Das Geschenk der Tradition

Was autorisiert das eigene Reden in der Predigt?, fragt David Buttrick. Oft dient die Bezugnahme auf Bibel und Tradition zur Authorisierung von dogmatischen Aussagen und moralischen Forderungen. Buttrick stellt das in Frage: Christliches Leben und damit auch die Predigt ist möglich ohne einen Begriff von Autorität, selbst wenn man der Bibel und Tradition eine normative Kraft zugesteht.

Buttrick betrachtet Autorität unter zwei Gesichtspunkten: Macht und Weisheit. Beides bündelt sich in der protestantischen Konzeption der sola scriptura. Die Autorität, die der Bibel hier zugeschrieben wurde, machte sie zu einer Art „Oberbefehlshaber der christlichen Kirchen“, so Buttrick. Allerdings ist dieses Autoritätsverständnis in der Moderne brüchig geworden. Das liegt unter anderem daran, dass wir uns der Geschichtlichkeit biblischer Texte bewusst geworden sind und dass wir festgestellt haben, dass Texte immer interpretationsbedürftig sind – und es dabei nicht nur eine richtige Interpretation gibt, sondern im Extremfall soviele Interpretationen wie Interpreten.

Auch die die Autorität der Tradition ist brüchig geworden. Der Bruch wird bereits in der Reformationszeit explizit vollzogen. Gleichwohl spielen Traditionsbezüge auch im evangelischen Denken und Argumentieren eine wichtige und letzten Endes unverzichtbare Rolle – daran muss die zur Traditionsvergessenheit neigende evangelische Theologie immer mal wieder erinnert werden (siehe dazu auch eine frühere Notiz).

Statt als Autoritäten versteht Buttrick Bibel und Tradition als bereichernde Gaben. Die christlichen Schriften sind insofern normativ, als sie eine ursprüngliche Erinnerung an der Evangelium enthalten und es uns ermöglichen im hier und heute christliche Identität zu rekonstruieren und neu zu formulieren. Ähnliches gilt für die hebräischen Schriften, deren große Mythen unsere Identität vor dem Geheimnis Gottes zu gewinnen – als christliche Identität freilich im Blick auf das Geheimnis Gottes in Jesus Christus.

Buttrick versäumt es aber nicht, auch nach der Rolle der Tradition zu fragen. Auch sie ist Geschenk und auch sie hat normierende Kraft, ohne deshalb eine unangefochtene Autorität sein zu müssen.

„Tradition ist ein Wort, das oft auf zwei verschiedene Weisen verwendet wird, als Ausdruck der Liturgie und als theologische Interpretation. Es gibt ein anhaltendes liturgisches Leben der Kirche, eine Tradition des Lobpreises und der Sakramente Taufe und Abendmahl, die uns als große „Zeichen“ oft verborgene Realität des Gerettetseins ins Bewusstsein rufen. Die liturgische Tradition und eine damit verbundene Tradition des Gebets und der Hingabe durch die Gemeinschaft der Geretteten liefert uns den hermeneutischen Kontext, innerhalb dessen die Botschaft des Evangeliums verstanden wird. Es gibt aber auch eine Tradition der Interpretation, die sich in Glaubensbekenntnissen, Bekenntnisschriften sowie ethischen und theologischen Reflexionen herauskristallisiert; sie prägt unser Vorverständnis der Evangeliumsbotschaft. Die Tradition scheint also eine zweifache Tradition sein, nämlich des liturgischen Handelns und der theologischen Reflexion. Die Tradition ist also Trägerin des Lobpreises und eine Geschichte der Interpretation. Da die Tradition in der Kirche der Erinnerung des Selbst entspricht, ist die Kirche ohne die Erinnerung der Tradition nie in vollem Sinne eine Gemeinschaft der Geretteten vor Gott.“

David Buttrick, Homiletic, S. 249 (Übersetzung KD)

Bibel und Tradition helfen also, in Predigt und Gottesdienst das Selbstverständnis des Glaubens in der Gegenwart zu formulieren und christliche Identität auszubilden. Der Glaube in der Gegenwart ist nicht derselbe, wie er in den biblischen Schriften festgehalten ist. Die Tradition verweist auf die Geschichtlichkeit des Glaubens: Sie verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit und erlaubt es, trotz des Wandels von einer gemeinsamen christlichen Identität zu sprechen.

Die eigene Geschichte erzählen

„Erzähl uns deine Geschichte!“ – Diese einfache Aufforderung bringt Bobette Busters Storytelling-Ansatz auf den Punkt. Buster ist davon überzeugt, dass jede und jeder eine Geschichte zu erzählen hat. Das Problem ist nur, dass diese Geschichte oft überlagert ist von der Angst, zu viel von sich preiszugeben, seine Wunden zu zeigen oder zu meinen, dass man nichts interessantes zu erzählen hat. Deshalb wird die Geschichte dann künstlich aufbauscht mit Fakten und Details, die keinen interessieren. Die „Story hinter der Story“ (S. 65 ff) freizulegen, und die eigene Geschichte so zu erzählen, dass die Welt zuhört – darum geht es in „Story“.

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Ein Gespräch mit sich selbst

Olaf Georg Klein über das Tagebuchschreiben

„Wenn man ein Tagebuch noch einmal durchliest”, schrieb einmal Truman Capote in einem Reisebericht, „dann meistens die weniger ehrgeizigen Eintragungen jene beiläufigen Zufallsnotizen, die jedoch immer eine tiefe Furche durch die Erinnerung ziehen.“ Es liegt vermutlich an dem, was man heute „Authentizität” nennt, dass gerade nicht die kunstvoll gedrechselten Worte, sondern die eher beiläufigen und noch rohen Notate viel eindrücklicher wirken. Sie erzeugen zumindest den Eindruck, dass sie die unmittelbare Situation der Niederschrift doch irgendwie mittelbar machen.

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Wortspiele

Preacher-Slams scheinen gerade der „heiße Scheiß“ (Christian Binder) der Homiletik zu sein. Holger Pyka, Pfarrer in Wuppertal und selbst als Preacher-Slammer unterwegs hat nun ein Buch dazu herausgebracht: „Spiel mit dem Wort. Kreatives Schreiben für Predigt und Preacher-Slam“. Auf rund 170 Seiten skizziert Pyka knapp und pointiert, wie Preacher-Slam und Kreatives Schreiben die Predigtpraxis bereichern kann. „Wortspiele“ weiterlesen

Mit Fingerübungen beginnen

„Aller Anfang ist schwer“ oder „Anfangen ist leicht“ – Sprichwörter transportieren oft sehr gegensätzliche Erfahrungen. In der Tat: Den einen fällt es leicht, etwas Neues anzufangen, nur haben sie Schwierigkeiten, dabei zu bleiben. Andere warten auf einen entscheidenden Impuls um anzufangen und schieben den Start vor sich her. Diese Erfahrungen machen auch Menschen, die schreiben. Die einen haben die Schublade voller vielversprechender Anfänge, die anderen den Kopf voller Ideen, aber das Blatt bleibt leer. „Mit Fingerübungen beginnen“ weiterlesen

Close Reading. Ein vereinfachtes Verfahren

„Close Reading“ ist eine Methode zum intensiven Lesen eines Textabschnitts. Im engeren Sinne entstammt „Close Reading“ der amerikanischen, literaturwissenschaftlichen Bewegung des New Criticism. Im weiteren Sinne ist Close Reading ein Werkzeug zur Textinterpretation, das einen Text zunächst einmal aus sich selbst heraus verstehen will. „Close Reading. Ein vereinfachtes Verfahren“ weiterlesen