Das weiße Blatt

Ausstellungsraum “Das weiße Blatt” in Haus Nottbeck

Angst vor dem weißen Blatt hat Erwin Grosche nicht. Im Gegenteil: Im Interview im Rahmen der Ausstellung „Ich schreibe, weil …“, die 2011 in Haus Nottbeck zu sehen war, sagte er: „[I]ch liebe das leere Blatt Papier, und habe … Respekt davor.“ Im Rahmen der aktuellen Ausstellung wird anschaulich, wie Grosche das leere Blatt füllt: Er notiert im Notizbuch und auf Zettel Beobachtungen und Einfälle und „[ich] übertrage das dann auf meinen unpoetischen Kackcomputer“. Zum virtuellen Blatt im Rechner hat Erwin Grosche offenbar ein eher gestörtes Verhältnis.

Wie kommen Schriftsteller zu ihren Ideen? – Das ist die Frage, die hinter dem Symbol des weißen Blattes steht. Das Klischee will es so, dass der Schriftsteller davor sitzt, bis ihn die Muse küsst – oder auch nicht. In Wirklichkeit sind die Prozesse natürlich anders – und komplexer. Die Ausstellung im Museum für westfälische Literatur verspricht einen Blick in die Werkstätten und auf die Schreibtische von Schriftstellern wie Jörg Albrecht, Otto A. Böhmer, Judith Kuchart, Frank Göhre oder Katharina Bauer. Allerdings hält die Ausstellung nicht ganz, was die Selbstdarstellung im Netz verspricht.

Die Sonderausstellungen in Haus Nottbeck sind immer reicht klein, weil nur ein Raum im Erdgeschoss und ein Kellerraum samt Weg dorthin genutzt werden. Trotzdem werden hier regelmäßig durchaus gehaltvolle Projekte realisiert, zum Beispiel die schon erwähnte Ausstellung „Ich schreibe, weil …“. Die aktuelle Ausstellung knüpft daran an, allerdings wird nur ein Raum genutzt. Auf großformatigen Plakaten sind die Antworten einiger Schriftsteller dargestellt: Rings um ein leeres Blatt werden Aspekte und Prozesse der individuellen Ideenfindung gezeigt. Aber auch wenn man sich Zeit nimmt – länger als eine halbe Stunde braucht es nicht, die Exponate ausgiebig zu studieren. Und bis auf Grosches Rede vom „unpoetischen Kackcomputer“ ist so viel auch nicht bei mir hängen geblieben.

Zwar war auch die Ausstellung „Ich schreibe, weil …“ nicht sonderlich umfangreich, aber es gab damals neben der Internetseite des Literaturportals Westfalen einen guten Ausstellungsband mit den Interviews sowie einer DVD. Die Ausstellung damals war gewissermaßen nur ein Appetithappen, sich zuhause mittels Internet und Buch weiter in die Thematik zu vertiefen. Das fehlt in der Ausstellung „Das weiße Blatt“. Gerne hätte ich mir zuhause die Sachen noch einmal in Ruhe angesehen, vielleicht ergänzt um weiteres Material und Interviews. So war ich aber zumindest angeregt, wieder einmal in das Buch von 2011 hinein zu schauen.

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Weites Feld, umgrenzter Raum

©frandi-shooters / flickr.com (CC BY-ND 2.0)

Ein Stichwort ist noch kein Thema, habe ich neulich behauptet [siehe Eintrag vom 26.2.2014], und ich will diese These hier auf Wunsch von @diakonisch einmal präzisieren. Hintergrund der Äußerung ist die Erfahrung, dass Themenvorschläge bei der Vorbereitung von Gottesdiensten, Unterricht, Gruppentreffen etc. oft in der Form von einzelnen Schlag- und Stichwörtern gemacht werden: „Lass uns doch mal was zum Thema X machen“ – wobei X für Liebe, Gerechtigkeit, Schöpfung, Frieden etc. steht. X, so mein üblicher Einwand, sei jedoch kein Thema, sondern erstmal nur ein Stichwort.

Stich- bzw. Schlagwörter sind oft zu allgemein, um klar zu machen, was Gegenstand eines Textes, einer Predigt, eines Gottesdienstes, einer Unterrichts- oder Gruppenstunde sein soll. Oder um es mit Fontanes Effie Briest zu sagen: „X ist ein weites Feld.“ „X ist ein Stichwort, kein Thema“ beinhaltet die Aufforderung, auf einem weiten Feld einen kleineren, bearbeitbaren Raum abzustecken.

Schlag- und Stichwörter können tückisch sein, wie gut zu sehen ist beim Reden nach Stichwörtern und Mindmaps: Die Notiz eines Stichwortes vermittelt leicht das Gefühl, einen bestimmten Gegenstand schon im Blick zu haben – doch bei der mündlichen oder schriftlichen Ausformulierung wird deutlich, wie wenig dies der Fall ist. Auch bei einer Mindmap ergibt sich der Sinnzusammenhang erst aus den Verbindungen der Stichwörter durch Verästelungen. Eine schlechte Mindmap sammelt bloß Stichwörter. Erst wenn Zusammenhänge erkennbar werden, wird klar, was eigentlich der Gegenstand ist. Und genau das sollte eine Themennennung leisten: Den Raum begrenzen, um den es geht. Sonst besteht die Gefahr, sich auf dem weiten Feld eines Schlagwortes zu verlaufen, zu verzetteln, zu viele Aspekte zu berücksichtigen und am Ende zu unkonkret zu bleiben.

Allerdings muss ich zugeben: Das Wort „Thema“ ist kein eindeutiger Begriff und er lässt sich nicht immer scharf abgrenzen zu Begriffen wie Motiv, Sujet oder Plot. So gibt es in der Literaturwissenschaft durchaus das Verständnis, allgemeinere Ausdrücke wie Liebe, Tod, Krieg als „Themen“ eines Werkes zu verstehen. Themen treten hier also in Form von Schlagworten auf. Davon unterscheidet sich das Verständnis, das Thema als Grundidee und Leitgedanken eines Textes zu verstehen: unerwiderte Liebe, Angst vor dem Tod, Brutalität des Krieges. Schon ein Adjektiv kann demnach aus einem Schlagwort ein Thema machen – wobei Schlagwortkataloge durchaus aus Begriffskombinationen und kurzen Redewendungen bestehen können.

Der Unterschied zwischen Schlag- und Stichwörtern ist demgegenüber einfacher zu erklären: Schlagwörter sind zu bestimmten Zwecken normierte Begriffe, z.B. für einen Zettelkasten oder eine Datenbank. So kann z.B. ein Artikel in diesem Blog mit einem bestimmten Schlagwort versehen werden, obwohl das Wort selbst im Artikel gar nicht vorkommt. Im Englischen spricht man von subject terms. Schlagwörter sind also Begriffe, die einen allgemeineren Gegenstand begrifflich auf den Punkt bringen. Stichwörter (engl. keywords) sind hingegen Wörter, die z.B. konkret in einem Text vorkommen. Die Möglichkeit moderner Datenbanken, eine Suche im Volltext durchzuführen, macht das Ausweisen von Stichwörtern daher fast schon überflüssig.

„Ein Stichwort ist noch kein Thema“ ist also ein eher polemischer Einwand, der streng genommen einen Kategorienfehler enthält: Themen können natürlich verschlagwortet und durch Stichwörter auf den Punkt gebracht werden. „Stichwort/Schlagwort“ und „Thema“ bilden eigentlich keinen Gegensatz. Schlag- und Stichwörter dienen aber für gewöhnlich anderen Zwecken als der Textproduktion, und für diese ist es zweckmäßiger, die Themennennung genauer zu fassen, indem besser eine knappe Redewendung, eine klassifizierte Aussage oder ein spannungsvolles Begriffspaar gewählt wird.

Warum die Unterscheidung von Thema, Schlag- und Stichwort wichtig ist, kann man sich einem konkreten Text wie Psalm 23 deutlich machen. Am einfachsten sind die Stichwörter des Textes auszumachen. Dazu gehören Hirte, Seele, Straße, Unglück, Öl, Barmherzigkeit. Schwieriger ist es schon, Schlagwörter zu benennen. Ihre Wahl hängt davon ab, zu welchem Zweck ein Text unter einen Begriff gebracht wird. Schlagwörter könnten z.B. „Geborgenheit“ oder „Trost“ sein: „Geborgenheit“ kommt zwar in dem Text nicht wörtlich vor, ist aber trotzdem „Thema“ des Textes; „Trost“ kommt wörtlich vor als Stichwort „trösten“. Natürlich könnte man ausgehend vom Text sagen, sein Thema wäre „Geborgenheit“. Umgekehrt ist mit dem Schlagwort allein thematisch aber noch nicht viel ausgesagt. Genauer wäre ein Ausdruck wie „bei Gott geborgen“ oder „von Gott behütet“. Natürlich sind auch andere Formulierungen des Themas möglich. Entscheidend ist: Die Themenformulierung sollte so kurz wie möglich, aber so ausführlich wie nötig sein.

Allerdings sollte der abgesteckte Bereich auch nicht zu eng sein. Ein Thema ist weder Titel noch These. Eine zu enge Themenstellung steht in der Gefahr, die These vorweg zu nehmen und sich zu stark zu binden. Das behindert den kreativen Umgang mit einer Sache. Sich mit einem Thema zu befassen sollte immer genug Raum bieten für Neues, Überraschendes, Ungedachtes und Unbekanntes. Die Möglichkeit, die eigene These noch in der Präsentation zu verwerfen und andere Schlüsse zu ziehen, hält die Arbeit an einem Thema für alle spannend.

Wenn ich also sage, etwas sei ein Stichwort, aber kein Thema, ziele ich auf einen bestimmten Zweck. Dieser Zweck ist bei der Themensuche ein anderer, als im Rahmen der literarischen Analyse eines vorliegenden Textes die enthaltenen Stoffe und Motive thematisch auf den Begriff zu bringen. Bei einer Analyse erfüllt es einen Zweck, typische Motive als thematische Schlagwörter zu benennen. Wer aber einen Gottesdienst, eine Predigt, eine Gruppen- oder Unterrichtsstunde vorbereiten will, verschlagwortet keinen vorhandenen Text, sondern muss im Gegenteil den Text erst noch erfinden. Hilfreicher und zweckmäßiger ist es dazu, mit der Themenformulierung auf den weiten Feldern der Stich- und Schlagwörter einen Raum abzustecken, der überschaubar ist und doch genug Platz bietet für Überraschungen und neue Entdeckungen.

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Schreiben in der Predigtvorbereitung

Welche Rolle spielt das Schreiben in der Predigtvorbereitung? – Annette Müller hat für ihre soeben erschienene Dissertation Pfarrerinnen und Pfarrer danach befragt, wie sie ihre Predigtarbeit organisieren, das Manuskript erstellen und schreibend das Geschehen auf der Kanzel vorbereiten. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn hat Annette Müller Erfahrungen damit gesammelt, wie schwer das Handwerk des wissenschaftlichen Schreibens für Studierende sein kann. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund für ihr von Wilfried Engemann betreutes Dissertationsprojekt “Predigt schreiben. Prozess und Strategien der homiletischen Komposition”.

Gelesen habe die Arbeit noch nicht, aber ich bin schon sehr gespannt darauf und erwarte mir einiges davon. Bislang gibt es in der deutschsprachigen Homiletik noch keine umfangreiche Arbeit, die sich mit der Beziehung des Schreibhandwerks mit der Predigtvorbereitung befasst. Obwohl Autoren wie Alexander Deeg und Michael Meyer-Blanck dafür plädieren ein Predigtmanuskript schriftlich auszuformulieren, fehlt bislang eine systematische und empirische Untersuchung der Rolle des Schreibens im Prozess der Predigtentstehung. Annette Müller holt die empirische Seite durch exemplarische Interviews mit Pfarrerinnen und Pfarrern ein, die von ihren Erfahrungen berichten. Zugleich reflektiert sie systematisch und schreibpädagogisch den Entstehungsprozess von Predigten.

Da ich einer der interviewten Pfarrer bin, schreibe ich hier natürlich nicht ganz neutral, aber ich wünsche Annette Müllers Arbeit – trotz des stolzen Preises von 48€ – viele interessierte Leser. Zudem hoffe ich, dass die Arbeit Anstoß gibt, die Rolle des Schreibens endlich stärker homiletisch zu reflektieren. Sobald ich das Buch gelesen habe, werde ich hier natürlich ausführlicher darüber berichten.

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

 

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Blick in die Predigtwerkstatt

(c) Bernd Romeike / pixelio.de

(c) Bernd Romeike / pixelio.de

„Wie heute predigen?“ fragt eine Reihe von österreichischen, römisch-katholischen Homiletikerinnen und Homiletikern in einem neuen Sammelband, herausgegeben von den Praktologen Maria Elisabeth Aigner, Johann Poch und Hildegard Wustmans. Es finden sich darin keine überraschend neuen Ansätze, aber doch ein paar lesenswerte Beiträge.

Die 10 Autorinnen und Autoren sind in unterschiedlichen Zusammenhängen in der homiletischen Ausbildung tätig und wollen Einblick geben in ihre „Predigtwerkstätten“. So haben Maria Aigner und Johann Pock an der Grazer Uni eine „Werkstatt Wortverkündigung“ aufgebaut und führen sie seit über 10 Jahren als verkündigungsorientierte Redeausbildung im Studium und in der Pastoralausbildung durch. Pock hat darüber hinaus ein homiletisches Ausbildungskonzept für Ständige Diakone entwickelt. Zielgruppe des Bandes sind daher in der Verkündigung wie in der homiletischen Aus- und Fortbildung Tätige.

Themenkomplexe, die die einzelnen Beiträge aufgreifen sind Genderfragen, Traupredigt, Bibliolog, Bibelgespräch, klassische Rhetorik, liturgische und homiletische Präsenz und der Kirchenraum als Ort der Predigt. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität und wer Pohl-Patalongs „Predigen im Plural“ oder Charbonniers u.a. „Homiletik“ kennt, wird keine großen Entdeckungen machen. Interessant ist, dass bis auf die argumentativen Bezüge auf päpstliche Enzykliken ein eigenständiger, katholischer Homiletikansatz nicht erkennbar ist. Auch ist der Einfluss der deutschsprachigen, evangelischen Homilektik kaum zu übersehen.

Zwei Beiträge möchte ich aber doch hervorheben: Der Erste ist Johann Pocks „Die Freude der Verkündigung“. Im Anschluss an die klassische Rhetorik legt Pock dar, dass die Rolle der Emotion in der Predigt nicht vernachlässigt werden darf, weder für die Hörenden noch im Blick auf die Predigenden. Indem die Lebenswirklichkeit lange Zeit der theologischen Richtigkeit untergeordnet wurde, ist aber genau das passiert. Emotionen sind jedoch ein rhetorisch probates Mittel, um die Grenzen zwischen Religion und Alltag, Kirche und Lebenswirklichkeit aufzusprengen. Dazu müssen Predigerinnen und Prediger sich selbst und ihre Erfahrungen als Quelle mit in die Predigt einbringen, um frohe Botschaft glaubwürdig zu bezeugen. „Der anschaulichste Teil der Predigt bin ich selbst“, zitiert Pock Axel Denecke.

Der zweite, interessante Aufsatz ist Veit Neumanns „Die Befreiung aus dem Dasein als Mauerblümchen in der Predigt“. Neumann legt darin eine kleine Phänomenologie der Floskel als einem sprachlichen Werkzeug der Predigt vor. Während die Floskel normalerweise nur abschätzig betrachtet wird, ist Neumanns These, dass die Floskel die Rede würzt – aber je nach Einsatz einen Text erst genießbar, aber eben auch ungenießbar machen kann. Deshalb gilt es, den Umgang mit Floskeln in Predigt und Liturgie zu üben, um sie gezielt einsetzen zu können. Beeindruckendes Beispiel ist das Ende einer Predigt zu sexuellem Missbrauch, bei der abmildernde und beruhigende Floskeln eingesetzt wurden  – um dann durch ein scharfes „Nein“ eine schroffe Absage daran auszudrücken: einlullende Beruhigung durch Floskeln kann es hier nicht geben. Nicht allen Beobachtungen Neumanns würde ich zustimmen, aber seine Betrachtungen zur Floskel insgesamt sind bedenkenswert.

Ob sich eine Anschaffung des Sammelbandes lohnt, hängt davon ab, welche Literatur sowieso schon im Regal steht. Lohnend sind auf jeden Fall die erwähnten Texte von Johann Pock und Veit Neumann. Leider bietet der Echter-Verlag kein pdf-Dokument des Einleitungskapitels an, aber zumindest kann man in Vorwort und Einleitung herein lesen und einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis werfen.

Maria Elisabeth Aigner, Johann Pock, Hildegard Wustmans (Hg.): Wie heute predigen? Einblicke in die Predigtwerkstatt. Echter Verlag: Würzburg 2014. 276 S., 19,80 € – ISBN 3429037115.

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Notizen zur Kunst der Predigt

Die sieben freien Künster. Kolorierte Federzeichnung (wikimedia)

Ist Predigen eine Kunst? Martin Nicol und Alexander Deeg verstehen das „Predigtmachen als Kunst unter Künsten“ und die Predigt als „Kunstwerk mündlicher Kommunikation“. David Buttrick, dem Nicol und Deeg den für ihren Ansatz zentralen Moves-Begriff verdanken, schreibt hingegen: „preaching is not an art“. Dieser Widerspruch lässt sich quer durch die homiletischen Diskussionen verfolgen, wobei die meisten Homiletiker einer oberflächlichen Schätzung nach eher für den Kunstcharakter der Predigt votieren – entweder explizit, wie in Marcel Martins Rede von der „Predigt als offenem Kunstwerk“, oder implizit in Josuttis Zordnung der Predigt zur Rhetorik, also zu den artes liberales.

Ob Predigen eine Kunst ist oder nicht hängt davon ab, was unter Kunst zu verstehen ist. Leider äußern sich die wenigsten Homiletiker dazu. Buttrick konkretisiert beispielsweise, Predigen sei keine literarische Kunst, sondern Reden („Preaching is not literary art, it is speaking“). Reden im Sinne der Rhetorik gehört aber klassisch zu den sieben freien Künsten. Darauf scheinen Nicol und Deeg anzuspielen, wenn sie Predigt als „Kunst unter Künsten“ sehen. Auch eine lange Listen homiletischen Ansätze und ihres Kunstbezugs könnte die Frage nicht klären, ob Predigt nun Kunst ist oder nicht, denn in jedem einzelnen Fall müsste erst einmal geklärt werden, was denn hier jeweils unter „Kunst“ verstanden wird.

Es gibt das umstrittene Diktum, Kunst komme von Können. Hartnäckig hält sich das Gerücht, es stamme von Goebbels oder Hitler und stünde im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Kampagne gegen eine angeblich „entartete Kunst“. Die Formulierung findet sich aber schon bei Herder. Im Künstler fallen bei Herder Können und Kenntnis zusammen. Wer nur Kenntnisse hat, ist ein reiner Theoretiker, und wer nur kann, ist bloß Handwerker. Für Kunst braucht es nach Herder daher beides: Können und Kenntnis. Aber auch wenn Herders etymologische Herleitung der Kunst von Können durchaus richtig ist, lässt sich das Phänomen der Kunst dadurch nicht umfassend beschreiben. Sonst endet man tatsächlich schnell bei der Diagnose einer Kunst als „entartet“. Die Frage wäre dann: Was ist Kunst über Können und Kennen hinaus?

Vor ein paar Jahren hat Evelyn Finger in der ZEIT darüber geklagt, viele gegenwärtige Prediger hätten sich aus der „großen deutschen Tradition der geistlichen Kunstrede verabschiedet“. Sie nennt als Beispiele für diese Tradition unter anderem Meister Eckhart, Luther, Herder und Schleiermacher. Einerseits sah Finger das der akuten Zeitnot geschuldet, andererseits erkannte sie auch Probleme in neueren homiletischen Ansätzen, die –  wie sie polemisch zuspitzte – zu „rhetorisch aufgemotzt(en)“, an den darstellenden Künsten orientierten und als Event inszenierte Predigten anleiten würden, theologischen Tiefgang aber vermissen ließen. In Fingers Kritik läuft der Widerspruch von Predigt als Kunst und der Kritik an einer Predigt, die kunstvoll sein will, auf seltsame Weise zusammen, weil sie im gleichen Text offenbar mit unterschiedlichen Begriffen von Kunst operiert. Was die Predigt zur Kunst macht scheint bei Finger das Wahre und theologisch Bedeutsame zu sein.

Christoph Menke bestimmt Kunst über eine enge Verbindung zur Freiheit: Kunst bedeutet, sich frei machen zu können von der Bedingtheit menschlichen Existenz. Durch die Einbildungskraft ist der Mensch in der Lage frei Bilder aus sich heraus hervorzubringen. Religiös gewendet könnte man sagen: Kunst transzendiert das Diesseits, in dem der Künstler sich ein Jenseits dieser Welt und ihrer Bedingtheit schafft, allein aus der Kraft seiner Einbildung. Würde man Predigt in diesem Sinne als Kunst verstehen – ein für manche sicher blasphemischer und dennoch reizvoller Gedanke – wäre dies etwas völlig anderes, als das, was Nicol und Deeg behaupten und Buttrick bestreitet.

Ist Predigen eine Kunst? Die Auseinandersetzung mit der Frage ist ein Kampf mit der Hydra, denn mit jedem Versuch einer Klärung taucht ein neuer, ungeklärter Begriff auf: Können und Kenntnis, Wahrheit und Freiheit. Das Problem ist, dass kein einheitlicher Begriff von Kunst vorliegt. Wer sagt oder bestreitet, dass Predigt Kunst sei, muss also eigentlich immer dazu sagen, in welcher Hinsicht er von Kunst spricht. In einer lockeren Folge von Notizen will ich dem in Zukunft etwas nachgehen.

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Zwischen Kultur und Glauben

Das Wittenberger Zentrum für evangelische Predigtkultur hat einen dritten Band mit Ergebnissen aus seiner Arbeit vorgelegt: „Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“. Leider hat das Buch, trotz des interessanten Themas, homiletisch nicht viel lesenswertes zu bieten.

Heraus sticht Kerstin Wimmers Beitrag zur „Poetik des Dialogs“, eine reflektierte Meditation über das Verhältnis von Gesagtem und Ungesagtem, Bekanntem und Fremdem in dem Predigt. Die Arbeit an der Predigt besteht für Wimmer nicht nur darin, die richtigen Worte zu finden und möglichst alles zu sagen, was zu sagen ist, sondern auch sich in der „Kunst der Enthaltung“ zu üben. Der Prediger „muss auch überlegen, was man er nicht sagen möchte“, auch wenn er durchaus wünschen kann, die Zuhörer mögen zwischen den Zeilen heraushören, was nicht gesagt wurde. Ein zweiter Gedankengang reflektiert die Spannung von Bekanntem und Unbekanntem. Diese Spannung aufzuspüren ist für Wimmer ein hermeneutisches Prinzip für den Prozess der Predigtvorbereitung. Zwar ist alles nur angerissen, aber dennoch klar und inspirierend zu lesen.

Wimmer hebt sich wohltuend von anderen Beiträgen ab, wie den wieder einmal recht geschwätzigen Texten des Herausgebers Dietrich Sagert. Auch die Beiträge von Dirk Pilz zu Charles Taylor und Aleida Assmann enttäuschen. Gerade sein Aufsatz zu Taylors Verständnis von Glaube und Kultur in der modernen Gesellschaft hätte thematisch ein Hauptartikel des Bandes werden können. Leider verliert sich Pilz im Dickicht des eigenen Unverständnisses und liefert dazu noch ein schlecht geschriebenes (Rede?-)Manuskript ab.

„Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“ setzt keine besonderen Impulse. Andererseits ist es mit 14,80€ erschwinglich. Vielleicht sollte man den Band eher als Zeitschrift im Buchformat verstehen, mit qualitativ höchst unterschiedlichen Beiträgen. Wer reinschauen mag, sollte einen Blick werfen auf Alexander Deegs Bericht über die gegenwärtige Homiletik im Kontext der Societas Homiletica, sowie auf Daniel Weidners „Bibel als Literatur“.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben, Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013. 314 S. – ISBN 3374033296 – 14,80 €

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Homiletik in der Übersicht

Wie verstehen eigentlich Praktische Theologen ihre homiletischen Ansätze praktisch? Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn Homiletik als reflektierte Betrachtung der Predigtpraxis zielt nicht unbedingt auf die Praxis konkreter Predigtvorbereitung und -performanz. Insofern folgt der Homiletik-Band aus der Reihe „elementar“ bei V&R einer interessanten Konzeption: Vierzehn wichtige Homiletiker der Gegenwart stellen nicht nur ihren Ansatz selbst vor, sie präsentieren auch ein eigenes oder fremdes Predigtmanuskript, in dem sie das eigene Konzept gut wiedererkennen.

Die „elementar“-Reihe zielt eigentlich auf Studierende sowie Vikarinnen und Vikare, die sich jeweils aufs Examen vorbereiten. Dennoch ist der Band auch für Pfarrer und Prediger zu empfehlen, die sich über die gegenwärtige Situation in der deutschen Homiletik auf den aktuellen Stand bringen wollen. Auch wenn nicht alle Homiletiker vertreten sind, bekommt man doch eine sehr gute Auswahl knapp präsentiert, und zwar von den Autoren selbst, und nicht als Versammenfassung Dritter. Bedauerlich ist zwar, dass zum Beispiel Wilfried Engemann fehlt. Auch hätte ich mir einen kleinen Blick über den Tellerrand der Nation und Konfession gewünscht. Aber man kann nicht alles haben.

Es wäre dem Ansatz des Buches nicht angemessen, hier einzelne Autoren zu kritisieren: Es geht ja gerade um die Bandbreite zum Teil höchst unterschiedlicher homiletischer Konzepte. Auffällig ist, wie nahe sich viele Ansätze dann aber zuweilen sind. Höchst spannend ist, wie weit entfernt einige Predigtmanuskripte als Praxisbeispiele von dem sind, was die konzeptionellen Überlegungen erwarten ließen – und wie herkömmlich dann manches Predigtmanuskript doch wirkt.

Das Konzept der Herausgeber Lars Charbonnier, Konrad Merzyn und Peter Meyer geht auf: „Homiletik“ bündelt aktuelle Ansätze der deutschen, evangelischen Homiletik, indem die Praktischen Theologinnen und Theologen ihre eigenen Konzepte auf den Punkt bringen und exemplarisch abrunden. Vertreten sind Alexander Deeg, Wilhelm Gräb, Albrecht Grözinger, Hans-Günter Heimbrock, Jan Hermelink, Manfred Josuttis, Isolde Karle, Gerhard Marcel Martin, Michael Meyer-Blanck, Christian Möller, Martin Nicol, David Plüss, Uta Pohl-Patalong, Helmut Schwier und Birgit Weyel.

Eine Leseprobe mit dem Einleitungskapitel und dem Anfang des Beitrags von Isolde Kahle findet sich auf der Seite des Verlages Vandenhoeck & Rupprecht.

Lars Charbonnier, Konrad Merzyn, Peter Meyer (Hg.): Homiletik – Aktuelle Konzepte und ihre Umsetzung, 1. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen, 2012
- 251 Seiten – ISBN 978-3-525-62003-8.

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Homiletischer Kindergarten

Mit der Post flatterte heute Morgen die aktuelle Ausgabe der idea spektrum (9.2014) als Werbung ins Haus. Die Ausgabe titelt „Wie viel Bibel darf es denn sein?“ und ab Seite 16 dürfen sich Wilhelm Gräb und Helge Stadelmann über die Frage streiten, was eine gute Predigt ausmacht. Leider finden Sie vor lauter Streit zwischen liberaler und evangelikaler Stellung aber keine Zeit, eine angemessene und zeitgemäße, geschweige denn überraschende Antwort zu geben.

Tatsächlich dreht sich das ganze Gespräch weniger um die Frage nach der guten Predigt als darum, welche Aufgabe die Predigt hat und welche Rolle der Bibel darin zukommt. Helge Stadelmann ist Autor der evangelikalen Predigtlehre „Kommunikativ predigen“, die vor der Neuauflage den Titel „Schriftgemäß predigen“ trug. Er macht sich vor allem für die evangelisierende Funktion der Predigt stark und sieht in der Bibel Gottes Wort in menschlicher Sprache, das für die heutigen Leser ausgelegt werden muss. Wilhelm Gräb, Schleiermacher-Experte und Autor der bei V&R erschienenen „Predigtlehre“, versteht Predigt als religiöse Rede, die Menschen auf ihre aktuellen Fragen hin anspricht, und dazu die Bibel kritisch nach Antworten befragt.

Natürlich liegen im unterschiedlichen Verständnis der Bibel fundamentale Differenzen verborgen. Aber längst hat, wie auch Stadelmann betont, ein Dialog zwischen historisch-kritischer und evangelikaler Theologie begonnen, von dem beide Seiten lernen können. So konzediert auch Gräb in dem Gespräch, „dass die historisch-kritische Theologie nicht glaubensproduktiv ist“. Trotzdem ist es schade, dass das Gespräch so wenig konstruktiv verläuft. Die unzweifelhaft bestehenden Differenzen werden erschwerend überlagert durch Vorurteile, gegenseitigen Unterstellungen und Missverständnisse. Ich halte zwar Gräbs Argumentation für besser und überzeugender, aber ich befürchte, das liegt nur daran, dass ich seinen Ansatz im Wesentlichen teile. Leser, die mit Stadelmanns evangelikaler Haltung sympathisieren, werden mit genauso guten Gründen dessen Position für besser vertreten halten.

Zwar ist das gemeinsame Interview als Streitgespräch überschrieben, aber meines Erachtens sollte in einem Streitgespräch die eigene Position scharf profiliert und durch Argumente von einer Gegenposition abgegrenzt werden. Das passiert aber leider kaum. Eher finde ich mich in einem homiletischen Kindergarten wieder: „Du bist schuld!“ – „Nein, du!“ – „Gar nicht wahr!“ – „Doch!“ – „Nein!“ – „Doch!“. Am Ende und sehr unvermittelt kommt die Kindergärtnerin in Gestalt des Moderators Karsten Huhn und sagt: „Habt  ihr beide nicht auch was voneinander gelernt?“ Da erweist sich die  Antwort des evangelikalen Stadelmann als offener als die des liberalen Gräb. Stadelmann hat nämlich gelernt den Alltag genauer zu beobachten und darin nach religiösen Spuren zu suchen. Gräbs Schlusssatz ist dagegen nicht nur peinlich-unterreflektiert, wenn ihm „die Wichtigkeit der Auslegung des Bibeltextes“ klar geworden ist. Am Ende streckt Gräb Stadelmann doch nochmal die Zunge raus. Da sind wir dann wieder zurück im Kindergarten.

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Tabu spielen in der Predigt

„Sieben Wochen ohne Große Worte“ ­ die Anregung des Zentrums für Predigtkultur ist zunächst einmal interessant: In der Passionszeit sollen Pfarrerinnen und Pfarrer einmal sieben Wochen auf große Worte verzichten. Eine Liste mit 49 Beispielen kann man sich mit der Post zuschicken lassen. Sie hängt mittlerweile über meinem Schreibtisch. Auf der Internetseite des Predigtzentrums kann man sich die Liste ansehen. Sie enthält viele theologische -ung-, -heit- und -keit-Wörter aber auch Begriffe wie „Gott“, „Christus“ und „Kreuz“.

Natürlich hat die Idee wegen genau solcher Wörter Widerspruch, Spott und Häme in Blogs und bei Twitter geerntet: Wie soll man predigen, so der Einwand, wenn zentrale Begriffe des christlichen Glaubens nicht ausgesprochen werden dürfen. Übersehen wird bei diesem Einwand allerdings, dass ein inflationärer Wortgebrauch Begriffe durchaus entwerten kann. Zudem muss man im Gespräch mit Menschen, die der christlichen Sprache nicht mächtig sind, sowieso Übersetzungsarbeit in die Alltagssprache leisten. Die Idee, zeitweilig auf Wörter wie „Gott“ zu verzichten, ist nicht neu, aber die Verbindung mit der Aktion „Sieben Wochen ohne“ durchaus originell.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich allerdings: Mag die Idee auch originell sein, die Art der Durchführung ist es nicht. Philipp Greifenstein hat in einem lesenswerten Blogbeitrag einige Kritikpunkte vorgetragen und damit eine kleine Diskussion ausgelöst, an der auch ich mich beteiligt habe. Ich werde, was ich dort geäußert habe, hier nicht wiederholen, sondern mich auf eine Frage konzentrieren: Was bringt es, eine Zeitlang auf bestimmte Wörter zu verzichten?

Eine spontane Antwort liegt auf der Hand: Bestimmte Wörter bewusst nicht zu gebrauchen macht deutlich, wie schwer es ist, scheinbar Selbstverständliches verständlich auszudrücken, wenn die üblichen Begriffe nicht zur Verfügung stehen. Das Ratespiel Tabu setzt das sehr schön um: Dort geht es darum, Begriffe zum Raten zu umschreiben, ohne bei der Erklärung auf bestimmte Wörter zurück zu greifen. Leicht geraten Predigerinnen und Prediger in die Jargon-Falle, weil der innerkirchliche und innergemeindliche Gebrauch bestimmter Wörter und Ausdrucksweisen eben nur scheinbar selbstverständlich ist. Philipp Greifenstein hat dies mit seinem Bullshit-Bingo zur Weihnachtspredigt schon zwei Mal deutlich gemacht. Er hat damit nicht nur für Heiterkeit unter Pfarrerinnen und Pfarrern gesorgt, sondern manchen tatsächlich ins Grübeln gebracht: Ist mein Reden tatsächlich so floskelhaft? Was bleibt noch übrig, wenn ich auf die Floskeln verzichte? Die Fastenaktion des Predigtzentrums zielt darauf, zeitweilig auf Selbstverständliches zu verzichten, um neu verständlich zu werden.

Leider ist die Aktion des Predigtzentrums, anders als Philipps zum Nachdenken anregendes Bullshit-Bingo, völlig humor- und ironiefrei. Schaue ich auf meine eigene Predigtsprache, so habe ich den Eindruck, dass die vorgelegte Liste der „Großen Worte“ eher einer homiletischen Mottenkiste von Predigtklischees entstammt. Natürlich gibt es Wörter darunter, deren Vermeidung eine Herausforderung darstellen könnten. Aber viele der Beispielwörter würde ich sowieso nicht ohne weiteres in einer Predigt verwenden, sondern innerhalb von Kontexten, die die Bedeutung klarmachen, auch ohne zwangläufig erklären zu müssen. Gegenwärtige Floskeln und Modewörter wären sicher anregender als die gewählten Beispiele gewesen.

Ich glaube allerdings, dass die Wörter gar nicht das Problem sind. Nicht ob wir das Wort „Gott“ in der Rede gebrauchen oder darauf verzichten sorgt für Klärung und Verständnis, sondern wie wir das Wort gebrauchen. Die Diagnose des Predigtzentrums lautet: „Einige wichtige Wörter, die wir in den Predigten verwenden, haben ihren Sinn verloren.“ Ihr Therapievorschlag besteht darin, eine Zeitlang auf diese Wörter zu verzichten. Der Zwang, nach neuen Ausdrucksformen zu suchen, so Annahme, würde die Predigtsprache lebendiger, anschaulicher und konkreter werden lassen. Ich nehme dagegen an, dass nicht die leeren Wörter, sondern das ziellose Reden das eigentliche Problem darstellen.

Bei Ludwig Wittgenstein gibt es das schöne Bild einer leerlaufenden Sprache (PU §132). Leer läuft die Sprache nicht, weil sie sinnentleerte Begriffe verwendet. Dieses Problem ließe sich mit Sprachreform, mit exemplarischen Einführungen und Definitionen beheben. Das Problem bei Wittgenstein ist nicht Sinnentleerung, sondern eine Sprache im Leerlauf – wie bei einem Fahrzeug, bei dem man den Gang heraus genommen hat. Die Sprache arbeitet nicht. Sie macht Urlaub und feiert (PU §38). Was Wittgenstein für philosophische Probleme diagnostiziert, gilt meines Erachtens auch für theologisches Reden – vielleicht sogar für theologisches Reden noch viel mehr. Als Behandlungsmethode böte sich dann eine homiletische Ergotherapie an, die Glaubenssprache für den Alltag handlungsfähig macht.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Bei der Themensuche für einen Gottesdienst im Team, zum Beispiel beim Schulgottesdienst, fallen als Themenvorschläge gerne Wörter wie „Schöpfung“ und „Gemeinschaft“. Es könnten auch Wörter von der Beispielliste sein. Ich entgegne regelmäßig: „‘Schöpfung‘ ist kein Thema, sondern ein Stichwort.“ Auch typische „als“-Überschriften wie „Schöpfung als Auftrag“ formulieren noch kein Thema. Erst die Aussage macht das Thema. Themen könnten sein „Schöpfung bewahren ist Auftrag für Menschen“ oder auch „Schöpfung untertan machen ist Auftrag für Menschen“. Natürlich muss auch der Begriff der Schöpfung dabei geklärt werden, aber die Klärung des Begriffes allein macht noch nicht viel klar. Wichtiger ist zu klären was mit welcher Intention ausgesagt werden soll.

Eine Predigt im Leerlauf macht keine Mühe, weder dem Prediger noch dem Hörer. Sie läuft so dahin und im besten Fall sagt der Prediger nichts Falsches, aber eben auch nichts Bewegendes. Das Mühevolle der Predigtvorbereitung ist, die Predigtsprache ans Arbeiten zu bekommen. Und die Predigtsprache arbeitet dann, wenn der Prediger mit dem, was er sagt, tatsächlich etwas tut, und die Hörenden dies aufnehmen und damit weiter arbeiten können. Bestimmte Wörter dabei nicht zu gebrauchen kann ein schönes Spiel sein, aber es holt die Sprache nicht aus dem Leerlauf. Philipp Greifenstein schreibt dazu: „Nicht zum Verzicht auf Worte, sondern zum Mut, sie in den Mund zu nehmen und für unsere Zeit verantwortlich auszulegen, muss aufgerufen werden.“ Ich würde es so formulieren: Nicht der Verzicht, sondern der Versuch einer lebendigen, anschaulichen und konkreten Benutzung der Wörter hilft zu klären, ob die Wörter heute noch sinnvoll verwendet werden können oder nicht. „Die Bedeutung eines Wortes“, so eine bekannte Notiz Wittgensteins, „ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (PU §43)

Trotzdem ist die Aktion nicht schlecht. Beim Schreiben bestimmte Wörter bewusst vermeiden ist eine kreative Schreibmethode, die zu Neuformulierungen zwingt und neue Sprachbilder produzieren hilft. In Ländern, in denen es eine Zensur der Literatur gibt, entwickeln Autoren neue Sprach- und Ausdrucksformen, die nicht unter die Zensur fallen und doch von den Lesern verstanden werden. In unserem Fall ist der Verzicht eine Art freiwillige Selbstzensur, deren kreatives Potential vor allem für die Predigtvorbereitung genutzt werden könnte. Vielleicht hilft es zu klären, warum ein bestimmtes Wort am Ende doch unverzichtbar für die Predigt ist oder warum man gut und gerne darauf verzichten kann. Vielleicht bis es einmal wieder entdeckt wird wie ein alter Name.

Für mich ist das am Ende vielleicht sogar das Beste an der Beispielliste: Sie enthält, wie schon gesagt, viele Wörter, die nicht zu meinem aktiven Predigtwortschatz gehören. Die Herausforderung ist darum nicht der Verzicht, sondern vielleicht auch eine Neuaneignung durch einen neuen Gebrauch.

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Robinsons Phasen der Predigtvorbereitung

Schreibtisch

Die Vorbereitung der Predigt am Schreibtisch

Haddon Wheeler Robinson, 1931 in New York geboren gilt als einflussreicher Homiletiker evangelikaler Prägung. Nach dem Studium war er zunächst Pastor einer Baptistengemeinde und unterrichte dann am konservativ-evangelikalen Dallas Theological Seminary. Nach der Promotion in Philosophie 1964 war er von 1979 bis 1991 Dozent und Rektor am Denver Theological Seminary, wo 1980 sein Buch „Biblical Preaching“ entstand. Seit 1991 hat er eine Homiletik-Professur an einer der größten evangelikalen Ausbildungsstätten der USA inne, dem Gordon-Conwell Theological Seminary.

Obwohl ich Robinsons theologischen Ansatz nicht teile und auch homiletische Einwände zu erheben haben, schätze ich „Biblical Preaching“ (dt.: Predige das Wort). Was mir gefällt ist Robinsons pragmatischer Ansatz: Kern der Predigtarbeit ist danach, sich darüber klar zu werden, was man sagen will, indem man seine Gedanken klar auf eine Kernaussage hin orientiert.

Für die Predigtvorbereitung schlägt Robinson zehn Phasen vor. Ein Schwerpunkt liegt darauf, sich zuerst über Predigtthema und Predigtzweck klar zu werden, bevor eine Gliederung der Predigt entworfen wird. Anschließend wird die Gliederung mit illustrierendem, reflektierendem und erläuterndem Material gefüllt.

Natürlich ergeben sich aus heutiger Sicht gleich zwei grundlegende Einwände. Der erste Einwand ist, dass so eine Schrittfolge zu starr ist. Angemessener erscheint mir heute ein Phasenmodell mit gröberen Schritten, das ein Hin-und-her-Springen zwischen verschiedenen Arbeitsschritten ermöglicht. Der zweite Einwand ist, dass die Illustrationen bloß als Füllmaterial für das Gedankenskelett verstanden werden. Heute gilt es dagegen, mit dem Material zu denken, so dass Gedanken, Geschichten und Illustrationen sich zu einem Gewebe verdichtet. Oder kurz: Die Geschichten sind die Predigt, nicht ihr Füllmaterial.

Stärken treten in diesem Phasenmodell an zwei Punkten hervor: Alle Predigtarbeit dreht sich darum, sich über Predigtthema und Predigtzweck klar zu werden. Und: Die Einleitung und den Schluss der Predigt überlegt man am besten am Ende.

Phase 1 – Auswahl des Predigttextes (43): In Robinsons freikirchlichem Kontext taucht zwar keine Perikopenordnung auf, doch auch eine Perikopenordnung bewahrt nicht vor der Entscheidung, sich rechtzeitig für einen Predigttext zu entscheiden.

Phase 2 – Studium des Bibeltextes (46): Hierunter fallen selbstredend exegetische Überlegungen.

Phase 3 – Erarbeitung des Textthemas (50): Robinson unterscheidet hier zwischen Textgegenstand (wovon der Text handelt) und der Textaussage (Was wird über den Gegenstand ausgesagt) Das Textthema lässt sich formulieren durch eine Verbindung von Textgegenstand und -aussage.

Phase 4 – Analyse des Textthemas mithilfe von drei grundsätzlichen Fragen (59): Was bedeutet diese Aussage (61), ist die Aussage heute noch gültig (63) und welche Konsequenzen ergeben sich daraus (69)?

Phase 6 – Festlegung des Predigtzwecks (86): Aus Text- und Predigtthema als Zusammenfassung der biblischen Botschaft wird als Predigtzweck daraus abgeleitet, wozu diese Botschaft dienen soll.

Phase 7 – Denke darüber nach, wie das Predigtthema am besten entfaltet wird, um den Predigtzweck zu erreichen. (91) Robinson stellt hier knapp fünf Gestaltungsmöglichkeiten von Predigten vor: Erklärung eine Aussage (92), Überprüfung einer Behauptung (95), Anwendung eines Prinzips (97), Erläuterung eines Themas (99) und das Erzählen einer Geschichte (101).

Phase 8 – Nachdem du entschieden hast, wie du das Predigtthema entfaltest, um den Predigtzweck zu erreichen, entwirft eine Predigtgliederung. (106) Für den Prediger zielt die Gliederung darauf, den Zusammenhang der Predigtteile nicht aus dem Blick zu verlieren. Für die Hörer erleichtert eine klare Gliederung, den Gedanken des Predigers zu folgen.

Phase 9 ­ Fülle die Gliederung mit ergänzendem Material, welches die Punkte erklärt, prüft, illustriert oder zur Anwendung bringt. (113) Dazu nennt Robinson sechs Materialformen: Umformulierungen, Definitionen und Erklärungen, Sachinformationen (Tatsachen), Zitate, Erzählungen, Illustrationen

Phase 10 ­ Bereite die Einleitung und den Schluss der Predigt vor. (131)

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