Alles außer Rechtschreibung

Kleines Beckumer Stundenbuch“Der Hauptfehler des Menschen bleibt, dass er so viele kleine hat”, heißt es in Jean Pauls Siebenkäs. Oder: „So viele kleine macht“. Eigentlich sollte dieser Beitrag nur eine kurze Werbung in eigener Sache werden. Daraus wird jetzt nichts – oder am Ende vielleicht doch? Es geht um ein schmales Bändchen mit dem Titel „Kleines Beckumer Stundenbuch“, das ich Anfang Dezember veröffentlicht habe. Es enthält eine Sammlung eigener Gebetstexte, Psalmübertragungen und Segensworte – nebst einer feinen Sammlung übersehener Rechtschreibfehler. So wird aus der geplanten Werbung eine kleine Reflexion auf die Tücken des Selbstverlags und die Betriebsblindheit.

Aber von Anfang an. Im September haben wir in unserer Kirchengemeinde unser Gemeindefest gefeiert. Es sollte zugleich der Auftakt sein zur Außenrenovierung unserer kleinen Beckumer Christus-Kirche. In dem Gottesdienst unter dem Motto „Du hast Talent“ haben wir dazu keine Kollekte eingesammelt, sondern im Gegenteil an Gottesdienstbesucher 50 mal 50 Euro-Scheine ausgegeben. Ohne Kontrolle, ohne Bedingungen, aber mit dem Vertrauen, dass die Menschen, die Geld mitnehmen, es Ende März 2015 zu einem Gottesdienst zurückbringen. In der Zwischenzeit sollen die Gottesdienstbesucher wie im Gleichnis mit den anvertrauten Talenten versuchen, aus den 50€ irgendwie mehr zu machen. Wir sind gespannt, ob das klappt. (Ein Ehepaar hat übrigens die 2500€ für diese Aktion gespendet, so dass ein Verlust nicht zu Lasten anderer Spenden oder des Gemeindehaushaltes gehen wird.)

Meine Idee war: Ich gebe ein kleines Büchlein mit Psalmübertragungen über Book on Demand (BoD) heraus, wie schon meine Dissertation. Texte habe ich im Laufe der Jahre genug geschrieben, um eine Auswahl zusammenstellen zu können. Und ein Buch bei BoD kostet gerade mal 19€. Eine kleine Auflage kann ich direkt verkaufen und bei ca. 3€ Produktionskosten und 8€ Verkaufspreis pro Buch 5€ für die Renovierung einnehmen. Zudem ist das Buch über den Buchhandel erhältlich. Es bringt dann zwar etwas weniger Ertrag, hat aber einen breiteren Einzugsbereich. Heraus kam ein kleines Buch von 74 Seiten mit Gebeten, Psalmen und Segenstexten. Aus den 50€ habe ich so mittlerweile – nach Abzug der Herstellungskosten – rund 350€ für den Umbau erwirtschaftet. Soweit so gut.

Jetzt läuft der Endspurt. Am 28. März werden wir im Gottesdienst sehen, was die Aktion insgesamt für die Renovierung bringt. Dieser Blog-Artikel sollte ursprünglich nur nochmal dafür werben und dazu einen meiner Lieblingstexte als Appetizer voranstellen, eine Übertragung von Psalm 36. Doch als ich ihn kopierte, stellte ich zwei peinliche Rechtschreibfehler fest. Meine Güte, wie kann das sein? Einige der Texte sind schon ein paar Jahre alt. Ich habe sie immer wieder mal verwendet, überarbeitet und Fehler korrigiert. Für die Ausgabe nun habe ich ein Layout erstellt, noch einmal alle Texte redigiert und korrigiert. Zwei Wochen lang liegen gelassen. Aufmerksam erneut gelesen. Und guten Gewissens in Druck gegeben. Aber als ich das Buch das erste Mal aufschlug, prangte mir gleich der erste Fehler entgegen. Sieben Fehler habe ich bislang entdeckt. Es werden wahrscheinlich noch ein paar mehr zu finden sein.

Sibylle Berg sagt gerade im ZEIT-Interview: „Ich kann alles, außer Rechtschreibung.“ So schlimm ist es eigentlich gar nicht. Aber es ist ein Fehler, einen Text, der im Druck erscheinen soll, nicht noch einmal von jemandem Gegenlesen zu lassen. Ein Blog-Artikel ist schnell korrigiert. Bei einem Druckwerk stört mich jeder einzelne Fehler ungemein. Es muss ja nicht gleich eine professionelle Korrektur mit Lektorat sein, wie es BoD anbietet. Beides zusammen kostet immerhin rund 10€ pro Seite, das ist mehr, als ich einzunehmen erhoffte. Aber es ist eben so: Betriebsblindheit ist schwer heilbar und vergeht auf jeden Fall nicht innerhalb von zwei Wochen.

Wer jetzt trotzdem noch das Buch bestellen will, ist herzlich dazu eingeladen.

Psalm 36

Der sich seiner selbst sicher ist, sagt:
Furcht vor Gott kenne ich nicht.
Er gefällt sich als böser Bube.
Stolz ist er, sein Gewissen los zu sein.
Ohne rot zu werden lügt und betrügt er,
sucht seinen Vorteil – und geht’s um den Sieg,
dann kennt er keine Freunde.

Doch du, Gott, bist gütig bis zum Himmel,
soweit die Wolken ziehen reicht deine Treue,
deine Gerechtigkeit ragt auf wie die Berge,
wie eine Flutwelle kommt dein Gericht.
Du eilst selbst zur Hilfe,
an deiner Seite finden Schutz
Tiere und Menschen –
denn du gibst reichlich,
und aus dir schöpfen wir Leben.

Bewahre mich davor,
meiner selbst zu sicher zu sein.
Lieber will ich zweifeln und fragen,
als alle Skrupel zu verlieren
und selbstgefällig zu werden
– und am Ende zu fallen,
und keiner hilft mir auf.

Karsten Dittmann: Kleines Beckumer Stundenbuch. Gebete, Psalmen, Segensworte. Norderstedt: Books on Demand, 2014.
ISBN 978-3-7347-3367-3  |  8,– €

Predigten komponieren

Foto: Martin Jäger  / pixelio.de

Foto: Martin Jäger / pixelio.de

Schreiben führt in der Predigtvorbereitung zwar nicht zwingend zu guten Predigten, kann aber helfen, “theologische und lebenspraktische Themen intellektuell zu durchdringen, sowie … sich Glaubensinhalte und Traditionsfragmente anzueignen. Predigtschreiben kann dazu beitragen, dass Pfarrpersonen in ihrer seelischen, geistigen und geistlichen Existenz wachsen.“ (S. 372) Zu diesem Ergebnis kommt Annette Müller in ihrer Dissertation “Predigt schreiben”. Sie hat dafür empirisch untersucht, was eigentlich geschieht, wenn Predigerinnen und Prediger ihr Predigtmanuskript erstellen. Damit kommt dem Schreiben in der Predigtvorbereitung eine wichtige Funktion zu: Es wird “eingesetzt, um kreativ und verantwortlich Theologie zu treiben“ (S. 394).

Ich habe auf das Buch schon vor einiger Zeit einmal hingewiesen. Jetzt will ich es hier ausführlich besprechen.

Blick in die Predigtwerkstatt

Für ihre Untersuchung wirft Müller einen Blick in die Predigtwerkstätten von zwölf Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Vorbereitung einer Predigt ist für die meisten ein einsames Handwerk: Die Predigerin oder der Prediger sitzt am Schreibtisch und entwirft ein Manuskript, mit dem sie oder er später vor die Gemeinde tritt. Die Prozesse, die bei dieser Vorbereitung ablaufen, haben die meisten sich durch jahrelange Predigtpraxis erworben. Die oft idealisierenden Modelle aus homiletischen Proseminaren oder Vikariatskursen sind durch diese Praxis längst abgeschliffen und die erlernten Methodenschritte einem pragmatischen Machen gewichen. Am Ende steht ein Produkt, bei dem aus dem einsamen Ringen am Schreibtisch im besten Fall ein kommunikatives Ereignis im Gottesdienst wird.

Prozesse der Komposition einer Predigt

Weil der Prozess am Schreibtisch empirisch kaum untersucht ist, hat Müller sich vorgenommen, die prozeduralen und kognitiven Subprozesse der Predigtkomposition herausarbeiten (S. 18). Vor allem die Funktion des Schreibens in der Predigtarbeit rückt sie dabei ins Zentrum, denn Müllers theoretisches Interesse gilt der Frage, inwiefern Ansätze der Schreibforschung für die Homiletik nutzbar gemacht werden können. Die Theologin war als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn tätig und hat dabei unter anderem Studierenden geholfen, Schreibschwierigkeiten zu überwinden. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen untersucht Müller nun den Prozess der Komposition einer Predigt. Den Begriff der Komposition wählt sie, „weil er für das Kreative und Komplexe der Predigtvorbereitung steht“ (S. 17).

Methodisch greift Annette Müller auf das leitfadenorientierte Interview zurück, mit dessen Hilfe sie die zwölf Pfarrerinnen und Pfarrern nach ihrem tatsächlichen Vorgehen bei der Predigtvorbereitung befragt. Die jeweilige Analyse dieses selbstbeschriebenen Prozesses der Predigtkomposition vergleicht Müller wiederum mit Predigtmanuskripten der Studienteilnehmer. Die Analyse des Predigtmanuskriptes geschieht zum einen im Blick auf Spuren des Kompositionsprozesses, sie ist aber zugleich eine Bewertung, um eventuelle Empfehlungen für die Predigtarbeit aussprechen zu können. Denn Homiletik will nicht nur „Anregungen geben, Predigt theoretisch zu begründen“ sondern auch „praktisch zu verbessern“ (S. 37). Die Darstellung dieser zwölf Gespräche und Predigtanalysen macht den Hauptteil des Buches aus (S. 123-314).

Kein Königsweg zur Predigt

Eine Erkenntnis der Untersuchung ist: „Es gibt keinen Königsweg zur Predigt” und “nicht die eine empfehlenswerte Strategie zur Erarbeitung eines Predigtmanuskriptes” (S. 355). Auch Schreiben bietet keine Garantie, die komplexe Aufgabe der Predigtvorbereitung zu bewältigen. „Innerhalb dieses Problemlösungsprozesses kann das Schreiben sowohl selbst Probleme aufwerfen als auch einen Beitrag leisten, um Probleme zu lösen …“ (S. 367). Allerdings lässt sich auch sagen, dass zumindest eine Strategie nicht zu empfehlen ist: „einen Predigttext meditierend … bedenken und das Ergebnis des Nachdenkens einfach hinzuschreiben“(S. 357) Schreiben in der Predigtarbeit ist mehr als nur das Hinschreiben des vorher nur im Kopf entwickelten.

Die Predigtarbeit ist in einen komplexen beruflichen Alltag eingebettet und stellt hohe Anforderungen an Pfarrerinnen und Pfarrer (S. 375). Viele Prediger schreiben zunächst einmal „um die Angst zu zähmen, auf der Kanzel den roten Faden und damit die Kontrolle über die Redesituation zu verlieren“ (S. 364). Weil die freie Predigt für viele mit Ängsten besetzt, setzten die meisten Predigenden auf ein ausformuliertes Manuskript, selbst wenn es auf der Kanzel nicht unbedingt abgelesen wird. Die Arbeit am Manuskript hilft aber, die eigenen Gedanken zu klären und für den Vortrag zu strukturieren, und zwar sowohl für sich selbst als auch für die Zuhörenden (vgl. S. 362). Wann und auf welche Weise Pfarrer ihre Predigten strukturieren, ist allerdings individuell sehr verschieden (S. 328). Förderlich ist aber, trotz des ausgefüllten Pfarralltags, das Manuskript nicht zu knapp vor dem Predigtvortrag zu erstellen, sondern es einen Augenblick reifen zu lassen und Abstand zum Text zu gewinnen (S. 327).

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist die Wahrnehmung von Spannungen zwischen Predigenden und ihrem Manuskript. Dazu gehört zunächst die Spannung zwischen der Intention des Predigers und der wahrnehmbaren Intentionalität des Manuskriptes (S. 328): Obwohl die Predigenden sich Gedanken darüber machen, was sie mit ihrer Predigt erreichen wollen, ist dieses Ziel nicht unbedingt an der Predigt nachzuvollziehen. Müller vermutet einerseits, dass es Defizite gibt in der Kompetenz, die eigene Predigt zu evaluieren, andererseits, dass die Manuskripte wegen Zeitmangels zu wenig überarbeitet werden. Die zweite Spannung nimmt Müller zwischen der Person des Predigers und dem Manuskript wahr: Obwohl viele Studienteilnehmer sich selbst persönlich in den Prozess der Predigtkomposition involviert sehen, bildet sich „dieses emotionale, spirituelle, lebensgeschichtliche und intellektuelle Involviertsein … nicht in demselben Maße in den analysierten Predigtmanuskripten ab(…)“ (S. 342). Woran das genau liegt, kann auch Müller sich nicht erklären. Sie vermutet eine Nachwehe des dialektisch-theologischen Ansatzes, das Subjekt des Predigers in der Predigt weitgehend auszublenden.

Weil “es nicht den einen richtigen Weg zur gelungenen Predigt gibt”, muss es in der Homiletik darum gehen, Wege zur Predigt aufzuzeigen, die einerseits für die Predigenden “individuell stimmig und praktikabel” sind, die andererseits aber auch den “Bedürfnissen und Anliegen der jeweiligen Adressatenschaft” entgegenkommen (S. 361) Viele Probleme der Predigtpraxis, angefangen bei Examenspredigten bis hin zu routiniert erstellten Predigtmanuskripten, verortet Müller in einem mangelhaften prozeduralen Wissen über das Schreiben von Texten (vgl. S. 116 u. 345). Müller plädiert daher dafür, homiletische Didaktik und Predigtcoaching um eine prozessorientierten Perspektive zu erweitern, die „individuelle Sichtweisen, Einstellungen und konkrete Vorgehensweisen“ von Predigern im Kompositionsprozess berücksichtigt (S. 19). Unverzichtbar ist dabei, ein komplexeres Verständnis für das Schreiben selbst zu entwickeln. Dazu gehört, „dass Predigtmanuskripte entweder sorgfältig geplant oder sorgfältig überarbeitet werden müssen” (S. 395). Etwas pathetisch formuliert Müller die Aufgabe so: „In einer prozessorientierten homiletischen Didaktik wird das Schreiben genutzt, um kühne Ideen zu skizzieren, kostbare Miniaturen zu modellieren, differenzierte Wahrnehmungen in Sprache zu überführen, folgerichtig zu argumentieren, fromm zu bekennen, Traditionen kreativ fortzuschreiben, humorvoll zu persiflieren, lebendige Bilder zu entwerfen, kontaktvoll zu kommunizieren, Phänomene zu interpretieren, mutig Stellung zu beziehen, ehrlich zu reflektieren und hoffnungsvoll zu antizipieren.“ (ebd.)

Komplexer Schreibbegriff, unterkomplexes Rhetorikverständnis

Predigten gehören zu den Texten, die „schriftlich konstituiert“ aber „mündlich realisiert“ werden, so Annette Müller im Anschluss an Norbert Gutenberg (S. 15). Die Faktizität der Schriftlichkeit wird allerdings meistens übersehen oder unterschlagen. Müllers Untersuchung zeigt auf, dass die Rolle des Schreibens in der Predigtarbeit stärker berücksichtigt werden sollte. Die Schreibforschung kann hier wichtige Impulse für die Homiletik bieten. Müllers schreibdidaktisch informierter Blick in die faktische Predigtwerkstatt bietet hier eine Fülle an Anknüpfungspunkten für die homiletische Praxis und Theoriebildung.

Zwei Dinge möchte ich allerdings kritisch anmerken: Der erste Kritikpunkt bezieht sich auf ein problematisches Verständnis von Rhetorik, der zweite auf das methodische Element der Predigtbewertung. Beides hängt miteinander zusammen, weil die Predigtbewertung Hinweise liefert, ob das das Ziel der rhetorischen Bemühungen, die ansprechende Predigt, erreicht wurde oder nicht.

Klischee einer manipulativen Rhetorik

Annette Müller betont immer wieder, dass es in der Homiletik nicht darum gehen kann Schreiben und Sprechen gegeneinander auszuspielen. In der Geschichte der Homiletik hat es immer ein Primat des Sprechens vor dem Schreiben gegeben. Müller attestiert darum einer Reihe von homiletischen Ansätzen ein unterkomplexes Schreibverständnis (S. 25ff.) Wenn sie stattdessen ein komplexes Schreibverständnisses für die homiletische Didaktik einfordert, so ist dem auf jeden Fall zuzustimmen. Umgekehrt lässt sich allerdings in der Arbeit ein tendenziell unterkomplexes Rhetorikverständnis ausmachen. Letztlich rächt sich an dieser Stelle die methodische Entscheidung, das Ziel aller schreibenden Predigtvorbereitung, die sprechende Realisierung in der Predigt, von der Untersuchung auszuschließen und es bei der Analyse von Manuskripten zu belassen. Unterkomplex kann man Müllers Verständnis der Rhetorik nennen, weil es klischeebehaftet und kriterienlos ist.

Einerseits setzt Müller Rhetorik immer wieder gleich mit  rein strategischen, manipulativen, indoktrinären und demagogischen sprachlichen Handlungen. Angemessen sind für sie rhetorische Mittel dann, wenn sie gegenüber den Zuhörenden “respektvoll” gebraucht werden, etwa indem signalisiert wird, “dass es auch andere, gleichberechtigte Interpretations-und Darstellungsweisen eines Sachverhaltes gibt“ (S. 219). Versuche, Predigt bewusst zu inszenieren sieht sie ebenso kritisch wie die effektive und spannungsreiche Montage von Texten (vgl. S. 46, 68). Skepsis ist auch dann “angesagt, wenn in Predigtratgebern Tipps gegeben werden, wie man die Zuhörenden ‚bannen‘ oder ‚rhetorisch anfassen‘ kann“ (S. 63). Was genau Müller unter rhetorischen Mitteln versteht, bleibt aber offen. Die wiederholte Abgrenzung gegen eine manipulative Rhetorik und die Betonung des Predigthörers als mündiges Subjekt im Predigtgeschehen (S. 60) bleiben als Forderungen Allgemeinplätze ohne Auswirkungen auf die Untersuchung. In den Predigtanalysen spielt die Frage nur insofern eine Rolle, als Müller nach möglichen Reaktionen imaginierter Hörerinnen und Hörer fragt. Im sechsten Interview werden beispielsweise Spekulationen darüber angestellt, dass Zuhörer nicht nur „produktiv verunsichert“ (Harald Schroeter-Wittke), sondern sogar verstört werden könnten (S. 232). Daraus leiten sich dann die Vorbehalte gegen die Predigt ab. Gerade das Fehlen von Beispielen für manipulative Mittel legen nahe, dass Annette Müller sich hier bloß von einem Klischee der Rhetorik abgrenzt.

Dabei sieht Müller durchaus, dass es zur rhetorischen Funktion des Schreibens gehört, etwas bewirken zu wollen (vgl. S. 113). In der dritten Falldarstellung benennt Müller die Gefahr eines inneren Aussteigens von Predigthörern (S. 196), was zumindest implizit den Schluss nahelegt, dass Müller eine Präferenz dafür hegt, wenn Hörerinnen und Hörer einer Predigt gerne aufmerksam folgen mögen. Um dieses Ziel zu erreichen sind Mittel nötig, die Hörerinnen und Hörer ansprechen, indem sie ihr ungeteilte Aufmerksamkeit gewinnen und ihr latentes Desinteresse überlisten (wie ich in Anlehnung an Sybille Knauss formulieren möchte). Mit anderen Worten: Um Hörer anzusprechen müssen Predigerinnen und Prediger lernen, rhetorisch Spannung zu erzeugen. Ich vermute allerdings, dass genau dies sich nicht mit Müllers Verständnis von “ansprechend” deckt, denn es gibt eine Tendenz, alles rhetorisch spannungsvolle zu problematisieren. Genau darum geht es aber in der modernen Rhetorik, und zwar nicht nur in der Rhetorik des Sprechens, sondern auch der des Schreibens: Schreiben und Reden, das wirken will, arbeitet mit Spannung, erzeugt Interesse und bündelt Aufmerksamkeit. Gerade wenn es Müller darum geht Schreiben und Sprechen nicht gegeneinander auszuspielen, wäre es wichtig, dass Homiletik nicht nur schreibdidaktisch, sondern auch schreibpragmatisch – mithin also rhetorisch – informiert ist.

Unklare Kriterien der theologischen Bewertung

Annette Müller sieht selbst, dass die Bewertung der vorgelegten Predigtmanuskripte “heikel und subjektiv” ist (S. 142). Sofern es sich um Hinweise auf die sprachliche Gestaltung handelt, sind viele Hinweise überzeugend, so etwa bei ihrer Analyse meines eigenen Predigtmanuskriptes (S. 240ff). Auch die Hinweise auf kompositorische oder strukturelle Schwächen erscheinen mir an vielen Stellen durchaus nachvollziehbar und hilfreich, wie etwa in der vierten Manuskriptanalyse (S. 206ff). Doch obwohl ich die Darstellung der zwölf Gespräche und die Lektüre der zugehörigen Predigten mit Gewinn und Interesse gelesen habe, haben mich die Predigtanalysen zunehmend gestört. Die Einschätzungen sind mir oft zu subjektiv und theologisch zu voraussetzungsreich, die Kriterien der Bewertung nicht offen und damit die Beurteilungen häufig nachvollziehbar sind.  Auch ist Korrespondenz zwischen der Prozess- und der Manuskriptanalyse oft nur schwach herausgearbeitet, womit sich das methodische Problem verbindet, dass die auf diesen  problematischen Beurteilungen fußenden Schlussfolgerungen im Diskussionsteil an Evidenz einbüßen. Am Ende habe ich nur den Eindruck, gelernt zu haben einzuschätzen, was Annette Müller anspricht und was nicht.

Ich will mein Unbehagen an zwei Punkten verdeutlichen.

Das Problem ist zum ersten, dass es zwischen theologischen Aussagen und der bevorzugten Schreibstrategie keinen offenkundigen Zusammenhang gibt. In der ersten Manuskriptanalyse beispielsweise mag es Spannungen geben zwischen den Folterqualen der Kreuzigung und der Dimension der Verheißung: Die Unterstellung, hätte die Predigerin „mehr Muße” (S. 173) für die Predigtarbeit gehabt, wäre vielleicht eine theologisch angemessenere Deutung des Kreuzestodes Jesu herausgekommen, halte ich aber nicht nur für unangemessen, sondern das Urteil ist für mich auch nicht nachvollziehbar. Die kritisierte Spannung fand ich beim Lesen der Predigt gerade anregend. Es ist problematisch, wenn unausgesprochene, theologische Vorannahmen die Bewertung beeinflussen. Noch deutlicher wird dies für mich in der Analyse der vierten Predigt (S. 206ff), wo an der von der Predigerin vertretenen Ganztodtheorie kritisiert wird, diese sei zwar biblisch belegt, tröste aber nicht. So richtig die Empfehlung ist, die Predigerin möge Phasen der Überarbeitung in ihre Predigtarbeit einbauen:  Auch eine besser überarbeitete Predigt könnte theologisch bei der gleichen Auffassung bleiben. Und die Fundamentalkritik an einer abweichenden theologischen Meinung ist in diesem Zusammenhang unangebracht, weil Müller hier ihr eigenes Todes- und Trostverständnis als Bewertungsmaßstab anlegt.

Heikel ist das Vorgehen Müllers zweitens auch deshalb, weil ein eigenes Missverständnis zu einer eklatanten Fehleinschätzung der ganzen Predigt führen kann. Dafür liefert die Analyse der zehnten Predigt ein eindrückliches Beispiel. Müller beurteilt eine in der Predigt verwendete Beispielgeschichte als „in theologischer Hinsicht … hoch problematisch“ (S. 285). Problematisch ist allerdings weniger die Geschichte, die der Prediger dem Buch „Das entfesselte Buch“ von Richard Rohr entnommen hat, sondern dass Müller die Geschichte als Wundergeschichte und “Machtdemonstration eines fiktiven Gottes” missdeutet, obwohl es weder in Rohrs Buch noch in der Predigt darum geht. Formal ist der Text keine Geschichte, sondern ein  Gedankenexperiment, darauf verweisen schon die Anfangswörter “Stell dir vor …”. Es geht dabei um einen fliegenden Teppich, der Faden um Faden aufgelöst wird, während ein Mensch darauf steht. Dieser Teppich steht für all die Hilfsmittel, an die Menschen sich klammern, um Glauben und Vertrauen zu können. Weil Müller den Text Rohrs missversteht, läuft die Kritik der Predigt ins Leere. Statt aus ihrer Sicht eine Beispielgeschichte theologisch zu bewerten, wäre es im Kontext der Arbeit eine andere, wichtige Frage angemessener gewesen: Welche Rolle spielt im Kompositionsprozess der Umgang mit fremdem Material?

Natürlich müssen Predigten grundsätzlich theologisch bewertet werden. Das Problem in Müllers Analysen ist aber, dass die theologische Bewertung im Rahmen dieser Untersuchung als Fremdkörper erscheint. Es gelingt Müller nicht, aufzuzeigen, wie theologische Aussagen und Strategien der Predigtkomposition miteinander zusammenhängen. Allerdings wäre dies auch überraschend, denn dieser Zusammenhang besteht nicht: Auch ein noch so sprachlich elaboriertes Manuskript kann theologisch mangelhaft sein und eine sprachlich miserable Predigt theologisch brillant.

Wann ist eine Predigt “ansprechend”?

Die Kennzeichnung “ansprechend” soll ein Gelingenskriterium für den Produktionsprozess liefern, mit dessen Hilfe kontrolliert wird, ob der Prozess der Manuskripterstellung zum Ziel einer “ansprechenden Predigt” führt oder nicht. Am Ende bleibt allerdings offen, was Annette Müller unter einer “ansprechende(n) Predigt” (S. 347) als Ziel jeglicher Homiletik verstehen will. Weil unklar ist, wann die Kennzeichnung “ansprechend” einer Predigt zugewiesen oder abgesprochen werden kann, bricht Müller letztlich ein wichtiger Baustein ihrer Methodik weg, dass nämlich für die Bewertung homiletischer Kompositionsstrategien nicht nur der Produktionsprozess, sondern auch das Produkt dieses Prozesses heranzuziehen ist. Wenn „ansprechend” aber mehr sein soll als eine inhalts- oder formästhetische Kategorie, womöglich sogar eine bloß subjektive Wahrnehmung, dann muss es um die Korrespondenz gehen zwischen der bewussten Gestaltung und der beabsichtigten Wirkung einer Rede einerseits und um die rezeptionsästhetische Frage, was denn Hörerinnen und Hörer möglicherweise anspricht andererseits. Beide Fragen werden aber nicht gestellt. Das Bewertungskriterium, ob eine Predigt ansprechend ist oder nicht, bleibt damit selbst kriterienlos und inhaltsleer.

Strategien des Schreibens

Auch wenn es Annette Müller nicht gelingt, ihre Kriterien für eine „ansprechende Predigt“ hinreichend scharf zu bestimmen, schmälert das im Großen und Ganzen aber weder den spannenden Blick in die Predigtwerkstätten und deren Analysen, noch den zweiten Schwerpunkt der Arbeit: das Fruchtbarmachen von Ansätzen der Schreibforschung zur Entwicklung von Schreibstrategien für die Predigtvorbereitung.

Wichtig ist dabei, wie Müller herausarbeitet, dass Schreiben nicht einfach nur die Phase der Verschriftlichung von vorbereitenden Gedanken ist, sondern unverzichtbarer Teil der Vorbereitung. Hanspeter Ortner, auf dessen Schreibtypologie Müller zurückgreift, spricht einmal vom “tastenden Nachforschen” (S. 87) als einer Funktion des Schreibens. Wer Schreiben forschend und tastend einsetzt, kann dabei zu neuen Einsichten kommen. Darauf verweisen die Funktionen des Knowledge telling und des Knowledge transforming, wie es Carl Bereiter und Marlene Scardamalia herausstellen (vgl. 91ff). Unerfahrene Schreiber reproduzieren oft nur schon vorhandenes Wissen und schreiben dann wie bei einem Schulaufsatz nieder, was ihnen zu einem Thema einfällt (Knowledge telling). Wer als erfahrener Schreiber dagegen Schreiben methodisch einsetzt, ist in der Lage über das aktuelle Wissen hinaus zu gehen und im Denkprozess während des Schreibens neues Wissen zu schaffen (Knowledge transforming).

Ein komplexes Verständnis des Schreibens, wie es Müller anmahnt, kennt eine Vielzahl weiterer Funktionen (vgl. 102ff), die sich ergänzen und unterschiedlichen Zielen dienen. Neben dem Schreiben als Medium des Denkens und Problemlösens gehört dazu, dass Schreiben helfen kann die Wahrnehmung zu schärfen und die Vorstellungskraft zu wecken, die Welt zu ordnen und zu gestalten – oder auch einfach  nur Genuss und Erfüllung zu finden. Auch die Befürworter der freien Predigt bestreiten nicht, dass Schreiben mit seinen vielfältigen Funktionen in der Predigtvorbereitung eine wichtige Rolle spielt. Leider wird die Funktionsweite dieses wichtigen Werkzeugs aber oft übersehen.

Unterkomplex wäre aber auch, nicht berücksichtigen, dass es nicht einen bestimmten Schreibtypus und eine richtige Schreibstrategie gibt, sondern dass verschiedene Schreibtypen mit unterschiedlichen Strategien erfolgreich Texte produzieren können. Grundlegend lassen sich Schreibprozesse mit Sylvie Monitor-Lübbert zunächst einmal in Top-Down und Bottom-up-Verfahren unterscheiden: Also entweder man geht von einer Grundidee und einer Gliederung aus und entwickelt daraus den Text, oder Struktur und Aufbau entwickeln sich umgekehrt erst während des Schreibens. Natürlich sind dies Idealtypen. In der Wirklichkeit gibt es eher Mischformen mit dem einen oder anderen Schwerpunkt. Viele homiletische Didaktiken präferieren das Top-Down-Schreiben. Für Müller ist wichtig, dass beide Verfahren ihre Berechtigung haben und dass auch das “tastende Schreiben ohne vorab entwickelten Plan” gerechtfertigt wird (S. 90).

Die Grundunterscheidung von Top-down und Bottom-up wird von Annette Müller mit dem Ansatz von Hanspeter Ortner noch weiter ausdifferenziert. Ortner unterscheidet zehn verschiedene Schreibstrategien, die im Spannungsverhältnis stehen zwischen einem linearen, freien Schreiben, das dem Strom der eigenen Gedanken folgt, und einem punktuellen, extrem feingliedrigen Schreiben, das an Details arbeitet. Im Spannungsfeld der unterschiedlichen Zerlegungsgrade des Schreibprozesses bzw. -produktes finden sich verschiedene Strategien wie das Versionenschreiben, das überarbeitende Schreiben oder das schrittweise Vorgehen. Müller analysiert die Interviews und Predigten nach diesen schematischen Unterscheidungen. Sie stellt verschiedenen Mischformen fest und leitet aus ihren Analysen ab, inwiefern bestimmte Strategien von Predigerinnen und Predigern als hilfreich und entlastend empfunden werden (Müller nennt dies “funktional”) und ob die Strategie zu einer “ansprechenden” Predigt führt (Müller spricht dann von zielführend) (vgl. S. 347).

Im Ergebnis stellt Müller fest, dass Top-down-Strategien durchaus zurecht bevorzugt werden, weil sie in der Regel funktional und zielführend sind. Bottom-up-Strategien sind damit aber nicht von vorne herein disqualifiziert. Auch Bottom-up-Strategien können funktional und zielführend sein – allerdings unter einer Bedingung: Die Überarbeitet muss im Prozess des Schreibens eine Rolle spielen, und zwar entweder indem der Text nach dem Einfach-Drauf-Losschreiben anschließend inhaltlich, strukturell und sprachlich überarbeitet wird, oder wenn das Schreiben ein permanentes Überarbeiten des schon Geschriebenen ist, muss sich der Text spürbar weiter entwickeln. In diesem Fällen sind die Schreibprozesse funktional und zielführend. Nicht empfehlenswert ist dagegen ein Drauflosschreiben ohne Überarbeitung oder ein permanentes Überarbeiten, bei dem das Schreiben stagniert und auf der Stelle tritt (vgl. 353f).

Predigtarbeit und Zeitmanagement

Predigtvorbereitung braucht Zeit. Das ist zwar eine triviale Erkenntnis, aber oft genug wird dieser Umstand übersehen, und zwar nicht nur von Homiletikern, sondern auch von Pfarrerinnen und Pfarrern selbst. Zur homiletischen Kompetenz gehört daher auch, „sich angesichts objektiver Herausforderungen des Pfarrdienstes angemessene Zeiträume für die Predigtarbeit zu reservieren und diese produktiv zu nutzen“ (S. 379). Allerdings geht es hier nicht allein um Fragen der Optimierung von Zeitnutzung, sondern vor allem um Fragen des Selbstmanagements und der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, denn „die homiletischen Kompetenz der predigen Personen (ist) einem kontinuierlichen Wandlungsprozess unterworfen“ (S. 375).

Viele Pfarrerinnen und Pfarrer haben Routinen für ihre Predigtarbeit, oft fehlt ihnen aber, so Müller, die Zeit, diese Routinen auch umzusetzen. Es geht deshalb darum, in den Arbeitsalltag auch Vorbereitungsroutinen zu verankern. Dazu gehört die „Fähigkeit, sich eine geeignete Arbeitsumgebung zu schaffen” (S. 384), Orte zu finden, die die Inspiration fördern aber auch heraus zu finden, welche Tätigkeiten dem eigenen kreativen Arbeiten zuträglich sind – und dafür Zeiträume zu einzuplanen, seien es Meditation, Sport oder auch genügend Schlaf.

Wichtig ist aber auch, sich und seine Fähigkeiten realistisch einzuschätzen und die eigenen Konzepte und Routinen immer wieder auf den Prüfstein auch der Fremdeinschätzung zu stellen: „ein allzu optimistisches Selbstbild (kann) dazu verführen (…), die objektiv vorhandenen Herausforderungen der Predigtaufgabe auf die leichte Schulter zu nehmen und sich manchen homiletischen Problemen gar nicht erst zu stellen. Vertrauen in die eigene homiletische Kompetenz darf nicht dazu verführen, dass die predigende Person Resistenzen entwickelt gegenüber korrigierenden Rückmeldungen und theoretischen Impulsen“ (S. 391).

Fazit

Es gibt nicht den einen Weg zur Predigt, sondern eine Vielzahl von möglichen Strategien, sich für die Predigt vorzubereiten. Die Praxis zeigt: Für die meisten Predigerinnen und Prediger ist Schreiben ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung. Es ist daher längst an der Zeit, Schreibprozesse für die homiletische Theoriebildung und Didaktik in den Blick zu nehmen, wie Annette Müller dies in ihrer Dissertation “Predigt schreiben” getan hat. Sie arbeitet in ihrer Dissertation überzeugend heraus, welche Strategien dabei hilfreich sind, und warum bestimmte Strategien eher Probleme produzieren. Wichtig ist, dass Pfarrerinnnen und Pfarrer lernen, die ihnen angemessene Strategie zu finden und in ihren Alltag zu integrieren. Auch wenn Müllers Rhetorikbegriff deutlich hinter das Niveau ihrer schreibdidaktischen Reflexionen zurückfällt und das für die Argumentation wichtige Kriterium der “ansprechenden Predigt” unklar bleibt: Insgesamt ist die Arbeit sehr anregend und informativ. Lesenswert sind vor allem die Prozessanalysen, die einen Blick in verschiedenen Predigtwerkstätten erlauben. Man muss nicht allen Analysen und Überlegungen zustimmen, um sich von ihnen zum Weiterdenken anregen zu lassen. Wünschenswert wäre, wenn vor allem Menschen, die sich mit homiletischer Theorie und Didaktik befassen, durch das Buch entdecken, wie wichtig und unverzichtbar Schr03882_APrTh_56_Muellereiben für die Predigtarbeit ist.

 

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

Mit Jugendlichen zur Sprache kommen

Cover "Spirituelle Schreibwerkstatt" - www.herder.de

Cover “Spirituelle Schreibwerkstatt” – www.herder.de

Stephan Siggs „Spirituelle Schreibwerkstatt“ hat mich im Laden gleich angesprungen – aber trotz guter Ideen ist das Buch auch eine Mogelpackung. Treffender wäre ein Titel wie „Mit Jugendlichen zur Sprache kommen. Reden und Schreiben über den Glauben.“ Aber wahrscheinlich hätte ich das Buch bei so einem Titel eher liegen gelassen. Die „Spirituelle Schreibwerkstatt“ (mit dem Untertitel „mit jungen Menschen“) ist auf jeden Fall der ansprechendere Titel.

Mogelpackung ist das Buch insofern, als von den rund 160 Seiten des Buches nur 50 Seiten (S.102-152) ausdrücklich Hintergrund und Methoden einer Schreibwerkstatt behandeln. Im ersten Drittel des Buches „Meine Texte – meine Sprache“ geht es Sigg um Texte, die für Jugendliche geeignet sind: im Gottesdienst, im Unterricht oder in Gruppenstunden. Wie findet man geeignete Texte? Wie überarbeitet man Texte, die sich an andere Zielgruppen richten, so dass Jugendliche angesprochen werden? Wie bringt man Texte für und mit Jugendlichen zu Gehör? Auch im Hauptteil „Jugendliche zum Sprechen und Schreiben aktivieren“ geht es auf 40 von 90 Seiten nicht vorrangig ums Schreiben: Neben grundsätzlichen Überlegungen zu Jugend und spiritueller Sprache geht es um Methoden, Formen und Probleme des Gesprächs über Glauben mit Jugendlichen. Das sind zweifellos wichtige Fragen, aber sie berühren nur am Rande, was im Rahmen einer Schreibwerkstatt normalerweise stattfindet.

Was Sigg dann über die Durchführung einer Spirituellen Schreibwerkstatt mit Jugendlichen schreibt ist entsprechend knapp, aber durchaus fundiert. Anknüpfend an die Schreiberfahrung von Jugendlichen mit Sozialen Medien zeigt Sigg, wie es gelingen kann, mit Jugendlichen ins Schreiben zu kommen. Es skizziert Grundvoraussetzungen und stellt einige mögliche Methoden vor. Sigg erfindet dabei das Rad nicht neu: Er nimmt bewährte Formen auf, die er zum Teil mit Blick auf die Lebenswelt von Jugendlichen verändert oder als Mini-Schreib-Projekte im Rahmen von Gottesdiensten oder bei Freizeiten aufbereitet.

Schade ist, dass die speziellen Fragen einer Schreibwerkstatt mit Jugendlichen letztlich so knapp behandelt werden. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass Schreiben mit Jugendlichen eine große Herausforderung ist, mit viel Frustrationspotential. Sigg gibt zwar ein paar Hinweise, was man als Leiter berücksichtigen sollte, aber die Tücken und Begrenzungen werden kaum angesprochen. Hier habe ich mir von einem erfahrenen, professionellen Schreibwerkstatt-Leiter mehr versprochen.

Die „Spirituelle Schreibwerkstatt mit jungen Menschen“ schlägt weiten einen Bogen von der Begegnung mit fremden Glaubenstexten über das Gespräch in Gruppen hin zum eigenen Schreiben über den Glauben. Es geht Stephan Sigg um Glaubenskommunikation, die die Sprache von Jugendlichen auf- und ernstnimmt und ihnen dazu verhelfen will, selbst aktiv ihren Glauben ins Gespräch zu bringen. Dafür bietet das Buch gute Anregungen, auch wenn der spezielle Themenkomplex „Spirituelle Schreibwerkstatt“ mir zu knapp gehalten ist. Die beigefügte CD-Rom enthält das Buch noch einmal im pdf-Format.

Stephan Sigg: Spirituelle Schreibwerkstatt mit jungen Menschen. Anleitung und Beispiele. Herder Verlag: Freiburg i.Br. 2014. 159 S., 14,99 € – ISBN 978-3-451-31211-3
[Verlags-Info]

Internetauftritt von Autor Stephan Sigg: stephansigg.com

P.S.: Als evangelischer Theologe kann ich es mir nicht verkneifen einen für das Buch an sich unbedeutenden Fehler anzustreichen: Martin Luther hat natürlich nicht die lateinische Bibelübersetzung ins Deutsche übersetzt (vgl. S. 19), sondern (bezogen auf das NT) den griechischen Ur-Text. Dieses ad fontes ist nach wie vor ein unverzichtbares, humanistisch-reformatorisches Erbe.

Das weiße Blatt

Ausstellungsraum “Das weiße Blatt” in Haus Nottbeck

Angst vor dem weißen Blatt hat Erwin Grosche nicht. Im Gegenteil: Im Interview im Rahmen der Ausstellung „Ich schreibe, weil …“, die 2011 in Haus Nottbeck zu sehen war, sagte er: „[I]ch liebe das leere Blatt Papier, und habe … Respekt davor.“ Im Rahmen der aktuellen Ausstellung wird anschaulich, wie Grosche das leere Blatt füllt: Er notiert im Notizbuch und auf Zettel Beobachtungen und Einfälle und „[ich] übertrage das dann auf meinen unpoetischen Kackcomputer“. Zum virtuellen Blatt im Rechner hat Erwin Grosche offenbar ein eher gestörtes Verhältnis.

Wie kommen Schriftsteller zu ihren Ideen? – Das ist die Frage, die hinter dem Symbol des weißen Blattes steht. Das Klischee will es so, dass der Schriftsteller davor sitzt, bis ihn die Muse küsst – oder auch nicht. In Wirklichkeit sind die Prozesse natürlich anders – und komplexer. Die Ausstellung im Museum für westfälische Literatur verspricht einen Blick in die Werkstätten und auf die Schreibtische von Schriftstellern wie Jörg Albrecht, Otto A. Böhmer, Judith Kuchart, Frank Göhre oder Katharina Bauer. Allerdings hält die Ausstellung nicht ganz, was die Selbstdarstellung im Netz verspricht.

Die Sonderausstellungen in Haus Nottbeck sind immer reicht klein, weil nur ein Raum im Erdgeschoss und ein Kellerraum samt Weg dorthin genutzt werden. Trotzdem werden hier regelmäßig durchaus gehaltvolle Projekte realisiert, zum Beispiel die schon erwähnte Ausstellung „Ich schreibe, weil …“. Die aktuelle Ausstellung knüpft daran an, allerdings wird nur ein Raum genutzt. Auf großformatigen Plakaten sind die Antworten einiger Schriftsteller dargestellt: Rings um ein leeres Blatt werden Aspekte und Prozesse der individuellen Ideenfindung gezeigt. Aber auch wenn man sich Zeit nimmt – länger als eine halbe Stunde braucht es nicht, die Exponate ausgiebig zu studieren. Und bis auf Grosches Rede vom „unpoetischen Kackcomputer“ ist so viel auch nicht bei mir hängen geblieben.

Zwar war auch die Ausstellung „Ich schreibe, weil …“ nicht sonderlich umfangreich, aber es gab damals neben der Internetseite des Literaturportals Westfalen einen guten Ausstellungsband mit den Interviews sowie einer DVD. Die Ausstellung damals war gewissermaßen nur ein Appetithappen, sich zuhause mittels Internet und Buch weiter in die Thematik zu vertiefen. Das fehlt in der Ausstellung „Das weiße Blatt“. Gerne hätte ich mir zuhause die Sachen noch einmal in Ruhe angesehen, vielleicht ergänzt um weiteres Material und Interviews. So war ich aber zumindest angeregt, wieder einmal in das Buch von 2011 hinein zu schauen.

Weites Feld, umgrenzter Raum

©frandi-shooters / flickr.com (CC BY-ND 2.0)

Ein Stichwort ist noch kein Thema, habe ich neulich behauptet [siehe Eintrag vom 26.2.2014], und ich will diese These hier auf Wunsch von @diakonisch einmal präzisieren. Hintergrund der Äußerung ist die Erfahrung, dass Themenvorschläge bei der Vorbereitung von Gottesdiensten, Unterricht, Gruppentreffen etc. oft in der Form von einzelnen Schlag- und Stichwörtern gemacht werden: „Lass uns doch mal was zum Thema X machen“ – wobei X für Liebe, Gerechtigkeit, Schöpfung, Frieden etc. steht. X, so mein üblicher Einwand, sei jedoch kein Thema, sondern erstmal nur ein Stichwort.

Stich- bzw. Schlagwörter sind oft zu allgemein, um klar zu machen, was Gegenstand eines Textes, einer Predigt, eines Gottesdienstes, einer Unterrichts- oder Gruppenstunde sein soll. Oder um es mit Fontanes Effie Briest zu sagen: „X ist ein weites Feld.“ „X ist ein Stichwort, kein Thema“ beinhaltet die Aufforderung, auf einem weiten Feld einen kleineren, bearbeitbaren Raum abzustecken.

Schlag- und Stichwörter können tückisch sein, wie gut zu sehen ist beim Reden nach Stichwörtern und Mindmaps: Die Notiz eines Stichwortes vermittelt leicht das Gefühl, einen bestimmten Gegenstand schon im Blick zu haben – doch bei der mündlichen oder schriftlichen Ausformulierung wird deutlich, wie wenig dies der Fall ist. Auch bei einer Mindmap ergibt sich der Sinnzusammenhang erst aus den Verbindungen der Stichwörter durch Verästelungen. Eine schlechte Mindmap sammelt bloß Stichwörter. Erst wenn Zusammenhänge erkennbar werden, wird klar, was eigentlich der Gegenstand ist. Und genau das sollte eine Themennennung leisten: Den Raum begrenzen, um den es geht. Sonst besteht die Gefahr, sich auf dem weiten Feld eines Schlagwortes zu verlaufen, zu verzetteln, zu viele Aspekte zu berücksichtigen und am Ende zu unkonkret zu bleiben.

Allerdings muss ich zugeben: Das Wort „Thema“ ist kein eindeutiger Begriff und er lässt sich nicht immer scharf abgrenzen zu Begriffen wie Motiv, Sujet oder Plot. So gibt es in der Literaturwissenschaft durchaus das Verständnis, allgemeinere Ausdrücke wie Liebe, Tod, Krieg als „Themen“ eines Werkes zu verstehen. Themen treten hier also in Form von Schlagworten auf. Davon unterscheidet sich das Verständnis, das Thema als Grundidee und Leitgedanken eines Textes zu verstehen: unerwiderte Liebe, Angst vor dem Tod, Brutalität des Krieges. Schon ein Adjektiv kann demnach aus einem Schlagwort ein Thema machen – wobei Schlagwortkataloge durchaus aus Begriffskombinationen und kurzen Redewendungen bestehen können.

Der Unterschied zwischen Schlag- und Stichwörtern ist demgegenüber einfacher zu erklären: Schlagwörter sind zu bestimmten Zwecken normierte Begriffe, z.B. für einen Zettelkasten oder eine Datenbank. So kann z.B. ein Artikel in diesem Blog mit einem bestimmten Schlagwort versehen werden, obwohl das Wort selbst im Artikel gar nicht vorkommt. Im Englischen spricht man von subject terms. Schlagwörter sind also Begriffe, die einen allgemeineren Gegenstand begrifflich auf den Punkt bringen. Stichwörter (engl. keywords) sind hingegen Wörter, die z.B. konkret in einem Text vorkommen. Die Möglichkeit moderner Datenbanken, eine Suche im Volltext durchzuführen, macht das Ausweisen von Stichwörtern daher fast schon überflüssig.

„Ein Stichwort ist noch kein Thema“ ist also ein eher polemischer Einwand, der streng genommen einen Kategorienfehler enthält: Themen können natürlich verschlagwortet und durch Stichwörter auf den Punkt gebracht werden. „Stichwort/Schlagwort“ und „Thema“ bilden eigentlich keinen Gegensatz. Schlag- und Stichwörter dienen aber für gewöhnlich anderen Zwecken als der Textproduktion, und für diese ist es zweckmäßiger, die Themennennung genauer zu fassen, indem besser eine knappe Redewendung, eine klassifizierte Aussage oder ein spannungsvolles Begriffspaar gewählt wird.

Warum die Unterscheidung von Thema, Schlag- und Stichwort wichtig ist, kann man sich einem konkreten Text wie Psalm 23 deutlich machen. Am einfachsten sind die Stichwörter des Textes auszumachen. Dazu gehören Hirte, Seele, Straße, Unglück, Öl, Barmherzigkeit. Schwieriger ist es schon, Schlagwörter zu benennen. Ihre Wahl hängt davon ab, zu welchem Zweck ein Text unter einen Begriff gebracht wird. Schlagwörter könnten z.B. „Geborgenheit“ oder „Trost“ sein: „Geborgenheit“ kommt zwar in dem Text nicht wörtlich vor, ist aber trotzdem „Thema“ des Textes; „Trost“ kommt wörtlich vor als Stichwort „trösten“. Natürlich könnte man ausgehend vom Text sagen, sein Thema wäre „Geborgenheit“. Umgekehrt ist mit dem Schlagwort allein thematisch aber noch nicht viel ausgesagt. Genauer wäre ein Ausdruck wie „bei Gott geborgen“ oder „von Gott behütet“. Natürlich sind auch andere Formulierungen des Themas möglich. Entscheidend ist: Die Themenformulierung sollte so kurz wie möglich, aber so ausführlich wie nötig sein.

Allerdings sollte der abgesteckte Bereich auch nicht zu eng sein. Ein Thema ist weder Titel noch These. Eine zu enge Themenstellung steht in der Gefahr, die These vorweg zu nehmen und sich zu stark zu binden. Das behindert den kreativen Umgang mit einer Sache. Sich mit einem Thema zu befassen sollte immer genug Raum bieten für Neues, Überraschendes, Ungedachtes und Unbekanntes. Die Möglichkeit, die eigene These noch in der Präsentation zu verwerfen und andere Schlüsse zu ziehen, hält die Arbeit an einem Thema für alle spannend.

Wenn ich also sage, etwas sei ein Stichwort, aber kein Thema, ziele ich auf einen bestimmten Zweck. Dieser Zweck ist bei der Themensuche ein anderer, als im Rahmen der literarischen Analyse eines vorliegenden Textes die enthaltenen Stoffe und Motive thematisch auf den Begriff zu bringen. Bei einer Analyse erfüllt es einen Zweck, typische Motive als thematische Schlagwörter zu benennen. Wer aber einen Gottesdienst, eine Predigt, eine Gruppen- oder Unterrichtsstunde vorbereiten will, verschlagwortet keinen vorhandenen Text, sondern muss im Gegenteil den Text erst noch erfinden. Hilfreicher und zweckmäßiger ist es dazu, mit der Themenformulierung auf den weiten Feldern der Stich- und Schlagwörter einen Raum abzustecken, der überschaubar ist und doch genug Platz bietet für Überraschungen und neue Entdeckungen.

Schreiben in der Predigtvorbereitung

Welche Rolle spielt das Schreiben in der Predigtvorbereitung? – Annette Müller hat für ihre soeben erschienene Dissertation Pfarrerinnen und Pfarrer danach befragt, wie sie ihre Predigtarbeit organisieren, das Manuskript erstellen und schreibend das Geschehen auf der Kanzel vorbereiten. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn hat Annette Müller Erfahrungen damit gesammelt, wie schwer das Handwerk des wissenschaftlichen Schreibens für Studierende sein kann. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund für ihr von Wilfried Engemann betreutes Dissertationsprojekt “Predigt schreiben. Prozess und Strategien der homiletischen Komposition”.

Gelesen habe die Arbeit noch nicht, aber ich bin schon sehr gespannt darauf und erwarte mir einiges davon. Bislang gibt es in der deutschsprachigen Homiletik noch keine umfangreiche Arbeit, die sich mit der Beziehung des Schreibhandwerks mit der Predigtvorbereitung befasst. Obwohl Autoren wie Alexander Deeg und Michael Meyer-Blanck dafür plädieren ein Predigtmanuskript schriftlich auszuformulieren, fehlt bislang eine systematische und empirische Untersuchung der Rolle des Schreibens im Prozess der Predigtentstehung. Annette Müller holt die empirische Seite durch exemplarische Interviews mit Pfarrerinnen und Pfarrern ein, die von ihren Erfahrungen berichten. Zugleich reflektiert sie systematisch und schreibpädagogisch den Entstehungsprozess von Predigten.

Da ich einer der interviewten Pfarrer bin, schreibe ich hier natürlich nicht ganz neutral, aber ich wünsche Annette Müllers Arbeit – trotz des stolzen Preises von 48€ – viele interessierte Leser. Zudem hoffe ich, dass die Arbeit Anstoß gibt, die Rolle des Schreibens endlich stärker homiletisch zu reflektieren. Sobald ich das Buch gelesen habe, werde ich hier natürlich ausführlicher darüber berichten. [Zum ausführlichen Bericht ]

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

 

Blick in die Predigtwerkstatt

(c) Bernd Romeike / pixelio.de

(c) Bernd Romeike / pixelio.de

„Wie heute predigen?“ fragt eine Reihe von österreichischen, römisch-katholischen Homiletikerinnen und Homiletikern in einem neuen Sammelband, herausgegeben von den Praktologen Maria Elisabeth Aigner, Johann Poch und Hildegard Wustmans. Es finden sich darin keine überraschend neuen Ansätze, aber doch ein paar lesenswerte Beiträge.

Die 10 Autorinnen und Autoren sind in unterschiedlichen Zusammenhängen in der homiletischen Ausbildung tätig und wollen Einblick geben in ihre „Predigtwerkstätten“. So haben Maria Aigner und Johann Pock an der Grazer Uni eine „Werkstatt Wortverkündigung“ aufgebaut und führen sie seit über 10 Jahren als verkündigungsorientierte Redeausbildung im Studium und in der Pastoralausbildung durch. Pock hat darüber hinaus ein homiletisches Ausbildungskonzept für Ständige Diakone entwickelt. Zielgruppe des Bandes sind daher in der Verkündigung wie in der homiletischen Aus- und Fortbildung Tätige.

Themenkomplexe, die die einzelnen Beiträge aufgreifen sind Genderfragen, Traupredigt, Bibliolog, Bibelgespräch, klassische Rhetorik, liturgische und homiletische Präsenz und der Kirchenraum als Ort der Predigt. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität und wer Pohl-Patalongs „Predigen im Plural“ oder Charbonniers u.a. „Homiletik“ kennt, wird keine großen Entdeckungen machen. Interessant ist, dass bis auf die argumentativen Bezüge auf päpstliche Enzykliken ein eigenständiger, katholischer Homiletikansatz nicht erkennbar ist. Auch ist der Einfluss der deutschsprachigen, evangelischen Homilektik kaum zu übersehen.

Zwei Beiträge möchte ich aber doch hervorheben: Der Erste ist Johann Pocks „Die Freude der Verkündigung“. Im Anschluss an die klassische Rhetorik legt Pock dar, dass die Rolle der Emotion in der Predigt nicht vernachlässigt werden darf, weder für die Hörenden noch im Blick auf die Predigenden. Indem die Lebenswirklichkeit lange Zeit der theologischen Richtigkeit untergeordnet wurde, ist aber genau das passiert. Emotionen sind jedoch ein rhetorisch probates Mittel, um die Grenzen zwischen Religion und Alltag, Kirche und Lebenswirklichkeit aufzusprengen. Dazu müssen Predigerinnen und Prediger sich selbst und ihre Erfahrungen als Quelle mit in die Predigt einbringen, um frohe Botschaft glaubwürdig zu bezeugen. „Der anschaulichste Teil der Predigt bin ich selbst“, zitiert Pock Axel Denecke.

Der zweite, interessante Aufsatz ist Veit Neumanns „Die Befreiung aus dem Dasein als Mauerblümchen in der Predigt“. Neumann legt darin eine kleine Phänomenologie der Floskel als einem sprachlichen Werkzeug der Predigt vor. Während die Floskel normalerweise nur abschätzig betrachtet wird, ist Neumanns These, dass die Floskel die Rede würzt – aber je nach Einsatz einen Text erst genießbar, aber eben auch ungenießbar machen kann. Deshalb gilt es, den Umgang mit Floskeln in Predigt und Liturgie zu üben, um sie gezielt einsetzen zu können. Beeindruckendes Beispiel ist das Ende einer Predigt zu sexuellem Missbrauch, bei der abmildernde und beruhigende Floskeln eingesetzt wurden  – um dann durch ein scharfes „Nein“ eine schroffe Absage daran auszudrücken: einlullende Beruhigung durch Floskeln kann es hier nicht geben. Nicht allen Beobachtungen Neumanns würde ich zustimmen, aber seine Betrachtungen zur Floskel insgesamt sind bedenkenswert.

Ob sich eine Anschaffung des Sammelbandes lohnt, hängt davon ab, welche Literatur sowieso schon im Regal steht. Lohnend sind auf jeden Fall die erwähnten Texte von Johann Pock und Veit Neumann. Leider bietet der Echter-Verlag kein pdf-Dokument des Einleitungskapitels an, aber zumindest kann man in Vorwort und Einleitung herein lesen und einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis werfen.

Maria Elisabeth Aigner, Johann Pock, Hildegard Wustmans (Hg.): Wie heute predigen? Einblicke in die Predigtwerkstatt. Echter Verlag: Würzburg 2014. 276 S., 19,80 € – ISBN 3429037115.

Notizen zur Kunst der Predigt

Die sieben freien Künster. Kolorierte Federzeichnung (wikimedia)

Ist Predigen eine Kunst? Martin Nicol und Alexander Deeg verstehen das „Predigtmachen als Kunst unter Künsten“ und die Predigt als „Kunstwerk mündlicher Kommunikation“. David Buttrick, dem Nicol und Deeg den für ihren Ansatz zentralen Moves-Begriff verdanken, schreibt hingegen: „preaching is not an art“. Dieser Widerspruch lässt sich quer durch die homiletischen Diskussionen verfolgen, wobei die meisten Homiletiker einer oberflächlichen Schätzung nach eher für den Kunstcharakter der Predigt votieren – entweder explizit, wie in Marcel Martins Rede von der „Predigt als offenem Kunstwerk“, oder implizit in Josuttis Zordnung der Predigt zur Rhetorik, also zu den artes liberales.

Ob Predigen eine Kunst ist oder nicht hängt davon ab, was unter Kunst zu verstehen ist. Leider äußern sich die wenigsten Homiletiker dazu. Buttrick konkretisiert beispielsweise, Predigen sei keine literarische Kunst, sondern Reden („Preaching is not literary art, it is speaking“). Reden im Sinne der Rhetorik gehört aber klassisch zu den sieben freien Künsten. Darauf scheinen Nicol und Deeg anzuspielen, wenn sie Predigt als „Kunst unter Künsten“ sehen. Auch eine lange Listen homiletischen Ansätze und ihres Kunstbezugs könnte die Frage nicht klären, ob Predigt nun Kunst ist oder nicht, denn in jedem einzelnen Fall müsste erst einmal geklärt werden, was denn hier jeweils unter „Kunst“ verstanden wird.

Es gibt das umstrittene Diktum, Kunst komme von Können. Hartnäckig hält sich das Gerücht, es stamme von Goebbels oder Hitler und stünde im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Kampagne gegen eine angeblich „entartete Kunst“. Die Formulierung findet sich aber schon bei Herder. Im Künstler fallen bei Herder Können und Kenntnis zusammen. Wer nur Kenntnisse hat, ist ein reiner Theoretiker, und wer nur kann, ist bloß Handwerker. Für Kunst braucht es nach Herder daher beides: Können und Kenntnis. Aber auch wenn Herders etymologische Herleitung der Kunst von Können durchaus richtig ist, lässt sich das Phänomen der Kunst dadurch nicht umfassend beschreiben. Sonst endet man tatsächlich schnell bei der Diagnose einer Kunst als „entartet“. Die Frage wäre dann: Was ist Kunst über Können und Kennen hinaus?

Vor ein paar Jahren hat Evelyn Finger in der ZEIT darüber geklagt, viele gegenwärtige Prediger hätten sich aus der „großen deutschen Tradition der geistlichen Kunstrede verabschiedet“. Sie nennt als Beispiele für diese Tradition unter anderem Meister Eckhart, Luther, Herder und Schleiermacher. Einerseits sah Finger das der akuten Zeitnot geschuldet, andererseits erkannte sie auch Probleme in neueren homiletischen Ansätzen, die –  wie sie polemisch zuspitzte – zu „rhetorisch aufgemotzt(en)“, an den darstellenden Künsten orientierten und als Event inszenierte Predigten anleiten würden, theologischen Tiefgang aber vermissen ließen. In Fingers Kritik läuft der Widerspruch von Predigt als Kunst und der Kritik an einer Predigt, die kunstvoll sein will, auf seltsame Weise zusammen, weil sie im gleichen Text offenbar mit unterschiedlichen Begriffen von Kunst operiert. Was die Predigt zur Kunst macht scheint bei Finger das Wahre und theologisch Bedeutsame zu sein.

Christoph Menke bestimmt Kunst über eine enge Verbindung zur Freiheit: Kunst bedeutet, sich frei machen zu können von der Bedingtheit menschlichen Existenz. Durch die Einbildungskraft ist der Mensch in der Lage frei Bilder aus sich heraus hervorzubringen. Religiös gewendet könnte man sagen: Kunst transzendiert das Diesseits, in dem der Künstler sich ein Jenseits dieser Welt und ihrer Bedingtheit schafft, allein aus der Kraft seiner Einbildung. Würde man Predigt in diesem Sinne als Kunst verstehen – ein für manche sicher blasphemischer und dennoch reizvoller Gedanke – wäre dies etwas völlig anderes, als das, was Nicol und Deeg behaupten und Buttrick bestreitet.

Ist Predigen eine Kunst? Die Auseinandersetzung mit der Frage ist ein Kampf mit der Hydra, denn mit jedem Versuch einer Klärung taucht ein neuer, ungeklärter Begriff auf: Können und Kenntnis, Wahrheit und Freiheit. Das Problem ist, dass kein einheitlicher Begriff von Kunst vorliegt. Wer sagt oder bestreitet, dass Predigt Kunst sei, muss also eigentlich immer dazu sagen, in welcher Hinsicht er von Kunst spricht. In einer lockeren Folge von Notizen will ich dem in Zukunft etwas nachgehen.

Zwischen Kultur und Glauben

Das Wittenberger Zentrum für evangelische Predigtkultur hat einen dritten Band mit Ergebnissen aus seiner Arbeit vorgelegt: „Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“. Leider hat das Buch, trotz des interessanten Themas, homiletisch nicht viel lesenswertes zu bieten.

Heraus sticht Kerstin Wimmers Beitrag zur „Poetik des Dialogs“, eine reflektierte Meditation über das Verhältnis von Gesagtem und Ungesagtem, Bekanntem und Fremdem in dem Predigt. Die Arbeit an der Predigt besteht für Wimmer nicht nur darin, die richtigen Worte zu finden und möglichst alles zu sagen, was zu sagen ist, sondern auch sich in der „Kunst der Enthaltung“ zu üben. Der Prediger „muss auch überlegen, was man er nicht sagen möchte“, auch wenn er durchaus wünschen kann, die Zuhörer mögen zwischen den Zeilen heraushören, was nicht gesagt wurde. Ein zweiter Gedankengang reflektiert die Spannung von Bekanntem und Unbekanntem. Diese Spannung aufzuspüren ist für Wimmer ein hermeneutisches Prinzip für den Prozess der Predigtvorbereitung. Zwar ist alles nur angerissen, aber dennoch klar und inspirierend zu lesen.

Wimmer hebt sich wohltuend von anderen Beiträgen ab, wie den wieder einmal recht geschwätzigen Texten des Herausgebers Dietrich Sagert. Auch die Beiträge von Dirk Pilz zu Charles Taylor und Aleida Assmann enttäuschen. Gerade sein Aufsatz zu Taylors Verständnis von Glaube und Kultur in der modernen Gesellschaft hätte thematisch ein Hauptartikel des Bandes werden können. Leider verliert sich Pilz im Dickicht des eigenen Unverständnisses und liefert dazu noch ein schlecht geschriebenes (Rede?-)Manuskript ab.

„Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“ setzt keine besonderen Impulse. Andererseits ist es mit 14,80€ erschwinglich. Vielleicht sollte man den Band eher als Zeitschrift im Buchformat verstehen, mit qualitativ höchst unterschiedlichen Beiträgen. Wer reinschauen mag, sollte einen Blick werfen auf Alexander Deegs Bericht über die gegenwärtige Homiletik im Kontext der Societas Homiletica, sowie auf Daniel Weidners „Bibel als Literatur“.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben, Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013. 314 S. – ISBN 3374033296 – 14,80 €

Homiletik in der Übersicht

Wie verstehen eigentlich Praktische Theologen ihre homiletischen Ansätze praktisch? Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn Homiletik als reflektierte Betrachtung der Predigtpraxis zielt nicht unbedingt auf die Praxis konkreter Predigtvorbereitung und -performanz. Insofern folgt der Homiletik-Band aus der Reihe „elementar“ bei V&R einer interessanten Konzeption: Vierzehn wichtige Homiletiker der Gegenwart stellen nicht nur ihren Ansatz selbst vor, sie präsentieren auch ein eigenes oder fremdes Predigtmanuskript, in dem sie das eigene Konzept gut wiedererkennen.

Die „elementar“-Reihe zielt eigentlich auf Studierende sowie Vikarinnen und Vikare, die sich jeweils aufs Examen vorbereiten. Dennoch ist der Band auch für Pfarrer und Prediger zu empfehlen, die sich über die gegenwärtige Situation in der deutschen Homiletik auf den aktuellen Stand bringen wollen. Auch wenn nicht alle Homiletiker vertreten sind, bekommt man doch eine sehr gute Auswahl knapp präsentiert, und zwar von den Autoren selbst, und nicht als Versammenfassung Dritter. Bedauerlich ist zwar, dass zum Beispiel Wilfried Engemann fehlt. Auch hätte ich mir einen kleinen Blick über den Tellerrand der Nation und Konfession gewünscht. Aber man kann nicht alles haben.

Es wäre dem Ansatz des Buches nicht angemessen, hier einzelne Autoren zu kritisieren: Es geht ja gerade um die Bandbreite zum Teil höchst unterschiedlicher homiletischer Konzepte. Auffällig ist, wie nahe sich viele Ansätze dann aber zuweilen sind. Höchst spannend ist, wie weit entfernt einige Predigtmanuskripte als Praxisbeispiele von dem sind, was die konzeptionellen Überlegungen erwarten ließen – und wie herkömmlich dann manches Predigtmanuskript doch wirkt.

Das Konzept der Herausgeber Lars Charbonnier, Konrad Merzyn und Peter Meyer geht auf: „Homiletik“ bündelt aktuelle Ansätze der deutschen, evangelischen Homiletik, indem die Praktischen Theologinnen und Theologen ihre eigenen Konzepte auf den Punkt bringen und exemplarisch abrunden. Vertreten sind Alexander Deeg, Wilhelm Gräb, Albrecht Grözinger, Hans-Günter Heimbrock, Jan Hermelink, Manfred Josuttis, Isolde Karle, Gerhard Marcel Martin, Michael Meyer-Blanck, Christian Möller, Martin Nicol, David Plüss, Uta Pohl-Patalong, Helmut Schwier und Birgit Weyel.

Eine Leseprobe mit dem Einleitungskapitel und dem Anfang des Beitrags von Isolde Kahle findet sich auf der Seite des Verlages Vandenhoeck & Rupprecht.

Lars Charbonnier, Konrad Merzyn, Peter Meyer (Hg.): Homiletik – Aktuelle Konzepte und ihre Umsetzung, 1. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen, 2012
- 251 Seiten – ISBN 978-3-525-62003-8.