Anfangen muss man selbst

Boris Maggionis Sachbuch „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ hält in zweifacher Weise nicht, was der Titel verspricht: Es ist kein Buch für Fortgeschrittene und sagt nur begrenzt etwas über das Schreiben von Romanen. Wer einen Kindle besitzt und sich für als Neuling für das Schreiben von Geschichten interessiert findet hier aber eine günstige Einführung.

Dass Maggioni nichts Neues schreibt, sieht der Autor selbst: „All das, was in diesem Buch steht, stand so oder ähnlich schon in vielen anderen Büchern.“ (Pos. 1381) Maggioni ist aber der Meinung, ihm sei eine umfassendere, verständlichere und hilfreichere Schreibanleitung gelungen. Es ist das Recht des Autors, dieser Meinung zu sein, aber für ein paar Euro mehr bekommt man etwas mit Fritz Gesings „Kreativ schreiben“ und Sybille Knauss „Schule des Erzählens“ informativere und vor allem besser geschriebene Einführungen.

Methodischer Kern bei Boris Maggioni ist die „Was wäre, wenn …“-Methode (Pos. 1139): Man überlege sich ein Grundsetting und überlege: „Was wäre, wenn …“ Dann überlege man sich 10-30 Alternativen, entscheide sich für die Beste, notiere sich diese und fahre fort „was wäre, wenn dann …“. Das ist die Grundtechnik des Plottings (obwohl sich bei Maggioni der Begriff des Plots nicht findet). Im Prinzip entstehen so durchaus komplexe Geschichten. Damit es nicht zu flach wird, braucht man natürlich gut geschaffene, nicht zu klischeehafte Charaktere. Man brauchte einen starken Konflikt und die Hauptperson muss sich im Laufe der Geschichte verändern. Man muss auf seinen sprachlichen Ausdruck achten. Aber der Kern ist, durch die „Was wäre, wenn“-Frage eine glaubwürdige Geschichte zu schaffen.

Dann muss man nur noch anfangen zu schreiben. Neben dem andauernden Verweis auf die „Was wäre, wenn“-Frage ist das ein zweiter Dauerton des Buches: Alles Wissen über gute Geschichten nützen nichts, wenn man nicht anfängt. Auch damit hat Maggioni zweifellos recht: Wer schon andere Schreibbücher kennt und noch immer auf der Suche ist nach der ultimativen Schreibmethode, wird sie auch hier nicht finden. Er stößt aber auf den richtigen Tipp, einfach anzufangen. Denn das bleibt niemandem erspart.

Was den Roman von anderen Erzählformen unterscheidet, dazu sagt Maggioni eigentlich nichts. Für ihn ist der Roman einfach nur eine komplexere, längere Erzählform, die beim Schreiben einen längeren Atem erfordert als das Schreiben einer Kurzgeschichte. Insofern wäre „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ besser betitelt mit „Schreiben für Anfänger“.

Fazit: Wer schon diverse Schreibbücher kennt, wird hier nichts Neues finden außer der Erkenntnis, dass einem Schriftsteller das Schreiben von niemandem abgenommen wird: Man muss eben anfangen zu schreiben, auch wenn’s schwer fällt. Wer sich neu für das Thema interessiert findet insbesondere in der Kindle-Ausgabe eine locker geschriebene Einführung. Der Erwerb der Printausgabe lohnt sich nicht, weil es für wenig mehr Geld wesentlich bessere Schreibbücher gibt.

Maggioni, Boris: Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene, Selbstverlag (CreateSpace Independent Publishing Platform) o.O. 2012, ISBN 1477671013 | als Taschenbuch 9,90 €, als eBook (nur für Kindle) 4,97€ | 150 S.

Nicht wirklich spannend

BuchcoverEine „Methodenlehre der Spannung“ verspricht Herausgeber Hanns-Josef Ortheil in seinem Vorwort zu Christian Schärfs „Spannend schreiben“. Der Untertitel verrät: Im fünften Band der DUDEN-Reihe „Kreatives Schreiben“ geht es um Krimis, Mord- und Schauerromane. Charakteristisch für die ganze Buch-Reihe ist der Versuch, in die Schreibwerkstätten ausgewählter Schriftsteller zu führen, um dort Anregungen für das eigene Schreiben zu bekommen. Das hatte bislang durchaus seinen Charme, tendiert in „Spannend schreiben“ aber stark zu einem germanistischen Proseminar. Auch wenn bei Schärf einige interessante Überlegungen zu finden sind – gemessen an dem Versprechen, eine „Methodenlehre der Spannung“ vorzulegen, muss das Buch enttäuschen.

Schärf nähert sich dem Begriff der Spannung auf rezeptionsästhetische Weise: Statt zu versuchen, einen allgemeinen Begriff von Spannung vorzulegen, schlägt Schärf vor, Spannung zu verstehen als „ein Phänomen, das zwischen den Akten der Herstellung eines Textes einerseits und seiner Wahrnehmung bei Lesern andererseits liegt“ (S. 10). Das Kapitel über die „Erschaffung des Lesers“ (S.119ff) gehört daher zu den interessantesten Abschnitten des Buchs. Die Kunstfertigkeit des Krimi-Autors liegt für Schärf letztlich nicht in der Verwendung literarischer Tricks der Spannungserzeugung, sondern in der „Einbindung des Lesers in die Aufklärungsarbeit“ (S. 121). Das wichtigste Instrument ist dabei die „Aussparung“ (S. 12) und die „Zurückhaltung von Information“ (S. 121): „Was wir als ‚spannend schreiben’ bezeichnen, hängt davon ab, inwieweit es dem Autor gelingt, einen Leser zu schaffen, der seine eigenen Projektionen und Hypothesen auf die Handlung bezieht und damit eine Identifikation mit dem Verbrechen und seiner Vor- und Nachgeschichte herstellt.“ (S. 123)

Das Phänomen Spannung äußert sich darin, dass ein spannender Text die Aufmerksamkeit des Lesers bindet. Das geschieht nicht einfach so: Solche „Spannung muss … erzeugt werden“ (S. 11), und zwar indem der Stoff, aus dem eine Geschichte besteht, dramatisiert wird. Das gelingt am einfachsten dadurch, dass der Autor Informationen zurück hält. Im Englischen steht dafür der Begriff der Suspense, den Schärf nicht ganz zutreffend als „Aufschub“ übersetzt.  ‚To keep somebody in suspense’  bedeutet aber eher, jemanden in Ungewissen lassen bzw. auf die Folter zu spannen – in diesem Fall: den Leser. Auch wenn Schärf sich etwas unklar ausdrückt, meint er aber genau das.

Die Kernfrage ist dann also, wie es einem Autor gelingt, seinen Leser dazu zu bringen, sich auf die Folter spannen zu lassen. Auf diese Frage sollte eine Methodenlehre der Spannung Antwort geben – und genau hier setzt die Enttäuschung über das Buch ein: Auch wenn es durchaus gute methodische Hinweise gibt, mangelt es doch an einer systematischen Entfaltung. Das liegt meines Erachtens vor allem an Schärfs Grundannahmen und der  Grundkonzeption des Buches.

Zweifellos interessant sind die Hinweise zum dem, was Schärf „Antizipation der Bedrohung“ (S. 20) nennt und die Überlegungen zur „Gestaltung von Zonen der Angst“ (S. 46). Es ist konstitutiv für die Angst im Unterschied zur Furcht, dass sich die Angst auf eine mögliche Bedrohung richtet. Diese Bedrohung anzudeuten, ihre Konkretion aber zu verzögern, schafft eine spannungsvolle Atmosphäre, die schrittweise aufzubauen ist: im einem zunächst gefahrlosen Raum gibt es erste Anzeichen einer Bedrohung, dies sich erst allmählich manifestiert und sich schließlich als echte Gefahr zeigt: im Schauerroman als übermenschliche Bedrohung, im Kriminalroman als unmenschliche. Die diffuse Angst schlägt in Frucht und Grauen um. Ein wichtiges Mittel ist dabei die Darstellung der Orte und Rahmenbedingungen als „Angstzonen“. Beides kann man sich sehr gut am Beispiel eines Films wie „Alien“ deutlich machen: in dem Science-Fiction-Film ist das Alien im überwiegenden Teil des Filmes gar nicht zu sehen; zur klaustrophobischen Atmosphäre trägt vor allem die Darstellung des Raumschiffs bei. Christian Schärf führt die klassische Verwendung dieser Stilmittel an Beispielen von Edgar Allan Poe, Bram Stoker und E.T.A. Hoffmann vor.

Die Grundannahme jedoch, dass das Phänomen der Spannung „keine empirisch zu bestimmende materielle Basis aufweist“ (S. 10) führt Schärf zu einer (durchaus begründeten) Skepsis gegenüber Patentrezepten der Spannung. Schärfs These von der Erschaffung des Lesers hebt ja zu Recht hervor, dass nicht jeder Leser sich von einem Text gefangen nehmen und auf die Folter spannen lässt. Der Autor kann im Einsatz seiner Spannungsmittel scheitern. Deshalb aber zum Beispiel ein beliebtes Mittel wie cliffhanger  nur begrifflich zu erwähnen (vgl. S. 119), ohne das Mittel selbst vorzustellen, ist ein Manko. Ja, der übermäßige Gebrauch der Methode, ein Kapitel auf dem Höhepunkt der Spannung abzubrechen und verzögert fortzusetzen, ist auf Dauer einfallslos und ermüdet bald. Das zeigen zum Beispiel die Romane von Dan Brown, die fast nur mit diesem Mittel arbeiten. Trotzdem haben die Bücher ein Millionenpublikum gefesselt. Wer Alwin Fills sprachwissenschaftliche Analyse „Das Prinzip Spannung“ liest, wird auf eine verwirrende Vielzahl von empirisch bestimmbaren Elementen der Spannung auf allen Ebenen der Sprache stoßen: Kein Element muss, aber jedes einzelne kann Spannung erzeugen. Für eine Methodenlehre der Spannung wäre es eigentlich notwendig, die für die Praxis des kreativen Schreibens relevantesten Aspekte darzustellen. Das kommt in Schärfs Buch zu kurz.

Auch die Grundkonzeption mündet letztlich in eine Enttäuschung. Christian Schärf bezieht spannendes Schreiben ausschließlich auf Schauer- und Kriminalgeschichten. Seine plausibel ausgeführte These ist, dass sich der moderne Kriminalroman aus der  gothic novel des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Den Prozess dieser Entwicklung zeichnet er nach, indem er zunächst Grundelemente der Angstspannung in der Schauerliteratur darstellt, und dann über die Erfindung der Detektivfigur und der Rätselspannung zu zeitgenössischen Thrillern gelangt. Schärfs Analysen sind interessant zu lesen und im Detail durchaus aufschlussreich. Spannend schreiben bedeutet aber mehr als Krimis zu schreiben. Auch ein Liebesroman lebt von der Spannung der Ungewissheit, ob sich die beiden am Schluss kriegen oder nicht. Das kann spannend sein „wie ein Krimi“. Auch mein „Alien“-Beispiel zeigt: Spannung gibt es nicht nur im Krimi. Es spricht natürlich nichts dagegen, Spannungsliteratur vorwiegend auf den Kriminalroman zu beziehen und exemplarisch vorzuführen. Eine Methodenlehre des spannenden Schreibens sollte aber ansetzen bei der allgemeineren Frage, welche erzählerischen Mittel zur Spannung einer Geschichte beitragen.

Wer nun wiederum denkt, er bekäme zumindest Hinweise zur Konstruktion einer Kriminalgeschichte wird ebenfalls enttäuscht sein. Im Kapitel zum Plotting (S. 92ff) findet man gerade keine Methoden zur Herstellung eines Plots, also eine Handlungslinie, sondern nur die Entfaltung zweier spezifischer Plotstrukturen: der Reise und des Wettstreits. Die Überlegungen zum Krimi als Reise in eine labyrinthische Struktur, die der Detektiv erkunden und entwirren muss (wie im klassischen Detektivroman) und der Krimi als Wettstreit zwischen Täter und Ermittler (etwa im Genre der Serienmördergeschichten) sind kenntnisreich geschrieben und interessant zu lesen. Auf die entscheidende Frage, wie man ein kriminalistisches Rätsel und Labyrinth entwirft, in das man Detektiv und Leser dann schickt, gibt Schärf aber keine Antwort.

Da helfen auch die Schreibaufgaben nicht weiter. Sie fordern zuweilen im Stile von schulischen Klausuraufgaben zur Analyse klassischer Texte auf oder ermuntern zur Imitation eines Stils bzw. die Verfassung von Pastichen. Im Unterschied zu früheren Bänden der DUDEN-Reihe finden sich in den Schreibaufgaben aber kaum methodische Bündelungen von Schreibverfahren exemplarisch vorgestellter Autoren.

Fazit: Eine „Methodenlehre der Spannung“ ist Christian Schärfs Buch „Spannend schreiben“ also nicht. Die Ausführungen sind zwar informativ und die Analysen können überzeugen, aber es fehlen grundsätzliche Überlegungen zu dem, was Texte und Geschichten – jenseits von Krimi und Grusel – spannend macht.  Andererseits bietet das Buch auch kein spezifisches Handwerkzeugs zum Entwickeln eines Krimi-Plots. Die Stärken des Buches liegen darum eher in der Reflexion auf einige Grundlagen der klassischen Kriminalliteratur, weniger in der praktischen Anregung zum kreativ-spannenden Schreiben. Obwohl die als „Schreibverführer“ beworbenen Bücher gerade das versprechen. „Spannend schreiben“ löst dieses Versprechen nicht ein.

Christian Schärf: Spannend schreiben. Krimi, Mord- und Schauergeschichten, , 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012. ISBN 978-3-411-75436-6| 14,95 € | 157 S.

Unterwegs Schreiben

Wenn einer eine Reise tut, hat er nicht nur was zu erzählen, er kann auch davon schreiben. Schreiben und Reisen bilden oft eine Symbiose: „Kaum eine andere kulturelle Praxis hat so viel zur Ausbildung des Schreibens beigetragen wie das Reisen.“ (S. 9) Mit dieser These leitet Hanns-Josef Ortheil den mittlerweile vierten Band der DUDEN-Reihe zum Kreativen Schreiben ein. Noch immer gehört das Schreiben von Postkarten für viele als Ritual zum Urlaub. Ergänzt wird das private Schreiben aus der Ferne mittlerweile durch das öffentliche Schreiben in Blogs und über Facebook. Ortheil nimmt diese Bandbreite mit in den Blick. Dabei wiederholen sich notgedrungen die Grundelemente des Schreibens, wie sie bereits in den vorliegenden Büchern der Reihe dargestellt wurden. Inspirierend kann die Lektüre trotzdem sein.

Die von Ortheil herausgegebene DUDEN-Reihe zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen Blick in die Schreibwerkstatt von Schriftstellern wirft. Dieses Prinzip setzt sich auch in „Schreiben auf Reisen“ fort. Jedem Kaptitel sind am Schluss wieder Schreibaufgaben beigefügt, die den Schreibansatz komprimiert darstellen und konkrete Schreibimpulse geben. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Schreibmöglichkeiten exemplarisch vorgeführt werden. Es bleibt aber auch bei den Nachteilen, dass die methodischen Hinweise zuweilen gekünstelt wirken. Auch fehlen wichtige Schreibansätze oder Schriftsteller, in diesem Fall zum Beispiel die literarische Form der fiktionalen Reise wie in „Gullivers Reisen“ oder „Utopia“ oder auch Felicitas Hoppe, die als wichtige, zeitgenössische Reiseschriftstellerin gilt (wie überhaupt mit Eva Corino nur eine einzige Frau vertreten ist).

Ortheil gliedert sein Buch in fünf Teile. Er beginnt mit Vorübungen, die das ‚kleine Reisen’ literarisch umsetzen: den Spaziergang (Franz Hohler, Jean-Jacques Rousseau, Nik Cohn), die Flanerie (u.a. David Wagner), die Wanderung (Matsuo Bashô, Joseph Roth) und die „Reise um mein Zimmer“ (Xavier de Maistre). Schon hier deutet sich an, was im zweiten Abschnitt gewiss wird: Schreiben auf Reisen ist ein besonderer Schreibkontext, der zurück greift auf die bekannten Formen des Tagebuchs (Franz Kafka, Cees Nooteboom, Albert Camus) und der verschiedenen Arten von Notizbüchern, sei es frei geführt (Ryszard Kapuściński) oder thematisch gebunden (Jean-Paul Sartre, Eva Corino, Alexandre Dumas u.a.). Daher gibt es viele explizite Querverweise auf die anderen Bücher der Reihe.

Im dritten Teil verschiebt sich der Focus vom privaten Schreiben hin zum Schreiben für andere. Dabei werden die Möglichkeiten aufgezeigt, die üblichen Formen von Reisepost wie die Postkarte (Jurek Becker) oder den Reisebrief (Guiseppe Tomasi di Lampedusa) als literarische Ausdrucksweisen zu verstehen. Auch die moderne Konkurrenz eines solchen Schreibens für andere in Form von SMS, Mail und Blog, sowie das Schreiben über Twitter und Facebook wird angesprochen. Obwohl diese Formen des Schreibens in modernen Kommunikationsmedien ein großes Potential bieten, fallen die beiden entsprechenden Kapitel inhaltlich doch sehr gegenüber dem Rest des Buches ab. Insbesondere die Form des Reiseblogs hätte hier mehr Beachtung verdient. Leider verzichtet Ortheil bei diesem Kapitel sogar auf Schreibaufgaben und verweist nur summarisch auf Porombkas „Schreiben unter Strom“.

Die stärkten Kapitel des Buches finden sich in den beiden Schlussteilen: Im vierten Teil stellt Ortheil Reiseprojekte vor, bei denen sich Reisen und Schreiben eng verzahnen, und das Schreiben nicht nur eine Begleiterscheinung des Reisens ist: Beim Ethnologischen Schreiben (Bernardino de Sahagún; Roland Barthes) geht es um die schreibende Erkundung von fremden wie nahen Lebenswelten. „Reisen auf den Spuren eines anderen“ (Alain de Botton) zeigt dagegen auf, wie spannend reflektiertes Nachreisen der Wege berühmter Personen sein kann. Am Beispiel einer Parisreise Max Brods und Franz Kafkas wird das Schreibprojekt eines „Reisens (und Schreibens) zu zweit“ vorgeführt, während die vorgestellte Künstlerreise (wie sie die Zeitschrift Kunstforum in einer Ausgabe einmal dokumentierte) die Grenze von Schreiben und darstellender Kunst überschreitet. Der fünfte Teil stellt schließlich Formen der Ausarbeitung von Reisenotizen zum Reisebericht (Georg Forster), zur Reiseerzählung (Ernest Hemingway) und zum Reiseroman (Joseph von Eichendorff; Jack Kerouac) vor.

„Schreiben auf Reisen“ kann zwar durchaus interessant und inspirierend sein, kann aber genauso enttäuschen, denn im Vergleich mit „Schreiben dicht am Leben“, „Schreiben Tag für Tag“ und „ Schreiben unter Strom“ gibt es nur wenig Neues. Die in den ersten drei Bänden vorgelegten Einblicke in Techniken des Notierens, des Tagebuchs und des Schreibens mit neuen Medien werden hier bloß mit dem Focus auf das Setting der Reise noch einmal durchbuchstabiert. Wer das möchte, findet gute Anstöße zum Schreiben. Ansonsten wirkt der vierte Band der DUDEN-Reihe mit seinen zahlreichen Rückverweisen wie ein thematisch fokussierter Nachtrag. Leser, die die ersten Bände nicht kennen, und sich nur für das Thema des Schreibens unterwegs interessieren, werden möglicherweise enttäuscht sein darüber, dass einige Punkte nur angerissen werden mit dem Verweis, weitergehendes in den anderen Bänden zu finden.

Sparsam sind auch wieder die methodischen Hinweise. In einer kurzen Nachbetrachtung stellt Ortheil die Vorzüge eines Spiralnotizbuchs vor, dessen Seiten – nur einseitig beschrieben – sich einfach entnehmen und neu arrangieren lassen, beispielsweise in einem großformatigen Skizzenheft. Schon in Ortheils „Schreiben dich am Leben“ fehlte eine ausgearbeitete Methodik, die zeigt, wie aus Notizen umfangreichere Werke werden können. „Schreiben auf Reisen“ hätte dies exemplarisch nachholen können. Dass „Schreiben auf Reisen“ dennoch durchaus gelungen ist, liegt deshalb erneut an dem Ansatz, einen Blick in die Schreibwerkstätten von Schriftstellern zu werfen. Das Gewicht liegt dabei auf den Betrachtungen elementarer Schreibformen in Notizbuch, Tagebuch und Journal.

Fazit: Hanns-Josef Ortheil fügt mit „Schreiben auf Reisen“ der DUDEN-Reihe zum Kreativen Schreiben einen thematischen Band zum Skizzieren und Notieren bei. Der Gesamteindruck ist ambivalent: Im Vergleich mit den früheren Bänden erfährt man nicht viel Neues, sieht aber beispielhaft vorgeführt, wie Schriftsteller unterwegs Eindrücke und Gedanken festgehalten und später in größeren Projekten weiter verarbeitet haben. Schade ist, dass das Schreiben von unterwegs in modernen Medien recht oberflächlich behandelt wird. Das gilt umso mehr, als viele Reisende gerade im Internet ihre Eindrücke veröffentlichen und mehr Hinweise erwarten dürften als bloß den andauernden Verweis auf Porombkas „Schreiben unter Strom“. Wer sowieso schon ständig notiert, wird dies auch beim Reisen tun, und muss dazu nicht erst durch Ortheils Buch angeregt werden; er oder sie kann aber bei den Vorstellungen umfangreicherer Schreibprojekte durchaus gute Anregungen finden. Tatsächlich sind die Kapitel zu Reise-Schreibprojekten und zum Schreiben nach der Reise der eigentliche Gewinn des Buches. Auf den Punkt gebracht: Eigentlich genügt es, die letzten 50 Seiten des Buches zu lesen; die ersten 100 Seiten sind im Prinzip nur Wiederholung.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben auf Reisen. Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012. ISBN 978-3-411-75371-0| 14,95 € | 158 S.

Unter Strom

Cover von "Schreiben unter Strom"Schreiben in Sozialen Netzwerken beeinflusst die Art und den Stil des eigenen Schreibens. Die Vernetzung mit Lesern, die zu Mitschreibern werden können, eröffnet ein weites Experimentierfeld. Stephan Porombka stellt im dritten Band der DUDEN-Reihe zum Kreativen Schreiben einige der Möglichkeiten vor. Das ist zwar nicht ganz das Thema dieses Blogs – aber da ich die anderen beiden Bände schon besprochen habe (1; 2), will ich der Vollständigkeit wegen ein paar Anmerkungen zu dem Buch machen.

Den wichtigsten Hinweis nennt Porombka ganz zum Schluss: „Wer unter Strom schreibt, schließt nicht bestimmte Möglichkeiten aus. Wer unter Strom schreibt, schließt ausdrücklich alle Möglichkeiten ein und bringt sie ins Spiel, um sie immer wieder mit etwas anderem zu kombinieren und dadurch neue Impulse zu bekommen und sie gleichzeitig an andere weiterzugeben.“ (153f) Die Schreibempfehlungen zielen aufs schreibende Experimentieren. Den Untertitel des Buches sollte man also ernst nehmen.

Porombka gliedert sein Buch in drei Teile: Im Grundlagenteil geht es zunächst um die Möglichkeiten, am Computer Texte zu zerlegen und – zuweilen ganz zufällig – neu zu kombinieren. Die Technik ist zwar schon alt, erfährt in Zeiten von Internet, Copy & Paste aber neue Möglichkeiten: Bei der Flarflyrik geht es beispielsweise darum, Resultate einer Google-Suche zu einem neuen Text zu arrangieren. Ein zweiter Punkt ist die Auflösung linearer Strukturen in Hypertexten. Auch diese Technik hat es schon vor dem PC gegeben, aber erst in digitalen Hypertexten entfalten sich die ganzen Möglichkeiten, sei es durch Inner-Textliche Links, sei es durch Links ins WWW. Die dritte Grundtechnik ist die Textbegrenzung und Reduktion wie bei der SMS, bei der nur eine begrenzte Anzahl an Zeichen zur Verfügung steht, und schließlich die Vernetzung solcher Möglichkeiten durch Dienste wie Twitter.

Der zweite Teil des Buches stellt Experimente mit diesen Grundtechniken vor. Beim Schreiben und Experimentieren wird auf die neuen, technischen Möglichkeiten zurückgegriffen, das Ergebnis zielt aber am Ende auf Texte in herkömmlicher Form. So haben beispielsweise Alexander Aciman und Emmett Rensin Texte der Weltliteratur so bearbeitet, dass eine Geschichte als Folge von rund 20 Tweets erzählt wird. Im ihrem Buch „Twitterature“ dampfen sie so ein ganzes Regal an Weltliteratur auf gerade mal 146 Seiten ein. Komplexere Möglichkeiten bietet der klassische Briefroman, auf E-Mail-Korrespondenz umgebrochen: So kann man sich unter www.die-leiden-des-jungen-werther.de dazu anmelden, Werthers Briefe als einzelne E-Mails zusenden zu lassen, z.B. in den Abständen, in denen Goethes Werther seine Brief einst schrieb.

Auf der Grundlage neuer, elektronischer Kommunikation lassen sich natürlich nicht nur Klassiker bearbeiten. Der nächste Schritt ist, selbst auf dieser Basis Texte zu produzieren. Als Beispiele stellt Porombka die E-Mails von Matthias Zschoschke an Niels Höpfner vor, die sich als digitales Journal und Werkstatt-Bericht lesen lassen. Andere Autoren wie Daniel Glattauer erzählen eine Geschichte durch die E-Mail-Korrespondenz zweier Personen. Jan Kossdorff lässt in seinem Roman sogar 15 Mailschreiber miteinander kommunizieren.

Im dritten Teil von „Schreiben unter Strom“ skizziert Porombka schließlich, wie ein Schreiben aussehen kann, das nicht mehr unmittelbar auf Buchveröffentlichung zielt, sondern vorrangig als Netzliteratur entsteht. An der Grenze steht da zunächst das Schreiben im Blog. Porombka wartet da mit einer steilen These auf: „Einen Blog zu machen heißt: sich die Buchkultur abzugewöhnen.“ (88) Porombka meint das nicht kritisch. Er will damit auf die veränderten Schreibbedingungen aufmerksam machen: Das Schreiben erfolgt nicht mehr in großen Abständen, mehrfach redigiert, sondern oft von Tag zu Tag oder gar von Stunde zu Stunde. Das verlangt nach einem anderen, nämlich entspannteren Schreiben: „Verspannt oder verkrampft man beim Bloggen, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass man immer noch viel zu sehr an die alte Verlags- und Feuilletonkultur denkt. Deshalb ist der wichtigste Hinweis für angehende Blogger: Locker bleiben!“ (ebd.) Tatsächlich haben allerdings die angeführten Autoren wie Andrew Sullivan und Sven Regener ihre Blogeinträge längst wieder in Buchform veröffentlicht.

Anders ist beim Schreiben in Facebook. Jenseits der schlichten „Was ich grad mache“-Meldungen kann Facebook zu einem interessanten Experimentierfeld werden. Etwa wenn Jan Fischer zwar Beobachtungen niederschreibt, das schreibende Ich dabei aber nicht identisch sein muss mit dem Schriftsteller Jan Fischer. Die Faszination von Facebook greift aber erst, wenn durch die Kommentare neue Textebenen entstehen, für die nicht mehr ein Autor allein verantwortlich ist. Die Grenze zwischen Autor und Leser verwischt. Das gilt dann in noch radikalerer Form für Jonas Bohlken, der in „neosex“ Online-Gespräche aus einschlägigen Foren dokumentiert. Das Werk liegt auf einem USB-Stick vor. Über einen Browser lassen sich Links ins Internet Welt verfolgen. Das sicher aufwendigste Konzept, das Porombka am Ende seines Buches vorstellt, ist „transmedia storytelling“. Im transmedialen Erzählen verschränken sich Virtualität und Realität: eine Geschichte wird auf Flugblättern, über Facebook und Blog-Einträge sowie Performances an echten Orten erzählt. Ein aufwendiges Konzept, das vor allem in der Werbung zum Tragen kommt.

Jedes der dreizehn Kapitel enthält am Schluss eine Schreibaufgabe, um die vorgestellten Techniken auszuprobieren. Wie bei den beiden anderen DUDEN-Bänden wirken diese Schreibübungen aber manchmal etwas bemüht. Auch darf man – wie in den anderen Bänden der Reihe – keine ausführlichen, technischen Hinweise zur Umsetzung erwarten. Zwar gibt es Hinweise auf blogger und wordpress, aber wie ein Blog eingerichtet und dauerhaft organisiert wird interessiert Porombka nicht. Es gibt sogar technische Hinweise, die eher problematisch sind, wie etwa die Empfehlung, bei Facebook einen Fakeaccount zum Experimentieren einzurichten, was offensichtlich den Nutzungsrichtlinien bei Facebook widerspricht.

Schade ist, dass das Buch selbst keine Schnittstelle zum Internet hat. Ein begleitender Blog oder zumindest eine einzelne Seite mit Links wäre ein schöner Service für die Leser, die sich damit das Abtippen von Links wie https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1785439154172.2104292.1185308648&i=972f9989fb ersparen könnten.

Fazit: Stephan Porombka legt mit „Schreiben unter Strom“ eine knappe Übersicht über Möglichkeiten des Schreibens im Kontext von E-Mail und sozialen Netzwerken vor. Zuviel sollte man sich davon aber nicht erwarten: Der Buch ist keine technische Anleitung für den Betrieb von Blogs oder zur Nutzung von Facebook und Twitter. Zielgruppe ist letztlich weder der Social-Media-Neuling, der eine Starthilfe braucht, noch der routinierte Blogger, der nach neuen Impulsen sucht. Porombka zielt auf Menschen, die neue Schreibmöglichkeiten ausprobieren möchten. Am Ende geht es also ums Experimentieren mit den neuen Medien und die Frage, wie sich darüber das eigene Schreiben verändert und weiter entwickelt. Wer sich darauf einlässt findet eine Reihe von Anregungen, auch wenn manches davon schon altbekannt ist. Schade ist allerdings, dass der Autor die neuen Medien nicht nutzt, um eine Schnittstelle von Buch und Netz zu schaffen.

Stephan Poromka: Schreiben unter Strom. Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012.
ISBN 978-3-411-74921-8| 14,95 € | 159 S.

Täglich Schreiben

Tagebuch schreiben scheint einfach und voraussetzungslos: eine Kladde und ein Stift genügen, um mit täglichen Aufzeichnungen aus dem eigenen Leben zu beginnen. Probleme scheint es allenfalls damit zu geben, wirklich regelmäßig zu schreiben. Aber stimmt dieser Eindruck? Wie schon in Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ stellt Christian Schärf im zweiten Band der Duden-Reihe „Kreatives Schreiben“ an konkreten Beispielen Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Schnell wird dabei deutlich: Selbst ein jugendlicher Herz-Schmerz-Eintrag ist nicht einfach unmittelbarer Ausdruck, sondern schreibend gestaltet: „In diesem Sinn ist das Tagebuchschreiben eine Form des literarischen Schreibens“ (17), auch wenn es nicht auf Veröffentlichung zielt, sondern privater Eintrag ist und bleiben soll.

Was fällt unter ein Tagebuch? Die Grundlage ist für Schärf zunächst die Notiz über ein Ereignis oder Erlebnis. Der Übergang zum Tagebuch geschieht, wo diese Notizen einer chronologischen Ordnung folgen: „Schreiben Tag für Tag bedeutet, festzuhalten, was sonst im Strom des Zeit untergehen würde.“ (11f) Das kann in einer sehr einfachen Form eine Notiz im Kalender sein, wie dies beispielsweise E.T.A. Hoffmann eine zeitlang praktiziert hat (S. 29ff). Dennoch lassen die Grenzen nicht immer scharf ziehen: Gottfried Benns Aufzeichnungen im Notizbuch folgen keiner strengen Ordnung und sind doch auch eine Art von Tagebuch. Auf der anderen Seite können die Einträge  klar definierten Absicht folgen, wie beim Journal, das einen Arbeitsprozess begleitet: „Beim Tagebuchschreiben ist somit im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“ (16)

Dennoch gibt es natürlich Elemente, die tagebuch-typisch sind: neben der Chronologie gehört dazu der private Selbstbezug (13) und die Monologstruktur (ebd.): „Es ist die Stetigkeit des Vor-sich-selbst-Zeugnis-Ablegens, von der sich Tagebuchschreiber aller Epochen eine klarere Erkenntnis ihrer selbst wie ihrer Umwelt versprochen haben.“ (14).

Pragmatische Erwägungen spielen nur am Rande eine Rolle (wie schon in „Schreiben dicht am Leben“): Wie organisiert man die Schreibzeit? Morgens, abends, zwischendurch? Welches Material bietet sich an? Nimmt man ein kostbares Buch für Zuhause oder ein Notizbuch zum Mitnehmen? Was bedeutet das handschriftliche Tagebuch führen – im Unterschied zum Schreiben am PC? Zwar gibt es vereinzelte Hinweise auf die Praxis der verschiedenen Tagebuch-Autoren, aber es bleibt bei Randnotizen. Nur im Schlusskapitel geht Schärf kurz darauf ein. Obwohl er anmerkt, dass die Rahmenbedingungen des Schreibens für Tagebuchschreiber „von erheblicher Bedeutung“ (142) sind, beschränkt er sich auf eine Skizze von rund einer Seite.

Die 25 Kapitel des Buches sind nicht noch einmal untergliedert. Schärf gliedert in der Einführung ohne Angabe der Kaptitel nach spontanen Aufzeichnungen, Formen von Chronik und Journal, herausragenden Themen und Schreibweisen sowie literarische Überformungen. Diese Einteilung aufgreifend könnte man die Kapitel wie folgt gruppieren:

[A Grundformen des Tagebuchs]

1. Die spontane Aufzeichnung (Franz Kafka)
2. Das anarchische Notizbuch (Gottfried Benn)
3. Der Schreibkalender (E.T.A. Hoffmann und Christiane Goethe)

[B Tagebuch als Chronik und Journal]

4. Die minimale Chronik (Johann Wolfgang Goethe)
5. Das elementare Journal (Samuel Pepys)
6. Das asketische Journal (Trauerarbeit bei Novalis)
7. Die pedantische Chronik (Thomas Mann)
8. Das erzählte Leben (Victor Klemperer und Andy Warhol)
9. Das Arbeitsjournal (Berthold Brecht)

[C Tagebuch als Selbstreflexion]

10. Die Entdeckung des Ichs (Franz Kafka)
11. Ich selbst, so wie ich bin (Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Hebbel)
12. Die persönliche Liste (Susan Sonntag und Jochen Schmidt)
13. Ich elender Mensch ! (Schonungslose Selbstbeurteilung bei Leo Tolstoi, Cesare Pavese und Franz Kafka)
14. Das Allerheiligste meiner Seele (Selbstverherrlichung und „pharaonisches Tagebuch“ (G.R. Hocke) bei Georg Heym und Franz Kafka)

[D Thematische Tagebücher]

15. Offensein für die Dinge (notierte Beobachtungen und Entdeckungen bei Hanns-Josef Ortheil und Anne Frank)
16. Gefühle (Romy Schneider, Max Frisch, Georg Heym)
17. Träume (Theodor W. Adorno und Georg Heym)
18. Das Arsenal der Ideen (Albert Camus und Charles Baudelaire)
19. Beschreiben (Reisetagebuch z.B. bei Franz Kafka, Anäis Nin und Arthur Schopenhauer)
20. In my secret life (Erotisches Tagebuch, ohne Beispiele)
21. Tage des Lesens (Lektüretagebuch bei Jochen Schmidt)
22. Das Gesellschaftsjournal (Fritz J. Raddatz)

[E Literarische Tagebuch-Formen]

23. Die autobiografische Collage (Walter Kempowski)
24. Das Journal als Hypertext-Performance (Rainald Goetz)
25. Die verdichtete Zeit (fiktional verfremdete Geschichten bei Clemens Meyer)

Die Probleme des Buches sind sehr ähnlich denen von Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ (siehe Rezension):

  • Durch die Orientierung an konkreten Tagebuch-Schreibern fällt auf, dass bekannte Tagebuchschreiber fehlen (z.B. Jochen Klepper, Erich Mühsam oder Sylvia Plath, Anne Frank wird nur einmal erwähnt), während Franz Kafka omnipräsent ist. Aber auch hier ist zuzugestehen: Vollständigkeit ist nicht möglich.
  • Das Inhaltsverzeichnis ist leider nicht so klar gegliedert wie bei Ortheil. Zur schnelleren Orientierung in der Systematik wären überschriebene Blöcke von Kapiteln hilfreich. Zudem sind nicht alle Kapitelüberschriften selbstverständlich. Warum Kapitel 6 beispielsweise „Das asketische Journal“ heißt, ist mir unklar geblieben, geht es darin doch um Novalis Trauerarbeit und Todesreflexionen.
  • Die Schreibaufgaben am Ende jedes Kapitel sind wieder methodische Bündelungen. Sie sollen dabei helfen, heraus zu finden, welcher Tagebuchtyp man selbst ist. Dabei wirken die Aufgaben zum Teil sehr gestelzt und künstlich. Die Anregungen gehen eher von den Beispielen aus, nicht von diesen Schreibaufgaben. Ich habe den Verdacht, dass die Aufgaben Tagebuchneulingen wenig nützen werden.

Die größte Schwäche von Schärfs Buch ist, dass er den Adressatenbezug des Tagebuchs nicht systematisch reflektiert. Ich halte das allerdings für die zentrale Frage des Tagebuchschreibens. Wahrscheinlich führen die wenigsten Menschen Tagebuch, um Literatur zu produzieren. Sie halten schriftlich fest, was ihnen am Tag wichtig war. Dass das Tagebuch dabei „in den meisten Fällen der Verständigung eines Ichs mit sich selbst“ diene (10), hält Schärf zwar für einen wesentlichen Grundzug des Tagebuchschreibens. Trotzdem grenzt er sich deutlich z.B. von Tristine Rainers Ansatz ab, die im New Diary die Möglichkeit sieht, dass der Schreiber mit sich selbst kommuniziert (vgl. Rainer, Tagebuch schreiben, S. 10). Für mich sind die Voraussetzungen die gleichen, aber Rainer baut ihr ganzes Buch auf diesem Ansatz auf. Für sie ist das Tagebuch ein „praktisches, psychologisches Werkzeug“ (ebd., S.11) um zu lernen Gefühle auszudrücken, an Gewohnheiten zu arbeiten und auszusprechen, was einen im Innersten bewegt. Wer Tagebuch schreibt, benutzt das Schreiben, um etwas über sich selbst zu erfahren: indem man später das Geschriebene liest und auf Muster, Wiederholungen und Leitmotive etc. reflektiert. Adressat des Schreibens ist dann das später lesende Ich, kein literarisch interessiertes Publikum.

Für Schärf hingegen ist das Tagebuch, egal ob Chronik oder Journal, eine literarische, keine psychologische Methode der Selbstreflexion, selbst wenn der Autor nicht auf Veröffentlichung zielt und nie „zu einer ‚Professionalität’ des Tagebuchführens gelangt“ (148). Schärf weist zu Recht darauf hin, dass jede Form von Verschriftlichung bereits auf literarische Mittel zurück greifen muss und Unmittelbarkeit nicht zu erreichen ist. Gerade das Tagebuch ist aber oft (wie das Notizbuch) Ort der Skizze und des Schreibens ins Unreine. Das macht einen Teil seiner Faszination aus. Für Schärf scheint dies aber eher an die Grenzen der Tagebuch-Literatur, wie er sie versteht, zu führen: „Man kann dabei [beim Niederschreiben vom Gefühlen; KD] spontan vorgehen und aufschreiben, was und wie man gerade fühlt. Diese Art der Fixierung findet sich oft bei jungen Tagebuchschreibern, die sich mit ihren wechselnden Stimmungen beschäftigen und das Tagebuch als Gegenüber nutzen, das sie in ihrer Umwelt nicht zu finden glauben. Immer kommt es jedoch darauf an, dass einem bei aller Spontaneität die geeigneten sprachlichen Mittel zur Verfügung stehen, die eine Fixierung von Gefühlsgehalten erlauben.“ (90) Aber: Kommt es wirklich darauf an?

Es ist eine interessante Sache, dass das Tagebuch selbst zum Gegenüber – um damit selbst zum Adressaten werden kann („Liebes Tagebuch …“). Ihm kommt dabei eine Mittlerrolle zu: Das schreibende Ich teilt über das Tagebuch als aktuellem Gegenüber einem später lesenden Ich etwas mit – mit den sprachlichen Mitteln, die gerade zu Verfügung stehen. Das ist nicht unproblematisch und hat das Tagebuch in Verruf gebracht: Wenn heute bei Diary Slams Tagebuch-Autoren ihre jugendlichen Peinlichkeiten vor Publikum ausbreiten, hat das natürlich damit zu tun, dass literarisch geeignete sprachliche Mittel nicht zur Verfügung standen, sondern nur sprachliche Klischees und Plattitüden. Das später lesende Ich ist reifer und kann sich über das schreibende Ich prächtig amüsieren. In die gleiche Richtung zielt der Beleg, den Schärf anführt: einen Tagebuch-Eintrag der jugendlichen Romy Schneider. Die Unreife und literarische Unzulänglichkeit von Schneiders Text sieht Schärf darin, dass die Autorin nach kurzer Zeit nicht mehr nachvollziehen kann, warum sie „so etwas schreiben konnte“ (91). Für Tristine Rainer würde wahrscheinlich genau diese Frage, warum man einmal so etwas schreiben konnte, zum Ausgangspunkt für weiteres Nachdenken über sich selbst und die eigene Entwicklung. [Henning Luther (Religion und Alltag, S. 118ff) leitet übrigens aus dieser Erfahrung die These ab, dass ein Tagebuchschreiber eben nicht nur mit sich selbst kommuniziert, sondern mit einem „fiktiven Anderen“, der in der christlichen Tradition den Namen Gott trägt – aber das nur am Rande.]

Beim Eintrag Romy Schneiders ist der private Kontext unübersehbar. Wie Schneider werden nur wenige Tagebuchschreiber beim Schreiben an ein großes Lese-Publikum denken. Das ist zum Beispiel bei Max Frisch der Fall, den Schärf Schneiders Eintrag gegenüberstellt. Frischs Tagebücher sind gerade keine spontanen Notizen, sondern sprachlich gestaltete und überarbeitete Kunstwerke, die die Form des Tagebuchs literarisch überhöhen. Die zweifellos faszinierenden Reflexionen Frischs sind ein Beispiel für das, was Tagebuch-Literatur auch sein kann. Man muss sich aber klar sein, dass der Adressat eine literarisch interessierte Öffentlichkeit ist.

Der Adressatenbezug steht letztlich im Zusammenhang mir der Frage, wozu der Tagebucheintrag dient. Christian Schärf macht aus dem Tagebuch eine literarische Spielwiese. In seiner Eigenschaft als Dozent für Literarisches Schreiben ist das ja auch legitim. Die Bandbreite ist aber größer und reicht durchaus bis in den selbsttherapeutischen Ansatz von Tristine Rainers New Diary hinüber.

Seine Stärken entfaltet das Buch daher dort, wo es um eher abgeklärte, reife Schreibweisen geht: Schärf zeigt, dass das Tagebuch keine Angelegenheit pubertierender Mädchen ist, sondern in der Chronik und im Journal zu einem konzentrierten, zweckorientierten Schreiben führen kann. Predigerinnen und Prediger könnten zum Beispiel das Lektüretagebuch für sich entdecken als Möglichkeit, täglich Eindrücke aus Literatur und Bibelstudium zu notieren. Die Chronik bietet die Möglichkeit, Tageserinnerungen aus dem Pfarralltag festzuhalten. Wer viel schreibt, findet in Schärfs Buch zahlreiche Anregungen, daraus Formen täglichen Schreibens zu entwickeln.

Fazit: Christian Schärf legt auf 159 Seiten eine kompakte Übersicht über die Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Die Beschreibung der verschiedenen Ansätze und die Zitate sind anregend für die eigene Tagebuchpraxis. Wer schon Tagebuch schreibt, findet hier die Möglichkeit, über die Vielfalt dessen, was Tagebuch auch sein kann, nachzudenken. Ob Neulinge über das Buch in eine Tagebuchpraxis hineinfinden, lässt sich schwer beurteilen: Da wäre wohl Tristine Rainers „Tagebuch schreiben“ meine erste Empfehlung, zumindest wenn es um das Festhalten von persönlichen Empfindsamkeiten geht. Vielschreiber hingegen, die kein Tagebuch führen, können hier durchaus Anregungen finden, um mit dem Schreiben Tag für Tag zu experimentieren. Denn: „Beim Tagebuchschreiben ist [..] im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“

Christian Schärf: Schreiben Tag für Tag. Journal und Tagebuch, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
ISBN 978-3-411-74901-0| 14,95 € | 159 S. [Amazon-Link]

Tristine Rainer: Tagebuch schreiben, 1. Aufl., Autorenhausverlag, Berlin 2005.
ISBN 3-932909-47-X | 14,90 € | 190 S. [Amazon-Link]

Henning Luther: Der fiktive Andere. In: Religion und Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts (S. 111-122), Radius-Verlag, Stuttgart, 1992.
ISBN 3-87173-842-5 | 22 € | 329 S. [Amazon-Link]

Tägliche Notizen

Ortheil-Cover: Schreiben dicht am lebenNotizbücher sind hip. Aber was schreibt man rein? Hanns-Josef Ortheil will mit seinem Buch „Schreiben dicht am Leben“ Hilfestellung geben. Keine Ratgeberliteratur sei die kleine Duden-Reihe zum Kreativen Schreiben, für die Ortheil zuständig ist, sondern ein „Meisterkurs“ (Verlagswerbung), der „sich an den Werkstätten der großen Schriftstellerinnen und Schriftsteller orientiert“ (S. 17). Entsprechend stellt das Buch kein Methodenkompendium dar, sondern zeigt, wie verschiedene Autoren ihre täglichen Notizen gemacht haben. „Schreibaufgaben“ vertiefen die einzelnen Kapitel durch Hinweise für eigene Notizversuche.

Dass sich die Reihe nicht nur auf Schreiben mit Stift und Papier beschränkt, sondern den Ansprüchen heutigen Schreibens gerecht werden will, zeigt sich daran, dass neben Ortheils Buch über Notizen und Skizzen auch ein Band über Journale und Tagebücher (Christian Schärf) sowie über Elektric Writing in Blogs und sozialen Netzwerken (Stephan Porombka) erschienen ist. Zum freilich handschriftlichen Ausprobieren gibt es zudem ein Notizbuch in der gleichen Aufmachung. Hier konzentriere ich mich auf Ortheils Buch.

Hanns-Josef Ortheil ist selbst manischer Notierer. In Interviews, aber auch in dem Band „Wie Romane entstehen“ (2008) hat er seinen Notiz-Zwang immer wieder reflektiert und mit der Kindheitserfahrung des Nicht-Redens sowie der Angst vor dem Verstummen in Verbindung gebracht. Die Notiz ist daher für Ortheil mehr als nur ein flüchtiges ins Unreine schreiben: Notieren ist „das ideale Stimulans der geistigen Kapazitäten und damit das literarische Koffein par excellence“ (S. 145). Eingebettet in größere Projekte gilt es, sich das tägliche Notieren anzugewöhnen: „Schon kurzfristige Unterbrechungen machen sich – wie bei einem Musiker, der einen kurzen Zeitraum nicht mehr an seinem Instrument geübt hat – sofort bemerkbar. Das Schreiben wird ungelenkt, langsam und hat wenig Frische. Das tägliche Notieren aber hält den Sprachfluss in Bewegung.“ (S. 148).

Nur am Rande interessierten Ortheil dabei technische Details. So wird von Robert Gernhardt berichtet, dass er seine „fast täglichen Aufzeichnungen in Blankoschulhefte der Firma ‚Brunnen’ im Format DIN A5“ (S. 130) vornahm und dabei gelbe Kugelschreiber der Marke BIC verwendete. Walter Benjamin verwendete dagegen Briefpapier etwa im A4-Format, das er in Mitte faltete und dann die Seiten 1 und 3 mit Füllfederhalter und Bleistift beschrieb (S. 116f), während Peter Handke Notizbücher „nie größer als DIN A6“ (S. 109) gebrauchte, die in die Jackentasche passen, so dass sie man sie auch unterwegs gebrauchen kann. Es geht Ortheil weniger um die technischen Aspekte des Notierens, als um die Notate selbst.

In neunzehn Kapiteln, die jeweils einen Autor und seine Weise des Notierens vorstellen, führt Ortheil durch ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Diese neunzehn Weisen des Notierens sind noch einmal in vier Gruppen zusammengefasst.

Als „elementares Notieren“ stellt Ortheil Notizformen vor, die Beobachtungen möglichst direkt und ungefiltert festhalten. Ortheil findet solche Formen

1. bei Georges Perec, der seine Umgebung aus verschiedenen Perspektiven knapp registriert,
2. in der FAZ-Rubrik „Webcam“, die wie eine Webcam eine Alltagsbeobachtung aus einer Perspektive festhält,
3. bei Peter K. Wehli, der Situationen notiert wie fotografische Schnappschüsse,
4. bei Émile Zola, der wie ein Journalist Informationen sammelt und bis ins Detail recherchiert,
5. bei Rolf-Dieter Brinkmann, der seine Gedanken zu unterwegs Beobachtetem als inneren Monolog festhält.

Formen „bildlichen Notierens“ sieht Ortheil

6. bei Theophrast, der Charaktere durch besondere, prägende Kennzeichen porträtiert,
7. bei Gerard Manley Hopkins, der Eindrücke seiner Wanderungen wie ein Landschaftszeichner festhält,
8. bei Tokutomi Roka, der Beobachtungen in seiner Umwelt mit wenigen Federstrichen skizziert,
9. bei Francis Ponge, der Beobachtungen an unscheinbaren Alltagsdingen präzise registriert,
10. bei Akutagawa Ryunosuke, der eine Geschichte in drehbuchartigen Beschreibungen fixiert.

Die dritte Gruppe bündelt das Notieren von Emotionen und Passionen, stellvertretend zu finden

11. bei Sei Shonagon (der einzigen Frau im Buch), die ihre Vorlieben und Passionen z.B. in Listen sammelt,
12. bei Roland Barthes, der in der Trauer seine Erinnerungen an seine Mutter auf Zetteln festhält,
13. bei Fernando Pessoa, der innere Monologe einer erfundenen Figur in Form von Notizen formuliert,
14. bei Elias Canetti, der in seinen „Aufzeichnungen“ genannten Notizen Gedanken konzentriert und zuspitzt,
15. bei Peter Handke, der seine täglichen, poetischen Konzentrationen erfasst.

Zu Formen des „klassischen Notierens“ findet Ortheil ideale Beispiele

16. bei Walter Benjamin, der in klassischer Gelehrtenmanier notierte und exzerpierte,
17. bei Georg Christoph Lichtenberg, der seine Gedanken sammelte wie in kaufmännischen „Sudelbüchern“,
18. bei Robert Gernhardt, der Lichtenbergs Methode aufnahm und zur Feldforschung in fremder Umgebung gebrauchte,
19. bei Paul Valéry, der Morgens früh um Fünf begann, seine Gedankenkreise und Denkwege zu notieren.

Der Ansatz, jeweils einen Autor und seine Art, Notizen zu machen, ist natürlich nicht unproblematisch. Zum einen fällt so natürlich auf, dass weitere berühmte Notizbuchschreiber wie Bruce Chatwin oder Ludwig Hohl nicht einmal erwähnt werden. Das liegt sicherlich daran, dass sie unter eine der neunzehn Ansätze fallen, aber hier wäre es interessant zu lesen, wie Ortheil typologisiert. Letztlich muss man aber zugestehen, dass so ein schmales Büchlein weder Vollständigkeit erreichen kann, noch überhaupt anstreben wird.

Der zweite Einwand ist darum gewichtiger: Auch wenn das Inhaltsverzeichnis klar gegliedert ist und die Systematik über die den Rahmen gebenden Schreibprojekte durchaus funktioniert, fehlt doch ein wenig der methodische Aufbau, wie er in manchen Titeln der von Ortheil etwas despektierlich bezeichneten „Ratgeberliteratur“ zu finden ist. (Eine Bemerkung am Rande: Warum die ersten beiden Gruppierungen „Textprojekte und Schreibaufgaben“ heißen, die letzten beiden aber „Texte und Schreibaufgaben“ leuchtet nicht ein). Ich muss gestehen: Ich hatte erwartet, dass gerade jemand wie Ortheil, mehr Einblick gibt, wie er mit den Notizen weiter umgeht. In „Wie Romane entstehen“ hat Ortheil beispielsweise auf zwei Seiten (S. 40f) ein ganzes Notiz-System skizziert, über das man gerne mehr erfahren möchte. „Schreiben dicht am Leben“ hätte dazu sicher Raum gegeben.

Die Schreibaufgaben, mit denen jedes Kapitel endet, sind im Prinzip methodische Bündelungen des jeweiligen Ansatzes und helfen, den beschriebenen Notizstil zu imitieren. Es sind keine kurzen Übungen, sondern kleine Schreibprojekte über einen längeren Zeitraum. Wer sie alle umsetzen wollte, dürfe damit mehr als einige Monate beschäftigt sein, insbesondere, wenn man die Regel zu Lichtenberg umsetzen will: „Datieren Sie Ihre Aufzeichnungen nicht. Beginnen Sie einfach mit einem Heft A und nummerieren Sie dann ihre Aufzeichnungen durch. Verwechseln Sie das Sudelbuch nicht mit einem Tagebuch. Notieren Sie also nicht ihre Befindlichkeiten, sondern Details, Zusammenhänge und Geschichten, die Ihnen von außen zugetragen wurden oder auf die Sie während Ihrer Lektüren gestoßen sind. Führen Sie Ihre Aufzeichnungen bis zu Ihrem Tod.“ (S. 128f) Das entbehrt zumindest nicht eines feinen Humors.

Mir persönlich hat der Abschnitt IV über das klassische Notieren am besten gefallen, weil er meinen überwiegenden „Schreibprojekten“, nämlichen theologisch-philosophischen Arbeiten und Predigten, am nächsten kommt. Allerdings ist es eher so, dass ich den Abschnitt zum Lesen empfehlen kann – viele neue Hinweise habe ich nicht bekommen. Hier waren es eher kleine Hinweise und Entdeckungen in anderen Kapiteln, die inspirierend sind.

Fazit: Ob es die im Vorwort erwähnte Zielgruppe von Menschen tatsächlich gibt, die ein Notizbuch hat, aber nicht weiß, wozu, sei einmal dahingestellt. Trotzdem ist das Buch zu empfehlen: Zum einen Notizbuchnutzern, die ihre eigene Praxis weiter entfalten, entwickeln, ausbauen möchten, zum anderen allen, die schreiben, aber bislang kein Notizbuch verwenden – denn sie finden hier überzeugend dargelegt, dass das Notieren und Skizzieren eine unverzichtbare Grundform des Schreibens ist. Technisch-pragmatische Hinweise zum Führen eines Notizbuchs gibt es nicht. Insbesondere Predigerinnen und Prediger finden hier aber dennoch einige Anregungen dazu, Beobachtungen, Einfälle, Illustrationen für den einen eventuellen, späteren Gebrauch zu sammeln und täglich an der eigenen Sprache zu arbeiten.
Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
ISBN 3411749113 | 14,95 € | 159 S. [Amazon-Link]

Tipps zum Notizbuch

25 Tipps zum Gebrauch von Notizbüchern hat Christian Mähler vom notizbuchblog  in einem kleinen, kostenlosen eBook zusammen gefasst. Das Buch steht im Blog zum Download bereit [Link zum direkten Download: http://bit.ly/nbbebook].
Mähler nennt seine Tipps „Regeln“ – das klingt für meinen Geschmack zwar ein bisschen zu sehr nach „Norm“ und „Vorschrift“, ist aber in jedem Fall lesenwert, selbst wenn man nicht jede Regel umsetzen mag. Immerhin fasst das Bändchen 15 Jahre Erfahrung im Umgang mit Notizbüchern zusammen.
Seine Erfahrungen hatte Mähler schon in seinem Blog – übrigens unter der Rubrik „Tipps“! – veröffentlicht. Sie stehen dort auch weiter zur Verfügung – glücklicherweise, denn im eBook fehlen leider die Fotos, die manche Ideen  schneller nachvollziehbar machen.
Eine inspirierende Lektüre.

„Ich schreibe einfach.“

Der Ausstellungsraum in Haus Nottbeck

„Ich schreibe einfach“, antwortet Georg Bühren auf den Impulssatz „Ich schreibe, weil …“. Im Rahmen eines interdisziplinären Projektes wurden 36 westfälische Autorinnen und Autoren – darunter Fritz Eckenga, Wiglaf Droste und Frank Goosen – danach gefragt, warum sie schreiben, woher sie ihre Inspiration nehmen, wie sie ihren Schreiballtag organisieren oder mit Schreibblockaden umgehen. In einer Ausstellung in Haus Nottbeck werden die Ergebnisse zur Zeit (noch bis zum 9. Oktober) präsentiert.
Hintergrund der Ausstellung ist eine neue Rubrik auf der Portalseite literaturportal-westfalen.de: Das Internet-Portal, das seit 2008 online ist, bietet multimedial aufbereitete Erkundungen in die westfälische Literatur. Die neue Rubrik bietet ein Video-Portal, in dem die 36 Schriftstellerinnen und Schriftsteller in einem Standardinterview ihren Schreiballtag beschreiben. Neben dem Interview-Video ist jeweils ein weiteres Video mit einer Lesung zu sehen. Walter Gödden von der LWL-Literaturkommission  und Thomas Strauch vom Zentrum für Informations- und Medientechnologien der Uni Paderborn haben das Projekt maßgeblich betrieben.
Wer die Ausstellungsräume in Haus Nottbeck kennt, weiß, dass für die wechselnden Austellungen nicht viel Raum zur Verfügung steht: im Hauptraum sind Informationstafeln zu den Autorinnen und Autoren angebracht und es gibt Würfel mit Zitaten aus den Interviews. An einem Terminal lassen sich thematische Zusammenschritte aus den Antworten zu bestimmten Fragekomplexen anhören (eigentlich ist es wohl eine Video-Installation, aber als ich dort war, lief der Beamer nicht). Im Keller läuft ein Video mit den Lesungen. Das war es. Abgesehen davon, dass ein Besuch des Museums für Westfälische Literatur in Haus Nottbeck natürlich immer lohnt, ist eine Anreise allein für die Ausstellung also wenig ratsam – zumal die Interviews ja bequem zuhause am Rechner angeschaut werden können.
Zur Ausstellung ist allerdings ein Katalog erschienen, den man für 20€ in Haus Nottbeck erstehen kann oder im dortigen Online-Shop bestellen kann (bei Amazon ist der Titel vorhanden, aber nicht lieferbar). Der Katalog enthält neben zwei Aufsätzen von Gödden und Strauch die vollständig abgedruckten Interviews und eine DVD, auf der die thematischen Zusammenschritte aus den Interviews zu hören und zu sehen sind.
Reizvoll an den Interviews ist die große Bandbreite der vier (!) Autorinnen und 32 Autoren: vom Lyriker über den Poetry-Slammer bis hin zu Kinderbuchautoren und Heftchenschreibern ist alles vertreten. Ein einzigartiges und sehr spannendes Projekt.

Blick in die Romanwerkstatt

Ortheil-Cover: Wie Romane entstehen„[E]in Roman ist die Erschaffung nicht eines Augenblicks oder einer Szene“, sagt Hanns-Josef Ortheil, „er ist die Erschaffung eines poetischen Universums.“ (S. 48) In Vorlesungen und Seminaren haben der Schriftsteller Ortheil und der Lektor Klaus Siblewski einen Einblick in diesen Schöpfungsprozess geben, und legen den Ertrag nun in zweimal vier Vorlesungen schriftlich vor. Angefangen bei den ersten Ideen bis hin zu den Phasen des Lektorats zeichnen sie wesentliche Elemente der Manuskriptentwicklung nach. Im Zentrum stehen dabei vor allem die typischen Probleme, die bei einem Großprojekt wie einem Roman entstehen. Viele Beispiele aus der Schreibpraxis bekannter Autoren illustrieren das. Als Hauptproblem erweist sich dabei der Umgang mit der Stofffülle.

Ortheil sieht den Romanschriftsteller als einen Menschen mit einer Veranlagung zum Sammeln, Notieren und Skizzieren. Der Romanschriftsteller hat ein enzyklopädisches Interesse (S. 34): Er studiert die Welt, indem er wahllos Detailbeobachtungen sichtet und in Form von Notizen festhält, ohne sie sofort in Beziehung zueinander zu setzen oder zu ordnen. In seiner Roman-Werkstatt entsteht so ein „ein unübersichtlicher, labyrinthischer Bau von Notizen, Aufzeichnungen, Skizzen, Fragmenten, Plänen oder Tagebuch-Elementen, der nie an ein Ende kommt“ (S. 15), sondern immer weiter wächst und wuchert.

Aus diesem Fond, diesem enzyklopädischen Archiv an Beobachtungen und Erinnerung (S. 25) entstehen immer neue Ideen und Einfälle für Romane. Da, wo sich Detailbeobachtungen, Szenen, Bilder (Ortheil spricht von „Welt-Folien“) verdichten entsteht ein „Faszinosum“ (S. 54), aus dem Fragen hervorgehen, die in verschiedene Richtungen locken: Wie könnte eine Notiz weiter geschrieben werden? Welche Konstellationen von Figuren sind denkbar? Wie können die Räume der Romanwelt betreten werden? (S. 62) Der Schriftsteller lässt sich auf Spuren locken, denen er folgt und von denen er immer weiter hingezogen wird in die Romanwelt, bis er sie kartografieren kann: Aus den Spuren der Geschichte entstehen mentale Karten, Bauskizzen, Baupläne, die die Bausteine der Geschichte zu einer Gesamt-Architektur zusammenfügen (S. 103f). Irgendwann ist es dann soweit, dass erste Sätze, Kapitelinhalte etc. plötzlich da sind und der Roman Gestalt anzunehmen beginnt (S. 113).

Die beiden Vorlesungsreihen sind inhaltlich wie formal recht unterschiedlich, bei zahlreichen Überschneidungen und Bezugnahmen. Ortheils vier Vorlesungen behandeln das „Notieren und Skizzieren“, „Figuren, Räume, Texte“ sowie das „Spuren suchen“ und schließen mit einer „Entstehungsgeschichte“, die auf amüsante Art den zuvor beschriebenen Prozess des Hineingezogenwerdens des Autors in eine Geschichte erzählerisch nachbilden. Siblewski schreibt wesentlich nüchterner über die „Poetische Vision“ eines Autors, das „Recherchieren, Konzipieren“, das „Schreiben, Gliedern, Entwerfen“ bis hin zum „Redigieren“. Gemeinsam sind den beiden Teilen die zahlreichen Beispiele von Schriftstellern, die Einblick nicht in die fertigen Werke, sondern in die Notizbücher und Ideensammlungen geben. Das ist spannend und außerordentlich lehrreich, weil einmal das Rohe und Unbehauene des ersten (und manchmal verworfenen) Notats im Mittelpunkt steht, nicht das schon viele Überarbeitsphasen durchlaufene Endergebnis.

Inhaltliche Gemeinsamkeit entsteht bei der Erörterung des zentralen Problems der Romanentstehung, wie die Menge an Material überblickt werden kann. Dabei gibt es allerdings keine praktischen Tipps, wie eine erzählerische Ordnung hergestellt werden kann, sondern diese Arbeit wird als das eigentliche Abenteuer und Wagnis des Schreibens behandelt: „[W]ie organisieren sich Autoren ihre Arbeit, dass sie auf diese erzählbare Ordnung stoßen und sie dann auch realisieren können. Genauer: Wie sie ins dauerhafte und zu einem guten Ende führenden Erzählen gelangen? Dieser Frage stellt sich mit jedem Roman neu, und das bedeutet: Autoren beginnen an jedem neuen Roman zu arbeiten, als seien sie Debütanten in diesem Fach. Sie können nicht auf Erfahrung zurückgreifen und müssen mit ihrem Projekt wieder lernen, wie es sich zu einem literarisch befriedigenden Resultat bringen lässt“, schreibt Siblewski (S. 197).

Es ist gerade dieser Aspekt des Buches, der die Vorlesungen auch für Predigerinnen und Prediger spannend macht: Eine Predigt ist im Stoffumfang zwar in keinster Weise mit dem Roman zu vergleichen, aber vieles von dem, was insbesondere Ortheil über die Roman-Werkstatt schreibt, gilt für die Predigt-Werkstatt in gleicher Weise: Die Arbeit in der Predigt-Werktstatt beginnt nicht mit der nächsten Predigt, sondern das unentwegte, noch ziellose Sammeln, Notieren und Beobachten ist der Fond und Reservoire, aus dem immer neu Predigten entstehen.

Fazit: „Wie Romane entstehen“ gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die Werkstatt des Roman-Schriftstellers. Auch wenn der Schwerpunkt natürlich deutlich bei der Roman-Entstehung liegt, sind die Einsichten auch für das Handwerk des Predigens interessant, weil Prediger und Schriftsteller viele gleiche Werkzeuge gebrauchen. Praktische Anleitungen wird man allerdings nicht finden, sondern vorwiegend theoretische, aber bedenkenswerte Reflexionen.

Ortheil, Hanns Josef / Siblewski, Klaus: Wie Romane entstehen, München: Luchterhand, 2008. ISBN 978-3-630-62111-1 | 10 € | 283 Seiten [Amazon-Link]

Einfallsreich argumentieren

Cioffi-Cover„Einfallsreich argumentieren“ wäre der bessere Titel für Frank Cioffis Buch „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren – und würde auch dem englischen Originaltitel The Imaginative Argument eher entsprechen. Zwar kommt das Buch wie eine Einführung ins wissenschaftliche Schreiben daher, aber es lässt sich nicht darauf reduzieren. Wer nicht-fiktionale Texte schreiben will – egal ob Student, Professorin oder Prediger – findet in Cioffis Buch wertvolle Hinweise und Anregungen. Nicht-fiktionale Texte kreativ schreiben heißt für Cioffi originell, überraschend und eben einfallsreich zu argumentieren. Doch an Einfallsreichtum und Vorstellungskraft, so Cioffis These, mangelt es den meisten argumentativen Texten.

Cioffi räumt mit dem alten Missverständnis auf, beim wissenschaftlichen Schreiben gehe es darum Fakten zu reproduzieren. Statt in einem Essay immer nur Bekanntes zu wiederholen, geht es für den amerikanischen Schreiblehrer darum, die „eigenen Gedanken ausarbeiten, eigene Urteile [zu] fällen [..]“ und Texte so zu betrachten „als ob sie aus einer fernen Vergangenheit direkt zu einem sprächen“ (12) Ein Essay sollte sich daher nicht mit Oberflächlichem, Offensichtlichem und Selbstverständlichem befassen, sondern soll „etwas enthüllen, das Sie entdeckt haben“ und „beweisen, dass das, was Sie entdeckt haben, Bedeutung und Resonanz besitzt“(34).

Kernpunkt von Cioffis Ansatzes ist der Umgang mit Thesen: „Die These bildet das Herzstück, das bleiben würde, wenn sie Ihren Aufsatz auf nur zwanzig, dreißig oder vierzig Wörter zusammenstreichen, wenn Sie sie auf ihre Essenz destillieren müssten.“ (75) Die These in einer einfallsreichen Argumentation soll provozieren, interessieren und verblüffen. Sie soll „einem Publikum etwas Komplexes, Interessantes und Neues vermitteln, noch bevor das Publikum sie wirklich versteht. Der Text, der aus einer solchen These entsteht, wird die Erklärung bieten […]“. (80)

Die Erklärung, die der Text bietet, macht den eigentlichen Inhalt des Essays aus. Die These bildet den roten Faden der Argumentation und sie läuft am Ende auf etwas hinaus, was Cioffi die Delta-These nennt – eine durch Beispiele gestützte wie durch Gegenargumente veränderte These. Die einzelnen Argumentationsschritte bilden dabei im Kleinen die Grundstruktur von These, Hauptteil und Schluss ab: Jeder Absatz ist „eine Art Miniaufsatz“ mit eigener These (Hauptaussage genannt) und Delta-These. Durch diese Struktur bekommt der ganze Aufsatz etwas dynamisches und immer weiter nach vorne drängendes. Die These wird also nicht einfach nur erklärt, sondern tatsächlich entwickelt und entfaltet – bis zur überraschenden Schluss-Folgerung.

Die Dynamik dieses einfallsreichen Argumentierens entsteht aus einer dialogischen Grundhaltung: Eine These wird in „Auseinandersetzung mit einem Publikum„ (83) entwickelt, und zwar indem der Essayschreiber zum einen Fragen aufwirft aber auch sensibel mögliche Erwartungen und entstehende Fragen des Publikums aufnimmt, provisorische Antworten gibt und diese wieder im Wechsel von Frage und Antwort weiter treibt. Das dialogische Denken erfordert eine skeptische Haltung auch gegen sich selbst: „Hinterfragen Sie, was Sie tun, was Sie geschrieben haben, welche Argumentationswege Sie eingeschlagen haben,“ rät Cioffi, „Denken Sie ernsthaft darüber nach, welche Einwände man gegen Ihre Gedanken haben, welche Gegenbeispiele es geben könnte und wie Sie Ihren Standpunkt modifizieren, sich selbst verteidigen können.“ (258) So entsteht eine Dynamik, die das Publikum genauso überraschen kann wie den Autor.

Nicht nur Studentinnen und Professoren können von Cioffis sehr praxisorientieren Überlegungen profitieren, auch für Pastorinnen und Prediger ist das Buch überaus hilfreich. Zwar deutet sich an einer Stelle an, dass Cioffi Predigen für das genaue Gegenteil von dem hält, was er vorschlägt (für ihn heißt Predigen einem freundlich gesinnten Publikum einen paar Selbstverständlichkeiten zu sagen; vgl. S. 47), aber hier wäre eher zu fragen, ob ein solches Predigen nicht defizitär ist. Wenn Predigen im Unterschied zu Cioffis Nebenbemerkung im Kern das Weitersagen einer neuen, überraschenden und auch provokanten Botschaft ist, dann wird es nicht überraschen, dass sich viele Überlegungen Cioffis unmittelbar auf das einfallsreiche Predigen übertragen lassen. Sicherlich geht Predigt nicht allein in Argumentation auf, doch macht das Argumentieren für eine Aussage doch einen wesentlichen Anteil aus. Dabei kann insbesondere der dialogische Ansatz für die oft recht monologische Predigt sehr inspirierend sein. Darüber hinaus deutet Cioffi in einem kleinen Exkurs über „kreative Nonfiction“ an, wie auch der lyrische und narrative Essay von den Grundgedanken des einfallsreichen Argumentierens profitieren kann. Auch wenn Prediger also nicht zur Zielgruppe gehören: Sie können als Leser nur von der Lektüre profitieren.

Fazit: „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren“ ist eine hervorragende Anleitung in das Entwickeln und Schreiben nicht-fiktionaler Texte wie wissenschaftliche Aufsätze und auch Predigten. Das Buch bietet eine praktische Anleitung zum einfallsreichen Argumentieren und kann dabei helfen, einen eigenen Standpunkt zu finden und klar, verständlich und am Ende auch überzeugend zu formulieren.

Cioffi, Frank L.: Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren,
Berlin : Autorenhaus 2006. ISBN3-86671-004-6| 16,80 € | 305 Seiten

[Amazon-Link]