Coole Moves

Buttricks Verständnis von Moves

Vor ein paar Jahren waren Fidget Spinner bei Kindern sehr beliebt: ein Spielzeugkreisel, bei dem sich eine Art Flügelanordnung um ein Kugellager in der Mitte dreht. Vergeblich haben ein paar Konfirmanden versucht, mir ein paar „coole Moves“ beizubringen: Unterschiedliche Handgriffe von variabler Komplexität, die sich bei den Könnern zu faszinierenden Fingerchoreografien kombinieren lassen. Eine ähnliche Funktion erfüllen „Moves“ auch in anderen Bereichen: Es sind kleine Bewegungseinheiten, die sich beim Tanzen, Surfen oder Skateboarden zu komplexen Bewegungsabläufen kombinieren lassen und bei Zuschauern ein Staunen auslösen. Coole Moves eben.

Der Move-Begriff spielt auch in der aktuellen deutschen Homiletik eine wichtige Rolle, und seine Bedeutung ist den beispielhaft genannten Verwendungen durchaus vergleichbar. Moves machen die Predigt beweglich. Seit Martin Nicol den Begriff für die Dramaturgische Homiletik fruchtbar gemacht hat, hat er sich zu einem homiletischen Standardbegriff zumindest in einem Teil der deutschsprachigen Homiletik entwickelt. Und viele, die durch die Schule der Dramaturgischen Homiletik gegangen sind, bemühen sich, mit coolen Moves zu beeindrucken. Bei vielen ist Moves & Structure so eng mit Martin Nicol verbunden, dass leicht übersehen wird: Nicol hat auf ein Konzept des US-Amerikanischen Homiletikers David G. Buttrick zurückgegriffen: Moves sind bei Buttrick gestaltete Einheiten, die im Rahmen einer Predigtstruktur (structure) ein Teil einer Gesamtbewegung (movement) darstellen.

Das Grundverständnis bei Buttrick und Nicol ist gleich. Das Problem ist nur, dass die Rolle des Begriffs im deutschen Kontext unklar geworden ist, weil er mit der Zeit leergelaufen ist. Das hat seinen Grund zunächst einmal darin, dass das englische Wort “move” mit seiner Bedeutungsbreite sich nur schwer ins Deutsch übertragen lässt. Das Verb „to move“ umfasst Bedeutungen wie „bewegen“, „ziehen“, „wandern“ und als Substantiv “Bewegung”, “Schritt” und “Satz” oder “Wechsel”. Nicol tat seinerzeit gut daran, am Begriff festzuhalten, allerdings wurde Move als deutsches Fremdwort im homiletischen Kontext zu einem unklaren terminus technicus.

Ein zweiter Grund ist, dass Nicol und Deeg den Begriff in ihrem Konzept aus Buttricks dezidiert rhetorischen Kontext herauslösen und mit bestimmten Konnotationen aufladen, die bei David Buttrick in dieser Form nicht oder nur schwach ausgeprägt sind. Das ist vor allem die Verbindung vom “move” und “movie” und dem damit verbundenen Paradigma des Films als homiletische Grundmetapher sowie dem Verständnis von Predigt als “Kunst unter Künsten”. Zwar spricht Buttrick im Blick auf den Predigtentwurf von „Scenario“, was unter anderem „Drehbuch“ heißen kann, aber auch hier geht die Bedeutung über diese Engführung hinaus. An anderer Stelle vergleicht Buttrick biblische Texte mit Filmclips aus fortlaufenden Sequenzen, will damit aber nicht den Film als homiletische Grundmetapher einführen, sondern betont nur, dass biblische Texte keine Stillleben sind. Es geht mit den Begriffen move, movement und mobility um die Bewegung in Geschichten und Reflexionen.

Die Grundmetapher bei Buttrick ist das Gespräch und Predigt ist ausdrücklich nicht Kunst- sondern Handwerk, wie Buttrick immer wieder hervorhebt:

“So wie ein Zimmermann lernen muss, Werkzeuge zu benutzen, um eine Kiste herzustellen, so müssen Prediger grundlegende Fähigkeiten erwerben, um zu predigen. Selbst wenn einige Prediger ungewöhnlich begabt sind, werden Prediger nicht geboren, sondern ausgebildet. Wir lernen unsere homiletischen Fähigkeiten.”

Ein wichtiges Werkstück dabei sind Moves:

“Moves zu entwerfen ist eine Fähigkeit, die wir lernen können.”

Im Folgenden will ich versuchen, den im Lauf der Zeit zunehmend entleerten Begriff dadurch zu füllen, dass ich die Rolle beschreibe, die „Move“ bei Buttrick spielt.

Predigen ist Bewegen

Predigt ist „gestaltete Bewegung“, bringt Nicol Buttricks Ansatz treffend auf den Punkt. Beim Predigen bewegen wir uns sprechend im Rahmen einer Gesamtstruktur von einer Idee zur nächsten. Das ist der Grundgedanke von „Moves and Structures“. Buttrick grenzt sich mit diesem Grundgedanken im Kontext der New Homiletic von einem auch in Deutschland nach wie vor beliebten Predigtschema ab: Der Punkte-Predigt („Three Points and a Poem“). Oft tragen die einzelnen Punkte zusammenfassende Überschriften und sind durchnummeriert. Buttrick liefert dafür ein Beispiel:

„1. Wir müssen Liebe üben in der Welt.
2. Wir müssen Liebe üben in der Kirche.
3. Wir müssen Liebe üben in unserem Familienleben.“

Die Zahlenabfolge stellt die Aufbaulogik dieser Punkte-Predigt dar. Zwar bietet dies eine gewisse Art von Orientierung, aber wahrscheinlich kennen viele die Erfahrung, dass ein Prediger nach 10 Minuten zum Ende zu kommen scheint, aber dann folgt nur ein „Zweitens“. Buttrick kritisiert an der Punkte-Predigt, dass Predigende so tun, als gäbe es feste Wahrheiten, die rational, distanziert, objektivierend Punkt für Punkt abgehandelt werden.

Diesem recht statischen Modell von Predigt setzt Buttrick sein Verständnis von Predigt als einer Bewegung gegenüber. Ihr Paradigma ist der natürliche Redefluss in einem Gespräch. Wenn wir uns unterhalten, gehen wir von einer Idee zur nächsten über, sprechen zunächst über A, dann über B und C usw. Der Zusammenhang der Ideen A, B und C folgt dabei einer gewissen Logik. Beim Predigen ist es genauso. Auch hier werden die einzelnen Ideen durch eine innere Logik zusammenhalten. Die Ideen werden dabei zu sprachlichen Einheiten („modules“) gebündelt. Diese sprachlichen Einheiten nennt Buttrick „moves“.

Eine Predigt wird insgesamt verstanden als eine strukturierte Abfolge von Moves, die in einem drehbuchartigen Szenario nach einer bestimmten Strategie zusammengesetzt sind. Die Bewegung der Predigt bildet also eine Art Handlungsstrang, einen „Plot“.  Statt wie im obigen Beispiel einzelne Punkte aneinander zu reihen, fügen die einzelnen Ideen der Moves sich auf natürliche Weise zu einem Ganzen:

„Wir üben Liebe in der Kirche, wo wir uns im Geist der Liebe begegnen. Aber der eigentliche Test der Liebe ist nicht die Kirche. In den Familien begegnen wir uns nicht als Fremde, sondern als ein Fleisch und Blut, als Ehemänner, Ehefrauen, Mütter, Väter, Kinder. In der Familie können Gefühle verletzt werden. Im Familienleben, liebe Leute, müssen wir Liebe üben.“

Die Bewegung, die sich im Gedankengang des zitierten Beispiels ausdrückt, ist kein einzelner Move, sondern der Gedankengang der ganzen Predigt. Jeder einzelne Satz steht dabei für einen Move.

Moves entfalten einen Gedanken

Moves sind gewissermaßen die entfalteten Züge in den Sprachspielen religiöser Rede. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, denn:

„Wir sprechen nicht nur und vermitteln nicht bloß Informationen. Wir gestalten das Glaubensbewusstsein der Kirche im Namen Jesu Christi.“

Dazu müssen klare Aussagen gemacht werden und das gelingt, indem jeder einzelne Move sich auf eine einzige Aussage beschränkt. Diese Aussage sollte in einem kurzen, klaren Satz ausdrücken werden können, ohne dass durch einen Nebensatz ein zweiter Gedanke untergebracht werden muss. Entsprechend besteht ein Test darin, ob der Sinngehalt eines ausgestalteten Moves sich am Ende tatsächlich wieder in einem knappen Satz ausdrücken lässt.

Damit ein Predigtgedanke im Bewusstsein der Gemeinde Gestalt gewinnen kann, muss ein Move so entfaltet werden, dass in ihm drei Dinge zusammenspielen:
1. ein theologischer Gedanke, der sich in Modellen, Bildern oder Metaphern äußert,
2. die Berücksichtigung von möglichen kulturellen und religiösen Widerständen gegen diesen Gedanken bei den Zuhörenden und
3. die Wirklichkeit lebendiger Erfahrung, durch die das gemeindliche Bewusstsein sich mit theologischen Einsichten verbinden kann.

Die drei Aspekte umreißen das Entfaltungspotential für den Sinngehalt jedes einzelnen Satzes. In einem Gespräch zwischen zwei Personen mag es ausreichen, bloß einen einfachen Satz zu äußern, und der Gesprächspartner kann dennoch dem Gedankengang folgen. Eine Gruppe von Menschen versteht deutlich langsamer. Moves sind also durch die Entfaltung verlangsamte gedankliche Bewegungen.

Die Form eines Moves

Die Möglichkeit der Entfaltung eines Moves sind nahezu unendlich. Dennoch zeichnen einen Move bestimmte formale Elemente aus: Es gibt einen a) klaren Anfang und b) einen klaren Abschluss, es gibt c) die Entfaltung dazwischen. Und schlussendlich hat ein Move d) eine bestimmte Länge.

a) Der Anfang eines Moves

Der Anfang eines Moves dient der Fokussierung des gemeindlichen Bewusstseins. Tatsächlich greift Buttrick immer wieder auf die Metapher einer Kameralinse zurück, die einen bestimmten Ausschnitt in den Blick nimmt oder auf eine bestimmte Stelle scharfstellt. Zugleich wird mit dem Anfang ein bestimmter Point-of-View eingeführt, der den ganzen Move prägt. Dieser Anfang kann durchaus zwei oder drei Sätze lang sein. Entscheidend ist, dass der Gemeinde Zeit gegeben wird, ihr Bewusstsein auf darauf auszurichten, worüber der Move etwas ausdrücken soll.

b) Der Abschluss eines Moves

Der Abschluss des Moves dient dazu, die Gedankenbewegung des Moves eindeutig und klar anzuhalten. Ohne ein klares Ende würde der Gedanke des einen Moves sich mit dem Nächsten überlagern. Der Fokus des neue Moves wird dann nur schwer zu einzustellen sein. Wichtig ist dazu, in irgendeiner Form wieder auf die Anfangsaussage zurückzukommen. Das kann bedeuten, die Anfangsaussage einfach zu wiederholen. Man kann den Anfang am Schluss aber genauso gut variieren. Das gelingt am besten mit einem einfachen, kraftvollen Satz, der die Aussage des Moves deutlich auf den Punkt bringt. Von beliebten Methoden wie denen, einen Gedankengang mit einem Zitat oder einer Frage abzuschließen, rät Buttrick ab: Sie schwächen den Abschluss nur.

Die Betrachtung von Anfang und Abschluss ist ein weiterer Test, um die Einheit des Moves zu kontrollieren. Weicht das Ende vom Eingangsstatement ab, ist der Move möglicherweise innerlich gespalten („Split-Move“). Vielleicht hat sein Fokus sich verschoben, vielleicht wurde der Point-of-View wurde verändert oder ein neuer Gedanke ist aufgetaucht und hat dafür gesorgt, dass die Gedanken gewandert sind. Bei der Überarbeitung ist es wichtig, die Gründe ausfindig zu machen und zum Beispiel aus den zwei Gedanken, die sich in dem Move verbergen, zwei Moves zu machen – oder einen der Gedanken wieder zu streichen.

c) Die Entfaltung eines Moves

Zwischen dem Eingangsstatement und dem Abschluss wird der Move entfaltet. Eine Predigerin oder ein Prediger muss dazu zunächst die theologische Relevanz der Aussage, kulturelle Einsprüche, lebensweltliche Erfahrungen und verschiedene rhetorische Strategien der Umsetzung bedenken. Zugleich stehen die Gedanken zum Move in Verbindung mit den anderen Moves in der Gesamtstruktur der Predigt.

Dafür stehen zahlreiche Bausteine zur Verfügung: Zitate oder statistische Untersuchungen zum Thema, Beispiele, die einen Kontrapunkt bilden, Illustrationen aus der Gegenwartskultur wie Bilder, Filme oder Musik, und natürlich theologische Arbeiten, die Definitionen und Modelle liefern. Vor der Ausgestaltung einer Predigt sollten zunächst viele Ideen gesammelt werden. Fängt man erstmal an, ist die Materialfülle überwältigend und es wird nötig sein, auszuwählen: „Wenn Predigerinnen und Prediger sich beklagen, dass sie für die Gestaltung eines Moves nicht genügend Material zur Hand haben, ist dies in der Regel ein Hinweis darauf, dass der Prozess des Durchdenkens nicht adäquat durchgeführt wurde.“

Trotz der grundlegenden, formalen Elemente von Anfangsaussage, Entfaltung und Abschluss sollte natürlich nicht jeder Move in gleicher Weise gestaltet werden. Schon wenn Anfang und Ende formal immer gleich wären, indem jeder Move mit einem kurzen Eingangsstatement beginnt und das Statement zum Abschluss wörtlich wiederholt, wäre dies sehr eintönig. Würde man dann noch innerhalb der Moves schematisch vorgehen, wäre es für die Zuhörenden schnell langweilig. Hier ist Kreativität gefragt, damit die rhetorische Form trotz der unverzichtbaren Elemente dennoch vielfältig ist. Buttricks Regel dafür lautet: „unterschiedliche Entfaltung für unterschiedliche Ideen“.

Was die Anzahl der Entfaltungsschritte betrifft, hält Buttrick ebenfalls eine Regel bereit: „Man kann sagen, dass Moves nicht mehr als drei interne Entfaltungsschritte enthalten sollten“. Buttrick begründet die Dreierregel mit Untersuchungen, dass Hörerinnen und Hörer nicht mehr als drei Aspekte oder gedanklich Wendungen mitvollziehen können. Andernfalls wandert die Konzentration ab oder es werden nur Teilaspekte wahrgenommen

d) Die Länge eines Moves

Was die Länge betrifft, sollte die Ausgestaltung einer Idee in einem Predigtmove eine Vortragslänge von rund drei bis vier Minuten haben. Dieser Zeitraum ist nicht beliebig gewählt. Ein Move darf nicht zu kurz sein, weil sich sonst im Bewusstsein der Gemeinde kein Verständnis entwickeln kann. Ein kurzer Satz, der im Gespräch genügen würde, würde in der öffentlichen Rede einfach „durchrauschen“. Auf der anderen Seite darf ein Move die Aufmerksamkeit nicht überstrapazieren. Das passiert, wenn der Move zu lang und zu komplex ist, etwa weil er zu viele Punkte enthält (Einwände, Beispiele, Gegenbeispiele, Illustrationen etc.; siehe Dreieregel). Eine Dauer von drei bis vier Minuten pro Move ist für Buttrick also eine wahrnehmungspsychologisch begründete Größe.

Blick auf einen Beispiel-Move

Werfen wir einen Blick auf einen beispielhaft skizzierten Move, wie ihn Buttrick selbst vorstellt, und zwar für eine Predigt zur Geschichte von den zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19). Dazu ist zu sagen: Die Beispiele im Buch sind überwiegend zu Demonstrationszwecken konstruiert und nicht unbedingt aus realen Predigten entnommen.

Nachdem Buttrick die Bewegungen der Geschichte rekonstruiert hat, entwirft er skizzenhaft die Struktur der gesamten Predigtbewegung in sechs Moves:

„1. Die Aussätzigen riefen: „Hab Mitleid!“ und wir können es verstehen.
2. Wie antwortet Jesus? Mit einem Gebot: „Geht!“ Ist das nicht wie bei Gott?
3. Nun, sie sind gegangen: Glauben heißt, das Wort Jesu Christi befolgen.
4. Wenn aber der Glaube nur Gehorsam ist, kann er sich in ein totes Gesetz verwandeln.
5. Einer kam zurück, um anzubeten: Die christliche Anbetung dankt.
6. Das christliche Leben ist daher sowohl gehorsamer Glaube als auch Anbetung.“

Move 1 könnte dann etwa so skizziert werden:

„Seht, da stehen zehn Aussätzige in einer Reihe: „Jesus, Meister, habe Mitleid mit uns!“ Wir können sie verstehen. Zeiten in jedem Leben, wenn wir am Ende unserer Weisheit sind und um Hilfe rufen. Unterleibskrebs – „Gott, hilf mir.“ Oder eine Ehe auf der Kippe – “Oh, Gott!“ Oder jemand, den wir lieben, liegt im Sterben – „Gott.“ Nicht immer ausgesprochen. Manchmal ein stiller, innerer Schrei. Aber am Ende unserer Kraft strecken wir die Hand nach Hilfe aus. Wir wenden uns an Gott. Wie die Aussätzigen.“

Der weiter ausgearbeitete Move könnte für Buttrick dann wie folgt aussehen:

„Seht, da stehen zehn Aussätzige in einer Reihe: „Jesus, Meister, habe Mitleid mit uns!“ Wir können es verstehen, oder? Alle kennen Zeiten im Leben, wenn wir am Ende unserer Weisheit sind und um Hilfe rufen. Wenn wir an einen Punkt kommen, wo wir wissen: Unsere Bedürfnisse sind groß und unsere Kraft ist klein. Dann rufen wir um Hilfe; das Wort „Gott“ formt unsere Lippen oder hallt in unserem Geist nach.
Du warst beim Arzt. Er murmelt etwas über einen Schatten auf deinem Röntgenbild. „Besser nicht warten“, sagt er und plant die Operation für den nächsten Tag. Du verlässt sein Besprechungszimmer mit seltsamer Benommenheit. Innerlich schreist du: „Gott, hilf mir.“
Oder vielleicht hat sich deine Ehe, die mit einem leuchtenden Entzücken begann, langsam in einen kalten Krieg am Küchentisch verwandelt, wo ihr euch gegenseitig mit Worten wie Steine bewerft. Und plötzlich merkst du, dass etwas schiefgelaufen ist: „O Gott!“
Oder jemand, den du liebst, liegt im Sterben. Du weißt nicht, wie du darüber reden sollst, nicht einmal miteinander. Du bist innerlich ganz angespannt und hast Angst vor dem, was kommt. Du fängst an dir vorzustellen, wie es sein wird, in einem leeren Haus herumzulaufen: „Oh, Gott, hilf mir“, weinst du.
Schaut, unser Leben ist von Leid geprägt. Wir sind Menschen und es gibt menschliche Tragödien, die uns allen widerfahren. Dann, wenn man nichts mehr tun kann, und selbst wenn wir nicht so recht glauben, ertappen wir uns dabei, wie wir so etwas wie ein Gebet sprechen: „Gott. Oh, Gott.“ Wie die verzweifelten Aussätzigen, die alle in einer Reihe nebeneinanderstehen und aus vollem Halse schreien: „Jesus, Meister, habe Mitleid.“ Seht die zehn Aussätzigen, wie sie um Hilfe rufen.“

Anfang und Schluss des Moves sind klar zu erkennen und auch die Entfaltung, in diesem Fall mit einer reflexiven Verbindung zur Gegenwart und drei Beispielen, die diese Verbindung veranschaulichen, ohne auf weitschweifige historische Erläuterungen zurückzugreifen. Der Point-of-View ist „unser“ Leben mit dem Bewusstsein von Leiderfahrungen, aus dem heraus auf die drei Aussätzigen geschaut wird. Der Move wird in der Predigt nicht länger als drei Minuten dauern.

Moves in der Gesamtstruktur einer Predigt

Annette Müller vergleicht in „Predigt schreiben“ die Predigtvorbereitung mit einer kompositorischen Aufgabe. Diese musikalische Metapher lässt sich durchaus auf Buttricks homiletische Methode übertragen. Schon einzelne Moves lassen sich als kleine Kompositionen verstehen, wie beispielsweise die Rede von Aussage und Kontrapunkt andeutet. Die Predigtkomponistinnen und -komponisten dürfen aber über der Arbeit an einzelnen musikalischen „Sätzen“ (movements) nicht die Gesamtkomposition aus den Augen verlieren. Allerdings ist es nicht die Aufgabe von Predigerinnen und Predigern, Kunstwerke zu schaffen. Buttrick vergleicht die Aufgabe, die Predigt aus Moves zu gestalten mit einem bastelnden Kind, das mit Papierschnipseln und Kleber übersät feststellt: „Sachen zusammensetzen ist ganz schön schwierig.“ Das gilt auch für die Predigt als Gesamtstruktur.

Für Buttrick ist es unverzichtbar, bei der Arbeit an den Moves immer die ganze Predigt im Blick zu behalten. Es wird also nicht ein Move nach dem anderen fertig geschrieben, sondern immer zugleich an der ganzen Predigtstruktur gearbeitet. Schritt für Schritt werden die Moves zunächst skizziert, dann immer weiter ausgearbeitet. Das Verfahren erinnert ein wenig an Randy Ingermansons Schneeflockenmethode, die im Bereich des Kreativen Schreiben bekannt ist. Das Ausarbeiten eines Grundgerüstes scheint zudem eher ein Top-Down-Schreibverfahren zu präferieren. Buttrick betont aber: Welche Schreibpräferenzen jemand hat, ob man erst eine Struktur entwickelt, lieber drauflosschreibt und ein Versionenschreiber ist, ist unerheblich, solange man sich im Schreibprozess immer wieder die sich gegebenenfalls ändernde Grundstruktur der Predigt als Ganzes bewusst macht:

„Jede Predigerin und jeder Prediger arbeitet ganz anders. Einige Predigende entwerfen ihre Predigten auf eine traditionelle Weise nach A, B, C, 1, 2, 3. Andere kritzeln Notizen auf ein Blatt Papier, verbunden mit einem Durcheinander von Pfeilen. Wieder andere füllen Seite um Seite, wie ein Stapel künstlerischer Vorskizzen, bis sie das bekommen, wonach sie suchen. Einige Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten mit Tonbandgeräten oder Computern. Jede Methode birgt Gefahren und Vorteile. Wir behaupten mit Nachdruck, dass einige Phasen dieses Prozesses notwendig sind: eine Untersuchung des Textes, eine Grundstruktur, eine Skizze, eine endgültige Struktur und ein Manuskript – wie auch immer diese Phasen bewerkstelligt werden, sie sind notwendig. Predigen ist zwar keine Kunstform, aber ein kreativer Prozess. Deshalb müssen wir, wie bei jedem kreativen Prozess, ‘konzipieren’, müssen in irgendeiner Weise objektivieren, Korrekturen und Erweiterungen zulassen und schließlich ein fertiges Werk zusammenstellen.“

Die Montage der Moves soll dabei einerseits einer Art natürlichen Logik folgen, andererseits nicht zu geschmeidig sein. Die Moves als eigene Themen zu verstehen, über die man nacheinander wie in der Punkte-Predigt redet, wird zu der Schwierigkeit führen, wie man Übergänge gestalten kann, die so natürlich wirken wie ein Gesprächsverlauf, ein assoziativer Bewusstseinsstrom oder die Logik von Perspektivwechseln. Entwickelt sich der Gang der Rede so, dass ihn die Zuhörenden als natürlich empfinden, werden möglicherweise gar keine Übergänge und Überleitungen natürlich sein. Andererseits: Trotz der Verbindung der Moves zueinander sollte die Aussage jedes einzelnen Moves erkennbar bleiben. Buttrick spricht in diesem Zusammenhang von einer „strukturellen Zähigkeit“: „Wir wollen, dass die Predigt ‘bis auf die Knochen’ sichtbar wird! Auf jeden Fall wollen wir keinen geschmeidigen Fluss der Gedanken, in dem zu unterscheidende Verständnisse verschmelzen und nicht deutlich definiert sind.“ Vielleicht kann man es vergleichen mit musikalischen Phrasen und Sätzen, die sich zwar in eine Gesamtkomposition fügen, und doch als solche, etwa als Motiv und seine Variationen, erkennbar bleiben.

Moves and Structures neu entdecken

David Buttricks Konzept von Moves and Structure bietet eine spannende handwerkliche Perspektive für eine homiletische Rhetorik. Leider ist in der deutschen Homiletikdiskussion dieser Zusammenhang durch die rhetorische Dekontextualisierung des Konzepts seitens der Dramaturgischen Homiletik verloren gegangen. So hat Albrecht Grözinger nur zum Teil recht, wenn er sagt: „Es sind in der Predigt die Moves …, die bewegen, und nicht das Argument.“  Grözinger geht in einem Vortrag, der im Rahmen einer Tagung eine Zwischenbilanz zur Dramaturgischen Homiletik ziehen will, auf eine Reihe von Einwänden ein und verteidigt den dramaturgisch-homiletischen Ansatz gegen Kritiker von verschiedenen Seiten. Die Kritik entzündet sich vielfach am „unrhetorischen“ Konzept von Moves & Structure. Bemerkenswert ist, dass der Name David Buttrick an keiner Stelle im Vortrag fällt und dass die Argumente gegen das Konzept nicht Buttricks Homiletik treffen, sondern dessen dramaturgisch-homiletische Aneignung.

Zur rhetorischen Funktion von Moves gehört ihre Grundstruktur von klarem Anfang, Entfaltung, deutlichem Abschluss und zeitlichem Rahmen. Nicol und Deeg demonstrieren in „Im Wechselschritt zur Kanzel“ an einer Rundfunkandacht von Barbara Hauck ihr Move-Verständnis. Haucks Andacht ist ein zweifellos gelungener Text, entspricht aber in keiner Hinsicht Buttricks Move-Konzept. Das Andachtsbeispiel zeigt eher: Man kann auch ohne Moves and Structures gute Andachtstexte schreiben. Aber es zeigt auch, wie unklar der Begriff selbst von denen verwendet wir, die ihn in die hiesige Debatte eingeführt haben. Es ist ein bisschen wie begeistert einen Hammer als ein gutes Werkzeug einzuführen, mit dem man prima Kronkorken von Flaschen entfernen kann.

In meiner Darstellung habe mich vor allem auf den Begriff des Moves konzentriert, das Structure-Konzept habe ich nur gestreift. Vielleicht kann ich das später einmal nachschieben. Ich hoffe aber, mir ist gelungen zu zeigen: Buttricks Konzept von Moves and Structure bietet weitaus mehr, als der winzige Ausschnitt ahnen lässt, den Martin Nicol und Alexander Deeg in der Dramaturgischen Homiletik zeigen. Damit soll ihr Verdienst nicht geschmälert werden. Aber mir scheint es angezeigt, langsam den Ausschnitt zu vergrößern, um zu sehen: Moves and Structures sind die Werkzeuge eines elaborierten, ausgewiesen rhetorischen Konzepts, dessen eigentliche Entdeckung für die deutsche Homiletik noch aussteht.

Literatur

  • David Buttrick: Homiletik. Moves and Structures, Philadelphia 1987.
  • David Buttrick: On Doing Homiletics Today, in: Intersections. Post-Critical Studies in Preaching (Hrsg.: Richard Eslinger) Grand Rapids 1994, S. 88-104.
  • Albrecht Grözinger: Kein Streit um des Kaisers Bart. Die homiletische Landschaft und die Dramaturgische Homiletik, in: Dramaturgische Homiletik. Eine Zwischenbilanz (Hrsg.: A. Deeg/D. Rammler), Leipzig 2020, S. 13-22.
  • Martin Nicol: Einander ins Bild setzen. Dramaturgische Homiletik, Göttingen 2002.
  • Martin Nicol/Alexander Deeg: Im Wechselschritt zur Kanzel. Praxisbuch Dramaturgische Homiletik, Göttingen 2005.
  • Müller, Annette: Predigt schreiben. Prozess und Strategien der homiletischen Komposition, Leipzig 2014.

Das Geschenk der Tradition

Was autorisiert das eigene Reden in der Predigt?, fragt David Buttrick. Oft dient die Bezugnahme auf Bibel und Tradition zur Autorisierung von dogmatischen Aussagen und moralischen Forderungen. Buttrick stellt das in Frage: Christliches Leben und damit auch die Predigt ist möglich ohne einen Begriff von Autorität, selbst wenn man der Bibel und Tradition eine normative Kraft zugesteht.

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Riskante Texte versuchen

„Jede Woche ein Kampf um einen Text, der im Idealfall nicht auf Nummer sicher geht, nicht regelgemäß, tausend­mal gehört, gut geölt und ganz okay klingt, sondern angreifbar, irgendwie besonders und auch mal schwer daneben.“ – Harald Martenstein erzählt von seinem Ringen mit den Lektoren um seine wöchentliche Kolumne im ZEIT-Magazin (16/2021). Spannend finde ich dabei den Anspruch, den er dabei für seine Texte formuliert. Es sollen riskante Texte sein. Für mich klingt das nach einem Predigtideal: Eine Predigt, die das sichere Terrain verlässt und etwas versucht – und zwar nicht nur in Form manieristische Spielereien, zu denen die Dramaturgische Homiletik geführt hat, sondern eher wie echte Essays – Texte, in denen jemand wirklich mit einem Gegenstand ringt.

Dazu noch ein Zitat als weiteren Gedanken: „Ich erwarte [von einer Predigt] eine Neuigkeit für mich, etwas, das mich, wenn auch geringfügig, ändert, etwas, das mir eine noch nicht gedachte, noch nicht bewusste Möglichkeit der Wirklichkeit bewusst macht, eine neue Möglichkeit zu sehen, zu sprechen, zu denken, zu existieren.“ Was Peter Handke in seinem Essay „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ 1967 als Leser und Autor von Literatur erwartet, gilt mutatis mutandis auch für die Predigt: Im Original steht an der Stelle der Klammer im Zitat „von einem literarischen Werk“, aber der Satz funktioniert auch so und drückt für mich perfekt aus, was ich als Predigthörer und Prediger erwarte.

(Sieh auch Ist das Feuilleton die Predigt von heute?)

Perspektive in der Predigt

“Die Sprache der Predigt ist wie alles menschliche Sprechen radikal perspektivisch”, schreibt David Buttrick. Der Satz leuchtet zwar unmittelbar ein, aber in der homiletischen Literatur taucht die Frage nach der Perspektive kaum auf. Vielleicht liegt es daran, dass die Frage nach der Perspektive vor allem im Blick auf narrative und fiktionale Texte auf der Hand liegt. Doch wenn alles Sprechen perspektivisch ist, wie Buttrick behauptet, dann gilt das eben auch für die Predigt und dann wäre die Frage zu stellen, warum denn ein Nachdenken über die Perspektivität der Predigt sich lohnen könnte.

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Die eigene Geschichte erzählen

„Erzähl uns deine Geschichte!“ – Diese einfache Aufforderung bringt Bobette Busters Storytelling-Ansatz auf den Punkt. Buster ist davon überzeugt, dass jede und jeder eine Geschichte zu erzählen hat. Das Problem ist nur, dass diese Geschichte oft überlagert ist von der Angst, zu viel von sich preiszugeben, seine Wunden zu zeigen oder zu meinen, dass man nichts interessantes zu erzählen hat. Deshalb wird die Geschichte dann künstlich aufbauscht mit Fakten und Details, die keinen interessieren. Die „Story hinter der Story“ (S. 65 ff) freizulegen, und die eigene Geschichte so zu erzählen, dass die Welt zuhört – darum geht es in „Story“.

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Theologisches Notizbuch #10

In Gottes Namen wird Gottesdienst gefeiert und Gott mit „Gott“ angeredet, aber dabei wird gerne keine Kleinigkeit übersehen: Anders nämlich, als der Gebrauch des Wortes zum Beispiel in der Gebetssprache nahelegt, ist „Gott“ kein Eigenname, sondern ursprünglich ein Gattungsbegriff. Die hebräische Gattungsbezeichnung ist „El“ oder auch das Pluralwort „Elohim“; von „El“ leitet sich auch das arabische „Allah“ ab. Die Welt der Bibel ist voller Götter, aber in den Geschichten der Bibel erweist der Gott Israels sich als der Mächtigste von ihnen. Zur Unterscheidung von Gott und den Göttern wenden die Autoren des Alten Testaments beim Gattungsbegriff „Elohim“ einen interessanten, sprachlichen Trick an: Ist vom Gott Israels die Rede, wird das Pluralwort „Elohim“ mit Verben im Singular verwendet. Ist dagegen von anderen Göttern die Rede, steht „Elohim“ in der Regel mit Verben im Plural. Der Gott, in dessen Namen wir Gottesdienst feiern und den wir im Gebet ansprechen, hat einen Namen.

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Notizen zu einer nicht gehaltenen Predigt

Vier Anläufe zu keiner Predigt

Für den Sonntag Okuli im Jahr 2020 habe ich vier Anläufe gebraucht, um keine Predigt zu halten. Der erste Predigtentwurf drehte sich ums Beten. In unserem besonderen PLUS-Gottesdienst sollte als musikalischer Gast der Schoenfeldt-Chor auftreten, ein Pop-Chor aus unserer Gegend, u.a. mit dem Lied „Schick dein Gebet zum Himmel“. Die Idee war mit einem Ausschnitt aus Hape Kerkelings Rede von den „Wünschen ans Universum“ über ein modernes Verständnis von Gebet nachzudenken.

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Ein Gespräch mit sich selbst

Olaf Georg Klein über das Tagebuchschreiben

„Wenn man ein Tagebuch noch einmal durchliest”, schrieb einmal Truman Capote in einem Reisebericht, „dann meistens die weniger ehrgeizigen Eintragungen jene beiläufigen Zufallsnotizen, die jedoch immer eine tiefe Furche durch die Erinnerung ziehen.“ Es liegt vermutlich an dem, was man heute „Authentizität” nennt, dass gerade nicht die kunstvoll gedrechselten Worte, sondern die eher beiläufigen und noch rohen Notate viel eindrücklicher wirken. Sie erzeugen zumindest den Eindruck, dass sie die unmittelbare Situation der Niederschrift doch irgendwie mittelbar machen.

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