Scapple – die Grundfunktionen vorgestellt

Ich hab meine ersten Erfahrungen mit Scapple gesammelt und bin begeistert: Auf so ein Programm habe ich lange gewartet. OK, es gibt auch Sachen, die ich vermisse, aber vom Ansatz her ist es wunderbar, weil einfach und fast intuitiv. Wer das Programm allerdings als Mindmapping-Software oder Programm zur Erstellung von Grafiken und Flowcharts missversteht, wird enttäuscht werden. Ich will in loser Folge mal die Funktionen des Programms vorstellen. Heute geht es los mit den Grundfunktionen. Ich mache das mal als Grafik aus Scapple heraus, weil das gleich viel mehr demonstriert als jede Beschreibung.

Ein Klick auf das Bild erlaubt eine 100%-Ansicht:

Wie Scapple funktioniert - #1

Grundfunktion von Scapple #2

Wie man an meinem ersten Predigtentwurf mit Scapple sehen kann (siehe hier) sind natürlich vielfältige Verbindungen möglich.

P.S: Den Inspector kann man doch andocken: Über das Optionenmenü lässt sich der Inspektor am rechten Rand anzeigen. Er ist dann nicht immer im Weg, verbraucht aber sehr viel Platz. Sinnvoll ist das nur, wenn man einen sehr großen Bildschirm zur Verfügung hat.

 

Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

Ins Labyrinth der Zettel

Zettelkästen sind für viele, die schreiben, eines der wichtigsten, kreativen Werkzeuge. Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erlaubt im Jean-Paul-Jahr 2013 einen Einblick in die sonst verschlossenen Zettelwelten, denn in der Regel findet sich im Labyrinth der Zettel nur der zurecht, der es angelegt an. Wem die Reise an den Neckar zu weit ist, kann sich an einem großartig gestalteten Katalog erfreuen, der gerade erschienen ist. Neben einem 163-seitigen Textteil gibt es einen rund 220-seitigen Bildteil, der einen guten Einblick gibt in die Vielgestaltigkeit von Zettelkästen. Allein das Stöbern darin ist eine große Freude.

„Zettelkästen sind Häuser des Lesens, Denkens und Schreibens“ (5), beginnen Heike Gfrereis ihren Aufsatz zur Einleitung in den Katalog und die Ausstellung. Der Textteil ist selbst wie ein Zettelkasten aufgebaut: Sortiert nach „15 Buchstaben eines unvollständigen Alphabets“ (14) von „a“ wie ABSTRACT bis „z“ wie ZYKEL finden sich dort Aufsätze über und Beiträge von Schriftstellern und wie sie Zettel(-Kästen) zum Schreiben nutzten und nutzen. Jeder Text ist einem Stichwort zugeordnet. Der Einleitungstext zum Stichwort „Architektur“ von Gfrereis und Strittmatter funktioniert wie ein Index, der mit Pfeilen markierte und grün unterlegte Verweise auf die Beitrags-Stichworte im Text enthält. So wird die Einleitung zum Sprungbrett in die nachfolgende Sammlung von Texten (die selbst wiederum aber nur an wenigen Stellen auf andere Texte verweisen).

Die längeren Aufsätze des Kataloges widmen sich jeweils einem Schriftsteller oder Wissenschaftler und stellen die Besonderheiten seines Zettelkastens vor. In diesen Texten werden die Arbeitsweisen von unter anderem von Jean Paul, Walter Benjamin, Walter Kempowski, Niklas Luhmann, Arno Schmidt und Aby Warburg betrachtet. Eine Ausnahme ist der Text von Hektor Haarkötter, der einen Einblick gibt in die Geschichte des Zettelkastens selbst. Die Kuratorinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter wiederum haben zu einigen Exponaten kurze Erläuterungen geschrieben. Sie werden ergänzt durch kurze Beiträge der Schriftsteller F.C. Delius, Oswald Egger, Jochen Missfeldt, Eckart Henscheid, Wilhelm Genanzino und Alissa Walser, die beschreiben, wie in ihrer Arbeit Zettel tatsächlich vorkommen – oder auch nicht.

Denn Zettelkasten ist nicht gleich Zettelkasten, das wird beim Lesen der verschiedenen Beiträge schnell deutlich. Deshalb ist es gut, dass die Kuratorinnen die Ausstellung und den Katalog mit dem Plural „Zettelkästen“ überschreiben. Die Arbeitsweisen der verschiedenen Autoren mit ihren Kästen sind höchst unterschiedlich. Verbindend ist allenfalls der Kampf mit dem Chaos der Vielzahl von Zetteln. Die Spannung von Ordnung und Unordnung ist allerdings Voraussetzung ist für den kreativen Prozess. Insofern sind es tatsächlich Zettel-Labyrinthe, in die der Katalog hineinführt.

Dass Zettelkasten nicht gleich Zettelkasten ist, kann man ganz gut und in zweifacher Hinsicht an F.C. Delius verdeutlichen. Zum einen gilt: Ein Zettelkasten muss nicht aus Holz und Papier bestehen: F.C. Delius hat Mitte der 80er Jahren den Computer als besseren Zettelkasten entdeckt. Hier trifft er sich mit Friedrich Kittler, der zur gleichen Zeit von Karten auf virtuelle Datensätze umgestellt hat. Kittler hat dabei nicht einfach die Struktur des Kastens aus Holz und Papier am Rechner nachgebildet, sondern in der digitalen Verarbeitung „ein völlig neues Medium“ (53) erkannt. Die „Optionen ‚Copy’, ‚Paste’ und ‚Print’“ stellen für Delius sogar eine Befreiung von den steifen Karteikarten dar (16).

Delius’ Vorbehalt gegen den traditionellen Zettelkasten liegt zum anderen in dessen angeblich linearer, hierarchischer Ordnung. Ein Vergleich mit Niklas Luhmann zeigt, dass sich diese Ordnung mit einfachen Regeln auflösen lässt, so dass der Zettelkasten zu einem fast schon organischen Wesen wird: Luhmann sieht im Zettelkasten einen Kommunikationspartner, der es versteht, sein Gegenüber mit Ideen und interessanten Zusammenhängen zu überraschen. Das gelingt, gerade weil der Zettelkasten „keine systematische Gliederung und inhaltliche Ordnung aufweist“ (87).

Der umfangreiche Bildteil des Kataloges macht die abstrakten Überlegungen zu den Zettelkästen anschaulich. Der Buchblock ragt 5 mm aus dem Buchblock des Textteils heraus. Auf dem Deckblatt finden sich die fünfzehn Buchstaben der Ausstellung wieder. So ist es jederzeit gut und übersichtlich möglich, aus dem Text in den Bildteil zu springen und sich anzusehen, worüber man gerade gelesen hat. Das ist nicht nur elegant sondern auch sehr schön gelöst. Etwas umständlich ist, dass die Fußnoten zum Textteil sich am Ende des Buches hinter dem Bildteil verstecken. Aber damit kann man leben.

Großartig ist, dass die Abbildungen Zettel aus den Kästen ziehen. So wird sichtbar, wie der jeweilige Autor notiert und seine Zettel im Kasten angelegt hat. Hier zahlt sich die Trennung von Textteil und Bildteil wirklich aus. Statt wie sonst oft üblich die Fotografien zu bloßen Illustrationen zu degradieren, haben die guten Fotografien durch viel Weißraum die Möglichkeit, eine eigene Wirkung zu entfalten. Das gleich gilt umgekehrt übrigens auch für den Text: das schöne und großzügige Layout macht das Lesen doppelt Freude.

Fazit: „Zettelkästen“ ist ein großartiger Ausstellungskatalog, der auch als eigenständige Publikation funktioniert. Wer sich für Zettelkästen interessiert, gewinnt einen hervorragenden Einblick in die Arbeitsweisen von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die den Zettelkasten als kreatives Werkzeug nutzen. Auch wer sich bislang nicht mit dem Zettelkasten befasst hat, wird hineingeführt in die Faszination der Zettellabyrinthe – und bekommt vielleicht Lust, diese kreativen „Maschinen der Phantasie“ für sich selbst zu entdecken.

Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter (Hrsg.): Zettelkästen. Maschinen der Phantasie (Marbacher Katalog 66), Marbach am Neckar 2013.
ISBN 978-3-93734-83-2| 28 € | 382 S. [Link zum Shop der Literaturarchivs]

[Link zur Infoseite über die Ausstellung auf der Homepage des Deutschen Literaturachivs]

Die Dinge händeln

Notizbücher
Notizbücher als Basis

Es ist eine berechtigte Frage, ob man Zeit managen kann. Vor einiger Zeit hieß es, es gehe eigentlich eher um Selbstmanagement. Und jüngst hat Zeitmanagement-Guru Lothar Seiwert sogar das Ende des Zeitmanagements ausgerufen. Seit Vikariatszeiten sehe ich die Zeitmanagement-Tipp-Produktion zwar kritisch, habe aber trotzdem versucht, für meinen Alltag davon zu lernen. Obwohl oft belächelt: Lothar Seiwert und Tiki Küstenmacher hatten mit ihrem Simplify-Konzept manche guten Ratschlag für mich parat. Aber es war kein funktionierendes System, sondern eine Sammlung guter Einzelhinweise.

Einen wirklich hilfreichen, systematischen Ansatz habe ich bei „Zen to done“ gefunden, ein Modell von Leo Babauta, das wiederum auf „Getting things done“ von David Allen beruht.

Die Vorteile von Zen to done (ZTD) sind:

  • es ist leicht zu verstehen
  • es ist kostengünstig
  • es lässt sich einfach an eigene Bedürfnisse anpassen

ZTD ist leicht zu verstehen: Es geht im Kern (Minimal ZTD) darum, sich vier Handlungsmuster anzugewöhnen, die so zusammenarbeiten, dass man seine Dinge gut händeln kann. Diese vier Handlungsmuster heißen Sammeln, Durcharbeiten, Planen und Handeln. Ich sammle Dinge u.a. in einem Notizbuch: Aufgaben, Einfälle, Besprechungsergebnisse. Zuhause arbeite ich die Notizen durch, in dem ich schaue, ob z.B. aus einem Eintrag eine Aufgabe für mich folgt, die zu erledigen ist. Sofern ich sie nicht gleich erledigen und abhaken kann, plane ich im Kalender, wann ich die Aufgabe angehe. Wenn es soweit ist, versuche ich, so konzentriert wie möglich mich nur dieser Aufgabe zu widmen und sie zügig zu erledigen.

ZTD ist kostengünstig: Das eBook „Zen to done“ kann man sich kostenlos bei imgriff.com in einer deutschen Übersetzung runterladen. Spezielle Werkzeug wie Mappen, Ordner oder spezielle Kalender braucht man nicht. Ich habe mit den Sachen, die ich Zuhause hatte, angefangen.

ZTD lässt sich leicht an eigene Bedürfnisse anpassen: Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, dass die Zeitmanagement-Ideen nicht meinem Arbeitsalltag entsprachen. Sie waren entweder sehr auf Büroabläufe fixiert oder auf die Bedürfnisse von Freiberuflern. Mit der pastoralen Praxis hat das oft wenig zu tun. Dazu kommen persönliche Vorlieben: Manche Sachen erledige ich am PC oder per PDA (mittlerweile Smartphone), manche Sachen handschriftlich. Es hängt von der Situation und manchmal auch nur von der Stimmung ab. Ich brauche da eine gewissen Flexibilität.

In meinen nächsten Posts, werde ich das System etwas detailiierter darstellen. Als nächstes stelle ich das Sammeln vor.

 

Täglich Schreiben

Tagebuch schreiben scheint einfach und voraussetzungslos: eine Kladde und ein Stift genügen, um mit täglichen Aufzeichnungen aus dem eigenen Leben zu beginnen. Probleme scheint es allenfalls damit zu geben, wirklich regelmäßig zu schreiben. Aber stimmt dieser Eindruck? Wie schon in Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ stellt Christian Schärf im zweiten Band der Duden-Reihe „Kreatives Schreiben“ an konkreten Beispielen Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Schnell wird dabei deutlich: Selbst ein jugendlicher Herz-Schmerz-Eintrag ist nicht einfach unmittelbarer Ausdruck, sondern schreibend gestaltet: „In diesem Sinn ist das Tagebuchschreiben eine Form des literarischen Schreibens“ (17), auch wenn es nicht auf Veröffentlichung zielt, sondern privater Eintrag ist und bleiben soll.

Was fällt unter ein Tagebuch? Die Grundlage ist für Schärf zunächst die Notiz über ein Ereignis oder Erlebnis. Der Übergang zum Tagebuch geschieht, wo diese Notizen einer chronologischen Ordnung folgen: „Schreiben Tag für Tag bedeutet, festzuhalten, was sonst im Strom des Zeit untergehen würde.“ (11f) Das kann in einer sehr einfachen Form eine Notiz im Kalender sein, wie dies beispielsweise E.T.A. Hoffmann eine zeitlang praktiziert hat (S. 29ff). Dennoch lassen die Grenzen nicht immer scharf ziehen: Gottfried Benns Aufzeichnungen im Notizbuch folgen keiner strengen Ordnung und sind doch auch eine Art von Tagebuch. Auf der anderen Seite können die Einträge  klar definierten Absicht folgen, wie beim Journal, das einen Arbeitsprozess begleitet: „Beim Tagebuchschreiben ist somit im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“ (16)

Dennoch gibt es natürlich Elemente, die tagebuch-typisch sind: neben der Chronologie gehört dazu der private Selbstbezug (13) und die Monologstruktur (ebd.): „Es ist die Stetigkeit des Vor-sich-selbst-Zeugnis-Ablegens, von der sich Tagebuchschreiber aller Epochen eine klarere Erkenntnis ihrer selbst wie ihrer Umwelt versprochen haben.“ (14).

Pragmatische Erwägungen spielen nur am Rande eine Rolle (wie schon in „Schreiben dicht am Leben“): Wie organisiert man die Schreibzeit? Morgens, abends, zwischendurch? Welches Material bietet sich an? Nimmt man ein kostbares Buch für Zuhause oder ein Notizbuch zum Mitnehmen? Was bedeutet das handschriftliche Tagebuch führen – im Unterschied zum Schreiben am PC? Zwar gibt es vereinzelte Hinweise auf die Praxis der verschiedenen Tagebuch-Autoren, aber es bleibt bei Randnotizen. Nur im Schlusskapitel geht Schärf kurz darauf ein. Obwohl er anmerkt, dass die Rahmenbedingungen des Schreibens für Tagebuchschreiber „von erheblicher Bedeutung“ (142) sind, beschränkt er sich auf eine Skizze von rund einer Seite.

Die 25 Kapitel des Buches sind nicht noch einmal untergliedert. Schärf gliedert in der Einführung ohne Angabe der Kaptitel nach spontanen Aufzeichnungen, Formen von Chronik und Journal, herausragenden Themen und Schreibweisen sowie literarische Überformungen. Diese Einteilung aufgreifend könnte man die Kapitel wie folgt gruppieren:

[A Grundformen des Tagebuchs]

1. Die spontane Aufzeichnung (Franz Kafka)
2. Das anarchische Notizbuch (Gottfried Benn)
3. Der Schreibkalender (E.T.A. Hoffmann und Christiane Goethe)

[B Tagebuch als Chronik und Journal]

4. Die minimale Chronik (Johann Wolfgang Goethe)
5. Das elementare Journal (Samuel Pepys)
6. Das asketische Journal (Trauerarbeit bei Novalis)
7. Die pedantische Chronik (Thomas Mann)
8. Das erzählte Leben (Victor Klemperer und Andy Warhol)
9. Das Arbeitsjournal (Berthold Brecht)

[C Tagebuch als Selbstreflexion]

10. Die Entdeckung des Ichs (Franz Kafka)
11. Ich selbst, so wie ich bin (Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Hebbel)
12. Die persönliche Liste (Susan Sonntag und Jochen Schmidt)
13. Ich elender Mensch ! (Schonungslose Selbstbeurteilung bei Leo Tolstoi, Cesare Pavese und Franz Kafka)
14. Das Allerheiligste meiner Seele (Selbstverherrlichung und „pharaonisches Tagebuch“ (G.R. Hocke) bei Georg Heym und Franz Kafka)

[D Thematische Tagebücher]

15. Offensein für die Dinge (notierte Beobachtungen und Entdeckungen bei Hanns-Josef Ortheil und Anne Frank)
16. Gefühle (Romy Schneider, Max Frisch, Georg Heym)
17. Träume (Theodor W. Adorno und Georg Heym)
18. Das Arsenal der Ideen (Albert Camus und Charles Baudelaire)
19. Beschreiben (Reisetagebuch z.B. bei Franz Kafka, Anäis Nin und Arthur Schopenhauer)
20. In my secret life (Erotisches Tagebuch, ohne Beispiele)
21. Tage des Lesens (Lektüretagebuch bei Jochen Schmidt)
22. Das Gesellschaftsjournal (Fritz J. Raddatz)

[E Literarische Tagebuch-Formen]

23. Die autobiografische Collage (Walter Kempowski)
24. Das Journal als Hypertext-Performance (Rainald Goetz)
25. Die verdichtete Zeit (fiktional verfremdete Geschichten bei Clemens Meyer)

Die Probleme des Buches sind sehr ähnlich denen von Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ (siehe Rezension):

  • Durch die Orientierung an konkreten Tagebuch-Schreibern fällt auf, dass bekannte Tagebuchschreiber fehlen (z.B. Jochen Klepper, Erich Mühsam oder Sylvia Plath, Anne Frank wird nur einmal erwähnt), während Franz Kafka omnipräsent ist. Aber auch hier ist zuzugestehen: Vollständigkeit ist nicht möglich.
  • Das Inhaltsverzeichnis ist leider nicht so klar gegliedert wie bei Ortheil. Zur schnelleren Orientierung in der Systematik wären überschriebene Blöcke von Kapiteln hilfreich. Zudem sind nicht alle Kapitelüberschriften selbstverständlich. Warum Kapitel 6 beispielsweise „Das asketische Journal“ heißt, ist mir unklar geblieben, geht es darin doch um Novalis Trauerarbeit und Todesreflexionen.
  • Die Schreibaufgaben am Ende jedes Kapitel sind wieder methodische Bündelungen. Sie sollen dabei helfen, heraus zu finden, welcher Tagebuchtyp man selbst ist. Dabei wirken die Aufgaben zum Teil sehr gestelzt und künstlich. Die Anregungen gehen eher von den Beispielen aus, nicht von diesen Schreibaufgaben. Ich habe den Verdacht, dass die Aufgaben Tagebuchneulingen wenig nützen werden.

Die größte Schwäche von Schärfs Buch ist, dass er den Adressatenbezug des Tagebuchs nicht systematisch reflektiert. Ich halte das allerdings für die zentrale Frage des Tagebuchschreibens. Wahrscheinlich führen die wenigsten Menschen Tagebuch, um Literatur zu produzieren. Sie halten schriftlich fest, was ihnen am Tag wichtig war. Dass das Tagebuch dabei „in den meisten Fällen der Verständigung eines Ichs mit sich selbst“ diene (10), hält Schärf zwar für einen wesentlichen Grundzug des Tagebuchschreibens. Trotzdem grenzt er sich deutlich z.B. von Tristine Rainers Ansatz ab, die im New Diary die Möglichkeit sieht, dass der Schreiber mit sich selbst kommuniziert (vgl. Rainer, Tagebuch schreiben, S. 10). Für mich sind die Voraussetzungen die gleichen, aber Rainer baut ihr ganzes Buch auf diesem Ansatz auf. Für sie ist das Tagebuch ein „praktisches, psychologisches Werkzeug“ (ebd., S.11) um zu lernen Gefühle auszudrücken, an Gewohnheiten zu arbeiten und auszusprechen, was einen im Innersten bewegt. Wer Tagebuch schreibt, benutzt das Schreiben, um etwas über sich selbst zu erfahren: indem man später das Geschriebene liest und auf Muster, Wiederholungen und Leitmotive etc. reflektiert. Adressat des Schreibens ist dann das später lesende Ich, kein literarisch interessiertes Publikum.

Für Schärf hingegen ist das Tagebuch, egal ob Chronik oder Journal, eine literarische, keine psychologische Methode der Selbstreflexion, selbst wenn der Autor nicht auf Veröffentlichung zielt und nie „zu einer ‚Professionalität’ des Tagebuchführens gelangt“ (148). Schärf weist zu Recht darauf hin, dass jede Form von Verschriftlichung bereits auf literarische Mittel zurück greifen muss und Unmittelbarkeit nicht zu erreichen ist. Gerade das Tagebuch ist aber oft (wie das Notizbuch) Ort der Skizze und des Schreibens ins Unreine. Das macht einen Teil seiner Faszination aus. Für Schärf scheint dies aber eher an die Grenzen der Tagebuch-Literatur, wie er sie versteht, zu führen: „Man kann dabei [beim Niederschreiben vom Gefühlen; KD] spontan vorgehen und aufschreiben, was und wie man gerade fühlt. Diese Art der Fixierung findet sich oft bei jungen Tagebuchschreibern, die sich mit ihren wechselnden Stimmungen beschäftigen und das Tagebuch als Gegenüber nutzen, das sie in ihrer Umwelt nicht zu finden glauben. Immer kommt es jedoch darauf an, dass einem bei aller Spontaneität die geeigneten sprachlichen Mittel zur Verfügung stehen, die eine Fixierung von Gefühlsgehalten erlauben.“ (90) Aber: Kommt es wirklich darauf an?

Es ist eine interessante Sache, dass das Tagebuch selbst zum Gegenüber – um damit selbst zum Adressaten werden kann („Liebes Tagebuch …“). Ihm kommt dabei eine Mittlerrolle zu: Das schreibende Ich teilt über das Tagebuch als aktuellem Gegenüber einem später lesenden Ich etwas mit – mit den sprachlichen Mitteln, die gerade zu Verfügung stehen. Das ist nicht unproblematisch und hat das Tagebuch in Verruf gebracht: Wenn heute bei Diary Slams Tagebuch-Autoren ihre jugendlichen Peinlichkeiten vor Publikum ausbreiten, hat das natürlich damit zu tun, dass literarisch geeignete sprachliche Mittel nicht zur Verfügung standen, sondern nur sprachliche Klischees und Plattitüden. Das später lesende Ich ist reifer und kann sich über das schreibende Ich prächtig amüsieren. In die gleiche Richtung zielt der Beleg, den Schärf anführt: einen Tagebuch-Eintrag der jugendlichen Romy Schneider. Die Unreife und literarische Unzulänglichkeit von Schneiders Text sieht Schärf darin, dass die Autorin nach kurzer Zeit nicht mehr nachvollziehen kann, warum sie „so etwas schreiben konnte“ (91). Für Tristine Rainer würde wahrscheinlich genau diese Frage, warum man einmal so etwas schreiben konnte, zum Ausgangspunkt für weiteres Nachdenken über sich selbst und die eigene Entwicklung. [Henning Luther (Religion und Alltag, S. 118ff) leitet übrigens aus dieser Erfahrung die These ab, dass ein Tagebuchschreiber eben nicht nur mit sich selbst kommuniziert, sondern mit einem „fiktiven Anderen“, der in der christlichen Tradition den Namen Gott trägt – aber das nur am Rande.]

Beim Eintrag Romy Schneiders ist der private Kontext unübersehbar. Wie Schneider werden nur wenige Tagebuchschreiber beim Schreiben an ein großes Lese-Publikum denken. Das ist zum Beispiel bei Max Frisch der Fall, den Schärf Schneiders Eintrag gegenüberstellt. Frischs Tagebücher sind gerade keine spontanen Notizen, sondern sprachlich gestaltete und überarbeitete Kunstwerke, die die Form des Tagebuchs literarisch überhöhen. Die zweifellos faszinierenden Reflexionen Frischs sind ein Beispiel für das, was Tagebuch-Literatur auch sein kann. Man muss sich aber klar sein, dass der Adressat eine literarisch interessierte Öffentlichkeit ist.

Der Adressatenbezug steht letztlich im Zusammenhang mir der Frage, wozu der Tagebucheintrag dient. Christian Schärf macht aus dem Tagebuch eine literarische Spielwiese. In seiner Eigenschaft als Dozent für Literarisches Schreiben ist das ja auch legitim. Die Bandbreite ist aber größer und reicht durchaus bis in den selbsttherapeutischen Ansatz von Tristine Rainers New Diary hinüber.

Seine Stärken entfaltet das Buch daher dort, wo es um eher abgeklärte, reife Schreibweisen geht: Schärf zeigt, dass das Tagebuch keine Angelegenheit pubertierender Mädchen ist, sondern in der Chronik und im Journal zu einem konzentrierten, zweckorientierten Schreiben führen kann. Predigerinnen und Prediger könnten zum Beispiel das Lektüretagebuch für sich entdecken als Möglichkeit, täglich Eindrücke aus Literatur und Bibelstudium zu notieren. Die Chronik bietet die Möglichkeit, Tageserinnerungen aus dem Pfarralltag festzuhalten. Wer viel schreibt, findet in Schärfs Buch zahlreiche Anregungen, daraus Formen täglichen Schreibens zu entwickeln.

Fazit: Christian Schärf legt auf 159 Seiten eine kompakte Übersicht über die Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Die Beschreibung der verschiedenen Ansätze und die Zitate sind anregend für die eigene Tagebuchpraxis. Wer schon Tagebuch schreibt, findet hier die Möglichkeit, über die Vielfalt dessen, was Tagebuch auch sein kann, nachzudenken. Ob Neulinge über das Buch in eine Tagebuchpraxis hineinfinden, lässt sich schwer beurteilen: Da wäre wohl Tristine Rainers „Tagebuch schreiben“ meine erste Empfehlung, zumindest wenn es um das Festhalten von persönlichen Empfindsamkeiten geht. Vielschreiber hingegen, die kein Tagebuch führen, können hier durchaus Anregungen finden, um mit dem Schreiben Tag für Tag zu experimentieren. Denn: „Beim Tagebuchschreiben ist [..] im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“

Christian Schärf: Schreiben Tag für Tag. Journal und Tagebuch, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
ISBN 978-3-411-74901-0| 14,95 € | 159 S. [Amazon-Link]

Tristine Rainer: Tagebuch schreiben, 1. Aufl., Autorenhausverlag, Berlin 2005.
ISBN 3-932909-47-X | 14,90 € | 190 S. [Amazon-Link]

Henning Luther: Der fiktive Andere. In: Religion und Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts (S. 111-122), Radius-Verlag, Stuttgart, 1992.
ISBN 3-87173-842-5 | 22 € | 329 S. [Amazon-Link]

Tägliche Notizen

Ortheil-Cover: Schreiben dicht am lebenNotizbücher sind hip. Aber was schreibt man rein? Hanns-Josef Ortheil will mit seinem Buch „Schreiben dicht am Leben“ Hilfestellung geben. Keine Ratgeberliteratur sei die kleine Duden-Reihe zum Kreativen Schreiben, für die Ortheil zuständig ist, sondern ein „Meisterkurs“ (Verlagswerbung), der „sich an den Werkstätten der großen Schriftstellerinnen und Schriftsteller orientiert“ (S. 17). Entsprechend stellt das Buch kein Methodenkompendium dar, sondern zeigt, wie verschiedene Autoren ihre täglichen Notizen gemacht haben. „Schreibaufgaben“ vertiefen die einzelnen Kapitel durch Hinweise für eigene Notizversuche.

Dass sich die Reihe nicht nur auf Schreiben mit Stift und Papier beschränkt, sondern den Ansprüchen heutigen Schreibens gerecht werden will, zeigt sich daran, dass neben Ortheils Buch über Notizen und Skizzen auch ein Band über Journale und Tagebücher (Christian Schärf) sowie über Elektric Writing in Blogs und sozialen Netzwerken (Stephan Porombka) erschienen ist. Zum freilich handschriftlichen Ausprobieren gibt es zudem ein Notizbuch in der gleichen Aufmachung. Hier konzentriere ich mich auf Ortheils Buch.

Hanns-Josef Ortheil ist selbst manischer Notierer. In Interviews, aber auch in dem Band „Wie Romane entstehen“ (2008) hat er seinen Notiz-Zwang immer wieder reflektiert und mit der Kindheitserfahrung des Nicht-Redens sowie der Angst vor dem Verstummen in Verbindung gebracht. Die Notiz ist daher für Ortheil mehr als nur ein flüchtiges ins Unreine schreiben: Notieren ist „das ideale Stimulans der geistigen Kapazitäten und damit das literarische Koffein par excellence“ (S. 145). Eingebettet in größere Projekte gilt es, sich das tägliche Notieren anzugewöhnen: „Schon kurzfristige Unterbrechungen machen sich – wie bei einem Musiker, der einen kurzen Zeitraum nicht mehr an seinem Instrument geübt hat – sofort bemerkbar. Das Schreiben wird ungelenkt, langsam und hat wenig Frische. Das tägliche Notieren aber hält den Sprachfluss in Bewegung.“ (S. 148).

Nur am Rande interessierten Ortheil dabei technische Details. So wird von Robert Gernhardt berichtet, dass er seine „fast täglichen Aufzeichnungen in Blankoschulhefte der Firma ‚Brunnen’ im Format DIN A5“ (S. 130) vornahm und dabei gelbe Kugelschreiber der Marke BIC verwendete. Walter Benjamin verwendete dagegen Briefpapier etwa im A4-Format, das er in Mitte faltete und dann die Seiten 1 und 3 mit Füllfederhalter und Bleistift beschrieb (S. 116f), während Peter Handke Notizbücher „nie größer als DIN A6“ (S. 109) gebrauchte, die in die Jackentasche passen, so dass sie man sie auch unterwegs gebrauchen kann. Es geht Ortheil weniger um die technischen Aspekte des Notierens, als um die Notate selbst.

In neunzehn Kapiteln, die jeweils einen Autor und seine Weise des Notierens vorstellen, führt Ortheil durch ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Diese neunzehn Weisen des Notierens sind noch einmal in vier Gruppen zusammengefasst.

Als „elementares Notieren“ stellt Ortheil Notizformen vor, die Beobachtungen möglichst direkt und ungefiltert festhalten. Ortheil findet solche Formen

1. bei Georges Perec, der seine Umgebung aus verschiedenen Perspektiven knapp registriert,
2. in der FAZ-Rubrik „Webcam“, die wie eine Webcam eine Alltagsbeobachtung aus einer Perspektive festhält,
3. bei Peter K. Wehli, der Situationen notiert wie fotografische Schnappschüsse,
4. bei Émile Zola, der wie ein Journalist Informationen sammelt und bis ins Detail recherchiert,
5. bei Rolf-Dieter Brinkmann, der seine Gedanken zu unterwegs Beobachtetem als inneren Monolog festhält.

Formen „bildlichen Notierens“ sieht Ortheil

6. bei Theophrast, der Charaktere durch besondere, prägende Kennzeichen porträtiert,
7. bei Gerard Manley Hopkins, der Eindrücke seiner Wanderungen wie ein Landschaftszeichner festhält,
8. bei Tokutomi Roka, der Beobachtungen in seiner Umwelt mit wenigen Federstrichen skizziert,
9. bei Francis Ponge, der Beobachtungen an unscheinbaren Alltagsdingen präzise registriert,
10. bei Akutagawa Ryunosuke, der eine Geschichte in drehbuchartigen Beschreibungen fixiert.

Die dritte Gruppe bündelt das Notieren von Emotionen und Passionen, stellvertretend zu finden

11. bei Sei Shonagon (der einzigen Frau im Buch), die ihre Vorlieben und Passionen z.B. in Listen sammelt,
12. bei Roland Barthes, der in der Trauer seine Erinnerungen an seine Mutter auf Zetteln festhält,
13. bei Fernando Pessoa, der innere Monologe einer erfundenen Figur in Form von Notizen formuliert,
14. bei Elias Canetti, der in seinen „Aufzeichnungen“ genannten Notizen Gedanken konzentriert und zuspitzt,
15. bei Peter Handke, der seine täglichen, poetischen Konzentrationen erfasst.

Zu Formen des „klassischen Notierens“ findet Ortheil ideale Beispiele

16. bei Walter Benjamin, der in klassischer Gelehrtenmanier notierte und exzerpierte,
17. bei Georg Christoph Lichtenberg, der seine Gedanken sammelte wie in kaufmännischen „Sudelbüchern“,
18. bei Robert Gernhardt, der Lichtenbergs Methode aufnahm und zur Feldforschung in fremder Umgebung gebrauchte,
19. bei Paul Valéry, der Morgens früh um Fünf begann, seine Gedankenkreise und Denkwege zu notieren.

Der Ansatz, jeweils einen Autor und seine Art, Notizen zu machen, ist natürlich nicht unproblematisch. Zum einen fällt so natürlich auf, dass weitere berühmte Notizbuchschreiber wie Bruce Chatwin oder Ludwig Hohl nicht einmal erwähnt werden. Das liegt sicherlich daran, dass sie unter eine der neunzehn Ansätze fallen, aber hier wäre es interessant zu lesen, wie Ortheil typologisiert. Letztlich muss man aber zugestehen, dass so ein schmales Büchlein weder Vollständigkeit erreichen kann, noch überhaupt anstreben wird.

Der zweite Einwand ist darum gewichtiger: Auch wenn das Inhaltsverzeichnis klar gegliedert ist und die Systematik über die den Rahmen gebenden Schreibprojekte durchaus funktioniert, fehlt doch ein wenig der methodische Aufbau, wie er in manchen Titeln der von Ortheil etwas despektierlich bezeichneten „Ratgeberliteratur“ zu finden ist. (Eine Bemerkung am Rande: Warum die ersten beiden Gruppierungen „Textprojekte und Schreibaufgaben“ heißen, die letzten beiden aber „Texte und Schreibaufgaben“ leuchtet nicht ein). Ich muss gestehen: Ich hatte erwartet, dass gerade jemand wie Ortheil, mehr Einblick gibt, wie er mit den Notizen weiter umgeht. In „Wie Romane entstehen“ hat Ortheil beispielsweise auf zwei Seiten (S. 40f) ein ganzes Notiz-System skizziert, über das man gerne mehr erfahren möchte. „Schreiben dicht am Leben“ hätte dazu sicher Raum gegeben.

Die Schreibaufgaben, mit denen jedes Kapitel endet, sind im Prinzip methodische Bündelungen des jeweiligen Ansatzes und helfen, den beschriebenen Notizstil zu imitieren. Es sind keine kurzen Übungen, sondern kleine Schreibprojekte über einen längeren Zeitraum. Wer sie alle umsetzen wollte, dürfe damit mehr als einige Monate beschäftigt sein, insbesondere, wenn man die Regel zu Lichtenberg umsetzen will: „Datieren Sie Ihre Aufzeichnungen nicht. Beginnen Sie einfach mit einem Heft A und nummerieren Sie dann ihre Aufzeichnungen durch. Verwechseln Sie das Sudelbuch nicht mit einem Tagebuch. Notieren Sie also nicht ihre Befindlichkeiten, sondern Details, Zusammenhänge und Geschichten, die Ihnen von außen zugetragen wurden oder auf die Sie während Ihrer Lektüren gestoßen sind. Führen Sie Ihre Aufzeichnungen bis zu Ihrem Tod.“ (S. 128f) Das entbehrt zumindest nicht eines feinen Humors.

Mir persönlich hat der Abschnitt IV über das klassische Notieren am besten gefallen, weil er meinen überwiegenden „Schreibprojekten“, nämlichen theologisch-philosophischen Arbeiten und Predigten, am nächsten kommt. Allerdings ist es eher so, dass ich den Abschnitt zum Lesen empfehlen kann – viele neue Hinweise habe ich nicht bekommen. Hier waren es eher kleine Hinweise und Entdeckungen in anderen Kapiteln, die inspirierend sind.

Fazit: Ob es die im Vorwort erwähnte Zielgruppe von Menschen tatsächlich gibt, die ein Notizbuch hat, aber nicht weiß, wozu, sei einmal dahingestellt. Trotzdem ist das Buch zu empfehlen: Zum einen Notizbuchnutzern, die ihre eigene Praxis weiter entfalten, entwickeln, ausbauen möchten, zum anderen allen, die schreiben, aber bislang kein Notizbuch verwenden – denn sie finden hier überzeugend dargelegt, dass das Notieren und Skizzieren eine unverzichtbare Grundform des Schreibens ist. Technisch-pragmatische Hinweise zum Führen eines Notizbuchs gibt es nicht. Insbesondere Predigerinnen und Prediger finden hier aber dennoch einige Anregungen dazu, Beobachtungen, Einfälle, Illustrationen für den einen eventuellen, späteren Gebrauch zu sammeln und täglich an der eigenen Sprache zu arbeiten.
Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
ISBN 3411749113 | 14,95 € | 159 S. [Amazon-Link]

Notizbuch in anthropologischer Betrachtung

Notizbücher können auch für Anthropologen spannend sein. Michael Taussig, australischer Anthropologe mit Lehrstuhl in den USA, hat jedenfalls einen Aufsatz über die Fazination von Notizbüchern geschrieben. Der Notizbuchschreiber Taussig kommt, nach Betrachtung der Praxis anderer Notizbuchschreiber, zu dem Schluss, dass ein Notizbuch nicht einfach ein Werkzeug und Gebrauchsgegenstand ist, sondern ein Fetisch.
Das Heftchen ist als erster Band der Reihe „100 Notes – 100 Thoughts“ als Vorbereitungsband zur Documenta XIII erschienen – und der Preis eine echte Unverschämtheit – da kann ich Christoph Zirkel vom Schreibschrift-Blog nur zustimmen: Der Aufsatz erscheint in deutsch und englisch und umfasst jeweils gerade mal 12 Seiten. Bei einem Preis von 8,- € ist das eine ganze Menge. Im Abo kosten alle Hefte der Reihe 600,- € (!).
Zumindest kann man einen kurzen Blick in das Heft auf der documenta-Seite werfen. Zur Bestellung wird man auf die Verlagsseite weitergeleitet, wo noch einmal Versandkosten ist Höhe von 4,30€ anfallen. Günstiger geht es über Amazon – gleicher Preis, aber versandkostenfrei. Sollte ich mich zum Kauf entschließen, werde ich hier mal noch meine Leseerfahrungen berichten.

Kierkegaards Notizbücher

Zugegeben: 139,35€ sind ein ziemlich happiger Preis – schon für ein gebundenes Buch, aber erst recht als ebook. Aber De Gruyter ist ja jetzt auch nicht gerade für seine gute Preispolitik bekannt. Dennoch wäre es sicher spannend, die 15 Notizbücher Kierkegaards, verfasst zwischen 1835 und 1849, mal genauer zu studieren.

Mir erscheinen gerade Notizbücher zunehmend als besonders spannende Lektüre: Es ist ein bisschen wie bei Skizzen und fertigen Gemälden. Meistens finde ich die Studien interessanter, als die Ausführung selbst. Die Notiz ist grober, unmittelbarer, unausgewogener, angreifbarer. Aber gerade darin liegt die Stärke.
Bis das Buch mal in einer auch für den Hausgebrauch finanzierbaren Form vorliegt, werde ich wahrscheinlich ein Greis sein. Schade drum. Aber vielleicht schaffe ich es ja mal wieder in eine Uni-Bibliothek.
[Info-Link zu De Gruyter]

Zettel in der Schachtel

Wittgensteins Arbeitsweise bestand darin „aus der großen Menge dessen, was er schrieb, kurze, unabhängige Stücke als relativ befriedigend auszuwählen und sie in Gruppen zusammenzuordnen“ (Anscomb und von Wright im Vorwort zu Zettel). In seinem Nachlass fand sich aber auch eine Schachtel mit überwiegend ungeordneten Zetteln, bei denen unklar geblieben ist, wozu Wittgenstein sie gesammelt hat. Es sind zum Teil Fragmente, die die Herausgeber erst ergänzen mussten. Aber das macht diese Zettel so spannend: Sie sind wie kleine Skizzen, die nicht den Wert einer großen Zeichnung haben, aber einen Gedanken erahnen lassen. – Schön ist diesem Zusammenhang das Verb „zusammenordnen“.

Abgelegte Gedanken

Manchmal, wenn ich in alte Notizen schaue, entdecke ich abgelegte und zu unrecht vergessene Gedanken wieder. Oft frage ich mich allerdings auch: Was wollte ich damit sagen? Ich werde zu meinem eigenen Exegeten und wünsche mir, ich hätte mich damals klarer ausgedrückt. Am meisten nerven mich die Passagen, in denen ich ganze Abschnitte lang andere Positionen referiere, ohne zu einer eigenen Aussage zu gelangen. Ich erinnere mich an Gespräche mit Freunden, die meine Dissertation Korrektur gelesen haben und die ihren Finger permanent auf die Stellen gelegt haben, wo sie eine klare Aussage vermissten. Leider sind zahlreiche solcher Stellen in der Arbeit übrig geblieben, weil ich den Gedanken „irgendwie interessant“ fand. Jetzt sehe ich mehr und mehr: Es geht nicht darum, interessante Gedanken zu festzuhalten, sondern klar und knapp zu sagen, warum das interessant ist. Wenn keine klare Aussagen möglich ist, ist das ein deutliches Indiz dafür, dass ich (noch) gar nichts zu sagen habe. Abgelegte Gedanken sind potentielle Gedanken. Vielleicht müssen sie im Kasten reifen.