Einfallsreich argumentieren

Cioffi-Cover„Einfallsreich argumentieren“ wäre der bessere Titel für Frank Cioffis Buch „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren – und würde auch dem englischen Originaltitel The Imaginative Argument eher entsprechen. Zwar kommt das Buch wie eine Einführung ins wissenschaftliche Schreiben daher, aber es lässt sich nicht darauf reduzieren. Wer nicht-fiktionale Texte schreiben will – egal ob Student, Professorin oder Prediger – findet in Cioffis Buch wertvolle Hinweise und Anregungen. Nicht-fiktionale Texte kreativ schreiben heißt für Cioffi originell, überraschend und eben einfallsreich zu argumentieren. Doch an Einfallsreichtum und Vorstellungskraft, so Cioffis These, mangelt es den meisten argumentativen Texten.

Cioffi räumt mit dem alten Missverständnis auf, beim wissenschaftlichen Schreiben gehe es darum Fakten zu reproduzieren. Statt in einem Essay immer nur Bekanntes zu wiederholen, geht es für den amerikanischen Schreiblehrer darum, die „eigenen Gedanken ausarbeiten, eigene Urteile [zu] fällen [..]“ und Texte so zu betrachten „als ob sie aus einer fernen Vergangenheit direkt zu einem sprächen“ (12) Ein Essay sollte sich daher nicht mit Oberflächlichem, Offensichtlichem und Selbstverständlichem befassen, sondern soll „etwas enthüllen, das Sie entdeckt haben“ und „beweisen, dass das, was Sie entdeckt haben, Bedeutung und Resonanz besitzt“(34).

Kernpunkt von Cioffis Ansatzes ist der Umgang mit Thesen: „Die These bildet das Herzstück, das bleiben würde, wenn sie Ihren Aufsatz auf nur zwanzig, dreißig oder vierzig Wörter zusammenstreichen, wenn Sie sie auf ihre Essenz destillieren müssten.“ (75) Die These in einer einfallsreichen Argumentation soll provozieren, interessieren und verblüffen. Sie soll „einem Publikum etwas Komplexes, Interessantes und Neues vermitteln, noch bevor das Publikum sie wirklich versteht. Der Text, der aus einer solchen These entsteht, wird die Erklärung bieten […]“. (80)

Die Erklärung, die der Text bietet, macht den eigentlichen Inhalt des Essays aus. Die These bildet den roten Faden der Argumentation und sie läuft am Ende auf etwas hinaus, was Cioffi die Delta-These nennt – eine durch Beispiele gestützte wie durch Gegenargumente veränderte These. Die einzelnen Argumentationsschritte bilden dabei im Kleinen die Grundstruktur von These, Hauptteil und Schluss ab: Jeder Absatz ist „eine Art Miniaufsatz“ mit eigener These (Hauptaussage genannt) und Delta-These. Durch diese Struktur bekommt der ganze Aufsatz etwas dynamisches und immer weiter nach vorne drängendes. Die These wird also nicht einfach nur erklärt, sondern tatsächlich entwickelt und entfaltet – bis zur überraschenden Schluss-Folgerung.

Die Dynamik dieses einfallsreichen Argumentierens entsteht aus einer dialogischen Grundhaltung: Eine These wird in „Auseinandersetzung mit einem Publikum„ (83) entwickelt, und zwar indem der Essayschreiber zum einen Fragen aufwirft aber auch sensibel mögliche Erwartungen und entstehende Fragen des Publikums aufnimmt, provisorische Antworten gibt und diese wieder im Wechsel von Frage und Antwort weiter treibt. Das dialogische Denken erfordert eine skeptische Haltung auch gegen sich selbst: „Hinterfragen Sie, was Sie tun, was Sie geschrieben haben, welche Argumentationswege Sie eingeschlagen haben,“ rät Cioffi, „Denken Sie ernsthaft darüber nach, welche Einwände man gegen Ihre Gedanken haben, welche Gegenbeispiele es geben könnte und wie Sie Ihren Standpunkt modifizieren, sich selbst verteidigen können.“ (258) So entsteht eine Dynamik, die das Publikum genauso überraschen kann wie den Autor.

Nicht nur Studentinnen und Professoren können von Cioffis sehr praxisorientieren Überlegungen profitieren, auch für Pastorinnen und Prediger ist das Buch überaus hilfreich. Zwar deutet sich an einer Stelle an, dass Cioffi Predigen für das genaue Gegenteil von dem hält, was er vorschlägt (für ihn heißt Predigen einem freundlich gesinnten Publikum einen paar Selbstverständlichkeiten zu sagen; vgl. S. 47), aber hier wäre eher zu fragen, ob ein solches Predigen nicht defizitär ist. Wenn Predigen im Unterschied zu Cioffis Nebenbemerkung im Kern das Weitersagen einer neuen, überraschenden und auch provokanten Botschaft ist, dann wird es nicht überraschen, dass sich viele Überlegungen Cioffis unmittelbar auf das einfallsreiche Predigen übertragen lassen. Sicherlich geht Predigt nicht allein in Argumentation auf, doch macht das Argumentieren für eine Aussage doch einen wesentlichen Anteil aus. Dabei kann insbesondere der dialogische Ansatz für die oft recht monologische Predigt sehr inspirierend sein. Darüber hinaus deutet Cioffi in einem kleinen Exkurs über „kreative Nonfiction“ an, wie auch der lyrische und narrative Essay von den Grundgedanken des einfallsreichen Argumentierens profitieren kann. Auch wenn Prediger also nicht zur Zielgruppe gehören: Sie können als Leser nur von der Lektüre profitieren.

Fazit: „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren“ ist eine hervorragende Anleitung in das Entwickeln und Schreiben nicht-fiktionaler Texte wie wissenschaftliche Aufsätze und auch Predigten. Das Buch bietet eine praktische Anleitung zum einfallsreichen Argumentieren und kann dabei helfen, einen eigenen Standpunkt zu finden und klar, verständlich und am Ende auch überzeugend zu formulieren.

Cioffi, Frank L.: Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren,
Berlin : Autorenhaus 2006. ISBN3-86671-004-6| 16,80 € | 305 Seiten

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Kreatives Handwerk

Gesing-Cover: Kreatives SchreibenFritz Gesings Einführung in das Kreative Schreiben gehört mittlerweile zu den deutschsprachigen Klassikern: Nicht weil er eine besondere Methode vorstellt, sondern weil er tatsächlich in das Metier einführt und sich das Buch – wie jede gute Einführung – später hervorragend als Nachschlagewerk eignet. Geprägt ist die Einführung durch amerikanische Creative-Writer, deren Ansätze Gesing vorstellt, sowie durch zahlreiche Beispiele aus der Weltliteratur, auf die Gesing zum Weiterlesen verweist oder aus denen er zur Illustration des Geschilderten zitiert. In grauen Kästen hervorgehoben sind die praktische Hinweise und Anleitungen, die man vor allem dann zu schätzen lernt, wenn man das Buch als Nachschlagewerk nutzt.

Das Buch wendet sich vornehmlich an den Anfänger im Kreativen Schreiben erzählender Prosa und will nach Selbstaussage sowohl zum Selbststudium wie als begleitende Lektüre eines Workshops geeignet sein. Dieser Einschätzung kam man ohne weiteres zustimmen: In zehn Kapitel stellt Gesing Grundsätze der Charakter- und Handlungsentwicklung, der Erzählperspektive, der Erzählweise und der Überarbeitung vor. Dabei werden auch typische Fragen wie der Umgang mit Schreibhemmungen, mit Erzählproblemen und der sprachlichen Gestaltung angesprochen. Das alles geschieht knapp und präzise, wie es für eine Einführung sein muss. Wer einen vertieften Einstieg in bestimmte Fragestellungen wünscht, findet im ausführlichen und gut gegliederten Literaturverzeichnis entsprechende Hinweise.

Wer schon viele Bücher zum Kreativen Schreiben kennt, wird bei Gesing zwar nicht viel Neues finden, aber das vorbildliche (weil übersichtliche) Layout und die knappe Darstellung lassen das Buch schon bald zu einem oft genutzten Nachschlagewerk werden. Dem dient auch das gute Sachregister, das nicht nur die Hauptstichworte nennt, sondern von Unterpunkten auf die zentralen Stichworte verweist und verwandte Stichworte nennt.

Vergleichbar ist das Buch mit Otto Kruses „Kunst und Technik des Erzählens“.  Kruse legt mehr Gewicht auf die praktischen Übungen und führt stärker durch das Buch, weshalb es sich stärker als Übungsbuch zum Selbststudium eignet. Gesings Schwerpunkt liegt auf der Darstellung, die einzelnen Abschnitte wirken in sich geschlossener (was den Charakter eines Nachschlagewerkes unterstreicht) und das Layout ist übersichtlicher.

Fazit: Fritz Gesings „Kreativ Schreiben“ ist eine sehr gute, solide Einführung in das kreative Schreiben erzählender Texte. Aufbau, Layout und Knappheit der Darstellung machen das Buch auch zu einem guten Nachschlagewerk. Obwohl es sich ausdrücklich an Anfänger wendet, lohnt sich auch für erfahrende Schreiber ein Blick in das Buch. Predigerinnen und Prediger erhalten einen guten Einblick in das Thema und werden immer wieder auf inspirierende Hinweise für die Predigtpraxis stoßen, die über de erzählende Prosa hinaus aus für die Predigtpraxis hilfreich sind.

Gesing, Fritz: Kreativ schreiben. Handwerk und Techniken des Erzählens, Köln 2004.
ISBN 3-8321-7472-9 (Neuausgabe) | 9,95 € | 259 Seiten

Bis auf die Knochen

Goldberg-Cover: Schreiben in CafésWriting down the bones von Natalie Goldberg gilt als Klassiker der Kreativ-Schreiben-Literatur. Das zunächst unter dem Titel „Der Weg des Schreibens“ auf Deutsch veröffentlichte Buch liegt mittlerweile unter dem Titel „Schreiben in Cafés“ als Neuauflage vor. Es handelt sich um eine lockere Sammlung von Schreibempfehlungen, die um den Zentralgedanken kreisen „Vertrau auf das, was du liebst, und es wird dich dorthin bringen, wo du hingehen musst.“ Beeinflusst sind ihre Empfehlungen durch den Zen-Buddhismus. Beim Schreiben „bis ins Mark vordringen“ (16) ist das Ziel ihres Ansatzes.

Die 64 Kapitel des Buches sind im lockeren Plauderton geschrieben. Ein Durchlesen von vorne nach Hinten ist nicht nötig. Oft umfassen die Kapitel nicht mehr als ein oder zwei Seiten. Interessant, um ein wenig in dem Buch zu stöbern.

Goldberg stellt keine Methode im engeren Sinne vor. Sie will dazu anregen ins Schreiben zu kommen, indem man einfach losschreibt und die Hand in Bewegung hält. Ihre Empfehlung: Einfach billige Spiralhefte und einen gut schreibenden Stift besorgen und Kladde um Kladde füllen. Dazu formuliert Goldberg sechs Regel:

„1. Halten Sie Ihre Hand in Bewegung. […]
2. Streichen Sie nichts. […]
3. Kümmern Sie sich nicht um Rechtschreibung, Zeichensetzung oder Grammatik. […]
4. Lassen Sie sich gehen.
5. Denken Sie nicht. Versuchen Sie nicht, logisch zu sein.
6. Weichen Sie dem wunden Punkt nicht aus. […]“

Goldberg meint nicht, dass dadurch bereits große Literatur entstünde. Es geht gar nicht um große Literatur. Jedenfalls nicht im Prozess des Schreibens. Das mag später kommen, wenn die Texte gesichtet und überarbeitet werden. Nicht aber während des Schreibens. Hier geht es darum, sich dem Schreibfluss anzuvertrauen und zu schreiben, was einem in den Sinn kommt. Eine Zensur findet nicht statt.

Anders als z.B. beim Freewriting gibt es keine weiteren Regeln. Letztlich ist alles erlaubt, was ins Schreiben bringt. Die Ausführungen von Natalie Goldberg haben hier nur den Rang von Tipps und Tricks: Was bei dem einen funktioniert, muss bei dem anderen noch lange nicht das Schreiben fördern. Die öfter wiederholte Empfehlung in Cafés zu schreiben (worauf der Titel verweist) ist eine persönliche Erfahrung von Goldberg und Freundinnen. Ob es ein Ort ist, an dem auch der Leser ins Schreiben kommt, muss es letztlich ausprobieren. Das ist einer der sympathischen Züge an Goldbergs Ansatz: Es gibt keinen Königsweg zum Schreiben, außer das Schreiben selbst. Goldberg gibt Hinweise und Anregungen sich auf den „Weg des Schreibens“ zu machen: „Es ist wichtig, dass Sie eine Methode entwickeln, wie Sie mit dem Schreiben beginnen: sonst wird der Abwasch – oder alles andere, das Sie von Schreiben ablenkt – plötzlich zu wichtigsten Sache der Welt. Eigentlich muss man nur den Mund halten, sich hinsetzen und – schreiben.“ (40)

Interessant sind die religiösen Implikationen des Buches: Schreiben wird selbst zu einer religiösen Erfahrung. An manchen Punkten wird der Prediger, der sich nicht vom Zen-Hintergrund irritieren lässt, auch viel über seine eigene Erfahrungen lesen können. Oft lässt sich diese Erfahrung bereits dadurch sichtbar machen, dass man statt „Schriftsteller“ jeweils „Prediger“ liest. Dieser religiöse Hintergrund hatte bei der Erstauflage dazu geführt, dass der Verlag das Buch in der Esoterikecke verortet hat. Auch der alte Untertitel suggerierte diesen Bezug. Goldberg geht es aber nicht in erster Linie um Selbsterkenntnis, für die sie sich das Schreiben zu Nutze machte, sondern um das Entdecken der eigenen Stimme und Sprache.

Fazit: „Schreiben in Cafés“ ist eine Sammlung von kurzen Tipps und Reflexionen zum Schreiben. Eher ein Buch zum Stöbern als zum Durchlesen. Wer schon viele andere Schreibbücher kennt, wird hier nicht unbedingt viele Neuigkeiten lesen. Aber es ist erfrischend und ermutigend, dass Goldberg keine umfangreiches Instrumentarium anbietet, sondern immer nur auf das Wesentliche rekurriert: Lust und Spaß am Schreiben zu jeder Gelegenheit und über jedes Thema.

Goldberg, Natalie: Schreiben in Cafés, Berlin: Autorenhaus 2003.
ISBN 3-932909-65-8 | 14,– € | 200 Seiten
(2. Auflage: 16,80 €)  [Amazon-Link]

Die Kunst des Zettelkastens

Der Titel „Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu schreiben“ von Jack Bickham führt in die Irre. Allerdings ist auch der Originaltitel nicht besser: „Writing the Short Story. A Hands-On Program“. Denn die praktische Anleitung erweist sich sehr sperrig: Zwar liefert das Buch ein ausführliches Schritt-für-Schritt-Programm, doch bis man ins Schreiben kommt, vergeht viel Zeit, während der sich zwar der eigene Zettelkasten füllt. Der Spaß am Schreiben kann einem aber unterwegs verloren gehen. Anders als die meisten Schreibbücher vermittelt Bickham vor allem den Ernst und die Mühen des Schreibens. Da wundert es nicht, dass Bickham unablässig zu aufmunternden Worten greift: „Verlieren Sie nicht den Mut!“ – Am Ende, so Bickhams Versprechen, zahlt sich die Mühe aus.

Bickhams Methode beruht auf dem guten, alten Zettelkasten. Da Bickham davon ausgeht, dass eine angehende SchriftstellerIn über keinen prallen Zettelkasten verfügt, besteht der erste Teil des Buches vor allem mit Aufforderungen, Karteikarten zu beschriften: 5 Karten hierzu, 10 dazu, 20 zu noch etwas anderem. Wer sich darauf einlässt, verfügt am Ende des Programms über einen ansehnlichen Grundstock für seinen neuen Zettelkasten.

Bickham zeigt, wie dieser Zettelkasten zum Einsatz kommen kann: Bei der Figurenentwicklung, der Ortsbeschreibung, der allgemeinen Recherche und dem Entwurf einer Grundstruktur für eine Geschichte (Plotting). Auch hierbei weicht Bickham von vielen anderen Kreativitätsbüchern ab: Erst wenn eine solide Vorarbeit und das Gründgerüst der Geschichte steht, sollte man mit dem Schreiben beginnen, lautet im Kern sein schriftstellerisches Credo. Die am Anfang mit Mühe erstellten Karteikarten helfen am Ende, eine Geschichte detailliert zu konzipieren und auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Beim Schreiben selber hilft dies, den roten Faden im Auge zu behalten.

Dabei ist es am Ende unwichtig, ob man eine Short Story oder einen Roman schreibt. Das ist letztlich auch der Grund, warum der Titel irreführend ist: Es geht dem Autor nicht um eine praktische Einführung in die Kunst der amerikanischen Short Story, sondern um einen pragmatischen Weg zum Schreiben, der immer wieder deutlich macht, dass Schreiben Arbeit ist. Aber eine lernbare Arbeit.

Das Buch ist kein Buch für Anfänger. Es ist vielmehr ein Buch für jene Menschen, die an ihren bisherigen Schreiberfahrungen gescheitert sind. Ihnen zeigt Bickham einen gangbaren, aber steinigen Weg zur ersten längeren Geschichte. Dass Bickham dennoch eine Reihe von Grundfragen der Figurenentwicklung, des Plottings etc. anspricht, gehört zu den Schwächen des Buches: Für Anfänger sind die Hinweise zu oberflächlich, die Beispiele zu wenig anschaulich; wer hingegen mit den Grundbegriffen schon vertraut ist, liest darüber schnell hinweg. Mit der Konzentration auf eine Lesergruppe und einer pointierteren Darstellung der Karteikartenmethode hätte das Buch deutlich gewonnen.

Diese Beurteilung wirkt sich auch auf die Einschätzung aus, dass Predigerinnen und Prediger nur begrenzt von einer Lektüre profitieren werden: Wer nicht mit einem Zettelkasten arbeitet und eigentlich auch gar nicht weiß, was das ist und wozu er nützt, bekommt seine Einsatzmöglichkeiten am Beispiel fiktionaler Geschichten vorgeführt; es wird nicht schwer fallen, die Methode auf die homiletische Praxis zu übertragen. Wer den Zettelkasten kennt und damit arbeitet – selbst in seinen rudimentärsten Formen – wird nur dann und wann einen inspirierenden Hinweis finden.

Fazit

Bickhams Buch ist eine praktische Anleitung zur Entwicklung und zum Gebrauch des Zettelkastens als schriftstellerische Methode. Eine spezielle Einführung ins Schreiben amerikanischer Short Stories ist es weniger. Hilfreich dürfte das Buch besonders für jene sein, die über das impulsive Schreiben nicht hinauskommen und nach einer systematischen Schreibmethode suchen. Für PredigerInnen ist das Buch zumindest als Anleitung für den Gebrauch eines Zettelkastens interessant.

Bickham, Jack M.: Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen, Frankfurt a.M. 2002. ISBN 3-86150-462-6 (nur bei zweitausendeins) | € 12,75 / 221 Seiten

Natürlich schreiben lernen

Rico-Cover: Garantiert schreiben lernen„Garantiert schreiben lernen“ ist eines der Standardwerke des Kreativen Schreibens – und teilt dabei das Schicksal andere Standardwerke: Man kennt die darin entwickelte Methode, das sog. Clustering, aus Kurzdarstellungen in der Sekundärliteratur, nicht aber den Primärtext. Dabei ist dieses Buch selbst bereits ein ausgezeichneter Schreibkursus, der sich auch gut zum Selbststudium eignet. Das vorgestellte Verfahren dient nicht allein dem Zweck des Schreibens: Clustering ist eine Grundmethode für jede schöpferische Arbeit und dient insbesondere der Ideenfindung und ersten Konzipierung.

„Natürlich schreiben“ wäre die angemessenere Übersetzung für Gabriele L. Ricos Buch „Writing the natural way“ – auch weil es Konzeption und Anspruch klarer auf den Punkt bringen würde.. Ähnlich dem MindMap-Verfahren von Tony Buzan (mit dem es häufig verwechselt wird) geht das Clustering konzeptionell von der These aus, dass Kreativität aus der Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften entsteht: Begriffliches und bildliches Denken ergänzen demnach sich wechselseitig. Wer auf Verfahren zurückgreift, die bei der schöpferischen Arbeit beide Gehirnhälften beanspruchen, hätte damit – so die Grundthese – methodisch den Schritt hin zu einem größeren, kreativen Potential bewältigt. Dazu ist prinzipiell jeder Mensch in der Lage. Das also ist der Anspruch: Schreiben ist natürlich lernbar.

Bei Clustern entstehen Verknüpfungen und Verbindungen, die – so die Grundthese – den Verknüpfungen und assoziativen Verbindungen des Gehirns entsprechen Deshalb ist schöpferisches Denken nicht linear, sondern verzweigt. Das Cluster macht dieses Verzweigungen sichtbar. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, aus vereinzelten Informationen Gesamtbilder herzustellen. Das macht sich das Clusteringverfahren konzeptionell zu nutze: Die sichtbar gemachten Verzweigungen lassen dem Gehirn Raum, Verbindungen und Zusammenhänge zu konstruieren, die  bei einem rein linearen Vorgehen undenkbar geblieben wären.

Man muss diesen Vorannahmen nicht zustimmen, um mit dem Verfahren zu überraschenden Ergebnissen zu gelangen. Rico äußert sich in ihrem Buch ausführlicher zu den Annahmen über die Arbeitsweisen des Gehirns (Kap. 4), ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Im Vordergrund stehen zahlreiche Anwendungsbeispiele. Was das Buch trotz der Kurzbeschreibungen der Methode, die zahlreich in anderen Schreibbüchern und im Internet vorliegen (auch auf dieser Seite: Clustern – Schritt für Schritt), lesenswert macht, ist die Darstellung der Clustering im Rahmen einer Gesamtkonzeption des Kreativen Schreibens. Dies reicht von ersten Assoziationen über die Herausarbeitung eines roten Fadens bis hin Überarbeitung.

Als Kurs zum Selbststudium ist „Garantiert schreiben lernen“ insofern geeignet, als das Buch und die darin vorgestellte Methode von den ersten Versuchen an unmittelbar auf die Textproduktion zielt und schon früh mit ersten Erfolgen weiter lockt.  Wer allerdings nur an einer kurzen Darstellung der Methode interessiert ist oder eine Methodenvielzahl erwartet, wird enttäuscht sein: Für die einen ist das Buch zu ausführlich, für die anderen methodisch zu eng.  Andererseits ist die Methode für das Kreative Schreiben und darüber hinaus von so fundamentaler Bedeutung, dass ein Durcharbeiten des Buches ein lohnenswertes Projekt ist. Das nicht zuletzt deshalb, weil die Methodik selbst eine äußert differenzierte Anwendung erlaubt.

Fazit: „Garantiert schreiben lernen“ von Gabriele Rico ist ein empfehlenswerter Grundkurs im Kreativen Schreiben, der ausschließlich auf die Methode des Clustering setzt und dabei alle Feinheiten der Methode demonstriert. Vorkenntnisse werden nicht erwartet, deshalb eignet sich das Buch gut als Einstieg. Wer bereits mit anderen Methoden vertraut ist, wird hier eine solide Darstellung einer Grundmethode finden. Predigerinnen und Prediger werden mit einer Methode belohnt, die sich für das Predigtschreiben ebenso eignet wie für die Konzeptionen von Unterrichtsstunden und das kurze Entwerfen von Andachten.  Allerdings sollte man sich das Durcharbeiten wirklich vornehmen: Zum gelegentlichen, inspirierenden Stöbern eignet sich das Buch nicht.

Rico, Gabriele L.: Garantiert schreiben lernen. Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs, Reinbek bei Hamburg 2004.
ISBN 3-499-61685-8 (Sonderausgabe) | 12,99 € | 304 Seiten [Amazon-Link]

Die Kunst des Erzählens verstehen

Sybille Knauss‘ „Schule des Erzählens“ ist – wie der Untertitel zu Recht verspricht – ein Leitfaden. Kein Handbuch und kein Schreibkurs. Man wird viele gute und nützliche Hinweise für die eigene Schreib- und Erzählpraxis finden, aber nur wenige methodische Hinweise. Aber das ist auch gar nicht Aufgabe und Anspruch des Buches. Denn als Leitfaden will es zunächst einmal nur in die auf den ersten Blick unübersichtliche Welt des erzählenden Schreibens einführen. Mythen und Erzählperspektive, Kunst der Beschreibung und das Problem realistischer Schreibvorbilder, die Entwicklung von Charakteren und Dialogtechnik, sowie das Plotten und Entspinnen eines Handlungsfadens sind die Kernpunkte der vier Kapitel und vier Exkurse.

Das schmale Taschenbuch (174 S.) ist eine der besten Einführungen in die Kunst des Erzählens, die es gibt. Oder besser: Die es gab. Denn leider, leider ist das Buch zur Zeit vergriffen. Anders als viele Bücher über das Schreiben ist diese Schule des Erzählens selbst wunderbar geschrieben – humorvoll, schlicht und kenntnisreich. Dabei gelingt es Sibylle Knauss nicht nur, Spaß am Erzählen zu wecken. Mit leichter Hand stellt sie am Beispiel bekannter Geschichten deren erzählerischen Kern heraus – und schärft so den Blick zu für das, was beim Erzählen geschieht.

Der Begriff der Erzählung ist weit gefasst: „Erzählen bedeutet eine bestimmte Sichtweise auf das Leben.“ (S. 7). Es ist nicht nur eine Frage des schreibenden Erzählens. Knauss nimmt sämtliche Formen zeitgenössischen Erzählens in den Blick und ihr Ansatz lässt sich leicht auf alles übertragen, was mit der erzählerischen Sicht auf das Leben zu tun hat: Literatur, Theater, Film, Musik und letztlich auch Predigt.

Predigt? Ja tatsächlich. Knauss gelingt es nicht nur, religiöse Erzählstrukturen in Bibel und Populärkultur anschaulich werden zu lassen. In beeindruckender Weise (weil von leichter Hand vorgeführt) verdeutlicht sie besser als mancher Prediger, was gute Predigt sein könnte. Etwa durch den ersten Exkurs über das Verhältnis von Autor und Text: Ich habe noch kein theologisches Buch gelesen, das die Frage von Rechtfertigung und Selbstrechtfertigung so klar auf den Punkt bringt.

Fazit

Wer das Buch gelesen hat, wird sich wirklich eingeführt wissen in die Welt des Schreibens. Selbst jene, die sich schon länger mit der Thematik befassen, werden das Buch mit Gewinn lesen. Wie es bei einer guten Einführung ist, wird man das Buch von Zeit zu Zeit wieder zur Hand nehmen. Zum Beispiel um sich neu für den erzählerischen Blick auf die Welt inspirieren zu lassen. Knauss Schule des Erzählens gehört unbedingt in die Hausbibliothek.

Knauss, Sibylle: Schule des Erzählens. Ein Leitfaden, Frankfurt
a.M. 1995. ISBN 3-596-12885-4 |DM 16,90
(
Neuauflage im Autorenhaus-Verlag: 14,80€ ISBN 3866710119)

Gesammelte Allgemeinplätze

In der Tat spricht der Wilhelm Ruprecht Frieling in seinem schmalen Buch (162 S.) „über die Kunst des Schreibens“ – ohne aber wirklich in diese Kunst einzuführen. Es ist dem Autor zuzugestehen, dass es ihm erklärtermaßen nicht um Schreibtechnik geht. Ihm geht es um „Wege, wie man als Autor bewußt zu sich selbst findet“, womit Frieling „wesentliche Grundlagen für die Aneignung der Kunst des Schreibens“ (S. 128) angesprochen zu haben glaubt. Als selbst diesen Anspruch holt das Buch nicht ein.

In vier Hauptkapiteln (Jeder kann schreiben; An der inneren Mauer; Kraftquell Unterbewußtsein; Die Begegnung mit dem Leser) sowie einem kurzen Anhang, der aber vor allem Eigenwerbung des Autors und Verlegers enthält findet der interessierte Leser nur wenig konkrete Schreibhinweise und -reflexionen. Frieling belässt es dabei, neben verschiedenen Allgemeinplätzen über das Schreiben eine Vielzahl von Zitaten zusammen zu stellen und zu kommentieren. So überrascht es nicht, dass die Kernthese des Buches selbst ein Allgemeinplatz ist: „Jeder, der Autor werden möchte, hat die Chance, dies zu tun.“ (S. 30)

Nun könnte man diese These einfach als richtig stehen lassen – würde sie in Frielings Buch nicht eine doppelte Funktion haben. Denn Frieling schreibt nicht nur als Autor, der anderen Autoren helfen will, selbst ins Schreiben zu kommen. Er ist zugleich Gründer des Privatverlags Frieling – auf der Suche nach Autoren, die bereit sind, für die Veröffentlichung ihres Werkes zu zahlen. Dadurch erhalten die dürftigen Bemerkungen über das Schreiben einen unangenehmen Beigeschmack.

Das unterstreicht erst recht der Schluss des Buches. Dort findet sich nämlich das Verlagssignet des Frielingverlages, dem der Absatz vorausgeht: „Jeder Autor braucht einen Verleger. […] Das Buch […] ist seit Jahrhunderten das Gefäß des Schriftstellers. Darum sollte kein Preis zu hoch sein, das Ziel zu erreichen: das eigene Buch.“ Wollen wir wenigstens hoffen, dass die Preise des Verlags angemessen sind.

Fazit

Frielings „Über die Kunst des Schreibens“ kann für gänzlich unbeleckte Neu-Autoren ein Einstieg in die Materie sein, wenn man nicht allzu hohe Erwartungen an das Buch stellt (wie sie der Klappentext wecken kann). Der Preis von 10 € (20 DM) wäre für das Buch selbst angemessen – wenn es sich nicht um eine als Ratgeber getarnte Verlagswerbung handelte.

Frieling, Wilhelm Ruprecht: Über die Kunst des Schreibens. Wie Autoren unbewußte Kräfte besser nutzen, Berlin 1994. ISBN 3-890-09700-6 | 10€ / 162 Seiten

SchreibWEG zu sich selbst

Jürgen vom Scheidt gehört mit Lutz von Werder zu den Protagonisten des Kreativen Schreibens in Deutschland. Und wie bei Werder ist auch Scheidts Ansatz durch eine enge Verbindung von Schreibmethodik und Schreiben als therapeutischem Instrument gekennzeichnet. Scheidts „Kreatives Schreiben“ ist eine Einführung in seinen Ansatz. Es ist eher ein Buch über Kreatives Schreiben als eine Anleitung zu bestimmten Techniken.

Kreatives Schreiben ist für Scheidt „kontinuierliche Selbsterfahrung“ (13), allerdings nicht im Blick auf eine solipsistische Übung, sondern immer auf eine kommunikative Situation. Als ‚kontinuierliche Selbsterfahrung‘ ist Schreiben das „ideale Medium für die Selbsterkenntnis, Meditation und Psychotherapie“ (15). Aber es geht weit darüber hinaus. Denn Schreiben ist die wichtigste Kulturtechnik, weil es zum einen das nur Gedachte oder Gesprochene dauerhaft archivierbar macht, zum anderen aber selbst ein Denkwerkzeug ist. Der methodische Aspekt ist dabei nicht zu vernachlässigen, denn als Arbeitshilfe dient das kreative Schreiben dem Abbau von Schreibblockaden, die oft im Zusammenhang mit dem eigenen Schreibenlernen entstanden sind. Alle drei Aspekte zielen darauf, Schreiben als Kulturtechnik zu entdecken, zu wahren und zu fördern.

Als Zielgruppe für sein Buch hat Scheidt jene im Blick, die Schreiben wollen, müssen oder gerne würden – aber eben jene Schreibblockaden erleben. Dadurch erklärt sich auch der oftmals aufmunternde, ermutigende Tonfall Scheidts.

Er gliedert sein Buch in drei Teile:

1. W.issen von der verborgenen Macht des Schreibens

2. E.rfahrung des Schreibvorgangs selber

3. G.estaltung von (aufgeschriebenen) Erfahrungen (18).

Alles drei bildet den WEG des Schreibens, der selbst – leider kann Scheidt dem Verweis auf den abgedroschenen Spruch nicht vermeiden -das Ziel ist. Man kann sich aber mit Scheidt ganz gut auf diesen Weg machen: Scheidt geht mit humorvoller Distanz gerade mit dem therapeutischen Aspekten seines Ansatzes um und verfällt nicht in den Ernst eines Lutz von Werder. Die Beispiele sind anschaulich gewählt und illustrieren die Bandbreite des Einsatzes kreativer Schreibmethoden.

Fazit

Jürgen vom Scheidts „Kreatives Schreiben“ ist eine Einführung insbesondere in die deutsche Variante des Kreativen Schreibens. Diese Einführung gelingt dem Autor gut und leicht verständlich. Im Mittelpunkt steht dabei das Schreiben als Medium der Selbsterfahrung. Das Buch bietet eine Fülle von Beispielen, wo kreative Schreibeinsätze sinnvoll möglich sind. Wer allerdings eine praktische Anleitung zum Kreativen Schreiben sucht, ist mit dem Buch falsch beraten.

vom Scheidt, Jürgen: Kreatives Schreiben. Texte als Wege zu sich selbst und zu anderen, Frankfurt a.M. 1990. ISBN 3-596-24611-3 | DM 16,80 / 230 Seiten
(Neuauflage: Buch & Media 2006. ISBN 3865202101 | 19,90€ | 216 Seiten) [Amazon-Link]

Grundmethoden – schnörkelos erklärt

Kurz und schnörkellos stellt Lutz von Werder in Brainwriting & Co Grundmethoden des kreativen Schreibens v.a. non-fiktionaler Texte vor. Jedes Kapitel ist mit einer Einführung, erläuternden Grafiken und Übungen versehen. Übersichtlicher und bündiger geht’s kaum noch. Dabei sind die Erläuterungen so präzise gefasst, dass trotz der Knappheit alles notwendige behandelt wird.

Obwohl sich das Buch laut Untertitel an Schüler und Studenten wendet, ist der Adressatenkreis größer: Neben Lehrern und Dozenten werden alle beruflich Schreibenden von den vorgestellten Methoden profitieren. Das gilt insbesondere für Prediger. Wer noch nie mit den vorgestellten Methoden gearbeitet hat, wird gut eingeführt. Wer schon einige Erfahrung hat, wird das schmale Buch als Handbuch zu schätzen wissen.

Natürlich sind die Methoden prinzipiell auch für das Schreiben fiktionaler Texte zu gebrauchen und zum Teil dafür entwickelt. Dies tritt hier aber hinter den erklärten Zweck zurück, kreative Methoden für ein Lernumfeld vorzustellen.

Die Methoden sind in zwei Gruppen aufgeteilt:

„Befreiende Schreibmethoden“ (Free- und Brainwriting, automatisches und meditatives Schreiben, Clustering, MindMapping)

und „geregelte Schreibmethoden“ (Journalschreiben, autobiografisches, rhetorisches und metaphorisches Schreiben, Modelling).

Fazit

Eine hervorragende, praxisorientierte Einführung in das kreative Schreiben non-fiktionaler Texte. Die ausgewählten Methoden sind Grundmethoden für ein kreatives Arbeiten in unterschiedlichen Zusammenhängen. Prediger/innen, die nach einer verständlich geschriebenen Einführung suchen, die schnell auf den Punkt kommt und für die alltägliche Praxis relevant ist, sei dieses Buch ausdrücklich empfohlen.

Werder, Lutz von: Brainwriting & Co. Die 11 effektivsten Methoden des kreativen Schreibens für die Schule und das Studium, Berlin 2002.
ISBN 3-928878-83-2 – 10 € | 170 S. [Amazon-Link]

Ein weites Feld

Lutz von Werders Lehrbuch ist ein umfassendes Kompendium zum kreativen Schreiben. Der Autor will mehrere Zielgruppen ansprechen: Interessenten am Kreativen Schreiben ohne jede Vorkenntnisse ebenso wie (Fern?)Studenten, Leiter von Schreibgruppen ebenso wie deren Teilnehmer. Es dürfte schwierig sein, alle diese Zielgruppen zu befriedigen. Meine Einschätzung ist: Das Lehrbuch richtet sich vorwiegend an jene, die selbst zu Methoden des kreativen Schreibens anleiten wollen, etwa im schulischen Unterricht, in Schreibkursen oder der Erwachsenenbildung. Hierfür ist es ein unentbehrliches Handbuch.
Das Lehrbuch führt in theoretische und praktische Konzeptionen ein und ist dabei so übersichtlich gestaltet, dass es als wissenschaftliche Einführung, Nachschlagewerk und Ideebörse genutzt werden kann. Wer sich schon einige Zeit mit der Praxis des Schreibens befasst und sein wissen vertiefen möchte, findet hier ausführliches Lehr- und Studienmaterial. Wer aber ganz unbedarft eine praktische Anleitung sucht, wird vermutlicht enttäuscht sein. Dafür sind die praktischen Anleitungen – auch wenn sie zahlreich sind – zu knapp und die theoretischen Ausführungen zu detailliert.
Teil I des Lehrbuches führt in die Geschichte und theoretischen Hintergründe der unterschiedlichen Konzeptionen Kreativen Schreibens ein. Dabei wird schnell deutlich, dass Werders Sympathien der „neuen deutschen Schreibbewegung“ gelten. Das führt im gesamten Lehrbuch dazu, dass ihm ein – im negativen Sinn – sozialpädagogischer, therapeutischer und psychologistischer Impetus zu eigen. Ein Schuss Pragmatismus des Creative Writing hätte dem Lehrbuch gut getan. Allerdings ist der Autor ja auch Dozent an der Berliner Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Wer sich aber von dem Jargon nicht stören lässt, wird mit einer guten Darlegung der unterschiedlichen Ansätze belohnt. Insbesondere die jeweils kurzen Darstellungen einzelner Kreativitäts- und Schreibmethoden sowie die Einführung in komplexere Schreibprozesse und -projekte sind gut und übersichtlich geraten. Sie machen einen Großteil des ersten Teils aus und allein deshalb lohnt die Anschaffung des Buches. Denn eine vergleichbare Zusammenstellung gibt es im deutschsprachigen Raum nicht.
Besonders gut gefällt mir, dass sich Werder dabei nicht ausschließlich auf Lyrik und fiktionale Prosa beschränkt, sondern auch das non-fiktionale Schreiben einbezieht. Denn gerade das scheint mir ein Manko der deutschen Schreibbewegung zu sein: Dass sie diesen Bereich eher vernachlässigt hat. Werder räumt ihm zwar keinen großen Raum ein und seine Ausführungen zum philosophischen Schreiben sind eher problematisch – aber Werder nimmt das Problemfeld in den Blick. Er macht damit deutlich, dass auch das non-fiktionale Schreiben für kreative Ansätze offen ist.
Teil II des Buches widmet sich umfassend der „Poesiepädagogik“. Hier findet der Schreiblehrer theoretische Analysen der Schreibpraxis und pragmatische Hinweise zur Anleitung von Schreibgruppen und Durchführung von Schreibseminaren. Die Darstellung ist profund und praxisorientiert. Es ist eine Stärke des Lehrbuches, dass es die pädagogischen Chancen, die in den kreativen Schreibmethoden stecken, deutlich aufzeigt. Wünschenswert wäre allerdings, wenn der zweite Teil des Lehrbuches zumindest am Rande auf den unterrichtlichen Einsatz eingehen würde. Zwar lassen sich viele der Ausführungen problemlos auf die Unterrichtspraxis übertragen, aber das Problem von Schreibhemmungen ist beispielsweise im Unterricht anders gelagert als in Gruppen von Erwachsenen, die sich zum Schreiben und zum Austausch über das Geschriebene treffen.

Fazit

Wer sich ausführlich mit Hintergründen und Methoden des Kreativen Schreibens auseinander setzen will oder Methoden des kreativen Schreibens in der eigenen, pädagogischen Arbeit einsetzen will, für den ist die Anschaffung dieses Buches beinahe Pflicht. Als Einstieg ist das Buch aber nicht zu empfehlen. Gewöhnungsbedürftig ist die zuweilen jargonhafte Sprache Werders. Aber wer sich daran nicht stört, findet ein solides Lehrbuch vor, bei dem allein die Fülle des Materials konkurrenzlos ist.

Werder, Lutz von: Lehrbuch des kreativen Schreibens, 4. Aufl., Berlin 2001.
ISBN 3-928878-05-0 | 23,50 €

Übersicht über den Aufbau des Buches:
1. Teil: Das poetische Feld
A. Das Kreative Schreiben (S. 23-70)
B. Techniken und Methoden des kreativen Schreibens (S. 71-99)
C. Szenarien des kreativen Schreibens (S. 101-289)
D. Beispieltexte des kreativen Schreibens (S. 290-308)
2. Teil: Die Praxis der Poesiepädagogik
A. Empirische Grundzüge der Poesiepädagogik (S. 311-333)
B. Theorie der Poesiepädagogik (S. 334-391)
C. Empirische und theoretische Aspekte der Poesiegruppenpädagogik (S. 392-464)
D. Anleiter und Teilnehmer des pädagogischen Feldes (S. 465-496)