Mit Fingerübungen beginnen

„Aller Anfang ist schwer“ oder „Anfangen ist leicht“ – Sprichwörter transportieren oft sehr gegensätzliche Erfahrungen. In der Tat: Den einen fällt es leicht, etwas Neues anzufangen, nur haben sie Schwierigkeiten, dabei zu bleiben. Andere warten auf einen entscheidenden Impuls um anzufangen und schieben den Start vor sich her. Diese Erfahrungen machen auch Menschen, die schreiben. Die einen haben die Schublade voller vielversprechender Anfänge, die anderen den Kopf voller Ideen, aber das Blatt bleibt leer. „Mit Fingerübungen beginnen“ weiterlesen

Predigten komponieren

Foto: Martin Jäger  / pixelio.de
Foto: Martin Jäger / pixelio.de

Schreiben führt in der Predigtvorbereitung zwar nicht zwingend zu guten Predigten, kann aber helfen, “theologische und lebenspraktische Themen intellektuell zu durchdringen, sowie … sich Glaubensinhalte und Traditionsfragmente anzueignen. Predigtschreiben kann dazu beitragen, dass Pfarrpersonen in ihrer seelischen, geistigen und geistlichen Existenz wachsen.“ (S. 372) Zu diesem Ergebnis kommt Annette Müller in ihrer Dissertation “Predigt schreiben”. Sie hat dafür empirisch untersucht, was eigentlich geschieht, wenn Predigerinnen und Prediger ihr Predigtmanuskript erstellen. Damit kommt dem Schreiben in der Predigtvorbereitung eine wichtige Funktion zu: Es wird “eingesetzt, um kreativ und verantwortlich Theologie zu treiben“ (S. 394).

Ich habe auf das Buch schon vor einiger Zeit einmal hingewiesen. Jetzt will ich es hier ausführlich besprechen.

Blick in die Predigtwerkstatt

Für ihre Untersuchung wirft Müller einen Blick in die Predigtwerkstätten von zwölf Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Vorbereitung einer Predigt ist für die meisten ein einsames Handwerk: Die Predigerin oder der Prediger sitzt am Schreibtisch und entwirft ein Manuskript, mit dem sie oder er später vor die Gemeinde tritt. Die Prozesse, die bei dieser Vorbereitung ablaufen, haben die meisten sich durch jahrelange Predigtpraxis erworben. Die oft idealisierenden Modelle aus homiletischen Proseminaren oder Vikariatskursen sind durch diese Praxis längst abgeschliffen und die erlernten Methodenschritte einem pragmatischen Machen gewichen. Am Ende steht ein Produkt, bei dem aus dem einsamen Ringen am Schreibtisch im besten Fall ein kommunikatives Ereignis im Gottesdienst wird.

Prozesse der Komposition einer Predigt

Weil der Prozess am Schreibtisch empirisch kaum untersucht ist, hat Müller sich vorgenommen, die prozeduralen und kognitiven Subprozesse der Predigtkomposition herausarbeiten (S. 18). Vor allem die Funktion des Schreibens in der Predigtarbeit rückt sie dabei ins Zentrum, denn Müllers theoretisches Interesse gilt der Frage, inwiefern Ansätze der Schreibforschung für die Homiletik nutzbar gemacht werden können. Die Theologin war als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn tätig und hat dabei unter anderem Studierenden geholfen, Schreibschwierigkeiten zu überwinden. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen untersucht Müller nun den Prozess der Komposition einer Predigt. Den Begriff der Komposition wählt sie, „weil er für das Kreative und Komplexe der Predigtvorbereitung steht“ (S. 17).

Methodisch greift Annette Müller auf das leitfadenorientierte Interview zurück, mit dessen Hilfe sie die zwölf Pfarrerinnen und Pfarrern nach ihrem tatsächlichen Vorgehen bei der Predigtvorbereitung befragt. Die jeweilige Analyse dieses selbstbeschriebenen Prozesses der Predigtkomposition vergleicht Müller wiederum mit Predigtmanuskripten der Studienteilnehmer. Die Analyse des Predigtmanuskriptes geschieht zum einen im Blick auf Spuren des Kompositionsprozesses, sie ist aber zugleich eine Bewertung, um eventuelle Empfehlungen für die Predigtarbeit aussprechen zu können. Denn Homiletik will nicht nur „Anregungen geben, Predigt theoretisch zu begründen“ sondern auch „praktisch zu verbessern“ (S. 37). Die Darstellung dieser zwölf Gespräche und Predigtanalysen macht den Hauptteil des Buches aus (S. 123-314).

Kein Königsweg zur Predigt

Eine Erkenntnis der Untersuchung ist: „Es gibt keinen Königsweg zur Predigt” und “nicht die eine empfehlenswerte Strategie zur Erarbeitung eines Predigtmanuskriptes” (S. 355). Auch Schreiben bietet keine Garantie, die komplexe Aufgabe der Predigtvorbereitung zu bewältigen. „Innerhalb dieses Problemlösungsprozesses kann das Schreiben sowohl selbst Probleme aufwerfen als auch einen Beitrag leisten, um Probleme zu lösen …“ (S. 367). Allerdings lässt sich auch sagen, dass zumindest eine Strategie nicht zu empfehlen ist: „einen Predigttext meditierend … bedenken und das Ergebnis des Nachdenkens einfach hinzuschreiben“(S. 357) Schreiben in der Predigtarbeit ist mehr als nur das Hinschreiben des vorher nur im Kopf entwickelten.

Die Predigtarbeit ist in einen komplexen beruflichen Alltag eingebettet und stellt hohe Anforderungen an Pfarrerinnen und Pfarrer (S. 375). Viele Prediger schreiben zunächst einmal „um die Angst zu zähmen, auf der Kanzel den roten Faden und damit die Kontrolle über die Redesituation zu verlieren“ (S. 364). Weil die freie Predigt für viele mit Ängsten besetzt, setzten die meisten Predigenden auf ein ausformuliertes Manuskript, selbst wenn es auf der Kanzel nicht unbedingt abgelesen wird. Die Arbeit am Manuskript hilft aber, die eigenen Gedanken zu klären und für den Vortrag zu strukturieren, und zwar sowohl für sich selbst als auch für die Zuhörenden (vgl. S. 362). Wann und auf welche Weise Pfarrer ihre Predigten strukturieren, ist allerdings individuell sehr verschieden (S. 328). Förderlich ist aber, trotz des ausgefüllten Pfarralltags, das Manuskript nicht zu knapp vor dem Predigtvortrag zu erstellen, sondern es einen Augenblick reifen zu lassen und Abstand zum Text zu gewinnen (S. 327).

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist die Wahrnehmung von Spannungen zwischen Predigenden und ihrem Manuskript. Dazu gehört zunächst die Spannung zwischen der Intention des Predigers und der wahrnehmbaren Intentionalität des Manuskriptes (S. 328): Obwohl die Predigenden sich Gedanken darüber machen, was sie mit ihrer Predigt erreichen wollen, ist dieses Ziel nicht unbedingt an der Predigt nachzuvollziehen. Müller vermutet einerseits, dass es Defizite gibt in der Kompetenz, die eigene Predigt zu evaluieren, andererseits, dass die Manuskripte wegen Zeitmangels zu wenig überarbeitet werden. Die zweite Spannung nimmt Müller zwischen der Person des Predigers und dem Manuskript wahr: Obwohl viele Studienteilnehmer sich selbst persönlich in den Prozess der Predigtkomposition involviert sehen, bildet sich „dieses emotionale, spirituelle, lebensgeschichtliche und intellektuelle Involviertsein … nicht in demselben Maße in den analysierten Predigtmanuskripten ab(…)“ (S. 342). Woran das genau liegt, kann auch Müller sich nicht erklären. Sie vermutet eine Nachwehe des dialektisch-theologischen Ansatzes, das Subjekt des Predigers in der Predigt weitgehend auszublenden.

Weil “es nicht den einen richtigen Weg zur gelungenen Predigt gibt”, muss es in der Homiletik darum gehen, Wege zur Predigt aufzuzeigen, die einerseits für die Predigenden “individuell stimmig und praktikabel” sind, die andererseits aber auch den “Bedürfnissen und Anliegen der jeweiligen Adressatenschaft” entgegenkommen (S. 361) Viele Probleme der Predigtpraxis, angefangen bei Examenspredigten bis hin zu routiniert erstellten Predigtmanuskripten, verortet Müller in einem mangelhaften prozeduralen Wissen über das Schreiben von Texten (vgl. S. 116 u. 345). Müller plädiert daher dafür, homiletische Didaktik und Predigtcoaching um eine prozessorientierten Perspektive zu erweitern, die „individuelle Sichtweisen, Einstellungen und konkrete Vorgehensweisen“ von Predigern im Kompositionsprozess berücksichtigt (S. 19). Unverzichtbar ist dabei, ein komplexeres Verständnis für das Schreiben selbst zu entwickeln. Dazu gehört, „dass Predigtmanuskripte entweder sorgfältig geplant oder sorgfältig überarbeitet werden müssen” (S. 395). Etwas pathetisch formuliert Müller die Aufgabe so: „In einer prozessorientierten homiletischen Didaktik wird das Schreiben genutzt, um kühne Ideen zu skizzieren, kostbare Miniaturen zu modellieren, differenzierte Wahrnehmungen in Sprache zu überführen, folgerichtig zu argumentieren, fromm zu bekennen, Traditionen kreativ fortzuschreiben, humorvoll zu persiflieren, lebendige Bilder zu entwerfen, kontaktvoll zu kommunizieren, Phänomene zu interpretieren, mutig Stellung zu beziehen, ehrlich zu reflektieren und hoffnungsvoll zu antizipieren.“ (ebd.)

Komplexer Schreibbegriff, unterkomplexes Rhetorikverständnis

Predigten gehören zu den Texten, die „schriftlich konstituiert“ aber „mündlich realisiert“ werden, so Annette Müller im Anschluss an Norbert Gutenberg (S. 15). Die Faktizität der Schriftlichkeit wird allerdings meistens übersehen oder unterschlagen. Müllers Untersuchung zeigt auf, dass die Rolle des Schreibens in der Predigtarbeit stärker berücksichtigt werden sollte. Die Schreibforschung kann hier wichtige Impulse für die Homiletik bieten. Müllers schreibdidaktisch informierter Blick in die faktische Predigtwerkstatt bietet hier eine Fülle an Anknüpfungspunkten für die homiletische Praxis und Theoriebildung.

Zwei Dinge möchte ich allerdings kritisch anmerken: Der erste Kritikpunkt bezieht sich auf ein problematisches Verständnis von Rhetorik, der zweite auf das methodische Element der Predigtbewertung. Beides hängt miteinander zusammen, weil die Predigtbewertung Hinweise liefert, ob das das Ziel der rhetorischen Bemühungen, die ansprechende Predigt, erreicht wurde oder nicht.

Klischee einer manipulativen Rhetorik

Annette Müller betont immer wieder, dass es in der Homiletik nicht darum gehen kann Schreiben und Sprechen gegeneinander auszuspielen. In der Geschichte der Homiletik hat es immer ein Primat des Sprechens vor dem Schreiben gegeben. Müller attestiert darum einer Reihe von homiletischen Ansätzen ein unterkomplexes Schreibverständnis (S. 25ff.) Wenn sie stattdessen ein komplexes Schreibverständnisses für die homiletische Didaktik einfordert, so ist dem auf jeden Fall zuzustimmen. Umgekehrt lässt sich allerdings in der Arbeit ein tendenziell unterkomplexes Rhetorikverständnis ausmachen. Letztlich rächt sich an dieser Stelle die methodische Entscheidung, das Ziel aller schreibenden Predigtvorbereitung, die sprechende Realisierung in der Predigt, von der Untersuchung auszuschließen und es bei der Analyse von Manuskripten zu belassen. Unterkomplex kann man Müllers Verständnis der Rhetorik nennen, weil es klischeebehaftet und kriterienlos ist.

Einerseits setzt Müller Rhetorik immer wieder gleich mit  rein strategischen, manipulativen, indoktrinären und demagogischen sprachlichen Handlungen. Angemessen sind für sie rhetorische Mittel dann, wenn sie gegenüber den Zuhörenden “respektvoll” gebraucht werden, etwa indem signalisiert wird, “dass es auch andere, gleichberechtigte Interpretations-und Darstellungsweisen eines Sachverhaltes gibt“ (S. 219). Versuche, Predigt bewusst zu inszenieren sieht sie ebenso kritisch wie die effektive und spannungsreiche Montage von Texten (vgl. S. 46, 68). Skepsis ist auch dann “angesagt, wenn in Predigtratgebern Tipps gegeben werden, wie man die Zuhörenden ‚bannen‘ oder ‚rhetorisch anfassen‘ kann“ (S. 63). Was genau Müller unter rhetorischen Mitteln versteht, bleibt aber offen. Die wiederholte Abgrenzung gegen eine manipulative Rhetorik und die Betonung des Predigthörers als mündiges Subjekt im Predigtgeschehen (S. 60) bleiben als Forderungen Allgemeinplätze ohne Auswirkungen auf die Untersuchung. In den Predigtanalysen spielt die Frage nur insofern eine Rolle, als Müller nach möglichen Reaktionen imaginierter Hörerinnen und Hörer fragt. Im sechsten Interview werden beispielsweise Spekulationen darüber angestellt, dass Zuhörer nicht nur „produktiv verunsichert“ (Harald Schroeter-Wittke), sondern sogar verstört werden könnten (S. 232). Daraus leiten sich dann die Vorbehalte gegen die Predigt ab. Gerade das Fehlen von Beispielen für manipulative Mittel legen nahe, dass Annette Müller sich hier bloß von einem Klischee der Rhetorik abgrenzt.

Dabei sieht Müller durchaus, dass es zur rhetorischen Funktion des Schreibens gehört, etwas bewirken zu wollen (vgl. S. 113). In der dritten Falldarstellung benennt Müller die Gefahr eines inneren Aussteigens von Predigthörern (S. 196), was zumindest implizit den Schluss nahelegt, dass Müller eine Präferenz dafür hegt, wenn Hörerinnen und Hörer einer Predigt gerne aufmerksam folgen mögen. Um dieses Ziel zu erreichen sind Mittel nötig, die Hörerinnen und Hörer ansprechen, indem sie ihr ungeteilte Aufmerksamkeit gewinnen und ihr latentes Desinteresse überlisten (wie ich in Anlehnung an Sybille Knauss formulieren möchte). Mit anderen Worten: Um Hörer anzusprechen müssen Predigerinnen und Prediger lernen, rhetorisch Spannung zu erzeugen. Ich vermute allerdings, dass genau dies sich nicht mit Müllers Verständnis von “ansprechend” deckt, denn es gibt eine Tendenz, alles rhetorisch spannungsvolle zu problematisieren. Genau darum geht es aber in der modernen Rhetorik, und zwar nicht nur in der Rhetorik des Sprechens, sondern auch der des Schreibens: Schreiben und Reden, das wirken will, arbeitet mit Spannung, erzeugt Interesse und bündelt Aufmerksamkeit. Gerade wenn es Müller darum geht Schreiben und Sprechen nicht gegeneinander auszuspielen, wäre es wichtig, dass Homiletik nicht nur schreibdidaktisch, sondern auch schreibpragmatisch – mithin also rhetorisch – informiert ist.

Unklare Kriterien der theologischen Bewertung

Annette Müller sieht selbst, dass die Bewertung der vorgelegten Predigtmanuskripte “heikel und subjektiv” ist (S. 142). Sofern es sich um Hinweise auf die sprachliche Gestaltung handelt, sind viele Hinweise überzeugend, so etwa bei ihrer Analyse meines eigenen Predigtmanuskriptes (S. 240ff). Auch die Hinweise auf kompositorische oder strukturelle Schwächen erscheinen mir an vielen Stellen durchaus nachvollziehbar und hilfreich, wie etwa in der vierten Manuskriptanalyse (S. 206ff). Doch obwohl ich die Darstellung der zwölf Gespräche und die Lektüre der zugehörigen Predigten mit Gewinn und Interesse gelesen habe, haben mich die Predigtanalysen zunehmend gestört. Die Einschätzungen sind mir oft zu subjektiv und theologisch zu voraussetzungsreich, die Kriterien der Bewertung nicht offen und damit die Beurteilungen häufig nachvollziehbar sind.  Auch ist Korrespondenz zwischen der Prozess- und der Manuskriptanalyse oft nur schwach herausgearbeitet, womit sich das methodische Problem verbindet, dass die auf diesen  problematischen Beurteilungen fußenden Schlussfolgerungen im Diskussionsteil an Evidenz einbüßen. Am Ende habe ich nur den Eindruck, gelernt zu haben einzuschätzen, was Annette Müller anspricht und was nicht.

Ich will mein Unbehagen an zwei Punkten verdeutlichen.

Das Problem ist zum ersten, dass es zwischen theologischen Aussagen und der bevorzugten Schreibstrategie keinen offenkundigen Zusammenhang gibt. In der ersten Manuskriptanalyse beispielsweise mag es Spannungen geben zwischen den Folterqualen der Kreuzigung und der Dimension der Verheißung: Die Unterstellung, hätte die Predigerin „mehr Muße” (S. 173) für die Predigtarbeit gehabt, wäre vielleicht eine theologisch angemessenere Deutung des Kreuzestodes Jesu herausgekommen, halte ich aber nicht nur für unangemessen, sondern das Urteil ist für mich auch nicht nachvollziehbar. Die kritisierte Spannung fand ich beim Lesen der Predigt gerade anregend. Es ist problematisch, wenn unausgesprochene, theologische Vorannahmen die Bewertung beeinflussen. Noch deutlicher wird dies für mich in der Analyse der vierten Predigt (S. 206ff), wo an der von der Predigerin vertretenen Ganztodtheorie kritisiert wird, diese sei zwar biblisch belegt, tröste aber nicht. So richtig die Empfehlung ist, die Predigerin möge Phasen der Überarbeitung in ihre Predigtarbeit einbauen:  Auch eine besser überarbeitete Predigt könnte theologisch bei der gleichen Auffassung bleiben. Und die Fundamentalkritik an einer abweichenden theologischen Meinung ist in diesem Zusammenhang unangebracht, weil Müller hier ihr eigenes Todes- und Trostverständnis als Bewertungsmaßstab anlegt.

Heikel ist das Vorgehen Müllers zweitens auch deshalb, weil ein eigenes Missverständnis zu einer eklatanten Fehleinschätzung der ganzen Predigt führen kann. Dafür liefert die Analyse der zehnten Predigt ein eindrückliches Beispiel. Müller beurteilt eine in der Predigt verwendete Beispielgeschichte als „in theologischer Hinsicht … hoch problematisch“ (S. 285). Problematisch ist allerdings weniger die Geschichte, die der Prediger dem Buch „Das entfesselte Buch“ von Richard Rohr entnommen hat, sondern dass Müller die Geschichte als Wundergeschichte und “Machtdemonstration eines fiktiven Gottes” missdeutet, obwohl es weder in Rohrs Buch noch in der Predigt darum geht. Formal ist der Text keine Geschichte, sondern ein  Gedankenexperiment, darauf verweisen schon die Anfangswörter “Stell dir vor …”. Es geht dabei um einen fliegenden Teppich, der Faden um Faden aufgelöst wird, während ein Mensch darauf steht. Dieser Teppich steht für all die Hilfsmittel, an die Menschen sich klammern, um Glauben und Vertrauen zu können. Weil Müller den Text Rohrs missversteht, läuft die Kritik der Predigt ins Leere. Statt aus ihrer Sicht eine Beispielgeschichte theologisch zu bewerten, wäre es im Kontext der Arbeit eine andere, wichtige Frage angemessener gewesen: Welche Rolle spielt im Kompositionsprozess der Umgang mit fremdem Material?

Natürlich müssen Predigten grundsätzlich theologisch bewertet werden. Das Problem in Müllers Analysen ist aber, dass die theologische Bewertung im Rahmen dieser Untersuchung als Fremdkörper erscheint. Es gelingt Müller nicht, aufzuzeigen, wie theologische Aussagen und Strategien der Predigtkomposition miteinander zusammenhängen. Allerdings wäre dies auch überraschend, denn dieser Zusammenhang besteht nicht: Auch ein noch so sprachlich elaboriertes Manuskript kann theologisch mangelhaft sein und eine sprachlich miserable Predigt theologisch brillant.

Wann ist eine Predigt „ansprechend“?

Die Kennzeichnung “ansprechend” soll ein Gelingenskriterium für den Produktionsprozess liefern, mit dessen Hilfe kontrolliert wird, ob der Prozess der Manuskripterstellung zum Ziel einer “ansprechenden Predigt” führt oder nicht. Am Ende bleibt allerdings offen, was Annette Müller unter einer “ansprechende(n) Predigt” (S. 347) als Ziel jeglicher Homiletik verstehen will. Weil unklar ist, wann die Kennzeichnung “ansprechend” einer Predigt zugewiesen oder abgesprochen werden kann, bricht Müller letztlich ein wichtiger Baustein ihrer Methodik weg, dass nämlich für die Bewertung homiletischer Kompositionsstrategien nicht nur der Produktionsprozess, sondern auch das Produkt dieses Prozesses heranzuziehen ist. Wenn „ansprechend” aber mehr sein soll als eine inhalts- oder formästhetische Kategorie, womöglich sogar eine bloß subjektive Wahrnehmung, dann muss es um die Korrespondenz gehen zwischen der bewussten Gestaltung und der beabsichtigten Wirkung einer Rede einerseits und um die rezeptionsästhetische Frage, was denn Hörerinnen und Hörer möglicherweise anspricht andererseits. Beide Fragen werden aber nicht gestellt. Das Bewertungskriterium, ob eine Predigt ansprechend ist oder nicht, bleibt damit selbst kriterienlos und inhaltsleer.

Strategien des Schreibens

Auch wenn es Annette Müller nicht gelingt, ihre Kriterien für eine „ansprechende Predigt“ hinreichend scharf zu bestimmen, schmälert das im Großen und Ganzen aber weder den spannenden Blick in die Predigtwerkstätten und deren Analysen, noch den zweiten Schwerpunkt der Arbeit: das Fruchtbarmachen von Ansätzen der Schreibforschung zur Entwicklung von Schreibstrategien für die Predigtvorbereitung.

Wichtig ist dabei, wie Müller herausarbeitet, dass Schreiben nicht einfach nur die Phase der Verschriftlichung von vorbereitenden Gedanken ist, sondern unverzichtbarer Teil der Vorbereitung. Hanspeter Ortner, auf dessen Schreibtypologie Müller zurückgreift, spricht einmal vom “tastenden Nachforschen” (S. 87) als einer Funktion des Schreibens. Wer Schreiben forschend und tastend einsetzt, kann dabei zu neuen Einsichten kommen. Darauf verweisen die Funktionen des Knowledge telling und des Knowledge transforming, wie es Carl Bereiter und Marlene Scardamalia herausstellen (vgl. 91ff). Unerfahrene Schreiber reproduzieren oft nur schon vorhandenes Wissen und schreiben dann wie bei einem Schulaufsatz nieder, was ihnen zu einem Thema einfällt (Knowledge telling). Wer als erfahrener Schreiber dagegen Schreiben methodisch einsetzt, ist in der Lage über das aktuelle Wissen hinaus zu gehen und im Denkprozess während des Schreibens neues Wissen zu schaffen (Knowledge transforming).

Ein komplexes Verständnis des Schreibens, wie es Müller anmahnt, kennt eine Vielzahl weiterer Funktionen (vgl. 102ff), die sich ergänzen und unterschiedlichen Zielen dienen. Neben dem Schreiben als Medium des Denkens und Problemlösens gehört dazu, dass Schreiben helfen kann die Wahrnehmung zu schärfen und die Vorstellungskraft zu wecken, die Welt zu ordnen und zu gestalten – oder auch einfach  nur Genuss und Erfüllung zu finden. Auch die Befürworter der freien Predigt bestreiten nicht, dass Schreiben mit seinen vielfältigen Funktionen in der Predigtvorbereitung eine wichtige Rolle spielt. Leider wird die Funktionsweite dieses wichtigen Werkzeugs aber oft übersehen.

Unterkomplex wäre aber auch, nicht berücksichtigen, dass es nicht einen bestimmten Schreibtypus und eine richtige Schreibstrategie gibt, sondern dass verschiedene Schreibtypen mit unterschiedlichen Strategien erfolgreich Texte produzieren können. Grundlegend lassen sich Schreibprozesse mit Sylvie Monitor-Lübbert zunächst einmal in Top-Down und Bottom-up-Verfahren unterscheiden: Also entweder man geht von einer Grundidee und einer Gliederung aus und entwickelt daraus den Text, oder Struktur und Aufbau entwickeln sich umgekehrt erst während des Schreibens. Natürlich sind dies Idealtypen. In der Wirklichkeit gibt es eher Mischformen mit dem einen oder anderen Schwerpunkt. Viele homiletische Didaktiken präferieren das Top-Down-Schreiben. Für Müller ist wichtig, dass beide Verfahren ihre Berechtigung haben und dass auch das “tastende Schreiben ohne vorab entwickelten Plan” gerechtfertigt wird (S. 90).

Die Grundunterscheidung von Top-down und Bottom-up wird von Annette Müller mit dem Ansatz von Hanspeter Ortner noch weiter ausdifferenziert. Ortner unterscheidet zehn verschiedene Schreibstrategien, die im Spannungsverhältnis stehen zwischen einem linearen, freien Schreiben, das dem Strom der eigenen Gedanken folgt, und einem punktuellen, extrem feingliedrigen Schreiben, das an Details arbeitet. Im Spannungsfeld der unterschiedlichen Zerlegungsgrade des Schreibprozesses bzw. -produktes finden sich verschiedene Strategien wie das Versionenschreiben, das überarbeitende Schreiben oder das schrittweise Vorgehen. Müller analysiert die Interviews und Predigten nach diesen schematischen Unterscheidungen. Sie stellt verschiedenen Mischformen fest und leitet aus ihren Analysen ab, inwiefern bestimmte Strategien von Predigerinnen und Predigern als hilfreich und entlastend empfunden werden (Müller nennt dies “funktional”) und ob die Strategie zu einer “ansprechenden” Predigt führt (Müller spricht dann von zielführend) (vgl. S. 347).

Im Ergebnis stellt Müller fest, dass Top-down-Strategien durchaus zurecht bevorzugt werden, weil sie in der Regel funktional und zielführend sind. Bottom-up-Strategien sind damit aber nicht von vorne herein disqualifiziert. Auch Bottom-up-Strategien können funktional und zielführend sein – allerdings unter einer Bedingung: Die Überarbeitet muss im Prozess des Schreibens eine Rolle spielen, und zwar entweder indem der Text nach dem Einfach-Drauf-Losschreiben anschließend inhaltlich, strukturell und sprachlich überarbeitet wird, oder wenn das Schreiben ein permanentes Überarbeiten des schon Geschriebenen ist, muss sich der Text spürbar weiter entwickeln. In diesem Fällen sind die Schreibprozesse funktional und zielführend. Nicht empfehlenswert ist dagegen ein Drauflosschreiben ohne Überarbeitung oder ein permanentes Überarbeiten, bei dem das Schreiben stagniert und auf der Stelle tritt (vgl. 353f).

Predigtarbeit und Zeitmanagement

Predigtvorbereitung braucht Zeit. Das ist zwar eine triviale Erkenntnis, aber oft genug wird dieser Umstand übersehen, und zwar nicht nur von Homiletikern, sondern auch von Pfarrerinnen und Pfarrern selbst. Zur homiletischen Kompetenz gehört daher auch, „sich angesichts objektiver Herausforderungen des Pfarrdienstes angemessene Zeiträume für die Predigtarbeit zu reservieren und diese produktiv zu nutzen“ (S. 379). Allerdings geht es hier nicht allein um Fragen der Optimierung von Zeitnutzung, sondern vor allem um Fragen des Selbstmanagements und der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, denn „die homiletischen Kompetenz der predigen Personen (ist) einem kontinuierlichen Wandlungsprozess unterworfen“ (S. 375).

Viele Pfarrerinnen und Pfarrer haben Routinen für ihre Predigtarbeit, oft fehlt ihnen aber, so Müller, die Zeit, diese Routinen auch umzusetzen. Es geht deshalb darum, in den Arbeitsalltag auch Vorbereitungsroutinen zu verankern. Dazu gehört die „Fähigkeit, sich eine geeignete Arbeitsumgebung zu schaffen” (S. 384), Orte zu finden, die die Inspiration fördern aber auch heraus zu finden, welche Tätigkeiten dem eigenen kreativen Arbeiten zuträglich sind – und dafür Zeiträume zu einzuplanen, seien es Meditation, Sport oder auch genügend Schlaf.

Wichtig ist aber auch, sich und seine Fähigkeiten realistisch einzuschätzen und die eigenen Konzepte und Routinen immer wieder auf den Prüfstein auch der Fremdeinschätzung zu stellen: „ein allzu optimistisches Selbstbild (kann) dazu verführen (…), die objektiv vorhandenen Herausforderungen der Predigtaufgabe auf die leichte Schulter zu nehmen und sich manchen homiletischen Problemen gar nicht erst zu stellen. Vertrauen in die eigene homiletische Kompetenz darf nicht dazu verführen, dass die predigende Person Resistenzen entwickelt gegenüber korrigierenden Rückmeldungen und theoretischen Impulsen“ (S. 391).

Fazit

Es gibt nicht den einen Weg zur Predigt, sondern eine Vielzahl von möglichen Strategien, sich für die Predigt vorzubereiten. Die Praxis zeigt: Für die meisten Predigerinnen und Prediger ist Schreiben ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung. Es ist daher längst an der Zeit, Schreibprozesse für die homiletische Theoriebildung und Didaktik in den Blick zu nehmen, wie Annette Müller dies in ihrer Dissertation “Predigt schreiben” getan hat. Sie arbeitet in ihrer Dissertation überzeugend heraus, welche Strategien dabei hilfreich sind, und warum bestimmte Strategien eher Probleme produzieren. Wichtig ist, dass Pfarrerinnnen und Pfarrer lernen, die ihnen angemessene Strategie zu finden und in ihren Alltag zu integrieren. Auch wenn Müllers Rhetorikbegriff deutlich hinter das Niveau ihrer schreibdidaktischen Reflexionen zurückfällt und das für die Argumentation wichtige Kriterium der “ansprechenden Predigt” unklar bleibt: Insgesamt ist die Arbeit sehr anregend und informativ. Lesenswert sind vor allem die Prozessanalysen, die einen Blick in verschiedenen Predigtwerkstätten erlauben. Man muss nicht allen Analysen und Überlegungen zustimmen, um sich von ihnen zum Weiterdenken anregen zu lassen. Wünschenswert wäre, wenn vor allem Menschen, die sich mit homiletischer Theorie und Didaktik befassen, durch das Buch entdecken, wie wichtig und unverzichtbar Schreiben für die Predigtarbeit ist.

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

Mit Jugendlichen zur Sprache kommen

Cover "Spirituelle Schreibwerkstatt" - www.herder.de
Cover „Spirituelle Schreibwerkstatt“ – www.herder.de

Stephan Siggs „Spirituelle Schreibwerkstatt“ hat mich im Laden gleich angesprungen – aber trotz guter Ideen ist das Buch auch eine Mogelpackung. Treffender wäre ein Titel wie „Mit Jugendlichen zur Sprache kommen. Reden und Schreiben über den Glauben.“ Aber wahrscheinlich hätte ich das Buch bei so einem Titel eher liegen gelassen. Die „Spirituelle Schreibwerkstatt“ (mit dem Untertitel „mit jungen Menschen“) ist auf jeden Fall der ansprechendere Titel.

Mogelpackung ist das Buch insofern, als von den rund 160 Seiten des Buches nur 50 Seiten (S.102-152) ausdrücklich Hintergrund und Methoden einer Schreibwerkstatt behandeln. Im ersten Drittel des Buches „Meine Texte – meine Sprache“ geht es Sigg um Texte, die für Jugendliche geeignet sind: im Gottesdienst, im Unterricht oder in Gruppenstunden. Wie findet man geeignete Texte? Wie überarbeitet man Texte, die sich an andere Zielgruppen richten, so dass Jugendliche angesprochen werden? Wie bringt man Texte für und mit Jugendlichen zu Gehör? Auch im Hauptteil „Jugendliche zum Sprechen und Schreiben aktivieren“ geht es auf 40 von 90 Seiten nicht vorrangig ums Schreiben: Neben grundsätzlichen Überlegungen zu Jugend und spiritueller Sprache geht es um Methoden, Formen und Probleme des Gesprächs über Glauben mit Jugendlichen. Das sind zweifellos wichtige Fragen, aber sie berühren nur am Rande, was im Rahmen einer Schreibwerkstatt normalerweise stattfindet.

Was Sigg dann über die Durchführung einer Spirituellen Schreibwerkstatt mit Jugendlichen schreibt ist entsprechend knapp, aber durchaus fundiert. Anknüpfend an die Schreiberfahrung von Jugendlichen mit Sozialen Medien zeigt Sigg, wie es gelingen kann, mit Jugendlichen ins Schreiben zu kommen. Es skizziert Grundvoraussetzungen und stellt einige mögliche Methoden vor. Sigg erfindet dabei das Rad nicht neu: Er nimmt bewährte Formen auf, die er zum Teil mit Blick auf die Lebenswelt von Jugendlichen verändert oder als Mini-Schreib-Projekte im Rahmen von Gottesdiensten oder bei Freizeiten aufbereitet.

Schade ist, dass die speziellen Fragen einer Schreibwerkstatt mit Jugendlichen letztlich so knapp behandelt werden. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass Schreiben mit Jugendlichen eine große Herausforderung ist, mit viel Frustrationspotential. Sigg gibt zwar ein paar Hinweise, was man als Leiter berücksichtigen sollte, aber die Tücken und Begrenzungen werden kaum angesprochen. Hier habe ich mir von einem erfahrenen, professionellen Schreibwerkstatt-Leiter mehr versprochen.

Die „Spirituelle Schreibwerkstatt mit jungen Menschen“ schlägt weiten einen Bogen von der Begegnung mit fremden Glaubenstexten über das Gespräch in Gruppen hin zum eigenen Schreiben über den Glauben. Es geht Stephan Sigg um Glaubenskommunikation, die die Sprache von Jugendlichen auf- und ernstnimmt und ihnen dazu verhelfen will, selbst aktiv ihren Glauben ins Gespräch zu bringen. Dafür bietet das Buch gute Anregungen, auch wenn der spezielle Themenkomplex „Spirituelle Schreibwerkstatt“ mir zu knapp gehalten ist. Die beigefügte CD-Rom enthält das Buch noch einmal im pdf-Format.

Stephan Sigg: Spirituelle Schreibwerkstatt mit jungen Menschen. Anleitung und Beispiele. Herder Verlag: Freiburg i.Br. 2014. 159 S., 14,99 € – ISBN 978-3-451-31211-3
[Verlags-Info]

Internetauftritt von Autor Stephan Sigg: stephansigg.com

P.S.: Als evangelischer Theologe kann ich es mir nicht verkneifen einen für das Buch an sich unbedeutenden Fehler anzustreichen: Martin Luther hat natürlich nicht die lateinische Bibelübersetzung ins Deutsche übersetzt (vgl. S. 19), sondern (bezogen auf das NT) den griechischen Ur-Text. Dieses ad fontes ist nach wie vor ein unverzichtbares, humanistisch-reformatorisches Erbe.

Schreiben in der Predigtvorbereitung

Welche Rolle spielt das Schreiben in der Predigtvorbereitung? – Annette Müller hat für ihre soeben erschienene Dissertation Pfarrerinnen und Pfarrer danach befragt, wie sie ihre Predigtarbeit organisieren, das Manuskript erstellen und schreibend das Geschehen auf der Kanzel vorbereiten. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn hat Annette Müller Erfahrungen damit gesammelt, wie schwer das Handwerk des wissenschaftlichen Schreibens für Studierende sein kann. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund für ihr von Wilfried Engemann betreutes Dissertationsprojekt „Predigt schreiben. Prozess und Strategien der homiletischen Komposition“.

Gelesen habe die Arbeit noch nicht, aber ich bin schon sehr gespannt darauf und erwarte mir einiges davon. Bislang gibt es in der deutschsprachigen Homiletik noch keine umfangreiche Arbeit, die sich mit der Beziehung des Schreibhandwerks mit der Predigtvorbereitung befasst. Obwohl Autoren wie Alexander Deeg und Michael Meyer-Blanck dafür plädieren ein Predigtmanuskript schriftlich auszuformulieren, fehlt bislang eine systematische und empirische Untersuchung der Rolle des Schreibens im Prozess der Predigtentstehung. Annette Müller holt die empirische Seite durch exemplarische Interviews mit Pfarrerinnen und Pfarrern ein, die von ihren Erfahrungen berichten. Zugleich reflektiert sie systematisch und schreibpädagogisch den Entstehungsprozess von Predigten.

Da ich einer der interviewten Pfarrer bin, schreibe ich hier natürlich nicht ganz neutral, aber ich wünsche Annette Müllers Arbeit – trotz des stolzen Preises von 48€ – viele interessierte Leser. Zudem hoffe ich, dass die Arbeit Anstoß gibt, die Rolle des Schreibens endlich stärker homiletisch zu reflektieren. Sobald ich das Buch gelesen habe, werde ich hier natürlich ausführlicher darüber berichten. [Zum ausführlichen Bericht ]

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

Über mich selbst schreiben

Notizbuch
(c) Günther Gumhold / pixelio.de

„Ich könnte ein Buch schreiben“, sagen Menschen häufig, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Doch obwohl viele Menschen gern von ihren Erlebnissen erzählen, gehen die wenigsten den nächsten Schritt, tatsächlich ihr Leben niederzuschreiben. Ratgeberliteratur zum Thema Autobiographie gibt es reichlich. Es scheint also Bedarf zu geben. Nun hat sich Hanns-Josef Ortheil als Autor und Herausgeber der DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben des Themas angenommen: „Schreiben über mich selbst“ versteht Ortheil aber „nicht nur [als] eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern [als] Teil einer umfassenderen ‚Lebenskunst‘ “, bei der es darum geht, „die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen“ (S. 147).

„Schreiben über mich selbst“, der mittlerweile sechste Band der Reihe, fügt sich gut ein in diese Schreibwerkstatt, deren Prinzip ist, Schriftstellern bei ihrem Schreiben über die Schulter zu sehen. Nicht nur im Titel lehnt sich Ortheil an Michel Foucaults Aufsatz „Über mich selbst schreiben“ an. Wie Foucault hebt Ortheil das regelmäßige Notieren als Grundlage des Schreibens hervor. Bei Foucault sind die Notizen Mittel zur Selbstreflexion, insofern stehen hier die Erkenntnisse und das Festhalten eigener wie fremder Gedanken im Mittelpunkt. Notieren ist neben Meditation und Gespräch mit sich und anderen Teil einer ästhetischen Lebensführung. Die Notizen selbst werden zum Rohstoff und Reservoir des eigenen Denkens. Ortheil, dessen Notizleidenschaft hinlänglich bekannt ist, findet in Foucault eine philosophische Entsprechung seines eigenen Ansatzes. Von diesem Ansatz war schon in „Schreiben dicht am Leben“ und „Schreiben auf Reisen“ zu lesen.

In „Schreiben über mich selbst“ geht es nun darum, durch das regelmäßige Notieren hellsichtig zu werden für das autobiografische Potential, den autobiografischen Rohstoff des Alltags. Es geht Ortheil nicht darum, zum Schreiben einer vollständigen Autobiografie anzuleiten. Im Gegenteil: Zeitgemäßes autobiografisches Schreiben besteht seiner Meinung nach „aus lauter eleganten, mit neuen und alten Medien verbundenen Textformen, die ein Leben spielerisch befragen, detaillierte erkunden und in Segmenten erzählen“ (S. 6), und zwar unablässig. Einfache Beobachtungen, Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken – alles wird möglichst „deutungsarm“ notiert, ohne sich zu fragen, „ob das Notierte überhaupt wert ist notiert zu werden“ (S. 148). Denn mit der Zeit kann alles zu einer wichtigen autobiografischen Notiz werden. Mit der Zeit entsteht so ein „Erinnerungs- und Erzählspeicher“ (S. 149) als persönliches Lebensarchiv aus Fragmenten des Alltags.

Interessant ist, dass Ortheil nicht mit dem Schreiben beginnt, sondern mit dem Erzählen. Man mag hierin eine weitere Spur Michel Foucaults finden, für den das Gespräch mit sich und anderen wichtiger Teil des ästhetischen Lebenskonzeptes war. Ortheil steigt in die Reihe seiner Beispiele ein mit einem Blick auf Andy Warhols telefonische Diktate von alltäglichen Erlebnissen (S.14). Von hier geht er weiter zu Beispielen dazu, „sich befragen zu lassen“ bzw. „sich gegenseitig zu befragen“ (unter anderem Michel Polacco und Michel Serres (S. 19ff) sowie Gilles Deleuze und Claire Parnet (S. 28ff)).

Mich hat zunächst irritiert, dass Hanns-Josef Ortheil fasst ein Viertel seines Buches diesen mündlichen Formen widmet. Der Blick auf mein Eingangsbeispiel zeigt aber, dass das Erzählenwollen ein wichtiger Indikator für autobiografische Potentiale von alltäglichen Erfahrungen ist: Vielen Menschen fällt es leichter über sich zu erzählen, als das Buch zu schreiben, das sie schreiben könnten. Beim Übergang vom Erzählen zum Schreiben ist es wichtig, diesen Indikator zu bemerken, denn er gibt den Impuls, „der unsere Aufmerksamkeit anzieht“ (S. 39) und letztlich ins Notieren führt. Mündlichkeit und Schriftlichkeit verdanken sich dem gleichen Impuls des Augenblicks, aber erst in der Notiz gerinnt die Gegenwart – egal ob bedeutsam oder nicht – zu etwas, das später sein autobiografisches Potential entfalten kann – oder auch nicht.

Ausgehend vom einfachen Notieren, zu dem sich Ortheil bereits in früheren Bänden der Reihe geäußert hat, werden zahlreiche, interessante Schreibprojekte vorgestellt – wie man es in der DUDEN-Reihe gewohnt ist, exemplarisch vorgeführt an Beispielen aus der Literatur. Viele dieser Projekte sind auch als Varianten und Impulse für das Führen eines Tagebuchs lesbar. Die angesprochenen Themen sind:

  • Briefe schreiben als Möglichkeit autobiografischen Schreibens (Seite 44ff)
  • Resümee ziehen (Beispiel John Cheevers Tagebücher (Seite 52ff))
  • Schreiben zu „magischen Wörtern“(Czesław Miłosz, S. 56ff) und „stabilen Wörtern“ (bzw. letzte Gewissheiten, Carlos Fuentes, S. 61ff)
  • Selbstportrait mit Foto (John Berger und Jean Mohr, S. 66ff), mit Musik (Ortheil, S. 71), mit Körperteilen (Raymond Federman, S. 77ff), mit Landschaft (Jean-Philippe Toussaint, S. 81ff; Marie Luise Kaschnitz, S. 83f), mit Büchern (Paul Raabe, S. 87ff)
  • Kindheitserinnerungen (Urs Widmer; Joe Brainard, S. 92ff), Kindheitsszenen (Nathalie Sarraute, S. 98ff; Jean-Paul Sartre, S. 100f); Früheste Erinnerungen (Goethe, S. 104ff; Elias Canetti, S. 107); Kindheitswelten (Walter Benjamin, S. 109ff); Gang durch die Kindheit (John Updike, S. 114ff; Peter Kurzeck, S. 117f)
  • Beschreibungen zu Zeitphasen des Lebens: die Familie (Marc Aurel, S. 119; Peter Weiss, S. 123); große und kleine Natur (Nature Writing; Henry David Thoreau, S. 126ff; Cord Riechelmann, S. 129); Liebe und Freundschaft (Roland Barthes, S. 132ff); Die jungen Jahre (Ernest Hemingway, S. 136ff); Brief an die Enkel (John Updike, S. 141ff)

Langsam wird deutlich, was die DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben so unverzichtbar macht: Sie rückt die Bedeutung des Notierens für das Schreiben in den Mittelpunkt. In „Schreiben über mich selbst“ wird dies Notizpraxis, in Anlehnung an Foucault, zum Teil einer umfassenden Lebenskunst. In vielfältiger Hinsicht können auch Predigerinnen und Prediger von dieser Kunst lernen: Für die Predigtpraxis sind persönliche Erfahrungen unverzichtbar. Notizen als Fundus helfen grundsätzlich dabei, einen Predigtgegenstand diachron zur eigenen Lebensgeschichte sowie Denk- und Glaubensentwicklung zu reflektieren. Persönliche Notizen helfen darüber hinaus, die blanken Gedanken mit dem Fleisch des Alltagslebens zu umgeben. Die von Ortheil vorgelegten Schreibprojekte lassen sich auch theologisch verlängern: denkbar wären zum Beispiel Selbstporträts zu biblischen Geschichten und Versen, Erinnerungen an Schwellen und Passagen des eigenen Glaubens, Notizen zu Begegnungen und Gesprächen mit prägenden Menschen, Predigten als Briefe an die Gemeinde und anderes mehr.

Fazit: Hanns-Josef Ortheils „Schreiben über mich selbst“ ist ein anregendes und inspirierendes Buch. Im Zusammenhang mit den andern Büchern der DUDEN-Reihe macht es deutlich, wie unverzichtbar regelmäßiges Notieren für das Schreiben – und vielleicht sogar für das Leben ist. Notizbuchfans und Tagebuchschreiber finden eine Fülle an Anregungen dafür, die Wahrnehmung für das autobiografische Potential der Gegenwart zu trainieren. Für Predigerinnen und Prediger stecken in dem Band Impulse für mehr Ich und gelebte Erfahrung auf der Kanzel.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens, Duden Verlag,Berlin, Mannheim und Zürich 2013.
ISBN 978-3-411-75437-3 | 14,95 € | 158 S.

Brockhaus bleibt kreativ an der Oberfläche

Coverbild aus dem Brockhaus-Pressebereich
© brockhaus.de

Nachdem der DUDEN-Verlag eine ganz interessante Reihe zum Kreativen Schreiben heraus gebracht hat, legt nun der BROCKHAUS-Verlag eine kompakte Übersicht über das Kreative Schreiben vor. Von anderen Schreibbüchern hebt sich der Band durch sein Format und seine Aufmachung deutlich ab. Das Buch streift sämtliche Themen des doch sehr weiten Feldes des Kreativen Schreibens, was allerdings zu lasten der Darstellungstiefe geht.

Während sich die kleinen Bücher aus dem DUDEN-Verlag jeweils einem Sonderthema des Schreibens widmen (Notizbuch, Tagebuch, Reisebuch, Schreiben im Netz, Spannungsliteratur und zuletzt Autobiografie), nimmt das BROCKHAUS-Buch im Groß-Oktav-Format auf jeweils rund 20 Seiten einen Komplex wie Genre, Lyrik und Nonfiction, Erzählung, Plot- und Figurenentwicklung als Ganzes in den Blick. Da bleiben zum Beispiel im Bereich Genre nicht mehr als zwei Seiten übrig für Kriminal-, Liebes- und historische Romane. Science-Fiction-, Abenteuer-, Horror-Roman müssen sich sogar mit nur einer Seite begnügen. Natürlich ist das sehr übersichtlich, aber deutlich weniger informativ als ein Wikipedia-Artikel zum entsprechenden Thema.

Auch die Vorstellung von Schreibmethoden ist sehr dürftig. So wird beispielsweise zwar das Clustering erwähnt und die Methode auf gut anderthalb Seiten knapp beschrieben, aber es wird weder erwähnt, von wem die Methode stammt, noch dass es ein wirklich hervorragendes Schreiblernbuch von Gabriele L. Rico dazu gibt. Dass die eigentlich Pointe der Methode, das Schaffen von Verknüpfungen über das sog. Versuchsnetz, nicht erwähnt wird, mag angesichts der Knappheit der Darstellung noch nachvollziehbar sein, aber dass es weder einen Hinweis auf weiterführende Literatur noch überhaupt eine Erwähnung in einem Literaturverzeichnis gibt, ist eigentlich mehr als sträflich. Ähnliches gilt für die Ausführungen zum Sudelbuch, zum Brainstorming und zum Zettelkasten. Das Mindmapping wird zwar in einer Übung angewandt, aber nicht methodisch eingeführt – entsprechend fehlt das Stichwort auch im Register.

Geschrieben haben das Buch Anni Bürki, Gitta Edelmann, Iris Leister und Anette Schwohl, allesamt Autorinnen beziehungsweise Dozentinnen für Kreatives Schreiben. Sie greifen auf bekannte Muster und Übungen zurück, ohne die Referenzen (bis auf wenige Beispiele) und weiterführende Literatur anzugeben. Aufgemacht ist das Buch wie ein Schul- oder Arbeitsbuch. Es gibt viele praktische, gut erklärte Schreibaufgaben, die zum Teil im Buch selbst eingetragen werden können. Diese Übungen gehören zu den Stärken des Buches und weisen darauf hin, dass die Autorinnen praktische Erfahrungen in der Anleitung von Schreibwilligen haben.

Fazit: Obwohl BROCKHAUS Kreatives Schreiben zunächst einmal durch seinen klaren Aufbau, seine Übersichtlichkeit und großzügiges Layout anspricht, enttäuscht das Buch im Blick auf die Details. Als Einführung taugt es nur begrenzt, weil die Autorinnen auf Hinweise zu vertiefender Literatur verzichten. Als Nachschlagewerk bleibt es zu oberflächlich: Register und Glossar sind unvollständig, Literaturangaben sind mangelhaft. Allenfalls als Schnupperkurs für absolute Neulinge oder als Übungsbuch ergänzend zu einer fundierteren Einführung ins Kreative Schreiben mag der BROCKHAUS-Band durchgehen. Wirklich empfehlen kann ich das Buch aber nicht.

BROCKHAUS Kreatives Schreiben. Vom leeren Blatt zum fertigen Text, F.A.Brockhaus/wissenmedia, Gütersloh/München 2013.
ISBN 978-3-577-00303-2 | 14,95 € | 240 S.

Kreatives Schreiben – fortgeschritten und vertieft

„Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ ist die Fortsetzung von Fritz Gesings Klassiker Kreativ Schreiben. Die Rückverweise auf den ersten Band unterstreichen bei der Lektüre den Fortsetzungcharakter. Dabei kommt es vereinzelt zu Wiederholungen und Bündelungen, die allerdings die Lektüre des ersten Bandes nicht überflüssig machen. Seit längerer Zeit wollte ich meine Notizen zu dem 2006 erschienen Buch aufschreiben, komme aber erst jetzt dazu.

Ein wesentliches Element des Buches sind die Analysen von drei erfolgreichen Romanen: Sakrileg von Dan Brown, About a Boy von Nick Hornby und Herr Lehmann von Sven Regener. Die leitende Frage von Gesing ist: Warum waren diese Bücher so erfolgreich und was können Autoren davon lernen? Ein wichtiger Teil der Antwort steckt darin, dass die jeweiligen Autoren ihre Leserschaft gut im Blick hatten. Wer also erfolgreich schreiben möchte, sollte sich im klaren sein, für wen er oder sie schreibt. Gesing geht dazu im ersten Teil des Buch auf Lesererwartungen und -typologien ein.

Wer seine Zielgruppe klar vor Augen hat, wird seine Geschichten entsprechend Gestalten. Diese Gestaltungsfragen nehmen den Hauptteil des Buches ein: Was ist zu berücksichtigen, damit Leserinnen und Leser das Buch nicht gleich nach den ersten Seiten wieder zuklappen? Dazu gilt es unter anderem, die Sympathie des Lesers für die Protagonisten zu wecken, das Interesse für die Geschichte zu wecken und die Spannung zu halten. Gesings Erkenntnisse sind nicht neu, aber wie schon im ersten Band ist das Fortgeschrittenen-Buch durch den klaren Aufbau auch ein gutes Nachschlagewerk für die Grundprinzipien des Schreibens.

Am interessantesten sind sicherlich die exemplarischen Analysen. Allerdings wird die Zeitgebundenheit des Buches dabei immer wieder deutlich: Harry Potter ist noch nicht abgeschlossen, Regener hat die Folgebände noch nicht vorgelegt und der geheimnisvolle Erfolg von Shades of Grey spielt noch keine Rolle. Trotzdem ist es erfrischend, einmal hellsichtige Analysen moderner Belletristik zu lesen und nicht immer nur die bewundernde Betrachtung alter Klassiker. Insofern ist Gesings Buch auch ein guter Werkstattbericht für modernes Schreiben. Auch dass Gesing den Einfluss des Films auf die Literatur betrachtet (nicht nur in dem entsprechenden Kapitel) ist erwähnenswert. Verzichtbar wäre hingegen die bemühte Abgrenzung gegenüber der literarischen Hochkultur.

Ein Rezept für erfolgreiche Bücher kann Gesing am Ende aber dennoch nicht ausstellen. Insofern bleibt das „Geheimnis des Erfolgs“, auf das der Untertitel verweist, ein Geheimnis. Dass beispielsweise Dan Brown sämtliche Kriterien eines erfolgreichen Buches erfüllt, erlaubt nicht den Umkehrschluss, dass das Erfüllen der Kriterien auch den Erfolg nach sich zieht.

Fazit: Was beide Kreativ-Schreiben-Bücher von Fritz Gesing interessant macht ist, dass für diesen Preis kaum deutsche Bücher in dieser Qualität zu finden sind. Insgesamt ist „Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ mehr eine Vertiefung des ersten Bandes als eine tatsächliche Fortsetzung. Lesenswert ist es – zumindest in Teilen – im Blick auf die Analysen von Sakrileg, About a Boy und Herr Lehmann. Auch wenn es keine wesentlich neuen Erkenntnisse bringt, bleibt es als Nachschlagewerk in meinem Regal stehen.

Fritz Gesing: ‚Kreativ schreiben’ für Fortgeschrittene. Geheimnisse des Erfolgs. DuMont, Köln 2006.
ISBN 3-8321-7930-5 | 12,90 € | 268 S.

Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

Ins Labyrinth der Zettel

Zettelkästen sind für viele, die schreiben, eines der wichtigsten, kreativen Werkzeuge. Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erlaubt im Jean-Paul-Jahr 2013 einen Einblick in die sonst verschlossenen Zettelwelten, denn in der Regel findet sich im Labyrinth der Zettel nur der zurecht, der es angelegt an. Wem die Reise an den Neckar zu weit ist, kann sich an einem großartig gestalteten Katalog erfreuen, der gerade erschienen ist. Neben einem 163-seitigen Textteil gibt es einen rund 220-seitigen Bildteil, der einen guten Einblick gibt in die Vielgestaltigkeit von Zettelkästen. Allein das Stöbern darin ist eine große Freude.

„Zettelkästen sind Häuser des Lesens, Denkens und Schreibens“ (5), beginnen Heike Gfrereis ihren Aufsatz zur Einleitung in den Katalog und die Ausstellung. Der Textteil ist selbst wie ein Zettelkasten aufgebaut: Sortiert nach „15 Buchstaben eines unvollständigen Alphabets“ (14) von „a“ wie ABSTRACT bis „z“ wie ZYKEL finden sich dort Aufsätze über und Beiträge von Schriftstellern und wie sie Zettel(-Kästen) zum Schreiben nutzten und nutzen. Jeder Text ist einem Stichwort zugeordnet. Der Einleitungstext zum Stichwort „Architektur“ von Gfrereis und Strittmatter funktioniert wie ein Index, der mit Pfeilen markierte und grün unterlegte Verweise auf die Beitrags-Stichworte im Text enthält. So wird die Einleitung zum Sprungbrett in die nachfolgende Sammlung von Texten (die selbst wiederum aber nur an wenigen Stellen auf andere Texte verweisen).

Die längeren Aufsätze des Kataloges widmen sich jeweils einem Schriftsteller oder Wissenschaftler und stellen die Besonderheiten seines Zettelkastens vor. In diesen Texten werden die Arbeitsweisen von unter anderem von Jean Paul, Walter Benjamin, Walter Kempowski, Niklas Luhmann, Arno Schmidt und Aby Warburg betrachtet. Eine Ausnahme ist der Text von Hektor Haarkötter, der einen Einblick gibt in die Geschichte des Zettelkastens selbst. Die Kuratorinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter wiederum haben zu einigen Exponaten kurze Erläuterungen geschrieben. Sie werden ergänzt durch kurze Beiträge der Schriftsteller F.C. Delius, Oswald Egger, Jochen Missfeldt, Eckart Henscheid, Wilhelm Genanzino und Alissa Walser, die beschreiben, wie in ihrer Arbeit Zettel tatsächlich vorkommen – oder auch nicht.

Denn Zettelkasten ist nicht gleich Zettelkasten, das wird beim Lesen der verschiedenen Beiträge schnell deutlich. Deshalb ist es gut, dass die Kuratorinnen die Ausstellung und den Katalog mit dem Plural „Zettelkästen“ überschreiben. Die Arbeitsweisen der verschiedenen Autoren mit ihren Kästen sind höchst unterschiedlich. Verbindend ist allenfalls der Kampf mit dem Chaos der Vielzahl von Zetteln. Die Spannung von Ordnung und Unordnung ist allerdings Voraussetzung ist für den kreativen Prozess. Insofern sind es tatsächlich Zettel-Labyrinthe, in die der Katalog hineinführt.

Dass Zettelkasten nicht gleich Zettelkasten ist, kann man ganz gut und in zweifacher Hinsicht an F.C. Delius verdeutlichen. Zum einen gilt: Ein Zettelkasten muss nicht aus Holz und Papier bestehen: F.C. Delius hat Mitte der 80er Jahren den Computer als besseren Zettelkasten entdeckt. Hier trifft er sich mit Friedrich Kittler, der zur gleichen Zeit von Karten auf virtuelle Datensätze umgestellt hat. Kittler hat dabei nicht einfach die Struktur des Kastens aus Holz und Papier am Rechner nachgebildet, sondern in der digitalen Verarbeitung „ein völlig neues Medium“ (53) erkannt. Die „Optionen ‚Copy’, ‚Paste’ und ‚Print’“ stellen für Delius sogar eine Befreiung von den steifen Karteikarten dar (16).

Delius’ Vorbehalt gegen den traditionellen Zettelkasten liegt zum anderen in dessen angeblich linearer, hierarchischer Ordnung. Ein Vergleich mit Niklas Luhmann zeigt, dass sich diese Ordnung mit einfachen Regeln auflösen lässt, so dass der Zettelkasten zu einem fast schon organischen Wesen wird: Luhmann sieht im Zettelkasten einen Kommunikationspartner, der es versteht, sein Gegenüber mit Ideen und interessanten Zusammenhängen zu überraschen. Das gelingt, gerade weil der Zettelkasten „keine systematische Gliederung und inhaltliche Ordnung aufweist“ (87).

Der umfangreiche Bildteil des Kataloges macht die abstrakten Überlegungen zu den Zettelkästen anschaulich. Der Buchblock ragt 5 mm aus dem Buchblock des Textteils heraus. Auf dem Deckblatt finden sich die fünfzehn Buchstaben der Ausstellung wieder. So ist es jederzeit gut und übersichtlich möglich, aus dem Text in den Bildteil zu springen und sich anzusehen, worüber man gerade gelesen hat. Das ist nicht nur elegant sondern auch sehr schön gelöst. Etwas umständlich ist, dass die Fußnoten zum Textteil sich am Ende des Buches hinter dem Bildteil verstecken. Aber damit kann man leben.

Großartig ist, dass die Abbildungen Zettel aus den Kästen ziehen. So wird sichtbar, wie der jeweilige Autor notiert und seine Zettel im Kasten angelegt hat. Hier zahlt sich die Trennung von Textteil und Bildteil wirklich aus. Statt wie sonst oft üblich die Fotografien zu bloßen Illustrationen zu degradieren, haben die guten Fotografien durch viel Weißraum die Möglichkeit, eine eigene Wirkung zu entfalten. Das gleich gilt umgekehrt übrigens auch für den Text: das schöne und großzügige Layout macht das Lesen doppelt Freude.

Fazit: „Zettelkästen“ ist ein großartiger Ausstellungskatalog, der auch als eigenständige Publikation funktioniert. Wer sich für Zettelkästen interessiert, gewinnt einen hervorragenden Einblick in die Arbeitsweisen von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die den Zettelkasten als kreatives Werkzeug nutzen. Auch wer sich bislang nicht mit dem Zettelkasten befasst hat, wird hineingeführt in die Faszination der Zettellabyrinthe – und bekommt vielleicht Lust, diese kreativen „Maschinen der Phantasie“ für sich selbst zu entdecken.

Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter (Hrsg.): Zettelkästen. Maschinen der Phantasie (Marbacher Katalog 66), Marbach am Neckar 2013.
ISBN 978-3-93734-83-2| 28 € | 382 S. [Link zum Shop der Literaturarchivs]

[Link zur Infoseite über die Ausstellung auf der Homepage des Deutschen Literaturachivs]