Handwerkszeug für die Predigt

Willobee-Cover: The write stuffPredigten sind langweilig und oft einfach schlecht – mag das in seiner Allgemeinheit so auch nicht stimmen, so zeigt die Erfahrung als Predigthörer, dass da durchaus einiges dran ist. „Schlaffe Predigten“ (sagging sermons) sind denn auch das Hauptproblem, dem Sondra B. Willobee mit ihrem Buch „The Write Stuff“ (zu deutsch: Das Schreibzeug) zu Leibe rücken will. Gegen das Argument, Pfarrerinnen und Pfarrer seien oft zu überlastet, um an ihrer Predigtpraxis zu feilen, setzt Willobee die These, nicht Überlastung sei das Problem, sondern ein Mangel an handwerklichem Wissen (S. 2). Ihr Buch soll das entsprechende Handwerkszeug liefern.

Lernen lässt sich das Handwerk von Schriftstellern. Bücher zum Kreativen Schreiben gibt es en masse. Sie können zeigen, wie man schreibend Aufmerksamkeit erzielt, Spannung erzeugt und durch eine lebendige Sprache das Interesse hält. Da Willobee aber doch Nachsicht mit den viel beschäftigten Pastoren hat, will sie mit ihrem Buch das konzentrierte Material eines ganzen Regals von Schreibbüchern liefern (S. 3). Spezielle Übungskapitel geben Tipps, das Gelesene praktisch zu vertiefen. Dadurch schreiben sich Predigten zwar nicht von allein: Gutes Predigen bleibt harte Arbeit (S. 6). Aber ähnlich wie ein Sportler, so Willobee, müssen auch Prediger ihre Kunst trainieren und üben (S. 7).

Willobee gibt dazu Hinweise für die konkrete Predigtvorbereitung, aber auch ganz allgemeine Tipps wie den, ein Journal zu benutzen (37). Es ist, so Willobee, für einen Prediger, was für einen Maler sein Skizzenbuch: es lehrt uns die Gewohnheit der Beobachtung, dient als Notizbuch für Geschichten, Zitate und Erkenntnisse (38) und kann helfen, die eigene Stimme zu finden (39).

Neben dem Journal empfiehlt Willobee das systematische Sammeln von Material in einem Ordner. Natürlich gibt es z.B. gute Sammlungen von Geschichten, die man in Predigten verwenden kann, aber solche Sammlungen verhindern letztlich einen vertieften eigenen Umgang mit Geschichten (S. 65): „Begnüg dich nicht mit einem Fertighaus“, lautet Willobees Rat (S. 64). Den weitergehenden Schritt, aus dem Ordner einen Zettelkasten zu machen, geht Willobee aber nicht.

Was Willobee vorstellt, ist angesichts des Vorhabens Wissen in konzentrierter Form anzubieten selbstverständlich nicht neu: Sie stellt dar, wie Schreiblehrer und Schriftsteller Schreibprozesse organisieren und überträgt dies auf die Predigtvorbereitung.

Orientiert am Bild des Hakens (Hook) geht es im ersten Teil zunächst darum, wie ein interessanter Predigteinstieg gelingen kann: „Ein guter Haken entspricht den Bedürfnissen unserer Gemeinde und bereitet sie darauf vor, den nächsten Schritt in der Predigt mit uns zu gehen.“ (26) Den Auftakt der Ratschläge macht dabei der Hinweis auf ein grundlegendes Instrument zur Spannungserzeugung: Die Rolle von Auseinandersetzungen und Konflikten. Leider erscheint diese sehr grundlegende Information nur wie ein Tipp unter weiteren und wird nicht in seiner grundlegenden Bedeutung für das Schreiben entfaltet.

Ein zweites Problem von Willobees Darstellung ist, dass der Eindruck entsteht, die Predigtarbeit beginne damit, einen guten Einstieg zu finden. Leider kranken viele Predigten eher daran, gut zu starten, aber den Impuls des Einstiegs nicht zu nutzen. Dass es oft besser ist, nicht mit dem Einstieg anzufangen, diesen Hinweis findet man in Willobees Buch nicht.

Dennoch sind die Tipps, die sie gibt, durchaus inspirierend. Die Zwischenüberschriften der einzelnen Kapitel markieren ganz gut, worum es in den einzelnen Abschnitten geht. Sie lesen sich jeweils wie eine These: „Spring mitten rein“ (16), „Stell eine Frage“ (19), „Skizziere einen Charakter“ (21), „Sag etwas prägnantes“ (22), „Beginn mit einem Bild“ (23). Dieser Stil, die Schreibempfehlung als kurze Handlungsanweisung über den jeweiligen Abschnitt zu stellen, zieht sich durch das ganze Buch. Leider gibt es kein detailliertes Inhaltsverzeichnis, dass diese Anweisungen übersichtlich zusammen stellt.

Der zweite Teil des Buches behandelt strukturelle Fragen des Schreibens und erläutert unter anderem die Bedeutung der Plotstruktur für die Predigt: „Predigten müssen sich bewegen (move) wie es Geschichten tun. Ob es nun ‚Geschichten-Predigten‘ sind oder nicht, sie müssen einen ‚Plot‘ haben, eine narraritive Bewegung (movement), vom Anfang über die Mitte bis zum Ende, ein Puls, der sich beschleunigt, wenn sich die Predigt entwickelt.“ (45) „Plot ist das Mittel, durch das sich eine Predigt bewegt.“ (48)

Im letzten Teil des Buches geht es um die sprachlichen Feinheiten. Dieser Teil ist mit „Stein“ überschrieben: ein Stein auf dem Schreibtisch der Autorin erinnert sie daran, auch sprachlich auf dem Boden zu bleiben. Kreatives Schreiben in der Predigtvorbereitung einzusetzen bedeutet nicht, in einen manierierten Schreibstil (purple prose, S. 99) zu verfallen, sondern sein Thema in konkreten, sinnlichen Bildern (S. 92ff) in der Alltagssprache (S. 95) auszudrücken. Warum erst an dieser Stelle Ricos Clustering-Methode vorgestellt wird, die ja eigentlich eine Methode der Ideenfindung ist, bleibt Willobees Geheimnis.

Dem Mittel, das Willobee zu Recht für das effektivste der Predigtvorbereitung hält, ist das Schlusskapitel vorbehalten: die Überarbeitung. Willobee verbindet das leider oft vernachlässigte Thema mit der Aufgabe des Zeitmanagements: Wer alles auf die letzte Minute macht, beraubt sich letztlich dieses effektivsten Mittels der Textarbeit (S. 103). „Schreiben ist Überarbeiten,“ zitiert Willobee den Dichter Jeffrey Skinner (S. 114).

Fazit: Am Ende steht auch für überlastete Pfarrerinnen und Pfarrer fest: Predigten schreiben sich auch mit kreativen Methoden nicht von selbst und eine gute Predigtvorbereitung braucht ihre Zeit. Das handwerkliche Schreibzeug führt letztlich dazu, sich über die Arbeit, die das Schreiben macht, klar zu werden und seine Predigtpraxis vielleicht zu straffen. Immerhin: Gemeindepfarrer, die Woche für Woche eine Predigt halten, produzieren im Laufe eines Jahres eine Textmenge, die gut und gerne einem Roman entspricht, hebt Thomas Long in seinem Vorwort hervor (S. XI). Sondra Willobee gelingt es, auf 114 Seiten zentrale Einsichten des Kreativen Schreibens vorzustellen und für die Predigtvorbereitung fruchtbar zu machen. Wer des Englischen mächtig ist und sich noch nicht viel mit Schreibmethoden auseinander gesetzt hat, findet hier eine gute Bündelung der Möglichkeiten.

Sondra B. Willobee: The Write Stuff: Crafting Sermons That Capture and Convince, Louisville, Kentucky: Westminster Pr, 2009.
ISBN 0664232817 | 12,99 € | 123 S.
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