Robinsons Rat zum Zettelkasten

Zettelkastenreiter

In Haddon Robinsons Buch „Predige das Wort“ (Originaltitel: Biblical Preaching) wird sehr schön der Einsatz von Zettelkästen für Prediger beschrieben. In seinem Kapitel über die lebendige Ausgestaltung eines Predigtentwurfes mit illustrierendem Material schreibt Robinson:

„Das meiste Material findet der Prediger zweifellos in seiner eigenen Sammlung. Deshalb sollte es sich ein gutes Ordnungssystem dafür anlegen. Denn was er dort für seine Predigt findet, hängt völlig davon ab, was und wie er es hinein getan hat. Es gibt viele Systeme, um die Ergebnisse des Studiums und Lebens zuordnen. Normalerweise benötigt man zweierlei Karteien. In die eine Großformatige ordnet man Predigtnotizen, Auszüge und Kopien so, wie sie sind. Sie können eingeteilt sein nach Themen oder nach den Büchern der Bibel.

Als Ergänzung sollte ein Prediger ein Karteikartensystem mit kleineren Kärtchen führen. Ein Bereich dieses Systems bezieht sich auf die Bücher der Bibel. Hier notiert man sich auf den Karten Illustrationen, Auslegungsnotizen und Hinweise auf hilfreiche Literatur zu einzelnen Bibelstellen. Ein anderer Teil des Karteikartensystems sollte alphabetisch nach Themen geordnet sein.

Das meiste Predigtmaterial – Anekdoten, Zitate, Gedichte, Notizen zur Auslegung, Analogien, Literaturhinweis – kann auf solchen Karten gesammelt werden.

Jeder Prediger braucht ein System. Jedes System, das Ihnen hilft, Informationen zu ordnen, ist besser als gar keines. Es sollte aber auch gepflegt werden.“ (S. 129)

Haddon Robinsons Buch lohnt sich zu lesen. Die amerikanische Homiletik des 20. Jahrhunderts wird in der deutschen Homiletik ja leider nur am Rande wahrgenommen, was unter anderem daran liegt, dass nur wenige Bücher auf Deutsch vorliegen. Beklagt habe ich das schon im Verweis auf David Buttricks „Homiletic. Moves and Structure“. Robinsons Buch gehört zwar zu den klassischen und einflussreichsten Werken der amerikanischen Homiletik und liegt sogar auf Deutsch vor, aber wahrscheinlich ist es hier der evangelikale Verlagskontext, die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, die eine ernsthafte Rezeption erschwert. So ist beispielsweise das vom Verlag vorgeschaltete deutsche Vorwort unglaublich schlecht und theologisch von so unterirdischem Niveau, das es eigentlich eine verlegerische Untat ist – käme dem Verlag nicht das Verdienst zu, das Buch überhaupt auf Deutsch zugänglich zu machen. Weil ich das Buch wirklich schätze, werde ich es in meinen nächsten Artikeln etwas ausführlicher darstellen.

Robinson, Haddon W., Predige das Wort. Vom Bibeltext zur lebendigen Predigt. Überarbeitete Neuauflage, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg: 2001.
ISBN 978-3-86353-044-0. 9,90 €.

Homiletik der Langeweile

Der Mann im Turm

Der Mann im Turm
Was Prediger mit ihrer Predigt erreichen wollen, lässt sich nicht allgemein sagen. Dass ein Prediger aber zumindest irgendetwas sagen will, wird normalerweise vorausgesetzt – auch wenn die Botschaft nicht immer ganz klar ist. Es gibt diesen alten Witz: Der Mann kommt vom Gottesdienst nach Hause kommt und sagt: „Heute hat der Pastor über 30 Minuten gepredigt.“ „Worüber denn?“, fragt die Ehefrau. Und der Mann antwortet: „Das hat er nicht gesagt.“

Viele setzen bei einem Prediger voraus, dass er irgend etwas sagen will – auch wenn am Ende nicht immer klar ist, was. Vor diesem Hintergrund bin ich unschlüssig, was von der These Dietrich Sagerts zu halten ist: „Predigt bewerkstelligt nichts, sie bewirkt nichts und soll auch zu nichts dienen.“ Sagert leitet damit den zweiten Band mit Texten des Zentrums für Evangelische Predigtkultur ein: „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur.“ „Predigt teilt“, meint Sagert. In einer Art Briefbericht über seine Korrespondenz mit dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy deutet Sagert an, was Predigt als Mit-Teilung bedeuten könnte: Wenn man „den Zuhörer als Souverän seiner eigenen spirituellen Erfahrung respektieren“ will (S. 167), kann (oder darf?) man Predigt nicht mehr verstehen als Verkündigung einer verfügbaren Botschaft. Deshalb will Sagert die Predigt radikal offen halten: Selbst der Aussagen zur Existenz Gottes sollte sich der Prediger besser enthalten. Aus Nancys Überlegung, dass Sinn sich aus geteiltem Sinn ergibt, geht Sagert über zur These, dass Sinn und Botschaft der Predigt sich ergeben aus dem Teilen von dem, was der Predigt „zuteil geworden“ (S. 9) ist. Was Sagert da mit-teilen möchte, sagt er leider nicht.

Während ich noch darüber nachdenke, ob die Aussagen Sagerts, sofern sie welche sind, deskriptiv oder normativ gemeint sind, lese ich die ZEIT. Hanno Rauterberg schreibt da über die Skulpturen des Bildhauers Stephan Balkenhol: „Es ist eine Kunst, die nichts will – und deshalb gewollt wird.“ Weil die beliebten Holzfiguren nichts bedeuten und ausdrücken, weil sie frei sind von Überzeugung und Glauben sind sie letztlich banal – und irgendwie langweilig. Bei der documenta (13) waren die harmlosen Figuren Balkenhols durch die Presse gegangen, weil eine katholische Gemeinde direkt gegenüber dem Kasseler documenta-Hauptgebäude die Holzfiguren unübersehbar aufgestellt hatte: Eine Figur stand oben auf dem Glockenturm und zog die Blicke auf sich. Das fanden viele nett, bis auf die documenta-Chefin: Wahrscheinlich hat sie befürchtet, dass die langweilige Banalität der Figuren auf die documenta abfärben könnte. Ich befürchte, dass eine Predigt, die nichts will, die frei ist von Überzeugung und Glauben, ebenso wie Balkenhols Figuren in der Gefahr steht, banal und letztlich langweilig zu werden.

Es kann daher kein Zufall sein, dass ein weiterer Text von Sagert in dem genannten Band die Überschrift „Langweilig!“ trägt. Aufhänger ist ein Bericht über jugendliche Juroren bei der Ruhrtriennale, die die Premiere zwar freundlich bewerteten, aber letztlich langweilig fanden – weil Kunst eben so ist. Für die Predigt als Kunst gilt das oft ja nicht anders, so dass Sagert mit Blick auf den Fenstersturz des Eutyches zu einer kleinen Homilektik der Langeweile abhebt. Zugegeben: Das liest sich streckenweise ganz amüsant, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob der Humor beabsichtigt oder unfreiwillig ist. Am Ende erweist sich die Langeweile als Lücke zwischen menschlichem Sein und Gott, die durch Erfindungsgeist gefüllt wird. Hier schließt sich der Kreis zu den Eingangsüberlegungen Sagerts: Indem der Prediger mit seiner nichts sagenden und zu nichts dienenden Predigt den Predigthörer langweilt, öffnet sich eine Lücke, in die hinein der gelangweilte Mensch sich seinen zurück blickenden Gott erfindet. Ein schöner Gedanke, der mehr und mehr offenlegt, dass es sich beim Zentrum für evangelische Predigtkultur eigentlich um ein großartiges Satireprojekt handelt.

P.S.:
Nach dem Klappentext will der Band „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur“ (EVA Leipzig 2013, 196 S., 14,80 €) „Einblicke geben in verschiedene Prozesse, durch die Predigt entsteht“. Wer auch immer den Klappentext verfasst hat, scheint den Inhalt des Buches nicht zu kennen. Man könnte die versammelten Beiträge eher als einen Werkstattbericht bezeichnen. Die Beiträge von Martina Sauer, Wilfried Härle, Kathrin Oxen und eben Dietrich Sagert sind ausserordentlich überflüssig. Am Erstaunlichsten ist Härles Beitrag zu „Hirnforschung und Predigtarbeit“: Nach zweifelhaften Auslassungen zur Hirn- und Schlafforschung kommt Härle am Ende zu reichlich trivialen Predigtratschlägen. Schade, dass die guten Beiträge in dem Band da fast verschwinden. Dazu gehören Anne Gideons fortgesetzte Überlegungen zu Predigt und leichter Sprache sowie die Vorträge von Cord Richelmann, Reinhold Zwick, Martin Treml und Christian Strecker zu Paulus und seiner Rezeption durch Pier Paolo Pasolini, Jakob Taubes und in der neueren Paulusforschung.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigkultur. Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013.

Cartoonale Homiletik

Eine Predigt-Mindmap„Schreib doch mal eine cartoonale Homiletik, über die allmähliche Formulierung der Gedanken beim Zeichnen“, hat Silke vorgeschlagen. Eine schöne Idee. Hätte ich doch mehr Zeit. Das Bild oben zeigt einen Predigtentwurf zu Hiob 14,1-6 – mal gestaltet mit Aquarellfarben, inspiriert von den Überlegungen von Susanne Haun.

Quelle: Redline Verlag http://www.m-vg.de

Wenn es eine cartoonale Homiletik gäbe, sähe sie wahrscheintlich ein bisschen so aus wie Dan Roams „Auf der Serviette erklärt“ (Redline Verlag, München 2009). Das Buch hat zwar weder was mit Homiletik noch mit Cartoons zu tun, aber es demonstriert sehr schön, wie visuelles Denken funktioniert. Es zielt dabei auf grafisches Gestalten bei Vorträgen ab, aber die Grundprinzipien lassen sich auch für die Predigtvorbereitung nutzen.

Dan Roams Grundprinzip ist, das „innere Sehvermögen zu nutzen, …, um Ideen zu entdecken, die sonst unsichtbar sind“ (S.14). Es geht dabei nicht um einen künstlerischen Anspruch, sondern um das Nutzen der Kraft von Bildern, um Ideen so zu entwickeln, dass sie auch anderen schnell und einfach einleuchten.

Ich fand das Buch sehr inspirierend nicht nur für die Predigtvorbereitung, sondern auch für den Einsatz von zeichnendem Erklären und Erläutern im Konfirmandenunterricht und der Erwachsenenbildung. Mittlerweile ist zu dem Buch auch ein Übungsbuch erschienen.

Etwas zu einfach

„So wie ihr wollt, dass euch Gottes Wort verkündigt wird, so verkündigt es auch!“, formuliert Christian Lehmann seinen homiletischen Imperativ (S. 145). Für Lehmann heißt das auf den Punkt gebracht: liebevoll, praktisch und kreativ zu predigen. Sein Buch „Einfach von Gott reden“ enthält dazu neben grundsätzlichen, theologischen Erwägungen zur Predigt und Überlegungen zur Predigtpraxis eine Reihe von Übungen mit Lösungsvorschlägen, auf die aus dem Hauptteil heraus verwiesen wird. Heraus kommt am Ende ein praxisorientiertes Arbeitsbuch zur Predigt, das allerdings nur mit Einschränkung zu empfehlen ist.

„Einfach von Gott reden“ ist durch einen pietistischen Jargon geprägt, dessen altertümelnder Sprachstil zuweilen fragen lässt, ob das Buch vielleicht die Neuausgabe einer älteren Auflage ist. Tatsächlich ist das Arbeitsbuch aber 2012 erstmals erschienen. Der Autor Christian Lehmann stammt ursprünglich aus dem Siegerland, war bis 2010 Studienassistent am Tübinger Albrecht-Bengel-Haus und hat vor kurzem seine erste Pfarrstelle in der Württembergischen Landeskirche angetreten. Seit 2011 ist er zudem Schriftleiter von „Zuversicht und Stärke“, einer Predigthilfe aus der pietistischen „Christusbewegung Lebendige Gemeinde“. Auch wenn Lehmann vor der Predigt in der „Sprache Kanaans“ warnt (S. 65f): Sein Predigtbuch ist davon selbst davon nicht frei. Wer nicht in diesem Jargon zu Hause ist, kann leicht darüber stolpern.

Lehmanns Ansatz ist zunächst einmal sympathisch: Gegen langweilige und blutleere Predigten ist es ihm wichtig „die biblische Botschaft frisch und mutig, klug und klar, lebensrelevant und alltagstauglich weiterzugeben“ (S. 11). Dabei geht er „von der einfachen Grundidee aus, dass die Bibel als Gottes Wort uns nicht nur lehrt, was wir weiterzusagen haben, sondern auch, wie wir das am besten tun“ (ebd.). Deshalb gilt Lehmann auch die Bibel als erstes, kreatives Hilfsmittel (vgl. S. 170f): „Unsere Aufgabe als Verkündiger besteht darin, mit dem Bibeltext zu sprechen, nicht über ihn.“ (S. 65)

Liebevoll predigen heißt für Lehmann, einfach (S. 101ff), verständlich (116ff) und anschaulich (S. 123ff) zu reden. Maßstab sind dabei die Hörerinnen und Hörer. Sie sollen Glauben nicht nur intellektuell verstehen, sondern vor allem praktisch und konkret erfahren – jenseits aller Gesetzlichkeit, die im Tun des Glaubens immer nur ein „Du sollst …“ sieht. Dem stellt Lehmann „Wie-Fragen“ des Glaubens gegenüber: „Wie sind wir gute Eltern, …besiege ich meine Angst, … liebe ich meinen Nachbarn …?“ (vgl. S. 161). Wenn Predigt auf solche konkreten Fragen praktische Antwort gibt, erfüllt sie ihre wichtige Aufgabe, Menschen von heute zu sagen, wie christlicher Glaube praktisch aussieht. Dabei stützt sich Lehmann auf eine Theologie der Vollmacht (S. 44ff), die es ihm ermöglicht, trotz der These, dass alles aktuelle, menschliche Reden von Gott begrenzt ist, dennoch davon auszugehen, dass ein verlässliches und wirkmächtiges Reden von Gott in der Predigt möglich ist.

Lehmanns Anspruch ist ein praktisch orientiertes Buch vorzulegen, kein Lehrbuch der Predigt. Von daher überrascht es allerdings, dass die konkreten Arbeitsschritte der Predigterstellung vage und zum Teil bloß idealistisch bleiben. So gilt für Lehmann die unbestreitbar richtige Faustregel „je mehr Zeit, desto besser“. Was das aber im Pfarralltag bedeutet, lässt Lehmann offen. Er watscht die Pfarrer ab, die offen zugeben, oft unter Zeitdruck vorbereiten zu müssen und präsentiert idealisierend zwei evangelikale Star-Prediger, die nach eigenen Angaben zwei bis vier (!) ganze Tage der Predigtvorbereitung widmen (vgl. S. 38). Jenseits von der Frage, ob das überhaupt realistisch ist, stellt sich zumindest für den Pfarrberuf die Frage, ob so ein Ziel tatsächlich ideal ist.

Die konkrete Predigtvorbereitung geschieht bei Lehmann im Dreischritt von Hören, Ringen und Prüfen. Dazu gibt Lehmann dem Leser zwar eine Reihe von Reflexionsfragen zur Predigtarbeit an die Hand, aber als wirkliches Modell der Predigtvorbereitung bleibt vieles zu unkonkret. Im praktischen Hauptteil gibt es vereinzelte Überlegungen zu Predigtsprache und -aufbau, ein systematisches Modell lässt sich aber nicht erkennen. Lehmann verharrt ganz in der alten Punkte-Predigt und nimmt zum Beispiel Impulse der New Homiletik schlicht nicht zur Kenntnis. Dabei könnte auch die pietistische Predigt durchaus von neuen, homiletischen Ideen profitieren.

Problematisch ist aber vor allem das hermeneutische Textmodell, das dem Ansatz zugrunde liegt. Diese Problematik kommt in Lehmanns Interpretation des homiletischen Dreiecks (S. 94f) besonders gut zum Ausdruck. Zunächst fällt auf, dass in Lehmanns Dreieck „Prediger“ und „Hörer“ nicht mit „Bibeltext“ in Verbindung gesetzt, sondern durch die Schreibweise „Gott/Bibeltext“ Gott und Bibeltext quasi gleichsetzt werden. Expressis verbis: „Wer nicht die ganze Heilige Schrift als Wort des lebendigen Gottes anerkennen will, der bestreitet letztlich ihre ganze Gültigkeit und Autorität.“ (S. 140). Verkündigung ist vor diesem Hintergrund immer nur aktualisierende Rede der einmaligen und grundsätzlichen Rede Gottes im biblischen Text. Das ist vor dem pietistischen Hintergrund Lehmanns nachvollziehbar, dürfte aber zuweilen die Geduld historisch-kritisch geschulter Predigerinnen und Prediger strapazieren. Aber die sind wahrscheinlich auch nicht Zielgruppe von „Einfach von Gott reden“.

Schwieriger ist aber ein zweites Problem, das in Lehmanns Interpretation des homiletischen Dreiecks sichtbar wird: Lehmann reflektiert nur mangelhaft die Rolle des Predigers im Predigtgeschehen. Der Prediger steht nach Lehmann vor der Herausforderung „die Hörenden in der konkreten Situation mit Gottes Wort in Verbindung“ zu bringen (S. 96). Es ist positiv zu würdigen, wie sehr Lehmann die Rolle der Hörerinnen und Hörer im Predigtgeschehen wahrnimmt. Trotzdem fällt auf, dass das Kapitel über die Hörer (S. 94ff) vor allem ein Kapitel über den „liebevollen“ Umgang des Predigers mit den Hörern ist. Ich meine das nicht ironisch: Lehmann grenzt sich ausdrücklich von einem pietistisch-evangelikalen Predigtstil ab, der die Hörerinnen „senkrecht von oben“ mit dem Gotteswort konfrontiert. Aber er sieht die Aufgabe des Predigers darin, den Menschen dieses Gotteswort zu bringen und zu sagen. Ausdrücklich versteht Lehmann den Prediger als „Worttransporter“ (S. 65), der „den alten Inhalt der Bibel in der Sprache von heute weiterzusagen“ hat (ebd.). Der komplexen Situation des Predigtgeschehens wird das aber nicht gerecht.

Im Predigtgeschehen stehen Prediger, Hörer und Bibeltext in wechselseitigen Beziehungen zueinander. Das sieht Lehmann in Ansätzen zwar durchaus, zieht daraus aber nicht die Konsequenz, auch nach den spannungsvollen Wechselwirkungen zu fragen. Trotz allem Bemühen um eine Hörerorientierung bleiben darum die kreativen Potentiale letztlich ungenutzt. So wird die Spannung von biblischer und heutiger Sprache zwar als „Verkündigungsenergie“ (S. 66) erkannt, aber sofort kritisch der geistlichen Prüfung überantwortet, statt in ihr zunächst einmal eine innovative, kreative Kraft zu sehen. Die Überlegungen zum kreativen Predigen erschöpfen sich so lediglich in der Suche nach Alternativen zum „Frontalmonolog“ als Standardform. Als Lösungsmöglichkeiten werden z.B. Lied-, Bild-, Symbol- und Dialogpredigt, Anspiele und Bibliolog, interaktive Elemente und Fragen der Predigtinszenierung angerissen (S. 165ff). Das ist alles anderes als neu. Selbst die gerade für eine biblisch orientierte Predigtlehre interessante Frage nach einer narrativen Predigt wird nur angedeutet und die Antwort erschöpft sich in der Feststellung: „Unsere Verkündigung darf ruhig ‚narrativer’, erzählfreudiger werden.“ (S. 91) Zur Frage der freien Predigt verhält sich Lehmann zurückhaltend, rät allerdings zur Verschriftlichung der Predigt und empfiehlt, nicht spontan vom vorbereiteten Manuskript abzuweichen (vgl. S. 98f; S. 40). In Lehmanns Worttransport-Modell fällt also die Beschreibung des Spannungsfeldes zwischen Prediger, Hörer und Bibeltext weit hinter die aktuellen, homiletischen Diskussionen zurück und auch die Potentiale für eine tatsächlich kreative Predigpraxis bleiben letztlich ungenutzt.

Fazit: „Einfach von Gott reden“ ist kein Lehr-, sondern ein Arbeitsbuch mit pietistischem Hintergrund. Wem das Umfeld sprachlich und theologisch nahe ist, wird in Lehmanns Buch zwar nicht viel Neues erfahren, aber sicherlich Anstöße und Anregungen bekommen, die eigene Predigtpraxis zu bedenken. Da das Buch wenig homiletisches und exegetisches Wissen voraussetzt, kann es sich auch gut für Prädikantinnen und Prädikanten eignen, die an ihrer Predigtpraxis arbeiten möchten; für sie dürften vor allem die praktischen Übungen interessant sein. Homiletisch erreicht das Buch allerdings nicht den aktuellen Diskussionsstand und wer Impulse für eine kreative Predigtvorbereitung und alternative Predigtformen sucht, wird schnell enttäuscht sein.

Christian Lehmann: Einfach von Gott reden. Liebevoll, praktisch und kreativ predigen. SCM R. Brockhaus, Witten, 2012. ISBN 978-3-417-26469-2| 13,95 € | 238 S.

Predigt und Kanzelrede

Sind die Wörter „Predigt“ und Kanzelrede“ eigentlich Synonyme? Wer in die Untertitel der beiden in diesem Jahr erschienenen Bücher „Präsent predigen“ und „Evangelische Predigtkultur“ schaut – beide mitherausgegeben von Alexander Deeg – könnte einen entsprechenden Eindruck gewinnen. Auch in diesem Jahr erschienen ist eine Sammlung von Predigten und Kanzelreden mit Herzen, Mund und Händen (herausgegeben von Kathrin Göring-Eckardt und Gerald Hagmann). Hier wird offenbar unterschieden.

Tatsächlich war im 19. Jahrhundert der Ausdruck „Kanzelrede“ im Sinne von Predigt durchaus verbreitet – wobei der Ausdruck zum Teil auch für Ansprachen im Gottesdienst verwendet wurde, die neben der eigentlichen Predigt gehalten wurden. Soweit ich das überblicke hat es eine wirklich scharfe Trennung nie gegeben. In den letzten Jahren hat sich aber ein bestimmter Wortgebrauch etabliert. Danach sind „Kanzelreden“ Reden auf der Kanzel von nicht-ordinierten Rednern, oft Politikern oder Künstlern.

Hintergrund ist das sogenannte Kanzelrecht, das in den unterschiedlichen Gliedkirchen der EKD zwar unterschiedliche gehandgabt wird, das aber einen Kern hat: Eine eigenständig erabeitete Predigt darf grundsätzlich nur von einer dazu von der Kirche ordinierten Person vorgetragen werden – das sind Pfarrerinnen und Pfarrer, sowie Prädikantinnen und Prädikanten. Soll ein nicht-ordinierter Gast in einem Gottesdienst predigen, bedarf es dazu der Zustimmung des Pfarrers oder des Presbyteriums/Kirchenvorstands (hier sind die Regelungen uneinheitlich). Statt von Predigt wird deshalb von Kanzelrede gesprochen. Diesem Wortgebrauch folgt der Band von Göring-Eckardt und Hagmann, der auf eine besondere Predigtreihe im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 in Bochum zurückgeht. (Für Notfälle, also wenn kein Pfarrer zum Gottesdient erscheinen kann, gibt es sog. Lesepredigten, die z.B. von einem Presbyter vorgetragen werden können.)

„Kanzelrede“ markiert den Ort, von dem aus geredet wird. Das macht Hans Martin Müller in seiner Homiletik deutlich, wenn er – im Rückgriff auf Schleiermacher – betont, dass die (monologische) Predigt auf der Kanzel eine bloß historisch bedingte Erscheinungsform und mithin die Kanzelrede nicht identisch mit der Predigt ist (S. 182f). In vielen Gemeinden wird gar nicht mehr oder nur in besonderen Situationen von der Kanzel geredet: Moderne Kommunikationstechnik macht die ursprünglich aus akkustischen Gründen errichteten Kanzeln eigentlich überflüssig. Es gibt sogar Kirchen, in den denen die Kanzel nur noch zu „Kanzelreden“ verwendet wird – also dann, wenn ein Gastredner spricht.

Die Kanzel ist natürlich ein wichtiger symbolischer Ort. Sie ist symbolischer Ort, weil sie zusammen mit Altar und Taufstein zu den Prinzipalstücken, die seit dem 17. Jahrhundert die meisten evangelische Chorräume prägen – meist am Chorbogen anbebracht. Während die anderen beiden Prinzipalien Abendmahl und Taufe repräsentieren steht die Kanzel für das Wort Gottes. Dabei wurde unterschieden zwischen dem Ambo als Ort der Lesung und der Kanzel aus Ort der vom Prediger zu verantwortenden Auslegung. Wegen dieser symbolischen Bedeutung bleibt die Kanzel in manchen Gemeinden ausschließlich Pfarrern und Prädikanten vorbehalten – Gastredner müssen an den Ambo oder eine besondere Redestelle ausweichen. Liturgisch ist eine solche theologische Überhöhung der Kanzel aber unsinnig.
Die Kanzel ist aber auch in negativer Hinsicht symbolischer Ort für ein pfarrherrliches „von oben herab“ und für ein umgangssprachliche gewordenes „abkanzeln“. Predigerinnen und Prediger nutzen deshalb seit den 1970er Jahren andere Predigtorte, vor allem um auf Augenhöhe mit der Gemeinde zu reden. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass es in vielen neueren Kirchen gar keine Kanzel mehr gibt, sondern nur noch einen Ort für Lesung und Predigt: Ambo und Kanzel verschmelzen gewissermaßen wieder, wie zur Zeit vor der Reformation.

Predigt und Kanzelrede sind also nicht synonym. „Kanzelrede“ kennzeichnet entweder eine Predigt durch den Ort, an dem sie gehalten wird oder sie kennzeichnet eine Rede auf der Kanzel von jemandem, der nicht qua Amt, sondern ausnahmsweise dazu beauftragt ist. Da sich letztes in der Vergangenheit als Sprachgebrauch etabliert hat, spricht manches dafür, den Begriff für solche Formen der Rede von Gastrednern in einer Kirche zu reservieren – selbst wenn es in der Kirche gar keine Kanzel gibt.

Was sind „moves“?

Ein Kernbegriff in Buttricks Homiletik sind „moves“. Die deutsche Interpretation des Begriffs irritiert mich allerdings. Martin Nicol versteht die moves als „die kleineren bewegten Einheiten einer Predigt“ (Einander ins Bild setzen, S. 108), die „den Sequenzen im Film (movie) vergleichbar sind“. Wenn ich „moves“ lese, lese ich etwas anderes.
Buttrick versteht „moves“ als Gegenbegriff zu „points“: Sprache ist lebendig und beweglich. Wenn ein Prediger „Punkte“ abhandelt, verliert seine Rede an Schwung und Beweglichkeit: Der Prediger steht distanziert außerhalb des Geschehens, und bringt aus dieser Distanz durchaus vernünftige und objektiv richtige, aber gerade dadurch reiflich steife, ewige Wahrheiten zur Sprache. Moves nutzen die Beweglichkeit der Sprache und lassen die Sprache so lebendig werden.
Um das zu verstehen, muss man nicht die „Filmsprache“ bemühen. Es reicht, sich zu vergegenwärtigen, dass wir sprechend handeln. Wittgenstein sprach davon, unsere sprachlichen Handlungen als Züge in einem Spiel zu verstehen. Auf English ist hier von „moves“ die Rede. Mir scheint das der sinnvollere Hintergrund, vor dem Buttricks „moves“ zu verstehen sind. Er selbst verweist im Literaturanhang auf die Sprachphilosophie und die Sprachpragmatik von Wittgenstein, Austin und Farb, nicht auf die Filmtheorie.
Damit ist der Zusammenhang mit dem Film nicht widerlegt: Man kann moves durchaus als Szenen eines Filmes verstehen. Grundlegender scheint mir aber, die Predigt als sprachliche Handlung zu verstehen, die aus einzelnen sprachlichen Zügen gebildet wird.
[siehe auch den Post vom 6.3.11 „Moves und Points“]

Buttricks Homiletic

Ich nehme einmal mehr David Buttricks Homiletik zur Hand und stelle mal wieder erstaunt fest: Das Schlechteste, was es über dieses Buch zu sagen gibt, ist: Es liegt immer noch nicht auf deutsch vor. Das ist eigentlich erstaunlich, weil es mittlerweile immerhin über 20 Jahre alt ist – und in mancherlei Hinsicht zu dem Besten gehört, was im Bereich der Homiletik in dieser Zeit veröffentlicht wurde. Wer „David Buttrick“ ergoogelt, wird kaum Seiten auf Deutsch finden. Wer nach den beiden Kernbegriffe „Moves and Structures“ sucht, landet schnell bei Martin Nicol und der dramaturgischen Homiletik – soweit ich sehe der einzige deutschsprachige Ansatz, der sich ernsthaft mit Buttrick auseinander setzt. Als ich das Buch vor fünf oder sechs Jahren das erste Mal gelesen habe, hat es mir die Perspektive für eine ganz andere Homiletik eröffnet: eine Homiletik, die jenseits von der deutschen Aufsatz- und Vortragshomiletik auf Techniken der Inszenierung setzt. Ich will mir das Buch in den nächsten Wochen nochmal vornknöpfen. Wenn ich Zeit hätte, würde ich es am liebsten selbst übersetzen, denn ohne deutsche Version wird es wahrscheinlich auch 25 Jahre nach Ersterscheinen (das wird nächstes Jahr sein) den meisten deutschen Predigern unbekannt sein.

P.S.: Ich stelle grad fest, dass es nicht mal in der englischen Wikipedia einen Eintrag zu Buttrick gibt. Bei homileticsonline.com gibt es zumindest ein Interview.