Nicht wirklich spannend

BuchcoverEine „Methodenlehre der Spannung“ verspricht Herausgeber Hanns-Josef Ortheil in seinem Vorwort zu Christian Schärfs „Spannend schreiben“. Der Untertitel verrät: Im fünften Band der DUDEN-Reihe „Kreatives Schreiben“ geht es um Krimis, Mord- und Schauerromane. Charakteristisch für die ganze Buch-Reihe ist der Versuch, in die Schreibwerkstätten ausgewählter Schriftsteller zu führen, um dort Anregungen für das eigene Schreiben zu bekommen. Das hatte bislang durchaus seinen Charme, tendiert in „Spannend schreiben“ aber stark zu einem germanistischen Proseminar. Auch wenn bei Schärf einige interessante Überlegungen zu finden sind – gemessen an dem Versprechen, eine „Methodenlehre der Spannung“ vorzulegen, muss das Buch enttäuschen.

Schärf nähert sich dem Begriff der Spannung auf rezeptionsästhetische Weise: Statt zu versuchen, einen allgemeinen Begriff von Spannung vorzulegen, schlägt Schärf vor, Spannung zu verstehen als „ein Phänomen, das zwischen den Akten der Herstellung eines Textes einerseits und seiner Wahrnehmung bei Lesern andererseits liegt“ (S. 10). Das Kapitel über die „Erschaffung des Lesers“ (S.119ff) gehört daher zu den interessantesten Abschnitten des Buchs. Die Kunstfertigkeit des Krimi-Autors liegt für Schärf letztlich nicht in der Verwendung literarischer Tricks der Spannungserzeugung, sondern in der „Einbindung des Lesers in die Aufklärungsarbeit“ (S. 121). Das wichtigste Instrument ist dabei die „Aussparung“ (S. 12) und die „Zurückhaltung von Information“ (S. 121): „Was wir als ‚spannend schreiben’ bezeichnen, hängt davon ab, inwieweit es dem Autor gelingt, einen Leser zu schaffen, der seine eigenen Projektionen und Hypothesen auf die Handlung bezieht und damit eine Identifikation mit dem Verbrechen und seiner Vor- und Nachgeschichte herstellt.“ (S. 123)

Das Phänomen Spannung äußert sich darin, dass ein spannender Text die Aufmerksamkeit des Lesers bindet. Das geschieht nicht einfach so: Solche „Spannung muss … erzeugt werden“ (S. 11), und zwar indem der Stoff, aus dem eine Geschichte besteht, dramatisiert wird. Das gelingt am einfachsten dadurch, dass der Autor Informationen zurück hält. Im Englischen steht dafür der Begriff der Suspense, den Schärf nicht ganz zutreffend als „Aufschub“ übersetzt.  ‚To keep somebody in suspense’  bedeutet aber eher, jemanden in Ungewissen lassen bzw. auf die Folter zu spannen – in diesem Fall: den Leser. Auch wenn Schärf sich etwas unklar ausdrückt, meint er aber genau das.

Die Kernfrage ist dann also, wie es einem Autor gelingt, seinen Leser dazu zu bringen, sich auf die Folter spannen zu lassen. Auf diese Frage sollte eine Methodenlehre der Spannung Antwort geben – und genau hier setzt die Enttäuschung über das Buch ein: Auch wenn es durchaus gute methodische Hinweise gibt, mangelt es doch an einer systematischen Entfaltung. Das liegt meines Erachtens vor allem an Schärfs Grundannahmen und der  Grundkonzeption des Buches.

Zweifellos interessant sind die Hinweise zum dem, was Schärf „Antizipation der Bedrohung“ (S. 20) nennt und die Überlegungen zur „Gestaltung von Zonen der Angst“ (S. 46). Es ist konstitutiv für die Angst im Unterschied zur Furcht, dass sich die Angst auf eine mögliche Bedrohung richtet. Diese Bedrohung anzudeuten, ihre Konkretion aber zu verzögern, schafft eine spannungsvolle Atmosphäre, die schrittweise aufzubauen ist: im einem zunächst gefahrlosen Raum gibt es erste Anzeichen einer Bedrohung, dies sich erst allmählich manifestiert und sich schließlich als echte Gefahr zeigt: im Schauerroman als übermenschliche Bedrohung, im Kriminalroman als unmenschliche. Die diffuse Angst schlägt in Frucht und Grauen um. Ein wichtiges Mittel ist dabei die Darstellung der Orte und Rahmenbedingungen als „Angstzonen“. Beides kann man sich sehr gut am Beispiel eines Films wie „Alien“ deutlich machen: in dem Science-Fiction-Film ist das Alien im überwiegenden Teil des Filmes gar nicht zu sehen; zur klaustrophobischen Atmosphäre trägt vor allem die Darstellung des Raumschiffs bei. Christian Schärf führt die klassische Verwendung dieser Stilmittel an Beispielen von Edgar Allan Poe, Bram Stoker und E.T.A. Hoffmann vor.

Die Grundannahme jedoch, dass das Phänomen der Spannung „keine empirisch zu bestimmende materielle Basis aufweist“ (S. 10) führt Schärf zu einer (durchaus begründeten) Skepsis gegenüber Patentrezepten der Spannung. Schärfs These von der Erschaffung des Lesers hebt ja zu Recht hervor, dass nicht jeder Leser sich von einem Text gefangen nehmen und auf die Folter spannen lässt. Der Autor kann im Einsatz seiner Spannungsmittel scheitern. Deshalb aber zum Beispiel ein beliebtes Mittel wie cliffhanger  nur begrifflich zu erwähnen (vgl. S. 119), ohne das Mittel selbst vorzustellen, ist ein Manko. Ja, der übermäßige Gebrauch der Methode, ein Kapitel auf dem Höhepunkt der Spannung abzubrechen und verzögert fortzusetzen, ist auf Dauer einfallslos und ermüdet bald. Das zeigen zum Beispiel die Romane von Dan Brown, die fast nur mit diesem Mittel arbeiten. Trotzdem haben die Bücher ein Millionenpublikum gefesselt. Wer Alwin Fills sprachwissenschaftliche Analyse „Das Prinzip Spannung“ liest, wird auf eine verwirrende Vielzahl von empirisch bestimmbaren Elementen der Spannung auf allen Ebenen der Sprache stoßen: Kein Element muss, aber jedes einzelne kann Spannung erzeugen. Für eine Methodenlehre der Spannung wäre es eigentlich notwendig, die für die Praxis des kreativen Schreibens relevantesten Aspekte darzustellen. Das kommt in Schärfs Buch zu kurz.

Auch die Grundkonzeption mündet letztlich in eine Enttäuschung. Christian Schärf bezieht spannendes Schreiben ausschließlich auf Schauer- und Kriminalgeschichten. Seine plausibel ausgeführte These ist, dass sich der moderne Kriminalroman aus der  gothic novel des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Den Prozess dieser Entwicklung zeichnet er nach, indem er zunächst Grundelemente der Angstspannung in der Schauerliteratur darstellt, und dann über die Erfindung der Detektivfigur und der Rätselspannung zu zeitgenössischen Thrillern gelangt. Schärfs Analysen sind interessant zu lesen und im Detail durchaus aufschlussreich. Spannend schreiben bedeutet aber mehr als Krimis zu schreiben. Auch ein Liebesroman lebt von der Spannung der Ungewissheit, ob sich die beiden am Schluss kriegen oder nicht. Das kann spannend sein „wie ein Krimi“. Auch mein „Alien“-Beispiel zeigt: Spannung gibt es nicht nur im Krimi. Es spricht natürlich nichts dagegen, Spannungsliteratur vorwiegend auf den Kriminalroman zu beziehen und exemplarisch vorzuführen. Eine Methodenlehre des spannenden Schreibens sollte aber ansetzen bei der allgemeineren Frage, welche erzählerischen Mittel zur Spannung einer Geschichte beitragen.

Wer nun wiederum denkt, er bekäme zumindest Hinweise zur Konstruktion einer Kriminalgeschichte wird ebenfalls enttäuscht sein. Im Kapitel zum Plotting (S. 92ff) findet man gerade keine Methoden zur Herstellung eines Plots, also eine Handlungslinie, sondern nur die Entfaltung zweier spezifischer Plotstrukturen: der Reise und des Wettstreits. Die Überlegungen zum Krimi als Reise in eine labyrinthische Struktur, die der Detektiv erkunden und entwirren muss (wie im klassischen Detektivroman) und der Krimi als Wettstreit zwischen Täter und Ermittler (etwa im Genre der Serienmördergeschichten) sind kenntnisreich geschrieben und interessant zu lesen. Auf die entscheidende Frage, wie man ein kriminalistisches Rätsel und Labyrinth entwirft, in das man Detektiv und Leser dann schickt, gibt Schärf aber keine Antwort.

Da helfen auch die Schreibaufgaben nicht weiter. Sie fordern zuweilen im Stile von schulischen Klausuraufgaben zur Analyse klassischer Texte auf oder ermuntern zur Imitation eines Stils bzw. die Verfassung von Pastichen. Im Unterschied zu früheren Bänden der DUDEN-Reihe finden sich in den Schreibaufgaben aber kaum methodische Bündelungen von Schreibverfahren exemplarisch vorgestellter Autoren.

Fazit: Eine „Methodenlehre der Spannung“ ist Christian Schärfs Buch „Spannend schreiben“ also nicht. Die Ausführungen sind zwar informativ und die Analysen können überzeugen, aber es fehlen grundsätzliche Überlegungen zu dem, was Texte und Geschichten – jenseits von Krimi und Grusel – spannend macht.  Andererseits bietet das Buch auch kein spezifisches Handwerkzeugs zum Entwickeln eines Krimi-Plots. Die Stärken des Buches liegen darum eher in der Reflexion auf einige Grundlagen der klassischen Kriminalliteratur, weniger in der praktischen Anregung zum kreativ-spannenden Schreiben. Obwohl die als „Schreibverführer“ beworbenen Bücher gerade das versprechen. „Spannend schreiben“ löst dieses Versprechen nicht ein.

Christian Schärf: Spannend schreiben. Krimi, Mord- und Schauergeschichten, , 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012. ISBN 978-3-411-75436-6| 14,95 € | 157 S.

Überarbeitung und Zeitmanagement

Die Überarbeitung ist ein unverzichtbarer, aber zeitaufwändiger Teil des Schreibens. David M. Kaplan meint: „Überarbeiten heißt: denken und überdenken, tippen und neu tippen. Es heißt: zu viel Kaffee trinken und den verzweifelten Wunsch nach irgendeiner Ablenkung verspüren – telefonieren, den Briefträger in eine Gespräch verstricken, ein Buch lesen oder dem plötzlichen Heißhunger auf Croissants nachgeben.“ (Die Überarbeitung, S. 21) Was Kaplan hier beschreibt, nennt man überlicherweise Prokrastination oder Aufschieberitis. Wahrscheinlich ist das Überarbeiten neben der Recherche der zeitintensivste Teil des Schreibens.

Es wundert daher nicht, dass Sondra Wilson Predigtüberarbeitung und Zeitmanagement in einem Kapitel diskutiert (The Write Stuff, S. 103ff), das sie doppeldeutig mit „Time to Revise“ überschreibt: Es kommt eben nicht nur irgendwann die Zeit der Überarbeitung, sondern sie braucht auch Zeit. Das muss entsprechend organisiert werden. Wilson verweist darauf, dass einige Prediger als Zeitbedarf für die Predigtvorbereitung acht Stunden angeben. Und sie erwähnt Harry Fosdick, der sogar forderte, ein Prediger müsse für jede Minute auf der Kanzel eine Stunde Vorbereitungszeit kalkulieren. Dem stehen empirische Studien gegenüber, nach denen Pfarrerinnen und Pfarrern in der Vielfalt ihrer alltäglichen Aufgaben am Ende nur rund drei Stunden übrigbleiben, die sie in die Vorbereitung einer Predigt stecken (vgl. Präsent predigen, S. 116). Predigtvorbereitung, die auf die Phase der Überarbeitung nicht verzichten mag, braucht also ein System des Zeit- und Selbstmanagements.

Leider eignen sich viele Zeitmanagement-Modelle nicht für den Pfarralltag. Viele Ansätze scheinen für Freiberufler optimiert. Wilson gibt nur ein paar Tipps, die kaum als systematisches Modell durchgehen: Große Aufgaben lassen sich in kleinen, überschaubauen Einheiten besser bearbeiten; man darf nicht alles verplanen, sondern muss auch Ruhezeiten einhalten; und bei konkreten Aufgaben kann es helfen, sich mit der Eieruhr-Methode für einen definierten Zeitbereich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Das war’s schon und hilft nur begrenzt weiter. Ich will mal versuchen, in den nächsten Wochen mein Zeitmanagement zu reflektieren. Dass die Predigtvorbereitung dabei nur eine Rolle neben vielen anderen wichtigen Rollen spielt, liegt in der Natur des Pfarralltags.

Täglich Schreiben

Tagebuch schreiben scheint einfach und voraussetzungslos: eine Kladde und ein Stift genügen, um mit täglichen Aufzeichnungen aus dem eigenen Leben zu beginnen. Probleme scheint es allenfalls damit zu geben, wirklich regelmäßig zu schreiben. Aber stimmt dieser Eindruck? Wie schon in Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ stellt Christian Schärf im zweiten Band der Duden-Reihe „Kreatives Schreiben“ an konkreten Beispielen Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Schnell wird dabei deutlich: Selbst ein jugendlicher Herz-Schmerz-Eintrag ist nicht einfach unmittelbarer Ausdruck, sondern schreibend gestaltet: „In diesem Sinn ist das Tagebuchschreiben eine Form des literarischen Schreibens“ (17), auch wenn es nicht auf Veröffentlichung zielt, sondern privater Eintrag ist und bleiben soll.

Was fällt unter ein Tagebuch? Die Grundlage ist für Schärf zunächst die Notiz über ein Ereignis oder Erlebnis. Der Übergang zum Tagebuch geschieht, wo diese Notizen einer chronologischen Ordnung folgen: „Schreiben Tag für Tag bedeutet, festzuhalten, was sonst im Strom des Zeit untergehen würde.“ (11f) Das kann in einer sehr einfachen Form eine Notiz im Kalender sein, wie dies beispielsweise E.T.A. Hoffmann eine zeitlang praktiziert hat (S. 29ff). Dennoch lassen die Grenzen nicht immer scharf ziehen: Gottfried Benns Aufzeichnungen im Notizbuch folgen keiner strengen Ordnung und sind doch auch eine Art von Tagebuch. Auf der anderen Seite können die Einträge  klar definierten Absicht folgen, wie beim Journal, das einen Arbeitsprozess begleitet: „Beim Tagebuchschreiben ist somit im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“ (16)

Dennoch gibt es natürlich Elemente, die tagebuch-typisch sind: neben der Chronologie gehört dazu der private Selbstbezug (13) und die Monologstruktur (ebd.): „Es ist die Stetigkeit des Vor-sich-selbst-Zeugnis-Ablegens, von der sich Tagebuchschreiber aller Epochen eine klarere Erkenntnis ihrer selbst wie ihrer Umwelt versprochen haben.“ (14).

Pragmatische Erwägungen spielen nur am Rande eine Rolle (wie schon in „Schreiben dicht am Leben“): Wie organisiert man die Schreibzeit? Morgens, abends, zwischendurch? Welches Material bietet sich an? Nimmt man ein kostbares Buch für Zuhause oder ein Notizbuch zum Mitnehmen? Was bedeutet das handschriftliche Tagebuch führen – im Unterschied zum Schreiben am PC? Zwar gibt es vereinzelte Hinweise auf die Praxis der verschiedenen Tagebuch-Autoren, aber es bleibt bei Randnotizen. Nur im Schlusskapitel geht Schärf kurz darauf ein. Obwohl er anmerkt, dass die Rahmenbedingungen des Schreibens für Tagebuchschreiber „von erheblicher Bedeutung“ (142) sind, beschränkt er sich auf eine Skizze von rund einer Seite.

Die 25 Kapitel des Buches sind nicht noch einmal untergliedert. Schärf gliedert in der Einführung ohne Angabe der Kaptitel nach spontanen Aufzeichnungen, Formen von Chronik und Journal, herausragenden Themen und Schreibweisen sowie literarische Überformungen. Diese Einteilung aufgreifend könnte man die Kapitel wie folgt gruppieren:

[A Grundformen des Tagebuchs]

1. Die spontane Aufzeichnung (Franz Kafka)
2. Das anarchische Notizbuch (Gottfried Benn)
3. Der Schreibkalender (E.T.A. Hoffmann und Christiane Goethe)

[B Tagebuch als Chronik und Journal]

4. Die minimale Chronik (Johann Wolfgang Goethe)
5. Das elementare Journal (Samuel Pepys)
6. Das asketische Journal (Trauerarbeit bei Novalis)
7. Die pedantische Chronik (Thomas Mann)
8. Das erzählte Leben (Victor Klemperer und Andy Warhol)
9. Das Arbeitsjournal (Berthold Brecht)

[C Tagebuch als Selbstreflexion]

10. Die Entdeckung des Ichs (Franz Kafka)
11. Ich selbst, so wie ich bin (Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Hebbel)
12. Die persönliche Liste (Susan Sonntag und Jochen Schmidt)
13. Ich elender Mensch ! (Schonungslose Selbstbeurteilung bei Leo Tolstoi, Cesare Pavese und Franz Kafka)
14. Das Allerheiligste meiner Seele (Selbstverherrlichung und „pharaonisches Tagebuch“ (G.R. Hocke) bei Georg Heym und Franz Kafka)

[D Thematische Tagebücher]

15. Offensein für die Dinge (notierte Beobachtungen und Entdeckungen bei Hanns-Josef Ortheil und Anne Frank)
16. Gefühle (Romy Schneider, Max Frisch, Georg Heym)
17. Träume (Theodor W. Adorno und Georg Heym)
18. Das Arsenal der Ideen (Albert Camus und Charles Baudelaire)
19. Beschreiben (Reisetagebuch z.B. bei Franz Kafka, Anäis Nin und Arthur Schopenhauer)
20. In my secret life (Erotisches Tagebuch, ohne Beispiele)
21. Tage des Lesens (Lektüretagebuch bei Jochen Schmidt)
22. Das Gesellschaftsjournal (Fritz J. Raddatz)

[E Literarische Tagebuch-Formen]

23. Die autobiografische Collage (Walter Kempowski)
24. Das Journal als Hypertext-Performance (Rainald Goetz)
25. Die verdichtete Zeit (fiktional verfremdete Geschichten bei Clemens Meyer)

Die Probleme des Buches sind sehr ähnlich denen von Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ (siehe Rezension):

  • Durch die Orientierung an konkreten Tagebuch-Schreibern fällt auf, dass bekannte Tagebuchschreiber fehlen (z.B. Jochen Klepper, Erich Mühsam oder Sylvia Plath, Anne Frank wird nur einmal erwähnt), während Franz Kafka omnipräsent ist. Aber auch hier ist zuzugestehen: Vollständigkeit ist nicht möglich.
  • Das Inhaltsverzeichnis ist leider nicht so klar gegliedert wie bei Ortheil. Zur schnelleren Orientierung in der Systematik wären überschriebene Blöcke von Kapiteln hilfreich. Zudem sind nicht alle Kapitelüberschriften selbstverständlich. Warum Kapitel 6 beispielsweise „Das asketische Journal“ heißt, ist mir unklar geblieben, geht es darin doch um Novalis Trauerarbeit und Todesreflexionen.
  • Die Schreibaufgaben am Ende jedes Kapitel sind wieder methodische Bündelungen. Sie sollen dabei helfen, heraus zu finden, welcher Tagebuchtyp man selbst ist. Dabei wirken die Aufgaben zum Teil sehr gestelzt und künstlich. Die Anregungen gehen eher von den Beispielen aus, nicht von diesen Schreibaufgaben. Ich habe den Verdacht, dass die Aufgaben Tagebuchneulingen wenig nützen werden.

Die größte Schwäche von Schärfs Buch ist, dass er den Adressatenbezug des Tagebuchs nicht systematisch reflektiert. Ich halte das allerdings für die zentrale Frage des Tagebuchschreibens. Wahrscheinlich führen die wenigsten Menschen Tagebuch, um Literatur zu produzieren. Sie halten schriftlich fest, was ihnen am Tag wichtig war. Dass das Tagebuch dabei „in den meisten Fällen der Verständigung eines Ichs mit sich selbst“ diene (10), hält Schärf zwar für einen wesentlichen Grundzug des Tagebuchschreibens. Trotzdem grenzt er sich deutlich z.B. von Tristine Rainers Ansatz ab, die im New Diary die Möglichkeit sieht, dass der Schreiber mit sich selbst kommuniziert (vgl. Rainer, Tagebuch schreiben, S. 10). Für mich sind die Voraussetzungen die gleichen, aber Rainer baut ihr ganzes Buch auf diesem Ansatz auf. Für sie ist das Tagebuch ein „praktisches, psychologisches Werkzeug“ (ebd., S.11) um zu lernen Gefühle auszudrücken, an Gewohnheiten zu arbeiten und auszusprechen, was einen im Innersten bewegt. Wer Tagebuch schreibt, benutzt das Schreiben, um etwas über sich selbst zu erfahren: indem man später das Geschriebene liest und auf Muster, Wiederholungen und Leitmotive etc. reflektiert. Adressat des Schreibens ist dann das später lesende Ich, kein literarisch interessiertes Publikum.

Für Schärf hingegen ist das Tagebuch, egal ob Chronik oder Journal, eine literarische, keine psychologische Methode der Selbstreflexion, selbst wenn der Autor nicht auf Veröffentlichung zielt und nie „zu einer ‚Professionalität’ des Tagebuchführens gelangt“ (148). Schärf weist zu Recht darauf hin, dass jede Form von Verschriftlichung bereits auf literarische Mittel zurück greifen muss und Unmittelbarkeit nicht zu erreichen ist. Gerade das Tagebuch ist aber oft (wie das Notizbuch) Ort der Skizze und des Schreibens ins Unreine. Das macht einen Teil seiner Faszination aus. Für Schärf scheint dies aber eher an die Grenzen der Tagebuch-Literatur, wie er sie versteht, zu führen: „Man kann dabei [beim Niederschreiben vom Gefühlen; KD] spontan vorgehen und aufschreiben, was und wie man gerade fühlt. Diese Art der Fixierung findet sich oft bei jungen Tagebuchschreibern, die sich mit ihren wechselnden Stimmungen beschäftigen und das Tagebuch als Gegenüber nutzen, das sie in ihrer Umwelt nicht zu finden glauben. Immer kommt es jedoch darauf an, dass einem bei aller Spontaneität die geeigneten sprachlichen Mittel zur Verfügung stehen, die eine Fixierung von Gefühlsgehalten erlauben.“ (90) Aber: Kommt es wirklich darauf an?

Es ist eine interessante Sache, dass das Tagebuch selbst zum Gegenüber – um damit selbst zum Adressaten werden kann („Liebes Tagebuch …“). Ihm kommt dabei eine Mittlerrolle zu: Das schreibende Ich teilt über das Tagebuch als aktuellem Gegenüber einem später lesenden Ich etwas mit – mit den sprachlichen Mitteln, die gerade zu Verfügung stehen. Das ist nicht unproblematisch und hat das Tagebuch in Verruf gebracht: Wenn heute bei Diary Slams Tagebuch-Autoren ihre jugendlichen Peinlichkeiten vor Publikum ausbreiten, hat das natürlich damit zu tun, dass literarisch geeignete sprachliche Mittel nicht zur Verfügung standen, sondern nur sprachliche Klischees und Plattitüden. Das später lesende Ich ist reifer und kann sich über das schreibende Ich prächtig amüsieren. In die gleiche Richtung zielt der Beleg, den Schärf anführt: einen Tagebuch-Eintrag der jugendlichen Romy Schneider. Die Unreife und literarische Unzulänglichkeit von Schneiders Text sieht Schärf darin, dass die Autorin nach kurzer Zeit nicht mehr nachvollziehen kann, warum sie „so etwas schreiben konnte“ (91). Für Tristine Rainer würde wahrscheinlich genau diese Frage, warum man einmal so etwas schreiben konnte, zum Ausgangspunkt für weiteres Nachdenken über sich selbst und die eigene Entwicklung. [Henning Luther (Religion und Alltag, S. 118ff) leitet übrigens aus dieser Erfahrung die These ab, dass ein Tagebuchschreiber eben nicht nur mit sich selbst kommuniziert, sondern mit einem „fiktiven Anderen“, der in der christlichen Tradition den Namen Gott trägt – aber das nur am Rande.]

Beim Eintrag Romy Schneiders ist der private Kontext unübersehbar. Wie Schneider werden nur wenige Tagebuchschreiber beim Schreiben an ein großes Lese-Publikum denken. Das ist zum Beispiel bei Max Frisch der Fall, den Schärf Schneiders Eintrag gegenüberstellt. Frischs Tagebücher sind gerade keine spontanen Notizen, sondern sprachlich gestaltete und überarbeitete Kunstwerke, die die Form des Tagebuchs literarisch überhöhen. Die zweifellos faszinierenden Reflexionen Frischs sind ein Beispiel für das, was Tagebuch-Literatur auch sein kann. Man muss sich aber klar sein, dass der Adressat eine literarisch interessierte Öffentlichkeit ist.

Der Adressatenbezug steht letztlich im Zusammenhang mir der Frage, wozu der Tagebucheintrag dient. Christian Schärf macht aus dem Tagebuch eine literarische Spielwiese. In seiner Eigenschaft als Dozent für Literarisches Schreiben ist das ja auch legitim. Die Bandbreite ist aber größer und reicht durchaus bis in den selbsttherapeutischen Ansatz von Tristine Rainers New Diary hinüber.

Seine Stärken entfaltet das Buch daher dort, wo es um eher abgeklärte, reife Schreibweisen geht: Schärf zeigt, dass das Tagebuch keine Angelegenheit pubertierender Mädchen ist, sondern in der Chronik und im Journal zu einem konzentrierten, zweckorientierten Schreiben führen kann. Predigerinnen und Prediger könnten zum Beispiel das Lektüretagebuch für sich entdecken als Möglichkeit, täglich Eindrücke aus Literatur und Bibelstudium zu notieren. Die Chronik bietet die Möglichkeit, Tageserinnerungen aus dem Pfarralltag festzuhalten. Wer viel schreibt, findet in Schärfs Buch zahlreiche Anregungen, daraus Formen täglichen Schreibens zu entwickeln.

Fazit: Christian Schärf legt auf 159 Seiten eine kompakte Übersicht über die Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Die Beschreibung der verschiedenen Ansätze und die Zitate sind anregend für die eigene Tagebuchpraxis. Wer schon Tagebuch schreibt, findet hier die Möglichkeit, über die Vielfalt dessen, was Tagebuch auch sein kann, nachzudenken. Ob Neulinge über das Buch in eine Tagebuchpraxis hineinfinden, lässt sich schwer beurteilen: Da wäre wohl Tristine Rainers „Tagebuch schreiben“ meine erste Empfehlung, zumindest wenn es um das Festhalten von persönlichen Empfindsamkeiten geht. Vielschreiber hingegen, die kein Tagebuch führen, können hier durchaus Anregungen finden, um mit dem Schreiben Tag für Tag zu experimentieren. Denn: „Beim Tagebuchschreiben ist [..] im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“

Christian Schärf: Schreiben Tag für Tag. Journal und Tagebuch, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
ISBN 978-3-411-74901-0| 14,95 € | 159 S. [Amazon-Link]

Tristine Rainer: Tagebuch schreiben, 1. Aufl., Autorenhausverlag, Berlin 2005.
ISBN 3-932909-47-X | 14,90 € | 190 S. [Amazon-Link]

Henning Luther: Der fiktive Andere. In: Religion und Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts (S. 111-122), Radius-Verlag, Stuttgart, 1992.
ISBN 3-87173-842-5 | 22 € | 329 S. [Amazon-Link]

Tägliche Notizen

Ortheil-Cover: Schreiben dicht am lebenNotizbücher sind hip. Aber was schreibt man rein? Hanns-Josef Ortheil will mit seinem Buch „Schreiben dicht am Leben“ Hilfestellung geben. Keine Ratgeberliteratur sei die kleine Duden-Reihe zum Kreativen Schreiben, für die Ortheil zuständig ist, sondern ein „Meisterkurs“ (Verlagswerbung), der „sich an den Werkstätten der großen Schriftstellerinnen und Schriftsteller orientiert“ (S. 17). Entsprechend stellt das Buch kein Methodenkompendium dar, sondern zeigt, wie verschiedene Autoren ihre täglichen Notizen gemacht haben. „Schreibaufgaben“ vertiefen die einzelnen Kapitel durch Hinweise für eigene Notizversuche.

Dass sich die Reihe nicht nur auf Schreiben mit Stift und Papier beschränkt, sondern den Ansprüchen heutigen Schreibens gerecht werden will, zeigt sich daran, dass neben Ortheils Buch über Notizen und Skizzen auch ein Band über Journale und Tagebücher (Christian Schärf) sowie über Elektric Writing in Blogs und sozialen Netzwerken (Stephan Porombka) erschienen ist. Zum freilich handschriftlichen Ausprobieren gibt es zudem ein Notizbuch in der gleichen Aufmachung. Hier konzentriere ich mich auf Ortheils Buch.

Hanns-Josef Ortheil ist selbst manischer Notierer. In Interviews, aber auch in dem Band „Wie Romane entstehen“ (2008) hat er seinen Notiz-Zwang immer wieder reflektiert und mit der Kindheitserfahrung des Nicht-Redens sowie der Angst vor dem Verstummen in Verbindung gebracht. Die Notiz ist daher für Ortheil mehr als nur ein flüchtiges ins Unreine schreiben: Notieren ist „das ideale Stimulans der geistigen Kapazitäten und damit das literarische Koffein par excellence“ (S. 145). Eingebettet in größere Projekte gilt es, sich das tägliche Notieren anzugewöhnen: „Schon kurzfristige Unterbrechungen machen sich – wie bei einem Musiker, der einen kurzen Zeitraum nicht mehr an seinem Instrument geübt hat – sofort bemerkbar. Das Schreiben wird ungelenkt, langsam und hat wenig Frische. Das tägliche Notieren aber hält den Sprachfluss in Bewegung.“ (S. 148).

Nur am Rande interessierten Ortheil dabei technische Details. So wird von Robert Gernhardt berichtet, dass er seine „fast täglichen Aufzeichnungen in Blankoschulhefte der Firma ‚Brunnen’ im Format DIN A5“ (S. 130) vornahm und dabei gelbe Kugelschreiber der Marke BIC verwendete. Walter Benjamin verwendete dagegen Briefpapier etwa im A4-Format, das er in Mitte faltete und dann die Seiten 1 und 3 mit Füllfederhalter und Bleistift beschrieb (S. 116f), während Peter Handke Notizbücher „nie größer als DIN A6“ (S. 109) gebrauchte, die in die Jackentasche passen, so dass sie man sie auch unterwegs gebrauchen kann. Es geht Ortheil weniger um die technischen Aspekte des Notierens, als um die Notate selbst.

In neunzehn Kapiteln, die jeweils einen Autor und seine Weise des Notierens vorstellen, führt Ortheil durch ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Diese neunzehn Weisen des Notierens sind noch einmal in vier Gruppen zusammengefasst.

Als „elementares Notieren“ stellt Ortheil Notizformen vor, die Beobachtungen möglichst direkt und ungefiltert festhalten. Ortheil findet solche Formen

1. bei Georges Perec, der seine Umgebung aus verschiedenen Perspektiven knapp registriert,
2. in der FAZ-Rubrik „Webcam“, die wie eine Webcam eine Alltagsbeobachtung aus einer Perspektive festhält,
3. bei Peter K. Wehli, der Situationen notiert wie fotografische Schnappschüsse,
4. bei Émile Zola, der wie ein Journalist Informationen sammelt und bis ins Detail recherchiert,
5. bei Rolf-Dieter Brinkmann, der seine Gedanken zu unterwegs Beobachtetem als inneren Monolog festhält.

Formen „bildlichen Notierens“ sieht Ortheil

6. bei Theophrast, der Charaktere durch besondere, prägende Kennzeichen porträtiert,
7. bei Gerard Manley Hopkins, der Eindrücke seiner Wanderungen wie ein Landschaftszeichner festhält,
8. bei Tokutomi Roka, der Beobachtungen in seiner Umwelt mit wenigen Federstrichen skizziert,
9. bei Francis Ponge, der Beobachtungen an unscheinbaren Alltagsdingen präzise registriert,
10. bei Akutagawa Ryunosuke, der eine Geschichte in drehbuchartigen Beschreibungen fixiert.

Die dritte Gruppe bündelt das Notieren von Emotionen und Passionen, stellvertretend zu finden

11. bei Sei Shonagon (der einzigen Frau im Buch), die ihre Vorlieben und Passionen z.B. in Listen sammelt,
12. bei Roland Barthes, der in der Trauer seine Erinnerungen an seine Mutter auf Zetteln festhält,
13. bei Fernando Pessoa, der innere Monologe einer erfundenen Figur in Form von Notizen formuliert,
14. bei Elias Canetti, der in seinen „Aufzeichnungen“ genannten Notizen Gedanken konzentriert und zuspitzt,
15. bei Peter Handke, der seine täglichen, poetischen Konzentrationen erfasst.

Zu Formen des „klassischen Notierens“ findet Ortheil ideale Beispiele

16. bei Walter Benjamin, der in klassischer Gelehrtenmanier notierte und exzerpierte,
17. bei Georg Christoph Lichtenberg, der seine Gedanken sammelte wie in kaufmännischen „Sudelbüchern“,
18. bei Robert Gernhardt, der Lichtenbergs Methode aufnahm und zur Feldforschung in fremder Umgebung gebrauchte,
19. bei Paul Valéry, der Morgens früh um Fünf begann, seine Gedankenkreise und Denkwege zu notieren.

Der Ansatz, jeweils einen Autor und seine Art, Notizen zu machen, ist natürlich nicht unproblematisch. Zum einen fällt so natürlich auf, dass weitere berühmte Notizbuchschreiber wie Bruce Chatwin oder Ludwig Hohl nicht einmal erwähnt werden. Das liegt sicherlich daran, dass sie unter eine der neunzehn Ansätze fallen, aber hier wäre es interessant zu lesen, wie Ortheil typologisiert. Letztlich muss man aber zugestehen, dass so ein schmales Büchlein weder Vollständigkeit erreichen kann, noch überhaupt anstreben wird.

Der zweite Einwand ist darum gewichtiger: Auch wenn das Inhaltsverzeichnis klar gegliedert ist und die Systematik über die den Rahmen gebenden Schreibprojekte durchaus funktioniert, fehlt doch ein wenig der methodische Aufbau, wie er in manchen Titeln der von Ortheil etwas despektierlich bezeichneten „Ratgeberliteratur“ zu finden ist. (Eine Bemerkung am Rande: Warum die ersten beiden Gruppierungen „Textprojekte und Schreibaufgaben“ heißen, die letzten beiden aber „Texte und Schreibaufgaben“ leuchtet nicht ein). Ich muss gestehen: Ich hatte erwartet, dass gerade jemand wie Ortheil, mehr Einblick gibt, wie er mit den Notizen weiter umgeht. In „Wie Romane entstehen“ hat Ortheil beispielsweise auf zwei Seiten (S. 40f) ein ganzes Notiz-System skizziert, über das man gerne mehr erfahren möchte. „Schreiben dicht am Leben“ hätte dazu sicher Raum gegeben.

Die Schreibaufgaben, mit denen jedes Kapitel endet, sind im Prinzip methodische Bündelungen des jeweiligen Ansatzes und helfen, den beschriebenen Notizstil zu imitieren. Es sind keine kurzen Übungen, sondern kleine Schreibprojekte über einen längeren Zeitraum. Wer sie alle umsetzen wollte, dürfe damit mehr als einige Monate beschäftigt sein, insbesondere, wenn man die Regel zu Lichtenberg umsetzen will: „Datieren Sie Ihre Aufzeichnungen nicht. Beginnen Sie einfach mit einem Heft A und nummerieren Sie dann ihre Aufzeichnungen durch. Verwechseln Sie das Sudelbuch nicht mit einem Tagebuch. Notieren Sie also nicht ihre Befindlichkeiten, sondern Details, Zusammenhänge und Geschichten, die Ihnen von außen zugetragen wurden oder auf die Sie während Ihrer Lektüren gestoßen sind. Führen Sie Ihre Aufzeichnungen bis zu Ihrem Tod.“ (S. 128f) Das entbehrt zumindest nicht eines feinen Humors.

Mir persönlich hat der Abschnitt IV über das klassische Notieren am besten gefallen, weil er meinen überwiegenden „Schreibprojekten“, nämlichen theologisch-philosophischen Arbeiten und Predigten, am nächsten kommt. Allerdings ist es eher so, dass ich den Abschnitt zum Lesen empfehlen kann – viele neue Hinweise habe ich nicht bekommen. Hier waren es eher kleine Hinweise und Entdeckungen in anderen Kapiteln, die inspirierend sind.

Fazit: Ob es die im Vorwort erwähnte Zielgruppe von Menschen tatsächlich gibt, die ein Notizbuch hat, aber nicht weiß, wozu, sei einmal dahingestellt. Trotzdem ist das Buch zu empfehlen: Zum einen Notizbuchnutzern, die ihre eigene Praxis weiter entfalten, entwickeln, ausbauen möchten, zum anderen allen, die schreiben, aber bislang kein Notizbuch verwenden – denn sie finden hier überzeugend dargelegt, dass das Notieren und Skizzieren eine unverzichtbare Grundform des Schreibens ist. Technisch-pragmatische Hinweise zum Führen eines Notizbuchs gibt es nicht. Insbesondere Predigerinnen und Prediger finden hier aber dennoch einige Anregungen dazu, Beobachtungen, Einfälle, Illustrationen für den einen eventuellen, späteren Gebrauch zu sammeln und täglich an der eigenen Sprache zu arbeiten.
Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
ISBN 3411749113 | 14,95 € | 159 S. [Amazon-Link]

„Ich schreibe einfach.“

Der Ausstellungsraum in Haus Nottbeck

„Ich schreibe einfach“, antwortet Georg Bühren auf den Impulssatz „Ich schreibe, weil …“. Im Rahmen eines interdisziplinären Projektes wurden 36 westfälische Autorinnen und Autoren – darunter Fritz Eckenga, Wiglaf Droste und Frank Goosen – danach gefragt, warum sie schreiben, woher sie ihre Inspiration nehmen, wie sie ihren Schreiballtag organisieren oder mit Schreibblockaden umgehen. In einer Ausstellung in Haus Nottbeck werden die Ergebnisse zur Zeit (noch bis zum 9. Oktober) präsentiert.
Hintergrund der Ausstellung ist eine neue Rubrik auf der Portalseite literaturportal-westfalen.de: Das Internet-Portal, das seit 2008 online ist, bietet multimedial aufbereitete Erkundungen in die westfälische Literatur. Die neue Rubrik bietet ein Video-Portal, in dem die 36 Schriftstellerinnen und Schriftsteller in einem Standardinterview ihren Schreiballtag beschreiben. Neben dem Interview-Video ist jeweils ein weiteres Video mit einer Lesung zu sehen. Walter Gödden von der LWL-Literaturkommission  und Thomas Strauch vom Zentrum für Informations- und Medientechnologien der Uni Paderborn haben das Projekt maßgeblich betrieben.
Wer die Ausstellungsräume in Haus Nottbeck kennt, weiß, dass für die wechselnden Austellungen nicht viel Raum zur Verfügung steht: im Hauptraum sind Informationstafeln zu den Autorinnen und Autoren angebracht und es gibt Würfel mit Zitaten aus den Interviews. An einem Terminal lassen sich thematische Zusammenschritte aus den Antworten zu bestimmten Fragekomplexen anhören (eigentlich ist es wohl eine Video-Installation, aber als ich dort war, lief der Beamer nicht). Im Keller läuft ein Video mit den Lesungen. Das war es. Abgesehen davon, dass ein Besuch des Museums für Westfälische Literatur in Haus Nottbeck natürlich immer lohnt, ist eine Anreise allein für die Ausstellung also wenig ratsam – zumal die Interviews ja bequem zuhause am Rechner angeschaut werden können.
Zur Ausstellung ist allerdings ein Katalog erschienen, den man für 20€ in Haus Nottbeck erstehen kann oder im dortigen Online-Shop bestellen kann (bei Amazon ist der Titel vorhanden, aber nicht lieferbar). Der Katalog enthält neben zwei Aufsätzen von Gödden und Strauch die vollständig abgedruckten Interviews und eine DVD, auf der die thematischen Zusammenschritte aus den Interviews zu hören und zu sehen sind.
Reizvoll an den Interviews ist die große Bandbreite der vier (!) Autorinnen und 32 Autoren: vom Lyriker über den Poetry-Slammer bis hin zu Kinderbuchautoren und Heftchenschreibern ist alles vertreten. Ein einzigartiges und sehr spannendes Projekt.

Mit der Feder denken

Wittgenstein schreibt: „Ich denke tatsächlich mit der Feder, denn mein Kopf weiß oft nichts von dem, was meine Hand schreibt.“ (in den „Vermischten Bemerkungen“) – Schreiben ist mehr als seine Gedanken zu Papier bringen. Wenn man erst denkt und dann schreibt, weiß man beim Schreiben schnell nicht mehr, was man gedacht hat. Es ist mehr sowas wie die „Verfertigung des Gedankens beim Schreiben“.

 

[siehe auch: Predigen und Schreiben]

Einfallsreich argumentieren

Cioffi-Cover„Einfallsreich argumentieren“ wäre der bessere Titel für Frank Cioffis Buch „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren – und würde auch dem englischen Originaltitel The Imaginative Argument eher entsprechen. Zwar kommt das Buch wie eine Einführung ins wissenschaftliche Schreiben daher, aber es lässt sich nicht darauf reduzieren. Wer nicht-fiktionale Texte schreiben will – egal ob Student, Professorin oder Prediger – findet in Cioffis Buch wertvolle Hinweise und Anregungen. Nicht-fiktionale Texte kreativ schreiben heißt für Cioffi originell, überraschend und eben einfallsreich zu argumentieren. Doch an Einfallsreichtum und Vorstellungskraft, so Cioffis These, mangelt es den meisten argumentativen Texten.

Cioffi räumt mit dem alten Missverständnis auf, beim wissenschaftlichen Schreiben gehe es darum Fakten zu reproduzieren. Statt in einem Essay immer nur Bekanntes zu wiederholen, geht es für den amerikanischen Schreiblehrer darum, die „eigenen Gedanken ausarbeiten, eigene Urteile [zu] fällen [..]“ und Texte so zu betrachten „als ob sie aus einer fernen Vergangenheit direkt zu einem sprächen“ (12) Ein Essay sollte sich daher nicht mit Oberflächlichem, Offensichtlichem und Selbstverständlichem befassen, sondern soll „etwas enthüllen, das Sie entdeckt haben“ und „beweisen, dass das, was Sie entdeckt haben, Bedeutung und Resonanz besitzt“(34).

Kernpunkt von Cioffis Ansatzes ist der Umgang mit Thesen: „Die These bildet das Herzstück, das bleiben würde, wenn sie Ihren Aufsatz auf nur zwanzig, dreißig oder vierzig Wörter zusammenstreichen, wenn Sie sie auf ihre Essenz destillieren müssten.“ (75) Die These in einer einfallsreichen Argumentation soll provozieren, interessieren und verblüffen. Sie soll „einem Publikum etwas Komplexes, Interessantes und Neues vermitteln, noch bevor das Publikum sie wirklich versteht. Der Text, der aus einer solchen These entsteht, wird die Erklärung bieten […]“. (80)

Die Erklärung, die der Text bietet, macht den eigentlichen Inhalt des Essays aus. Die These bildet den roten Faden der Argumentation und sie läuft am Ende auf etwas hinaus, was Cioffi die Delta-These nennt – eine durch Beispiele gestützte wie durch Gegenargumente veränderte These. Die einzelnen Argumentationsschritte bilden dabei im Kleinen die Grundstruktur von These, Hauptteil und Schluss ab: Jeder Absatz ist „eine Art Miniaufsatz“ mit eigener These (Hauptaussage genannt) und Delta-These. Durch diese Struktur bekommt der ganze Aufsatz etwas dynamisches und immer weiter nach vorne drängendes. Die These wird also nicht einfach nur erklärt, sondern tatsächlich entwickelt und entfaltet – bis zur überraschenden Schluss-Folgerung.

Die Dynamik dieses einfallsreichen Argumentierens entsteht aus einer dialogischen Grundhaltung: Eine These wird in „Auseinandersetzung mit einem Publikum„ (83) entwickelt, und zwar indem der Essayschreiber zum einen Fragen aufwirft aber auch sensibel mögliche Erwartungen und entstehende Fragen des Publikums aufnimmt, provisorische Antworten gibt und diese wieder im Wechsel von Frage und Antwort weiter treibt. Das dialogische Denken erfordert eine skeptische Haltung auch gegen sich selbst: „Hinterfragen Sie, was Sie tun, was Sie geschrieben haben, welche Argumentationswege Sie eingeschlagen haben,“ rät Cioffi, „Denken Sie ernsthaft darüber nach, welche Einwände man gegen Ihre Gedanken haben, welche Gegenbeispiele es geben könnte und wie Sie Ihren Standpunkt modifizieren, sich selbst verteidigen können.“ (258) So entsteht eine Dynamik, die das Publikum genauso überraschen kann wie den Autor.

Nicht nur Studentinnen und Professoren können von Cioffis sehr praxisorientieren Überlegungen profitieren, auch für Pastorinnen und Prediger ist das Buch überaus hilfreich. Zwar deutet sich an einer Stelle an, dass Cioffi Predigen für das genaue Gegenteil von dem hält, was er vorschlägt (für ihn heißt Predigen einem freundlich gesinnten Publikum einen paar Selbstverständlichkeiten zu sagen; vgl. S. 47), aber hier wäre eher zu fragen, ob ein solches Predigen nicht defizitär ist. Wenn Predigen im Unterschied zu Cioffis Nebenbemerkung im Kern das Weitersagen einer neuen, überraschenden und auch provokanten Botschaft ist, dann wird es nicht überraschen, dass sich viele Überlegungen Cioffis unmittelbar auf das einfallsreiche Predigen übertragen lassen. Sicherlich geht Predigt nicht allein in Argumentation auf, doch macht das Argumentieren für eine Aussage doch einen wesentlichen Anteil aus. Dabei kann insbesondere der dialogische Ansatz für die oft recht monologische Predigt sehr inspirierend sein. Darüber hinaus deutet Cioffi in einem kleinen Exkurs über „kreative Nonfiction“ an, wie auch der lyrische und narrative Essay von den Grundgedanken des einfallsreichen Argumentierens profitieren kann. Auch wenn Prediger also nicht zur Zielgruppe gehören: Sie können als Leser nur von der Lektüre profitieren.

Fazit: „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren“ ist eine hervorragende Anleitung in das Entwickeln und Schreiben nicht-fiktionaler Texte wie wissenschaftliche Aufsätze und auch Predigten. Das Buch bietet eine praktische Anleitung zum einfallsreichen Argumentieren und kann dabei helfen, einen eigenen Standpunkt zu finden und klar, verständlich und am Ende auch überzeugend zu formulieren.

Cioffi, Frank L.: Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren,
Berlin : Autorenhaus 2006. ISBN3-86671-004-6| 16,80 € | 305 Seiten

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Abschreiben

Einen Text abzuschreiben verlangsamt die Wahrnehmung eines Textes und kann zu einer meditativen Übung werden. Dabei ist es wichtig, den Text nicht so schnell wie möglich zu übertragen, sondern sich Zeit zu nehmen, etwa indem man sich bemüht, in seiner schönsten Schrift zu schreiben (vgl. Kaligrafie).
Varianten sind das deutliche Gliedern des Textes oder das bunte Ausgestalten wichtiger Wörter und Satzteile.

Cluster

Das Cluster ist ein Brainstormingverfahren, in dem Verbindungen der notierten Assoziationen sichtbar werden. „Cluster“ ist ein schillernder Begriff: In die Terminologie des Kreativen Schreibens wurde er von Gabriele L. Rico in ihrem Buch „Writing the natural way“ (Dt.: Garantiert schreiben lernen) eingebracht. Er bezeichnet dort ein Netzwerk von Worten und Gedanken, die von einem Zentrum aus entwickelt werden.

Die Spezialität des Cluster ist, dass aus zunächst unsystematischen, assoziative Ideenketten ein Gedankennetz entsteht, das einen Schreibimpuls auslöst. Wer diesen Schreibimpuls spürt, fängt unmittelbar an zu schreiben und schreibt, solange der Impuls trägt. Hier verbindet sich das Clustering mit dem Freien Schreiben.

Cluster-Beispiel

Zuweilen wird das Cluster mit einer Mindmap verwechselt. Trotz gewisser Ähnlichkeiten dienen die Methoden aber unterschiedlichen Zwecken: Das Cluster ist ein Assoziationsverfahren, die Mindmap ein Verfahren zur Systematisierung. Die Methoden sind aber miteinander kombinierbar. So kann zum Beispiel ein Cluster als Ausgangspunkt für eine Mindmap dienen. Die folgende Schritt-für-Schritt-Anleitung folgt Ricos Ansatz.

Cluster können von einer oder von mehreren Personen gleichzeitig entwickelt werden. In letzterem Fall nähert sich das Clustering dem Stummen Gespräch an, v.a. wenn nicht nur Wörter, sondern ganze Sätze notiert werden.

Grundregeln

1. Legen Sie ein leeres Blatt quer vor sich, schreiben Sie in Druckbuchstaben das Zentralwort (oder eine Redewendung, einen Bibelvers) in die Mitte des Blattes und zeichnen Sie einen Kreis darum.

2. Beginnen Sie nun, Ihre Einfälle zu notieren. Ziehen Sie um den ersten Einfall einen Kreis und verbinden Sie ihn mit dem Zentralwort in der Mitte. Einen weiteren Einfall verbinden sie mit dem vorigen Kreis. Was immer Ihnen einfällt, dürfen Sie notieren: Wörter, längere Ausdrücke, Zitate.

3. Bei einem neuen Einfall, der Ihnen nicht in die Kette der vorigen Assoziationen zu passen scheint, verbinden Sie den Kreis wieder mit dem Zentralwort und entwickeln Sie eine neue Kette.

4. Bewerten Sie keinen Einfall. Alles ist erlaubt. Es gibt keine richtigen oder falschen Cluster.

5. Wenn der Schreibfluss ins Stocken gerät, betrachten Sie ihr bisheriges Cluster. Ergänzen Sie neue Assoziationen an anderen Kreisen. Ziehen Sie Verbindungslinien zwischen unverbundenen Kreisen. Verstärken Sie wichtige Verbindungslinien.

Cluster-Beispiel

Muster, Versuchsnetz und Schreibimpuls

Wer zum ersten Mal ein Cluster erstellt, wird sich schon bald nach dem Sinn des Ganzen fragen. RICO erklärt diese Reaktion zum einen mit dem inneren Widerstand des gewohnten, begrifflich-linearen Denkens, zum anderen mit der anfänglichen Konzentration auf die neue Methode. In der Regel stellt sich aber schon nach kurzer Einübung das eigentlich gewünschte Phänomen ein: In dem Durcheinander der Notizen wird ein Zusammenhang zwischen einzelnen Notizen sichtbar. Eine Idee blitzt auf. RICO spricht von einem Muster, das erkennbar wird.

Im letzten Cluster könnte solch ein Muster die Entdeckung sein, dass drei Namen auftauchen (Jesus, Don Quichotte, Thor). Die erste Idee könnte sein, die drei Personen miteinander zu verbinden. Was haben sie gemeinsam? Was unterscheidet sie? Welche weiteren Notizen stehen mit diesem Muster im Zusammenhang?

Ein Muster zu erkennen dauert nur einen Augenblick und bildet den Übergang zur nächsten Phase: Die kurz aufblitzende Idee weiter zu verfolgen. RICO nennt diese Phase das Versuchsnetz (trial-web). Das Cluster wird in eine bestimmte Richtung weiter entwickelt. Dabei erweist sich die Idee entweder als irrig (Was nicht weiter schlimm ist, denn es war ja nur ein Versuch) oder tatsächlich als gangbarer Weg.

Wenn das Versuchnetz trägt, dann entwickelt sich daraus wahrscheinlich schon bald ein Schreibimpuls. Nutzen Sie diesen Impuls! Fangen Sie sofort an zu schreiben! Achten Sie nicht auf Orthographie oder andere Hemmnisse des Schreibflusses. Schreiben Sie, soweit die Energie des Impulses reicht.

Doppelcluster

Reden, Erzählen, Nachdenken sind oft durch begriffliche Gegensätze bestimmt: heiß/kalt, hoch/tief, arm/reich. Wer Gegensätze benennt und Gegenbeispiele einbringt schärft damit die eigene Aussage. Das Clusterverfahren nutzt diesen Umstand im Doppelcluster. Das Cluster beginnt mit zwei Zentralworten.

Doppelcluster - AnfangWie bei einem einfachen Cluster werden nun die Einfälle notiert, bis ein Muster erkennbar wird und der Übergang zum Versuchnetz erfolgt.

Doppelcluster - vollständig