Die Kunst des Zettelkastens

Der Titel „Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu schreiben“ von Jack Bickham führt in die Irre. Allerdings ist auch der Originaltitel nicht besser: „Writing the Short Story. A Hands-On Program“. Denn die praktische Anleitung erweist sich sehr sperrig: Zwar liefert das Buch ein ausführliches Schritt-für-Schritt-Programm, doch bis man ins Schreiben kommt, vergeht viel Zeit, während der sich zwar der eigene Zettelkasten füllt. Der Spaß am Schreiben kann einem aber unterwegs verloren gehen. Anders als die meisten Schreibbücher vermittelt Bickham vor allem den Ernst und die Mühen des Schreibens. Da wundert es nicht, dass Bickham unablässig zu aufmunternden Worten greift: „Verlieren Sie nicht den Mut!“ – Am Ende, so Bickhams Versprechen, zahlt sich die Mühe aus.

Bickhams Methode beruht auf dem guten, alten Zettelkasten. Da Bickham davon ausgeht, dass eine angehende SchriftstellerIn über keinen prallen Zettelkasten verfügt, besteht der erste Teil des Buches vor allem mit Aufforderungen, Karteikarten zu beschriften: 5 Karten hierzu, 10 dazu, 20 zu noch etwas anderem. Wer sich darauf einlässt, verfügt am Ende des Programms über einen ansehnlichen Grundstock für seinen neuen Zettelkasten.

Bickham zeigt, wie dieser Zettelkasten zum Einsatz kommen kann: Bei der Figurenentwicklung, der Ortsbeschreibung, der allgemeinen Recherche und dem Entwurf einer Grundstruktur für eine Geschichte (Plotting). Auch hierbei weicht Bickham von vielen anderen Kreativitätsbüchern ab: Erst wenn eine solide Vorarbeit und das Gründgerüst der Geschichte steht, sollte man mit dem Schreiben beginnen, lautet im Kern sein schriftstellerisches Credo. Die am Anfang mit Mühe erstellten Karteikarten helfen am Ende, eine Geschichte detailliert zu konzipieren und auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Beim Schreiben selber hilft dies, den roten Faden im Auge zu behalten.

Dabei ist es am Ende unwichtig, ob man eine Short Story oder einen Roman schreibt. Das ist letztlich auch der Grund, warum der Titel irreführend ist: Es geht dem Autor nicht um eine praktische Einführung in die Kunst der amerikanischen Short Story, sondern um einen pragmatischen Weg zum Schreiben, der immer wieder deutlich macht, dass Schreiben Arbeit ist. Aber eine lernbare Arbeit.

Das Buch ist kein Buch für Anfänger. Es ist vielmehr ein Buch für jene Menschen, die an ihren bisherigen Schreiberfahrungen gescheitert sind. Ihnen zeigt Bickham einen gangbaren, aber steinigen Weg zur ersten längeren Geschichte. Dass Bickham dennoch eine Reihe von Grundfragen der Figurenentwicklung, des Plottings etc. anspricht, gehört zu den Schwächen des Buches: Für Anfänger sind die Hinweise zu oberflächlich, die Beispiele zu wenig anschaulich; wer hingegen mit den Grundbegriffen schon vertraut ist, liest darüber schnell hinweg. Mit der Konzentration auf eine Lesergruppe und einer pointierteren Darstellung der Karteikartenmethode hätte das Buch deutlich gewonnen.

Diese Beurteilung wirkt sich auch auf die Einschätzung aus, dass Predigerinnen und Prediger nur begrenzt von einer Lektüre profitieren werden: Wer nicht mit einem Zettelkasten arbeitet und eigentlich auch gar nicht weiß, was das ist und wozu er nützt, bekommt seine Einsatzmöglichkeiten am Beispiel fiktionaler Geschichten vorgeführt; es wird nicht schwer fallen, die Methode auf die homiletische Praxis zu übertragen. Wer den Zettelkasten kennt und damit arbeitet – selbst in seinen rudimentärsten Formen – wird nur dann und wann einen inspirierenden Hinweis finden.

Fazit

Bickhams Buch ist eine praktische Anleitung zur Entwicklung und zum Gebrauch des Zettelkastens als schriftstellerische Methode. Eine spezielle Einführung ins Schreiben amerikanischer Short Stories ist es weniger. Hilfreich dürfte das Buch besonders für jene sein, die über das impulsive Schreiben nicht hinauskommen und nach einer systematischen Schreibmethode suchen. Für PredigerInnen ist das Buch zumindest als Anleitung für den Gebrauch eines Zettelkastens interessant.

Bickham, Jack M.: Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen, Frankfurt a.M. 2002. ISBN 3-86150-462-6 (nur bei zweitausendeins) | € 12,75 / 221 Seiten

Natürlich schreiben lernen

Rico-Cover: Garantiert schreiben lernen„Garantiert schreiben lernen“ ist eines der Standardwerke des Kreativen Schreibens – und teilt dabei das Schicksal andere Standardwerke: Man kennt die darin entwickelte Methode, das sog. Clustering, aus Kurzdarstellungen in der Sekundärliteratur, nicht aber den Primärtext. Dabei ist dieses Buch selbst bereits ein ausgezeichneter Schreibkursus, der sich auch gut zum Selbststudium eignet. Das vorgestellte Verfahren dient nicht allein dem Zweck des Schreibens: Clustering ist eine Grundmethode für jede schöpferische Arbeit und dient insbesondere der Ideenfindung und ersten Konzipierung.

„Natürlich schreiben“ wäre die angemessenere Übersetzung für Gabriele L. Ricos Buch „Writing the natural way“ – auch weil es Konzeption und Anspruch klarer auf den Punkt bringen würde.. Ähnlich dem MindMap-Verfahren von Tony Buzan (mit dem es häufig verwechselt wird) geht das Clustering konzeptionell von der These aus, dass Kreativität aus der Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften entsteht: Begriffliches und bildliches Denken ergänzen demnach sich wechselseitig. Wer auf Verfahren zurückgreift, die bei der schöpferischen Arbeit beide Gehirnhälften beanspruchen, hätte damit – so die Grundthese – methodisch den Schritt hin zu einem größeren, kreativen Potential bewältigt. Dazu ist prinzipiell jeder Mensch in der Lage. Das also ist der Anspruch: Schreiben ist natürlich lernbar.

Bei Clustern entstehen Verknüpfungen und Verbindungen, die – so die Grundthese – den Verknüpfungen und assoziativen Verbindungen des Gehirns entsprechen Deshalb ist schöpferisches Denken nicht linear, sondern verzweigt. Das Cluster macht dieses Verzweigungen sichtbar. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, aus vereinzelten Informationen Gesamtbilder herzustellen. Das macht sich das Clusteringverfahren konzeptionell zu nutze: Die sichtbar gemachten Verzweigungen lassen dem Gehirn Raum, Verbindungen und Zusammenhänge zu konstruieren, die  bei einem rein linearen Vorgehen undenkbar geblieben wären.

Man muss diesen Vorannahmen nicht zustimmen, um mit dem Verfahren zu überraschenden Ergebnissen zu gelangen. Rico äußert sich in ihrem Buch ausführlicher zu den Annahmen über die Arbeitsweisen des Gehirns (Kap. 4), ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Im Vordergrund stehen zahlreiche Anwendungsbeispiele. Was das Buch trotz der Kurzbeschreibungen der Methode, die zahlreich in anderen Schreibbüchern und im Internet vorliegen (auch auf dieser Seite: Clustern – Schritt für Schritt), lesenswert macht, ist die Darstellung der Clustering im Rahmen einer Gesamtkonzeption des Kreativen Schreibens. Dies reicht von ersten Assoziationen über die Herausarbeitung eines roten Fadens bis hin Überarbeitung.

Als Kurs zum Selbststudium ist „Garantiert schreiben lernen“ insofern geeignet, als das Buch und die darin vorgestellte Methode von den ersten Versuchen an unmittelbar auf die Textproduktion zielt und schon früh mit ersten Erfolgen weiter lockt.  Wer allerdings nur an einer kurzen Darstellung der Methode interessiert ist oder eine Methodenvielzahl erwartet, wird enttäuscht sein: Für die einen ist das Buch zu ausführlich, für die anderen methodisch zu eng.  Andererseits ist die Methode für das Kreative Schreiben und darüber hinaus von so fundamentaler Bedeutung, dass ein Durcharbeiten des Buches ein lohnenswertes Projekt ist. Das nicht zuletzt deshalb, weil die Methodik selbst eine äußert differenzierte Anwendung erlaubt.

Fazit: „Garantiert schreiben lernen“ von Gabriele Rico ist ein empfehlenswerter Grundkurs im Kreativen Schreiben, der ausschließlich auf die Methode des Clustering setzt und dabei alle Feinheiten der Methode demonstriert. Vorkenntnisse werden nicht erwartet, deshalb eignet sich das Buch gut als Einstieg. Wer bereits mit anderen Methoden vertraut ist, wird hier eine solide Darstellung einer Grundmethode finden. Predigerinnen und Prediger werden mit einer Methode belohnt, die sich für das Predigtschreiben ebenso eignet wie für die Konzeptionen von Unterrichtsstunden und das kurze Entwerfen von Andachten.  Allerdings sollte man sich das Durcharbeiten wirklich vornehmen: Zum gelegentlichen, inspirierenden Stöbern eignet sich das Buch nicht.

Rico, Gabriele L.: Garantiert schreiben lernen. Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs, Reinbek bei Hamburg 2004.
ISBN 3-499-61685-8 (Sonderausgabe) | 12,99 € | 304 Seiten [Amazon-Link]

Die Kunst des Erzählens verstehen

Sybille Knauss‘ „Schule des Erzählens“ ist – wie der Untertitel zu Recht verspricht – ein Leitfaden. Kein Handbuch und kein Schreibkurs. Man wird viele gute und nützliche Hinweise für die eigene Schreib- und Erzählpraxis finden, aber nur wenige methodische Hinweise. Aber das ist auch gar nicht Aufgabe und Anspruch des Buches. Denn als Leitfaden will es zunächst einmal nur in die auf den ersten Blick unübersichtliche Welt des erzählenden Schreibens einführen. Mythen und Erzählperspektive, Kunst der Beschreibung und das Problem realistischer Schreibvorbilder, die Entwicklung von Charakteren und Dialogtechnik, sowie das Plotten und Entspinnen eines Handlungsfadens sind die Kernpunkte der vier Kapitel und vier Exkurse.

Das schmale Taschenbuch (174 S.) ist eine der besten Einführungen in die Kunst des Erzählens, die es gibt. Oder besser: Die es gab. Denn leider, leider ist das Buch zur Zeit vergriffen. Anders als viele Bücher über das Schreiben ist diese Schule des Erzählens selbst wunderbar geschrieben – humorvoll, schlicht und kenntnisreich. Dabei gelingt es Sibylle Knauss nicht nur, Spaß am Erzählen zu wecken. Mit leichter Hand stellt sie am Beispiel bekannter Geschichten deren erzählerischen Kern heraus – und schärft so den Blick zu für das, was beim Erzählen geschieht.

Der Begriff der Erzählung ist weit gefasst: „Erzählen bedeutet eine bestimmte Sichtweise auf das Leben.“ (S. 7). Es ist nicht nur eine Frage des schreibenden Erzählens. Knauss nimmt sämtliche Formen zeitgenössischen Erzählens in den Blick und ihr Ansatz lässt sich leicht auf alles übertragen, was mit der erzählerischen Sicht auf das Leben zu tun hat: Literatur, Theater, Film, Musik und letztlich auch Predigt.

Predigt? Ja tatsächlich. Knauss gelingt es nicht nur, religiöse Erzählstrukturen in Bibel und Populärkultur anschaulich werden zu lassen. In beeindruckender Weise (weil von leichter Hand vorgeführt) verdeutlicht sie besser als mancher Prediger, was gute Predigt sein könnte. Etwa durch den ersten Exkurs über das Verhältnis von Autor und Text: Ich habe noch kein theologisches Buch gelesen, das die Frage von Rechtfertigung und Selbstrechtfertigung so klar auf den Punkt bringt.

Fazit

Wer das Buch gelesen hat, wird sich wirklich eingeführt wissen in die Welt des Schreibens. Selbst jene, die sich schon länger mit der Thematik befassen, werden das Buch mit Gewinn lesen. Wie es bei einer guten Einführung ist, wird man das Buch von Zeit zu Zeit wieder zur Hand nehmen. Zum Beispiel um sich neu für den erzählerischen Blick auf die Welt inspirieren zu lassen. Knauss Schule des Erzählens gehört unbedingt in die Hausbibliothek.

Knauss, Sibylle: Schule des Erzählens. Ein Leitfaden, Frankfurt
a.M. 1995. ISBN 3-596-12885-4 |DM 16,90
(
Neuauflage im Autorenhaus-Verlag: 14,80€ ISBN 3866710119)

Gesammelte Allgemeinplätze

In der Tat spricht der Wilhelm Ruprecht Frieling in seinem schmalen Buch (162 S.) „über die Kunst des Schreibens“ – ohne aber wirklich in diese Kunst einzuführen. Es ist dem Autor zuzugestehen, dass es ihm erklärtermaßen nicht um Schreibtechnik geht. Ihm geht es um „Wege, wie man als Autor bewußt zu sich selbst findet“, womit Frieling „wesentliche Grundlagen für die Aneignung der Kunst des Schreibens“ (S. 128) angesprochen zu haben glaubt. Als selbst diesen Anspruch holt das Buch nicht ein.

In vier Hauptkapiteln (Jeder kann schreiben; An der inneren Mauer; Kraftquell Unterbewußtsein; Die Begegnung mit dem Leser) sowie einem kurzen Anhang, der aber vor allem Eigenwerbung des Autors und Verlegers enthält findet der interessierte Leser nur wenig konkrete Schreibhinweise und -reflexionen. Frieling belässt es dabei, neben verschiedenen Allgemeinplätzen über das Schreiben eine Vielzahl von Zitaten zusammen zu stellen und zu kommentieren. So überrascht es nicht, dass die Kernthese des Buches selbst ein Allgemeinplatz ist: „Jeder, der Autor werden möchte, hat die Chance, dies zu tun.“ (S. 30)

Nun könnte man diese These einfach als richtig stehen lassen – würde sie in Frielings Buch nicht eine doppelte Funktion haben. Denn Frieling schreibt nicht nur als Autor, der anderen Autoren helfen will, selbst ins Schreiben zu kommen. Er ist zugleich Gründer des Privatverlags Frieling – auf der Suche nach Autoren, die bereit sind, für die Veröffentlichung ihres Werkes zu zahlen. Dadurch erhalten die dürftigen Bemerkungen über das Schreiben einen unangenehmen Beigeschmack.

Das unterstreicht erst recht der Schluss des Buches. Dort findet sich nämlich das Verlagssignet des Frielingverlages, dem der Absatz vorausgeht: „Jeder Autor braucht einen Verleger. […] Das Buch […] ist seit Jahrhunderten das Gefäß des Schriftstellers. Darum sollte kein Preis zu hoch sein, das Ziel zu erreichen: das eigene Buch.“ Wollen wir wenigstens hoffen, dass die Preise des Verlags angemessen sind.

Fazit

Frielings „Über die Kunst des Schreibens“ kann für gänzlich unbeleckte Neu-Autoren ein Einstieg in die Materie sein, wenn man nicht allzu hohe Erwartungen an das Buch stellt (wie sie der Klappentext wecken kann). Der Preis von 10 € (20 DM) wäre für das Buch selbst angemessen – wenn es sich nicht um eine als Ratgeber getarnte Verlagswerbung handelte.

Frieling, Wilhelm Ruprecht: Über die Kunst des Schreibens. Wie Autoren unbewußte Kräfte besser nutzen, Berlin 1994. ISBN 3-890-09700-6 | 10€ / 162 Seiten

SchreibWEG zu sich selbst

Jürgen vom Scheidt gehört mit Lutz von Werder zu den Protagonisten des Kreativen Schreibens in Deutschland. Und wie bei Werder ist auch Scheidts Ansatz durch eine enge Verbindung von Schreibmethodik und Schreiben als therapeutischem Instrument gekennzeichnet. Scheidts „Kreatives Schreiben“ ist eine Einführung in seinen Ansatz. Es ist eher ein Buch über Kreatives Schreiben als eine Anleitung zu bestimmten Techniken.

Kreatives Schreiben ist für Scheidt „kontinuierliche Selbsterfahrung“ (13), allerdings nicht im Blick auf eine solipsistische Übung, sondern immer auf eine kommunikative Situation. Als ‚kontinuierliche Selbsterfahrung‘ ist Schreiben das „ideale Medium für die Selbsterkenntnis, Meditation und Psychotherapie“ (15). Aber es geht weit darüber hinaus. Denn Schreiben ist die wichtigste Kulturtechnik, weil es zum einen das nur Gedachte oder Gesprochene dauerhaft archivierbar macht, zum anderen aber selbst ein Denkwerkzeug ist. Der methodische Aspekt ist dabei nicht zu vernachlässigen, denn als Arbeitshilfe dient das kreative Schreiben dem Abbau von Schreibblockaden, die oft im Zusammenhang mit dem eigenen Schreibenlernen entstanden sind. Alle drei Aspekte zielen darauf, Schreiben als Kulturtechnik zu entdecken, zu wahren und zu fördern.

Als Zielgruppe für sein Buch hat Scheidt jene im Blick, die Schreiben wollen, müssen oder gerne würden – aber eben jene Schreibblockaden erleben. Dadurch erklärt sich auch der oftmals aufmunternde, ermutigende Tonfall Scheidts.

Er gliedert sein Buch in drei Teile:

1. W.issen von der verborgenen Macht des Schreibens

2. E.rfahrung des Schreibvorgangs selber

3. G.estaltung von (aufgeschriebenen) Erfahrungen (18).

Alles drei bildet den WEG des Schreibens, der selbst – leider kann Scheidt dem Verweis auf den abgedroschenen Spruch nicht vermeiden -das Ziel ist. Man kann sich aber mit Scheidt ganz gut auf diesen Weg machen: Scheidt geht mit humorvoller Distanz gerade mit dem therapeutischen Aspekten seines Ansatzes um und verfällt nicht in den Ernst eines Lutz von Werder. Die Beispiele sind anschaulich gewählt und illustrieren die Bandbreite des Einsatzes kreativer Schreibmethoden.

Fazit

Jürgen vom Scheidts „Kreatives Schreiben“ ist eine Einführung insbesondere in die deutsche Variante des Kreativen Schreibens. Diese Einführung gelingt dem Autor gut und leicht verständlich. Im Mittelpunkt steht dabei das Schreiben als Medium der Selbsterfahrung. Das Buch bietet eine Fülle von Beispielen, wo kreative Schreibeinsätze sinnvoll möglich sind. Wer allerdings eine praktische Anleitung zum Kreativen Schreiben sucht, ist mit dem Buch falsch beraten.

vom Scheidt, Jürgen: Kreatives Schreiben. Texte als Wege zu sich selbst und zu anderen, Frankfurt a.M. 1990. ISBN 3-596-24611-3 | DM 16,80 / 230 Seiten
(Neuauflage: Buch & Media 2006. ISBN 3865202101 | 19,90€ | 216 Seiten) [Amazon-Link]

Philosophische Hexenküche

„Creative Thinking“ ist in Aufmachung, Anspruch und Umfang eng an Werders „Brainwriting & Co“ angelehnt. Hier wird dort geht es darum, Schülern und Studenten ein kleines Methodenkompendium an die Hand zu geben, um Aufgabenstellungen selbstständig bearbeiten zu können. Was bei „Brainwriting & Co“ aber gut gelingt, endet bei „Creative Thinking“ in einer methodologischen Hexenküche: Wie ein Alchemist schleicht Werder durch die Philosophiegeschichte, sammelt Sätze und bekannte Zitate, die er erbarmungslos zerstückelt und zu einem undefinierbaren Sud verkocht. Die Rezepte zum Nachkochen findet man dann in Creative Thinking. Den Stein der Weisen erzeugt man so sicher nicht.

Werder, der sich im letzten Jahrzehnt verstärkt mit praktischen Fragen des Philosophierens und der sog. philosophischen Lebenskunst befasst hat, verwechselt die methodischen Elemente des Philosophierens mit dem methodischen Spiel, das für kreatives Arbeiten unerlässlich ist. Heraus kommt dabei eine völlige Verflachung wichtiger methodischer Ansätze in der Philosophie, die entweder nichtssagend ist oder unfreiwilllig komisch. Die Methode der Wittgensteinschen Sprachanalyse beschreibt Werder beispielsweise als Dreischritt von Verwirrung, Klärung und Klarheit und gibt dann dazu die Übungsanleitung: „Beschreiben Sie zuerst Ihre Verwirrung angesichts der ersten Formulierung ihres Themas. Beschreiben Sie Ihre Erfahrung mit vielen Reformulierungsversuchen Ihres Themas. Stellen Sie fest. Ob Sie sich auf der 3. Stufe nun besser fühlen und das Problem verschwunden ist.“ (87)

Dabei sind die Übungen oft gar nicht so schlecht und an vielen Punkten sicher hilfreich für die eigene Arbeit: Würde nicht Werder durch die Verbindung mit den Namen berühmter Denker den Eindruck einer elementarisierten philosophischen Propädeutik erwecken. Hätte sich Werder darauf beschränkt, kreative Denkmethoden als Schritt-für-Schritt-Anleitungen aufzubereiten, dann hätte Creative Thinking eine gute Ergänzung zu „Brainwriting & Co“ ergeben können.

Fazit

Wer von Creative Thinking eine praktische Einführung ins philosophische Denken erwartet, sollte die Finger davon lassen: Wer „Brainwriting“ kennt, wird in methodischer Hinsicht enttäuscht sein. Wer einigermaßen mit philosophischem Handwerkszeug vertraut ist, wird sich aber zumindest über die unfreiwillige Komik der Darstellung amüsieren können. Anschaffen kann sich das Buch, wer 10 € entbehren kann und – z.B. als Lehrer – auf der Suche nach einfachen Aufgabenstellungen ist.

Werder, Lutz von: Creative Thinking – Die Ideefabrik. Die effektivsten Denkmethoden großer Philosophen für Schule, Studium und Beruf, Berlin und Milow 2003.
ISBN 3-933978-79-3 |10 € |164 Seiten

Grundmethoden – schnörkelos erklärt

Kurz und schnörkellos stellt Lutz von Werder in Brainwriting & Co Grundmethoden des kreativen Schreibens v.a. non-fiktionaler Texte vor. Jedes Kapitel ist mit einer Einführung, erläuternden Grafiken und Übungen versehen. Übersichtlicher und bündiger geht’s kaum noch. Dabei sind die Erläuterungen so präzise gefasst, dass trotz der Knappheit alles notwendige behandelt wird.

Obwohl sich das Buch laut Untertitel an Schüler und Studenten wendet, ist der Adressatenkreis größer: Neben Lehrern und Dozenten werden alle beruflich Schreibenden von den vorgestellten Methoden profitieren. Das gilt insbesondere für Prediger. Wer noch nie mit den vorgestellten Methoden gearbeitet hat, wird gut eingeführt. Wer schon einige Erfahrung hat, wird das schmale Buch als Handbuch zu schätzen wissen.

Natürlich sind die Methoden prinzipiell auch für das Schreiben fiktionaler Texte zu gebrauchen und zum Teil dafür entwickelt. Dies tritt hier aber hinter den erklärten Zweck zurück, kreative Methoden für ein Lernumfeld vorzustellen.

Die Methoden sind in zwei Gruppen aufgeteilt:

„Befreiende Schreibmethoden“ (Free- und Brainwriting, automatisches und meditatives Schreiben, Clustering, MindMapping)

und „geregelte Schreibmethoden“ (Journalschreiben, autobiografisches, rhetorisches und metaphorisches Schreiben, Modelling).

Fazit

Eine hervorragende, praxisorientierte Einführung in das kreative Schreiben non-fiktionaler Texte. Die ausgewählten Methoden sind Grundmethoden für ein kreatives Arbeiten in unterschiedlichen Zusammenhängen. Prediger/innen, die nach einer verständlich geschriebenen Einführung suchen, die schnell auf den Punkt kommt und für die alltägliche Praxis relevant ist, sei dieses Buch ausdrücklich empfohlen.

Werder, Lutz von: Brainwriting & Co. Die 11 effektivsten Methoden des kreativen Schreibens für die Schule und das Studium, Berlin 2002.
ISBN 3-928878-83-2 – 10 € | 170 S. [Amazon-Link]

Ein weites Feld

Lutz von Werders Lehrbuch ist ein umfassendes Kompendium zum kreativen Schreiben. Der Autor will mehrere Zielgruppen ansprechen: Interessenten am Kreativen Schreiben ohne jede Vorkenntnisse ebenso wie (Fern?)Studenten, Leiter von Schreibgruppen ebenso wie deren Teilnehmer. Es dürfte schwierig sein, alle diese Zielgruppen zu befriedigen. Meine Einschätzung ist: Das Lehrbuch richtet sich vorwiegend an jene, die selbst zu Methoden des kreativen Schreibens anleiten wollen, etwa im schulischen Unterricht, in Schreibkursen oder der Erwachsenenbildung. Hierfür ist es ein unentbehrliches Handbuch.
Das Lehrbuch führt in theoretische und praktische Konzeptionen ein und ist dabei so übersichtlich gestaltet, dass es als wissenschaftliche Einführung, Nachschlagewerk und Ideebörse genutzt werden kann. Wer sich schon einige Zeit mit der Praxis des Schreibens befasst und sein wissen vertiefen möchte, findet hier ausführliches Lehr- und Studienmaterial. Wer aber ganz unbedarft eine praktische Anleitung sucht, wird vermutlicht enttäuscht sein. Dafür sind die praktischen Anleitungen – auch wenn sie zahlreich sind – zu knapp und die theoretischen Ausführungen zu detailliert.
Teil I des Lehrbuches führt in die Geschichte und theoretischen Hintergründe der unterschiedlichen Konzeptionen Kreativen Schreibens ein. Dabei wird schnell deutlich, dass Werders Sympathien der „neuen deutschen Schreibbewegung“ gelten. Das führt im gesamten Lehrbuch dazu, dass ihm ein – im negativen Sinn – sozialpädagogischer, therapeutischer und psychologistischer Impetus zu eigen. Ein Schuss Pragmatismus des Creative Writing hätte dem Lehrbuch gut getan. Allerdings ist der Autor ja auch Dozent an der Berliner Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Wer sich aber von dem Jargon nicht stören lässt, wird mit einer guten Darlegung der unterschiedlichen Ansätze belohnt. Insbesondere die jeweils kurzen Darstellungen einzelner Kreativitäts- und Schreibmethoden sowie die Einführung in komplexere Schreibprozesse und -projekte sind gut und übersichtlich geraten. Sie machen einen Großteil des ersten Teils aus und allein deshalb lohnt die Anschaffung des Buches. Denn eine vergleichbare Zusammenstellung gibt es im deutschsprachigen Raum nicht.
Besonders gut gefällt mir, dass sich Werder dabei nicht ausschließlich auf Lyrik und fiktionale Prosa beschränkt, sondern auch das non-fiktionale Schreiben einbezieht. Denn gerade das scheint mir ein Manko der deutschen Schreibbewegung zu sein: Dass sie diesen Bereich eher vernachlässigt hat. Werder räumt ihm zwar keinen großen Raum ein und seine Ausführungen zum philosophischen Schreiben sind eher problematisch – aber Werder nimmt das Problemfeld in den Blick. Er macht damit deutlich, dass auch das non-fiktionale Schreiben für kreative Ansätze offen ist.
Teil II des Buches widmet sich umfassend der „Poesiepädagogik“. Hier findet der Schreiblehrer theoretische Analysen der Schreibpraxis und pragmatische Hinweise zur Anleitung von Schreibgruppen und Durchführung von Schreibseminaren. Die Darstellung ist profund und praxisorientiert. Es ist eine Stärke des Lehrbuches, dass es die pädagogischen Chancen, die in den kreativen Schreibmethoden stecken, deutlich aufzeigt. Wünschenswert wäre allerdings, wenn der zweite Teil des Lehrbuches zumindest am Rande auf den unterrichtlichen Einsatz eingehen würde. Zwar lassen sich viele der Ausführungen problemlos auf die Unterrichtspraxis übertragen, aber das Problem von Schreibhemmungen ist beispielsweise im Unterricht anders gelagert als in Gruppen von Erwachsenen, die sich zum Schreiben und zum Austausch über das Geschriebene treffen.

Fazit

Wer sich ausführlich mit Hintergründen und Methoden des Kreativen Schreibens auseinander setzen will oder Methoden des kreativen Schreibens in der eigenen, pädagogischen Arbeit einsetzen will, für den ist die Anschaffung dieses Buches beinahe Pflicht. Als Einstieg ist das Buch aber nicht zu empfehlen. Gewöhnungsbedürftig ist die zuweilen jargonhafte Sprache Werders. Aber wer sich daran nicht stört, findet ein solides Lehrbuch vor, bei dem allein die Fülle des Materials konkurrenzlos ist.

Werder, Lutz von: Lehrbuch des kreativen Schreibens, 4. Aufl., Berlin 2001.
ISBN 3-928878-05-0 | 23,50 €

Übersicht über den Aufbau des Buches:
1. Teil: Das poetische Feld
A. Das Kreative Schreiben (S. 23-70)
B. Techniken und Methoden des kreativen Schreibens (S. 71-99)
C. Szenarien des kreativen Schreibens (S. 101-289)
D. Beispieltexte des kreativen Schreibens (S. 290-308)
2. Teil: Die Praxis der Poesiepädagogik
A. Empirische Grundzüge der Poesiepädagogik (S. 311-333)
B. Theorie der Poesiepädagogik (S. 334-391)
C. Empirische und theoretische Aspekte der Poesiegruppenpädagogik (S. 392-464)
D. Anleiter und Teilnehmer des pädagogischen Feldes (S. 465-496)

Witze grade biegen

Schreiben folgt Regeln und ist dennoch permanenter Regelbruch. Deshalb ist Schreiben prinzipiell lernbar, aber gerade dann kreativ, wenn man die eingetreten Pfade verlässt. Das gilt für jede Form von Schreiben, erst recht aber für humorvolles Schreiben. John Vorhaus bietet in seinem Buch eine Reihe nützlicher Regeln und Prinzipien, aber er betrachtet sie nicht als ehernes Gesetz, sondern als Instrumente zur Produktion komischer Texte.

Vorhaus‘ Grundsatz lautet: „Komik ist Wahrheit und Schmerz.“ (16) Ein einfaches Prinzip, das aber nicht leicht zu verstehen ist. Anhand zahlreicher Beispiele versucht Vorhaus zu erklären, wie sein Grundsatz gemeint ist. So erzählt er beispielsweise folgenden Witz: „Was kommt heraus, wenn man einen Zeugen Jehovas mit einem Agnostiker kreuzt? – Jemand, der ohne ersichtlichen Grund an der Tür klingelt.“ Ein schöner Witz, zweifellos, aber die knappe Analyse nach dem Wahrheit-Schmerz-Schema überzeugt nicht unmittelbar: „Die Wahrheit ist, dass manche Menschen gern glauben möchten. Der Schmerz rührt daher, dass nicht jeder es schafft.“ (20)

Was Vorhaus offenbar meint ist, dass ein guter Witz (und nur darum geht es) auf einen wahren Sachverhalt abzielt: Die Zeugen Jehovas sind bekannt dafür, dass sie von Haus zu Haus ziehen, um Menschen von ihrem Glauben zu erzählen. Wir mögen das für befremdlich halten, ja sogar darüber spotten, weil wir das nicht tun würden, aber so ist das nun mal. Aber: Was ist uns selbst so wichtig, dass es uns motivieren würde bei Fremden zu klingeln, um ihnen dieses Wichtige mitzuteilen? Etwas so wichtiges gibt es offenbar nicht. Das rührt der Witz an: Der Schmerz ist, dass wir nichts mitzuteilen hätten, stünden wir an der Stelle der Zeugen Jehovas.

Der Witz ist also eigentlich ein Witz über uns. Deshalb ist er so gut. Aber ist er auch gut, wenn man ihm einen Zeugen Jehovas erzählen würde? – Nein, denn der würde unseren Schmerz nicht teilen. Deshalb gibt es auch keine absolut witzigen Witze. Wenn der Hörer den wahren Sachverhalt für eine Unwahrheit hält oder er den Schmerz nicht teilt, wird er den Witz nicht verstehen. Das Wahrheit-Schmerz-Schema ist kein scharfes Analyseinstrument, aber es ist dennoch geeignet, über einen Witz nachzudenken, um sich klar zu machen: Was macht den Witz aus? Wie wird er auf die Hörer wirken?

Obwohl Vorhaus mit der Erläuterung seines Grundsatzes beginnt, ist er nicht geeignet unmittelbar zur Textproduktion anzuleiten. Er klärt nur auf, was der Autor für komisch hält. Vorhaus macht deutlich, dass dies nicht die einzige Art von Komik ist, aber er hält es für die bessere Art. Die Anleitungen zum Textschreiben setzten wie die meisten Schreibbücher damit ein, dass es zunächst darum geht, den inneren Kritiker methodisch auszuschalten. Vorhaus‘ Hauptmethode arbeitet mit Listen: Möglichst zügig soll man dabei eine Liste von zehn Einfällen zu einem Thema erstellen. Vorhaus geht davon aus, dass von zehn Witzen neun unbrauchbar sind (Neunerregel). Also wird sich bei einer Liste von zehn Einfällen vielleicht ein guter finden. Aber selbst wenn nicht: Entscheidend ist für die Methode, überhaupt erst mal Ideen zu entwickeln und aufzuschreiben. Mit dem Ergebnis lässt sich dann ja weiter arbeiten.

Das Schreiben eines humorvollen Textes basiert auf einer „komischen Prämisse“ (41). Vorhaus Grundansatz gleicht dabei den üblichen Annahmen: Eine Geschichte entwickelt sich, indem eine erzählerische Prämisse entfaltet wird. Die komische Geschichte basiert dagegen auf der „Kluft zwischen zwei Wirklichkeiten“, auf dem Zusammenprall zweier Welten. Aus ihnen entsteht ein komischer Konflikt. Dafür gibt es eine Reihe von Möglichkeiten: Zwei unpassende Figuren stoßen aufeinander, eine Figur mit einer seltsamen Weltsicht muss in den normalen Welt zurecht kommen, eine Figur gerät in einen für ihn untypischen Kontext etc. Vorhaus beschreibt die Möglichkeiten, komische Prämissen und Konflikte zu entwickeln und zu testen und komische Geschichten zu überarbeiten und zu verfeinern. Die Instrumente, die er dabei vorstellt, lassen sich oft auch auf andere Arten von Textproduktion übertragen.

Im Blick auf die homiletische Praxis ist das Buch freilich nur von begrenztem Wert: „Handwerk Humor“ ist kein Leitfaden hin zu einer humorvolleren Predigtpraxis. Auch wird das Buch einem drögen Prediger nicht dazu verhelfen, plötzlich mit einem Feurwerk komischer Einfälle zu brillieren. Gleichvoll kann Vorhaus auch für solche Fälle aufmerksam machen: Ist das komisch? Für wen ist es komisch? Wenn könnte es verletzen? Es gibt allerdings einen kirchlichen Kontext, für den das Buch sehr nützlich sein kann: Für das Schreiben von Anspielen, Sketchen etc.

Fazit

„Handwerk Humor“ ist eine solide Einführung ist das komische Schreiben. Es ist aber kein Leitfaden zur Witzproduktion und es wird auch nicht unbedingt zu einer humorvolleren Predigtpraxis führen. Die Schreibtipps sind überwiegend brauchbar – auch für ernstere Schreibkontexte. Methodisch ist Vorhaus aber sehr begrenzt: Es bleibt bei seiner Listenmethode. Die allerdings so schlecht ja auch nicht ist. Ehrlich gesagt: Man braucht das Buch nicht unbedingt. Wer aber regelmäßig selbst Anspiele für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen schreibt, für den könnte eine Anschaffung ratsam sein.

Vorhaus, John: Handwerk Humor, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 2001.
ISBN 3-86150-363-8 | 12,75 € / 302 S.