Reden über die Religion 1

1799 wendet sich Friedrich Schleiermacher anonym mit fünf „Reden“ an gebildete Religionskritiker. Eigentlich sind es keine Reden, sondern fünf Kapitel einer Abhandlung oder eines Essays über ein frühromantisches Religionsverständnis. Erst gut vier Jahre nach der ersten Veröffentlichung hat Schleiermacher offen zugegeben, der Autor der Reden zu sein. In den Jahren danach hat es mehrere Überarbeitungen gegeben.

Ich wage hier mal den Versuch, meine Lektürenotizen im Zusammenhang zu veröffentlichen. Grundlage ist die Ausgabe von 1799 in der Fassung aus dem Felix-Meiner-Verlag. Den „Ich“Stil der Reden behalte ich bei, um nicht „über“ die Reden zu reden, sondern die Reden quasi als Kurzfassung in einer im Zusammenhang lesbaren Form reden zu lassen. Weil ich kein Schleiermacher-Experte bin, ist das natürlich mit Vorsicht zu genießen. Wer mag, kann mir gerne per Mail oder Mastodon kritische Rückmeldung geben. Vor ein paar Tagen habe ich was zum Hintergrund dieses Projekts geschrieben

Los geht es mit der 1. Rede, der „Apologie“.

„Reden über die Religion 1“ weiterlesen

Religiöses Bewusstsein

Im Zuge der Auseinandersetzung mit David Buttrick habe ich mir nach vielen Jahren Friedrich Schleiermachers „Reden über die Religion“ wieder einmal vorgenommen. Mich hat dabei v.a. interessiert, wie Schleiermacher mit den Begriffen des Bewusstseins und des Subjekts umgeht. Obwohl Schleiermacher der bedeutendste Theologe des 19. Jahrhunderts war, kannte ich ihn bis zum Studium nicht. Das geht vielen außerhalb der Theologie so, wie ich immer wieder feststelle.

Vor allem das Frühwerk „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ hat mich damals angesprochen. Seitdem ging es mir dabei wie bei einem vor Jahren gelesenen Roman, mit dem sich eine bestimmte Stimmung verbindet, ohne dass ich den Inhalt nacherzählen kann. Nur die üblichen Stichworte blieben im Gedächtnis. Aber irgendwie inspirierte das Buch mich untergründig weiterhin. Jetzt, beim Wiederlesen, haben ich auch gemerkt, warum: Schleiermacher denkt mit großer Kühnheit über Religion nach, ohne sich an dogmatischen Richtigkeiten zu orientieren. Dabei gibt es eine merkwürdige Spannung zwischen einer großen Frömmigkeit und einer geradezu häretischen Offenheit.

„Religiöses Bewusstsein“ weiterlesen

Recherchieren und Spuren lesen

Wilhelm Schapp hat die Wendung vom „In Geschichten verstrickt“ sein geprägt und meint damit, dass nichts und niemand dieser Verstrickung entkommen kommen kann. Er meint sogar: Wir sind diese Geschichten. Paul Nizons Erzählung „Hund“ handelt von dem Versuch, sich nicht in Geschichten hineinziehen zu lassen. Es ist ein radikales Streben nach Freiheit. „Jede Geschichte ist ein Polizist, der dich verhaftet und einsperrt“ (35), sagt der Ich-Erzähler.

„Recherchieren und Spuren lesen“ weiterlesen

Theologisches Notizbuch #10

In Gottes Namen wird Gottesdienst gefeiert und Gott mit „Gott“ angeredet, aber dabei wird gerne keine Kleinigkeit übersehen: Anders nämlich, als der Gebrauch des Wortes zum Beispiel in der Gebetssprache nahelegt, ist „Gott“ kein Eigenname, sondern ursprünglich ein Gattungsbegriff. Die hebräische Gattungsbezeichnung ist „El“ oder auch das Pluralwort „Elohim“; von „El“ leitet sich auch das arabische „Allah“ ab. Die Welt der Bibel ist voller Götter, aber in den Geschichten der Bibel erweist der Gott Israels sich als der Mächtigste von ihnen. Zur Unterscheidung von Gott und den Göttern wenden die Autoren des Alten Testaments beim Gattungsbegriff „Elohim“ einen interessanten, sprachlichen Trick an: Ist vom Gott Israels die Rede, wird das Pluralwort „Elohim“ mit Verben im Singular verwendet. Ist dagegen von anderen Göttern die Rede, steht „Elohim“ in der Regel mit Verben im Plural. Der Gott, in dessen Namen wir Gottesdienst feiern und den wir im Gebet ansprechen, hat einen Namen.

„Theologisches Notizbuch #10“ weiterlesen

In eigener Sache: Traditionstheorie

Meine alte Internetseite traditio.de habe ich jetzt vom Netz genommen und die wesentlichen Inhalte als Seiten unter hier auf homilia.de unter der Rubrik „Notiznehmen“ eingestellt. Die alte Internetseite stellte meine Disseration von 2004 vor. An der Seite hatte ich aber seit Jahren nichts mehr gemacht. Die alte Internetadresse bleibt und verweist jetzt auf die genannte Rubrik dieses Blogs . Vielleicht ist das ein Impuls, an meinem alten Lieblingsthema ein bisschen weiter zu arbeiten. Das Einleitungs– und Schlusskapitel sowohl stehen als Seiten (ohne Fußnoten) und auf der Downloadseite auch in der Buchfassung zur Verfügung.

Als freier Sätzemacher sein Handwerk verstehen

Mitte November wurden im dlf-Philosophiemagazin „Sein und Streit“ drei Gespräche mit Peter Sloterdijk gesendet.  Simone Miller und Armen Avanessian sprachen mit Sloterdijk über die zentralen Stichworte der Französischen Revolution, „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“. Im Rahmen der Gespräche kamen die Moderatoren auch auf das Schreiben zu sprechen. „Als freier Sätzemacher sein Handwerk verstehen“ weiterlesen

Von Hentig über Kreativität

Kreativität scheint eine Art universales Heilmittel zu sein, aber auch wenn der Begriff von vielen gebraucht wird: Er ist überraschend unpräzise. Zu diesem Fazit kommt Hartmut von Hentig in seinem 1998 erstmals erschienen Essay „Kreativität. Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff“. Die Begriffsschwäche rührt her von zwei Unklarheiten: Zum einen ist unklar, ob Kreativität etwas ist, das wir in der Gegenwart besonders benötigen und deshalb auch einsetzen, oder ob sie nötig wäre, aber noch unverfügbar ist. Zum andern ist unklar, ob Kreativität ein Mittel ist oder ein Ziel. Von Hentig ist skeptisch, denn ob Kreativität ein Mittel ist, uns aus dem als festgefahren wahrgenommen Zustand unserer Zeit zu befreien, muss sich erst noch zeigen. „Von Hentig über Kreativität“ weiterlesen

Notizen zu einer Theologie der Wahrnehmung

Für ein Pastoralkolleg auf Spiekeroog zur „Theologie der Wahrnehmung“ habe ich ein paar Notizen zusammengestellt. Unter der Überschrift „Kommt und seht“ ging es in dem Pastoralkolleg um eine Theologie, die in die Schule des Sehens geht. Aber auch wenn Seh-Sinn unsere Weltwahrnehmung deutlich dominiert ist „Sehen“ hier umfassender gemeint. „Notizen zu einer Theologie der Wahrnehmung“ weiterlesen