abgeschlossen, Regener hat die Folgebände noch nicht vorgelegt und der geheimnisvolle Erfolg von Shades of Grey spielt noch keine Rolle. Trotzdem ist es erfrischend, einmal hellsichtige Analysen moderner Belletristik zu lesen und nicht immer nur die bewundernde Betrachtung alter Klassiker. Insofern ist Gesings Buch auch ein guter Werkstattbericht für modernes Schreiben. Auch dass Gesing den Einfluss des Films auf die Literatur betrachtet (nicht nur in dem entsprechenden Kapitel) ist erwähnenswert. Verzichtbar wäre hingegen die bemühte Abgrenzung gegenüber der literarischen Hochkultur.

Ein Rezept für erfolgreiche Bücher kann Gesing am Ende aber dennoch nicht ausstellen. Insofern bleibt das „Geheimnis des Erfolgs“, auf das der Untertitel verweist, ein Geheimnis. Dass beispielsweise Dan Brown sämtliche Kriterien eines erfolgreichen Buches erfüllt, erlaubt nicht den Umkehrschluss, dass das Erfüllen der Kriterien auch den Erfolg nach sich zieht.

Fazit: Was beide Kreativ-Schreiben-Bücher von Fritz Gesing interessant macht ist, dass für diesen Preis kaum deutsche Bücher in dieser Qualität zu finden sind. Insgesamt ist „Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ mehr eine Vertiefung des ersten Bandes als eine tatsächliche Fortsetzung. Lesenswert ist es – zumindest in Teilen – im Blick auf die Analysen von Sakrileg, About a Boy und Herr Lehmann. Auch wenn es keine wesentlich neuen Erkenntnisse bringt, bleibt es als Nachschlagewerk in meinem Regal stehen.

Fritz Gesing: ‚Kreativ schreiben’ für Fortgeschrittene. Geheimnisse des Erfolgs. DuMont, Köln 2006.
ISBN 3-8321-7930-5 | 12,90 € | 268 S.