Grundmethoden – schnörkelos erklärt

Kurz und schnörkellos stellt Lutz von Werder in Brainwriting & Co Grundmethoden des kreativen Schreibens v.a. non-fiktionaler Texte vor. Jedes Kapitel ist mit einer Einführung, erläuternden Grafiken und Übungen versehen. Übersichtlicher und bündiger geht’s kaum noch. Dabei sind die Erläuterungen so präzise gefasst, dass trotz der Knappheit alles notwendige behandelt wird.

Obwohl sich das Buch laut Untertitel an Schüler und Studenten wendet, ist der Adressatenkreis größer: Neben Lehrern und Dozenten werden alle beruflich Schreibenden von den vorgestellten Methoden profitieren. Das gilt insbesondere für Prediger. Wer noch nie mit den vorgestellten Methoden gearbeitet hat, wird gut eingeführt. Wer schon einige Erfahrung hat, wird das schmale Buch als Handbuch zu schätzen wissen.

Natürlich sind die Methoden prinzipiell auch für das Schreiben fiktionaler Texte zu gebrauchen und zum Teil dafür entwickelt. Dies tritt hier aber hinter den erklärten Zweck zurück, kreative Methoden für ein Lernumfeld vorzustellen.

Die Methoden sind in zwei Gruppen aufgeteilt:

„Befreiende Schreibmethoden“ (Free- und Brainwriting, automatisches und meditatives Schreiben, Clustering, MindMapping)

und „geregelte Schreibmethoden“ (Journalschreiben, autobiografisches, rhetorisches und metaphorisches Schreiben, Modelling).

Fazit

Eine hervorragende, praxisorientierte Einführung in das kreative Schreiben non-fiktionaler Texte. Die ausgewählten Methoden sind Grundmethoden für ein kreatives Arbeiten in unterschiedlichen Zusammenhängen. Prediger/innen, die nach einer verständlich geschriebenen Einführung suchen, die schnell auf den Punkt kommt und für die alltägliche Praxis relevant ist, sei dieses Buch ausdrücklich empfohlen.

Werder, Lutz von: Brainwriting & Co. Die 11 effektivsten Methoden des kreativen Schreibens für die Schule und das Studium, Berlin 2002.
ISBN 3-928878-83-2 – 10 € | 170 S. [Amazon-Link]

Ein weites Feld

Lutz von Werders Lehrbuch ist ein umfassendes Kompendium zum kreativen Schreiben. Der Autor will mehrere Zielgruppen ansprechen: Interessenten am Kreativen Schreiben ohne jede Vorkenntnisse ebenso wie (Fern?)Studenten, Leiter von Schreibgruppen ebenso wie deren Teilnehmer. Es dürfte schwierig sein, alle diese Zielgruppen zu befriedigen. Meine Einschätzung ist: Das Lehrbuch richtet sich vorwiegend an jene, die selbst zu Methoden des kreativen Schreibens anleiten wollen, etwa im schulischen Unterricht, in Schreibkursen oder der Erwachsenenbildung. Hierfür ist es ein unentbehrliches Handbuch.
Das Lehrbuch führt in theoretische und praktische Konzeptionen ein und ist dabei so übersichtlich gestaltet, dass es als wissenschaftliche Einführung, Nachschlagewerk und Ideebörse genutzt werden kann. Wer sich schon einige Zeit mit der Praxis des Schreibens befasst und sein wissen vertiefen möchte, findet hier ausführliches Lehr- und Studienmaterial. Wer aber ganz unbedarft eine praktische Anleitung sucht, wird vermutlicht enttäuscht sein. Dafür sind die praktischen Anleitungen – auch wenn sie zahlreich sind – zu knapp und die theoretischen Ausführungen zu detailliert.
Teil I des Lehrbuches führt in die Geschichte und theoretischen Hintergründe der unterschiedlichen Konzeptionen Kreativen Schreibens ein. Dabei wird schnell deutlich, dass Werders Sympathien der „neuen deutschen Schreibbewegung“ gelten. Das führt im gesamten Lehrbuch dazu, dass ihm ein – im negativen Sinn – sozialpädagogischer, therapeutischer und psychologistischer Impetus zu eigen. Ein Schuss Pragmatismus des Creative Writing hätte dem Lehrbuch gut getan. Allerdings ist der Autor ja auch Dozent an der Berliner Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Wer sich aber von dem Jargon nicht stören lässt, wird mit einer guten Darlegung der unterschiedlichen Ansätze belohnt. Insbesondere die jeweils kurzen Darstellungen einzelner Kreativitäts- und Schreibmethoden sowie die Einführung in komplexere Schreibprozesse und -projekte sind gut und übersichtlich geraten. Sie machen einen Großteil des ersten Teils aus und allein deshalb lohnt die Anschaffung des Buches. Denn eine vergleichbare Zusammenstellung gibt es im deutschsprachigen Raum nicht.
Besonders gut gefällt mir, dass sich Werder dabei nicht ausschließlich auf Lyrik und fiktionale Prosa beschränkt, sondern auch das non-fiktionale Schreiben einbezieht. Denn gerade das scheint mir ein Manko der deutschen Schreibbewegung zu sein: Dass sie diesen Bereich eher vernachlässigt hat. Werder räumt ihm zwar keinen großen Raum ein und seine Ausführungen zum philosophischen Schreiben sind eher problematisch – aber Werder nimmt das Problemfeld in den Blick. Er macht damit deutlich, dass auch das non-fiktionale Schreiben für kreative Ansätze offen ist.
Teil II des Buches widmet sich umfassend der „Poesiepädagogik“. Hier findet der Schreiblehrer theoretische Analysen der Schreibpraxis und pragmatische Hinweise zur Anleitung von Schreibgruppen und Durchführung von Schreibseminaren. Die Darstellung ist profund und praxisorientiert. Es ist eine Stärke des Lehrbuches, dass es die pädagogischen Chancen, die in den kreativen Schreibmethoden stecken, deutlich aufzeigt. Wünschenswert wäre allerdings, wenn der zweite Teil des Lehrbuches zumindest am Rande auf den unterrichtlichen Einsatz eingehen würde. Zwar lassen sich viele der Ausführungen problemlos auf die Unterrichtspraxis übertragen, aber das Problem von Schreibhemmungen ist beispielsweise im Unterricht anders gelagert als in Gruppen von Erwachsenen, die sich zum Schreiben und zum Austausch über das Geschriebene treffen.

Fazit

Wer sich ausführlich mit Hintergründen und Methoden des Kreativen Schreibens auseinander setzen will oder Methoden des kreativen Schreibens in der eigenen, pädagogischen Arbeit einsetzen will, für den ist die Anschaffung dieses Buches beinahe Pflicht. Als Einstieg ist das Buch aber nicht zu empfehlen. Gewöhnungsbedürftig ist die zuweilen jargonhafte Sprache Werders. Aber wer sich daran nicht stört, findet ein solides Lehrbuch vor, bei dem allein die Fülle des Materials konkurrenzlos ist.

Werder, Lutz von: Lehrbuch des kreativen Schreibens, 4. Aufl., Berlin 2001.
ISBN 3-928878-05-0 | 23,50 €

Übersicht über den Aufbau des Buches:
1. Teil: Das poetische Feld
A. Das Kreative Schreiben (S. 23-70)
B. Techniken und Methoden des kreativen Schreibens (S. 71-99)
C. Szenarien des kreativen Schreibens (S. 101-289)
D. Beispieltexte des kreativen Schreibens (S. 290-308)
2. Teil: Die Praxis der Poesiepädagogik
A. Empirische Grundzüge der Poesiepädagogik (S. 311-333)
B. Theorie der Poesiepädagogik (S. 334-391)
C. Empirische und theoretische Aspekte der Poesiegruppenpädagogik (S. 392-464)
D. Anleiter und Teilnehmer des pädagogischen Feldes (S. 465-496)

Witze grade biegen

Schreiben folgt Regeln und ist dennoch permanenter Regelbruch. Deshalb ist Schreiben prinzipiell lernbar, aber gerade dann kreativ, wenn man die eingetreten Pfade verlässt. Das gilt für jede Form von Schreiben, erst recht aber für humorvolles Schreiben. John Vorhaus bietet in seinem Buch eine Reihe nützlicher Regeln und Prinzipien, aber er betrachtet sie nicht als ehernes Gesetz, sondern als Instrumente zur Produktion komischer Texte.

Vorhaus‘ Grundsatz lautet: „Komik ist Wahrheit und Schmerz.“ (16) Ein einfaches Prinzip, das aber nicht leicht zu verstehen ist. Anhand zahlreicher Beispiele versucht Vorhaus zu erklären, wie sein Grundsatz gemeint ist. So erzählt er beispielsweise folgenden Witz: „Was kommt heraus, wenn man einen Zeugen Jehovas mit einem Agnostiker kreuzt? – Jemand, der ohne ersichtlichen Grund an der Tür klingelt.“ Ein schöner Witz, zweifellos, aber die knappe Analyse nach dem Wahrheit-Schmerz-Schema überzeugt nicht unmittelbar: „Die Wahrheit ist, dass manche Menschen gern glauben möchten. Der Schmerz rührt daher, dass nicht jeder es schafft.“ (20)

Was Vorhaus offenbar meint ist, dass ein guter Witz (und nur darum geht es) auf einen wahren Sachverhalt abzielt: Die Zeugen Jehovas sind bekannt dafür, dass sie von Haus zu Haus ziehen, um Menschen von ihrem Glauben zu erzählen. Wir mögen das für befremdlich halten, ja sogar darüber spotten, weil wir das nicht tun würden, aber so ist das nun mal. Aber: Was ist uns selbst so wichtig, dass es uns motivieren würde bei Fremden zu klingeln, um ihnen dieses Wichtige mitzuteilen? Etwas so wichtiges gibt es offenbar nicht. Das rührt der Witz an: Der Schmerz ist, dass wir nichts mitzuteilen hätten, stünden wir an der Stelle der Zeugen Jehovas.

Der Witz ist also eigentlich ein Witz über uns. Deshalb ist er so gut. Aber ist er auch gut, wenn man ihm einen Zeugen Jehovas erzählen würde? – Nein, denn der würde unseren Schmerz nicht teilen. Deshalb gibt es auch keine absolut witzigen Witze. Wenn der Hörer den wahren Sachverhalt für eine Unwahrheit hält oder er den Schmerz nicht teilt, wird er den Witz nicht verstehen. Das Wahrheit-Schmerz-Schema ist kein scharfes Analyseinstrument, aber es ist dennoch geeignet, über einen Witz nachzudenken, um sich klar zu machen: Was macht den Witz aus? Wie wird er auf die Hörer wirken?

Obwohl Vorhaus mit der Erläuterung seines Grundsatzes beginnt, ist er nicht geeignet unmittelbar zur Textproduktion anzuleiten. Er klärt nur auf, was der Autor für komisch hält. Vorhaus macht deutlich, dass dies nicht die einzige Art von Komik ist, aber er hält es für die bessere Art. Die Anleitungen zum Textschreiben setzten wie die meisten Schreibbücher damit ein, dass es zunächst darum geht, den inneren Kritiker methodisch auszuschalten. Vorhaus‘ Hauptmethode arbeitet mit Listen: Möglichst zügig soll man dabei eine Liste von zehn Einfällen zu einem Thema erstellen. Vorhaus geht davon aus, dass von zehn Witzen neun unbrauchbar sind (Neunerregel). Also wird sich bei einer Liste von zehn Einfällen vielleicht ein guter finden. Aber selbst wenn nicht: Entscheidend ist für die Methode, überhaupt erst mal Ideen zu entwickeln und aufzuschreiben. Mit dem Ergebnis lässt sich dann ja weiter arbeiten.

Das Schreiben eines humorvollen Textes basiert auf einer „komischen Prämisse“ (41). Vorhaus Grundansatz gleicht dabei den üblichen Annahmen: Eine Geschichte entwickelt sich, indem eine erzählerische Prämisse entfaltet wird. Die komische Geschichte basiert dagegen auf der „Kluft zwischen zwei Wirklichkeiten“, auf dem Zusammenprall zweier Welten. Aus ihnen entsteht ein komischer Konflikt. Dafür gibt es eine Reihe von Möglichkeiten: Zwei unpassende Figuren stoßen aufeinander, eine Figur mit einer seltsamen Weltsicht muss in den normalen Welt zurecht kommen, eine Figur gerät in einen für ihn untypischen Kontext etc. Vorhaus beschreibt die Möglichkeiten, komische Prämissen und Konflikte zu entwickeln und zu testen und komische Geschichten zu überarbeiten und zu verfeinern. Die Instrumente, die er dabei vorstellt, lassen sich oft auch auf andere Arten von Textproduktion übertragen.

Im Blick auf die homiletische Praxis ist das Buch freilich nur von begrenztem Wert: „Handwerk Humor“ ist kein Leitfaden hin zu einer humorvolleren Predigtpraxis. Auch wird das Buch einem drögen Prediger nicht dazu verhelfen, plötzlich mit einem Feurwerk komischer Einfälle zu brillieren. Gleichvoll kann Vorhaus auch für solche Fälle aufmerksam machen: Ist das komisch? Für wen ist es komisch? Wenn könnte es verletzen? Es gibt allerdings einen kirchlichen Kontext, für den das Buch sehr nützlich sein kann: Für das Schreiben von Anspielen, Sketchen etc.

Fazit

„Handwerk Humor“ ist eine solide Einführung ist das komische Schreiben. Es ist aber kein Leitfaden zur Witzproduktion und es wird auch nicht unbedingt zu einer humorvolleren Predigtpraxis führen. Die Schreibtipps sind überwiegend brauchbar – auch für ernstere Schreibkontexte. Methodisch ist Vorhaus aber sehr begrenzt: Es bleibt bei seiner Listenmethode. Die allerdings so schlecht ja auch nicht ist. Ehrlich gesagt: Man braucht das Buch nicht unbedingt. Wer aber regelmäßig selbst Anspiele für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen schreibt, für den könnte eine Anschaffung ratsam sein.

Vorhaus, John: Handwerk Humor, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 2001.
ISBN 3-86150-363-8 | 12,75 € / 302 S.