Handwerkszeug für die Predigt

Willobee-Cover: The write stuffPredigten sind langweilig und oft einfach schlecht – mag das in seiner Allgemeinheit so auch nicht stimmen, so zeigt die Erfahrung als Predigthörer, dass da durchaus einiges dran ist. „Schlaffe Predigten“ (sagging sermons) sind denn auch das Hauptproblem, dem Sondra B. Willobee mit ihrem Buch „The Write Stuff“ (zu deutsch: Das Schreibzeug) zu Leibe rücken will. Gegen das Argument, Pfarrerinnen und Pfarrer seien oft zu überlastet, um an ihrer Predigtpraxis zu feilen, setzt Willobee die These, nicht Überlastung sei das Problem, sondern ein Mangel an handwerklichem Wissen (S. 2). Ihr Buch soll das entsprechende Handwerkszeug liefern.

Lernen lässt sich das Handwerk von Schriftstellern. Bücher zum Kreativen Schreiben gibt es en masse. Sie können zeigen, wie man schreibend Aufmerksamkeit erzielt, Spannung erzeugt und durch eine lebendige Sprache das Interesse hält. Da Willobee aber doch Nachsicht mit den viel beschäftigten Pastoren hat, will sie mit ihrem Buch das konzentrierte Material eines ganzen Regals von Schreibbüchern liefern (S. 3). Spezielle Übungskapitel geben Tipps, das Gelesene praktisch zu vertiefen. Dadurch schreiben sich Predigten zwar nicht von allein: Gutes Predigen bleibt harte Arbeit (S. 6). Aber ähnlich wie ein Sportler, so Willobee, müssen auch Prediger ihre Kunst trainieren und üben (S. 7).

Willobee gibt dazu Hinweise für die konkrete Predigtvorbereitung, aber auch ganz allgemeine Tipps wie den, ein Journal zu benutzen (37). Es ist, so Willobee, für einen Prediger, was für einen Maler sein Skizzenbuch: es lehrt uns die Gewohnheit der Beobachtung, dient als Notizbuch für Geschichten, Zitate und Erkenntnisse (38) und kann helfen, die eigene Stimme zu finden (39).

Neben dem Journal empfiehlt Willobee das systematische Sammeln von Material in einem Ordner. Natürlich gibt es z.B. gute Sammlungen von Geschichten, die man in Predigten verwenden kann, aber solche Sammlungen verhindern letztlich einen vertieften eigenen Umgang mit Geschichten (S. 65): „Begnüg dich nicht mit einem Fertighaus“, lautet Willobees Rat (S. 64). Den weitergehenden Schritt, aus dem Ordner einen Zettelkasten zu machen, geht Willobee aber nicht.

Was Willobee vorstellt, ist angesichts des Vorhabens Wissen in konzentrierter Form anzubieten selbstverständlich nicht neu: Sie stellt dar, wie Schreiblehrer und Schriftsteller Schreibprozesse organisieren und überträgt dies auf die Predigtvorbereitung.

Orientiert am Bild des Hakens (Hook) geht es im ersten Teil zunächst darum, wie ein interessanter Predigteinstieg gelingen kann: „Ein guter Haken entspricht den Bedürfnissen unserer Gemeinde und bereitet sie darauf vor, den nächsten Schritt in der Predigt mit uns zu gehen.“ (26) Den Auftakt der Ratschläge macht dabei der Hinweis auf ein grundlegendes Instrument zur Spannungserzeugung: Die Rolle von Auseinandersetzungen und Konflikten. Leider erscheint diese sehr grundlegende Information nur wie ein Tipp unter weiteren und wird nicht in seiner grundlegenden Bedeutung für das Schreiben entfaltet.

Ein zweites Problem von Willobees Darstellung ist, dass der Eindruck entsteht, die Predigtarbeit beginne damit, einen guten Einstieg zu finden. Leider kranken viele Predigten eher daran, gut zu starten, aber den Impuls des Einstiegs nicht zu nutzen. Dass es oft besser ist, nicht mit dem Einstieg anzufangen, diesen Hinweis findet man in Willobees Buch nicht.

Dennoch sind die Tipps, die sie gibt, durchaus inspirierend. Die Zwischenüberschriften der einzelnen Kapitel markieren ganz gut, worum es in den einzelnen Abschnitten geht. Sie lesen sich jeweils wie eine These: „Spring mitten rein“ (16), „Stell eine Frage“ (19), „Skizziere einen Charakter“ (21), „Sag etwas prägnantes“ (22), „Beginn mit einem Bild“ (23). Dieser Stil, die Schreibempfehlung als kurze Handlungsanweisung über den jeweiligen Abschnitt zu stellen, zieht sich durch das ganze Buch. Leider gibt es kein detailliertes Inhaltsverzeichnis, dass diese Anweisungen übersichtlich zusammen stellt.

Der zweite Teil des Buches behandelt strukturelle Fragen des Schreibens und erläutert unter anderem die Bedeutung der Plotstruktur für die Predigt: „Predigten müssen sich bewegen (move) wie es Geschichten tun. Ob es nun ‚Geschichten-Predigten‘ sind oder nicht, sie müssen einen ‚Plot‘ haben, eine narraritive Bewegung (movement), vom Anfang über die Mitte bis zum Ende, ein Puls, der sich beschleunigt, wenn sich die Predigt entwickelt.“ (45) „Plot ist das Mittel, durch das sich eine Predigt bewegt.“ (48)

Im letzten Teil des Buches geht es um die sprachlichen Feinheiten. Dieser Teil ist mit „Stein“ überschrieben: ein Stein auf dem Schreibtisch der Autorin erinnert sie daran, auch sprachlich auf dem Boden zu bleiben. Kreatives Schreiben in der Predigtvorbereitung einzusetzen bedeutet nicht, in einen manierierten Schreibstil (purple prose, S. 99) zu verfallen, sondern sein Thema in konkreten, sinnlichen Bildern (S. 92ff) in der Alltagssprache (S. 95) auszudrücken. Warum erst an dieser Stelle Ricos Clustering-Methode vorgestellt wird, die ja eigentlich eine Methode der Ideenfindung ist, bleibt Willobees Geheimnis.

Dem Mittel, das Willobee zu Recht für das effektivste der Predigtvorbereitung hält, ist das Schlusskapitel vorbehalten: die Überarbeitung. Willobee verbindet das leider oft vernachlässigte Thema mit der Aufgabe des Zeitmanagements: Wer alles auf die letzte Minute macht, beraubt sich letztlich dieses effektivsten Mittels der Textarbeit (S. 103). „Schreiben ist Überarbeiten,“ zitiert Willobee den Dichter Jeffrey Skinner (S. 114).

Fazit: Am Ende steht auch für überlastete Pfarrerinnen und Pfarrer fest: Predigten schreiben sich auch mit kreativen Methoden nicht von selbst und eine gute Predigtvorbereitung braucht ihre Zeit. Das handwerkliche Schreibzeug führt letztlich dazu, sich über die Arbeit, die das Schreiben macht, klar zu werden und seine Predigtpraxis vielleicht zu straffen. Immerhin: Gemeindepfarrer, die Woche für Woche eine Predigt halten, produzieren im Laufe eines Jahres eine Textmenge, die gut und gerne einem Roman entspricht, hebt Thomas Long in seinem Vorwort hervor (S. XI). Sondra Willobee gelingt es, auf 114 Seiten zentrale Einsichten des Kreativen Schreibens vorzustellen und für die Predigtvorbereitung fruchtbar zu machen. Wer des Englischen mächtig ist und sich noch nicht viel mit Schreibmethoden auseinander gesetzt hat, findet hier eine gute Bündelung der Möglichkeiten.

Sondra B. Willobee: The Write Stuff: Crafting Sermons That Capture and Convince, Louisville, Kentucky: Westminster Pr, 2009.
ISBN 0664232817 | 12,99 € | 123 S.
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Buttricks Homiletic

Ich nehme einmal mehr David Buttricks Homiletik zur Hand und stelle mal wieder erstaunt fest: Das Schlechteste, was es über dieses Buch zu sagen gibt, ist: Es liegt immer noch nicht auf deutsch vor. Das ist eigentlich erstaunlich, weil es mittlerweile immerhin über 20 Jahre alt ist – und in mancherlei Hinsicht zu dem Besten gehört, was im Bereich der Homiletik in dieser Zeit veröffentlicht wurde. Wer „David Buttrick“ ergoogelt, wird kaum Seiten auf Deutsch finden. Wer nach den beiden Kernbegriffe „Moves and Structures“ sucht, landet schnell bei Martin Nicol und der dramaturgischen Homiletik – soweit ich sehe der einzige deutschsprachige Ansatz, der sich ernsthaft mit Buttrick auseinander setzt. Als ich das Buch vor fünf oder sechs Jahren das erste Mal gelesen habe, hat es mir die Perspektive für eine ganz andere Homiletik eröffnet: eine Homiletik, die jenseits von der deutschen Aufsatz- und Vortragshomiletik auf Techniken der Inszenierung setzt. Ich will mir das Buch in den nächsten Wochen nochmal vornknöpfen. Wenn ich Zeit hätte, würde ich es am liebsten selbst übersetzen, denn ohne deutsche Version wird es wahrscheinlich auch 25 Jahre nach Ersterscheinen (das wird nächstes Jahr sein) den meisten deutschen Predigern unbekannt sein.

P.S.: Ich stelle grad fest, dass es nicht mal in der englischen Wikipedia einen Eintrag zu Buttrick gibt. Bei homileticsonline.com gibt es zumindest ein Interview.

Blick in die Romanwerkstatt

Ortheil-Cover: Wie Romane entstehen„[E]in Roman ist die Erschaffung nicht eines Augenblicks oder einer Szene“, sagt Hanns-Josef Ortheil, „er ist die Erschaffung eines poetischen Universums.“ (S. 48) In Vorlesungen und Seminaren haben der Schriftsteller Ortheil und der Lektor Klaus Siblewski einen Einblick in diesen Schöpfungsprozess geben, und legen den Ertrag nun in zweimal vier Vorlesungen schriftlich vor. Angefangen bei den ersten Ideen bis hin zu den Phasen des Lektorats zeichnen sie wesentliche Elemente der Manuskriptentwicklung nach. Im Zentrum stehen dabei vor allem die typischen Probleme, die bei einem Großprojekt wie einem Roman entstehen. Viele Beispiele aus der Schreibpraxis bekannter Autoren illustrieren das. Als Hauptproblem erweist sich dabei der Umgang mit der Stofffülle.

Ortheil sieht den Romanschriftsteller als einen Menschen mit einer Veranlagung zum Sammeln, Notieren und Skizzieren. Der Romanschriftsteller hat ein enzyklopädisches Interesse (S. 34): Er studiert die Welt, indem er wahllos Detailbeobachtungen sichtet und in Form von Notizen festhält, ohne sie sofort in Beziehung zueinander zu setzen oder zu ordnen. In seiner Roman-Werkstatt entsteht so ein „ein unübersichtlicher, labyrinthischer Bau von Notizen, Aufzeichnungen, Skizzen, Fragmenten, Plänen oder Tagebuch-Elementen, der nie an ein Ende kommt“ (S. 15), sondern immer weiter wächst und wuchert.

Aus diesem Fond, diesem enzyklopädischen Archiv an Beobachtungen und Erinnerung (S. 25) entstehen immer neue Ideen und Einfälle für Romane. Da, wo sich Detailbeobachtungen, Szenen, Bilder (Ortheil spricht von „Welt-Folien“) verdichten entsteht ein „Faszinosum“ (S. 54), aus dem Fragen hervorgehen, die in verschiedene Richtungen locken: Wie könnte eine Notiz weiter geschrieben werden? Welche Konstellationen von Figuren sind denkbar? Wie können die Räume der Romanwelt betreten werden? (S. 62) Der Schriftsteller lässt sich auf Spuren locken, denen er folgt und von denen er immer weiter hingezogen wird in die Romanwelt, bis er sie kartografieren kann: Aus den Spuren der Geschichte entstehen mentale Karten, Bauskizzen, Baupläne, die die Bausteine der Geschichte zu einer Gesamt-Architektur zusammenfügen (S. 103f). Irgendwann ist es dann soweit, dass erste Sätze, Kapitelinhalte etc. plötzlich da sind und der Roman Gestalt anzunehmen beginnt (S. 113).

Die beiden Vorlesungsreihen sind inhaltlich wie formal recht unterschiedlich, bei zahlreichen Überschneidungen und Bezugnahmen. Ortheils vier Vorlesungen behandeln das „Notieren und Skizzieren“, „Figuren, Räume, Texte“ sowie das „Spuren suchen“ und schließen mit einer „Entstehungsgeschichte“, die auf amüsante Art den zuvor beschriebenen Prozess des Hineingezogenwerdens des Autors in eine Geschichte erzählerisch nachbilden. Siblewski schreibt wesentlich nüchterner über die „Poetische Vision“ eines Autors, das „Recherchieren, Konzipieren“, das „Schreiben, Gliedern, Entwerfen“ bis hin zum „Redigieren“. Gemeinsam sind den beiden Teilen die zahlreichen Beispiele von Schriftstellern, die Einblick nicht in die fertigen Werke, sondern in die Notizbücher und Ideensammlungen geben. Das ist spannend und außerordentlich lehrreich, weil einmal das Rohe und Unbehauene des ersten (und manchmal verworfenen) Notats im Mittelpunkt steht, nicht das schon viele Überarbeitsphasen durchlaufene Endergebnis.

Inhaltliche Gemeinsamkeit entsteht bei der Erörterung des zentralen Problems der Romanentstehung, wie die Menge an Material überblickt werden kann. Dabei gibt es allerdings keine praktischen Tipps, wie eine erzählerische Ordnung hergestellt werden kann, sondern diese Arbeit wird als das eigentliche Abenteuer und Wagnis des Schreibens behandelt: „[W]ie organisieren sich Autoren ihre Arbeit, dass sie auf diese erzählbare Ordnung stoßen und sie dann auch realisieren können. Genauer: Wie sie ins dauerhafte und zu einem guten Ende führenden Erzählen gelangen? Dieser Frage stellt sich mit jedem Roman neu, und das bedeutet: Autoren beginnen an jedem neuen Roman zu arbeiten, als seien sie Debütanten in diesem Fach. Sie können nicht auf Erfahrung zurückgreifen und müssen mit ihrem Projekt wieder lernen, wie es sich zu einem literarisch befriedigenden Resultat bringen lässt“, schreibt Siblewski (S. 197).

Es ist gerade dieser Aspekt des Buches, der die Vorlesungen auch für Predigerinnen und Prediger spannend macht: Eine Predigt ist im Stoffumfang zwar in keinster Weise mit dem Roman zu vergleichen, aber vieles von dem, was insbesondere Ortheil über die Roman-Werkstatt schreibt, gilt für die Predigt-Werkstatt in gleicher Weise: Die Arbeit in der Predigt-Werktstatt beginnt nicht mit der nächsten Predigt, sondern das unentwegte, noch ziellose Sammeln, Notieren und Beobachten ist der Fond und Reservoire, aus dem immer neu Predigten entstehen.

Fazit: „Wie Romane entstehen“ gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die Werkstatt des Roman-Schriftstellers. Auch wenn der Schwerpunkt natürlich deutlich bei der Roman-Entstehung liegt, sind die Einsichten auch für das Handwerk des Predigens interessant, weil Prediger und Schriftsteller viele gleiche Werkzeuge gebrauchen. Praktische Anleitungen wird man allerdings nicht finden, sondern vorwiegend theoretische, aber bedenkenswerte Reflexionen.

Ortheil, Hanns Josef / Siblewski, Klaus: Wie Romane entstehen, München: Luchterhand, 2008. ISBN 978-3-630-62111-1 | 10 € | 283 Seiten [Amazon-Link]

Einfallsreich argumentieren

Cioffi-Cover„Einfallsreich argumentieren“ wäre der bessere Titel für Frank Cioffis Buch „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren – und würde auch dem englischen Originaltitel The Imaginative Argument eher entsprechen. Zwar kommt das Buch wie eine Einführung ins wissenschaftliche Schreiben daher, aber es lässt sich nicht darauf reduzieren. Wer nicht-fiktionale Texte schreiben will – egal ob Student, Professorin oder Prediger – findet in Cioffis Buch wertvolle Hinweise und Anregungen. Nicht-fiktionale Texte kreativ schreiben heißt für Cioffi originell, überraschend und eben einfallsreich zu argumentieren. Doch an Einfallsreichtum und Vorstellungskraft, so Cioffis These, mangelt es den meisten argumentativen Texten.

Cioffi räumt mit dem alten Missverständnis auf, beim wissenschaftlichen Schreiben gehe es darum Fakten zu reproduzieren. Statt in einem Essay immer nur Bekanntes zu wiederholen, geht es für den amerikanischen Schreiblehrer darum, die „eigenen Gedanken ausarbeiten, eigene Urteile [zu] fällen [..]“ und Texte so zu betrachten „als ob sie aus einer fernen Vergangenheit direkt zu einem sprächen“ (12) Ein Essay sollte sich daher nicht mit Oberflächlichem, Offensichtlichem und Selbstverständlichem befassen, sondern soll „etwas enthüllen, das Sie entdeckt haben“ und „beweisen, dass das, was Sie entdeckt haben, Bedeutung und Resonanz besitzt“(34).

Kernpunkt von Cioffis Ansatzes ist der Umgang mit Thesen: „Die These bildet das Herzstück, das bleiben würde, wenn sie Ihren Aufsatz auf nur zwanzig, dreißig oder vierzig Wörter zusammenstreichen, wenn Sie sie auf ihre Essenz destillieren müssten.“ (75) Die These in einer einfallsreichen Argumentation soll provozieren, interessieren und verblüffen. Sie soll „einem Publikum etwas Komplexes, Interessantes und Neues vermitteln, noch bevor das Publikum sie wirklich versteht. Der Text, der aus einer solchen These entsteht, wird die Erklärung bieten […]“. (80)

Die Erklärung, die der Text bietet, macht den eigentlichen Inhalt des Essays aus. Die These bildet den roten Faden der Argumentation und sie läuft am Ende auf etwas hinaus, was Cioffi die Delta-These nennt – eine durch Beispiele gestützte wie durch Gegenargumente veränderte These. Die einzelnen Argumentationsschritte bilden dabei im Kleinen die Grundstruktur von These, Hauptteil und Schluss ab: Jeder Absatz ist „eine Art Miniaufsatz“ mit eigener These (Hauptaussage genannt) und Delta-These. Durch diese Struktur bekommt der ganze Aufsatz etwas dynamisches und immer weiter nach vorne drängendes. Die These wird also nicht einfach nur erklärt, sondern tatsächlich entwickelt und entfaltet – bis zur überraschenden Schluss-Folgerung.

Die Dynamik dieses einfallsreichen Argumentierens entsteht aus einer dialogischen Grundhaltung: Eine These wird in „Auseinandersetzung mit einem Publikum„ (83) entwickelt, und zwar indem der Essayschreiber zum einen Fragen aufwirft aber auch sensibel mögliche Erwartungen und entstehende Fragen des Publikums aufnimmt, provisorische Antworten gibt und diese wieder im Wechsel von Frage und Antwort weiter treibt. Das dialogische Denken erfordert eine skeptische Haltung auch gegen sich selbst: „Hinterfragen Sie, was Sie tun, was Sie geschrieben haben, welche Argumentationswege Sie eingeschlagen haben,“ rät Cioffi, „Denken Sie ernsthaft darüber nach, welche Einwände man gegen Ihre Gedanken haben, welche Gegenbeispiele es geben könnte und wie Sie Ihren Standpunkt modifizieren, sich selbst verteidigen können.“ (258) So entsteht eine Dynamik, die das Publikum genauso überraschen kann wie den Autor.

Nicht nur Studentinnen und Professoren können von Cioffis sehr praxisorientieren Überlegungen profitieren, auch für Pastorinnen und Prediger ist das Buch überaus hilfreich. Zwar deutet sich an einer Stelle an, dass Cioffi Predigen für das genaue Gegenteil von dem hält, was er vorschlägt (für ihn heißt Predigen einem freundlich gesinnten Publikum einen paar Selbstverständlichkeiten zu sagen; vgl. S. 47), aber hier wäre eher zu fragen, ob ein solches Predigen nicht defizitär ist. Wenn Predigen im Unterschied zu Cioffis Nebenbemerkung im Kern das Weitersagen einer neuen, überraschenden und auch provokanten Botschaft ist, dann wird es nicht überraschen, dass sich viele Überlegungen Cioffis unmittelbar auf das einfallsreiche Predigen übertragen lassen. Sicherlich geht Predigt nicht allein in Argumentation auf, doch macht das Argumentieren für eine Aussage doch einen wesentlichen Anteil aus. Dabei kann insbesondere der dialogische Ansatz für die oft recht monologische Predigt sehr inspirierend sein. Darüber hinaus deutet Cioffi in einem kleinen Exkurs über „kreative Nonfiction“ an, wie auch der lyrische und narrative Essay von den Grundgedanken des einfallsreichen Argumentierens profitieren kann. Auch wenn Prediger also nicht zur Zielgruppe gehören: Sie können als Leser nur von der Lektüre profitieren.

Fazit: „Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren“ ist eine hervorragende Anleitung in das Entwickeln und Schreiben nicht-fiktionaler Texte wie wissenschaftliche Aufsätze und auch Predigten. Das Buch bietet eine praktische Anleitung zum einfallsreichen Argumentieren und kann dabei helfen, einen eigenen Standpunkt zu finden und klar, verständlich und am Ende auch überzeugend zu formulieren.

Cioffi, Frank L.: Kreatives Schreiben für Studenten und Professoren,
Berlin : Autorenhaus 2006. ISBN3-86671-004-6| 16,80 € | 305 Seiten

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Kreatives Handwerk

Gesing-Cover: Kreatives SchreibenFritz Gesings Einführung in das Kreative Schreiben gehört mittlerweile zu den deutschsprachigen Klassikern: Nicht weil er eine besondere Methode vorstellt, sondern weil er tatsächlich in das Metier einführt und sich das Buch – wie jede gute Einführung – später hervorragend als Nachschlagewerk eignet. Geprägt ist die Einführung durch amerikanische Creative-Writer, deren Ansätze Gesing vorstellt, sowie durch zahlreiche Beispiele aus der Weltliteratur, auf die Gesing zum Weiterlesen verweist oder aus denen er zur Illustration des Geschilderten zitiert. In grauen Kästen hervorgehoben sind die praktische Hinweise und Anleitungen, die man vor allem dann zu schätzen lernt, wenn man das Buch als Nachschlagewerk nutzt.

Das Buch wendet sich vornehmlich an den Anfänger im Kreativen Schreiben erzählender Prosa und will nach Selbstaussage sowohl zum Selbststudium wie als begleitende Lektüre eines Workshops geeignet sein. Dieser Einschätzung kam man ohne weiteres zustimmen: In zehn Kapitel stellt Gesing Grundsätze der Charakter- und Handlungsentwicklung, der Erzählperspektive, der Erzählweise und der Überarbeitung vor. Dabei werden auch typische Fragen wie der Umgang mit Schreibhemmungen, mit Erzählproblemen und der sprachlichen Gestaltung angesprochen. Das alles geschieht knapp und präzise, wie es für eine Einführung sein muss. Wer einen vertieften Einstieg in bestimmte Fragestellungen wünscht, findet im ausführlichen und gut gegliederten Literaturverzeichnis entsprechende Hinweise.

Wer schon viele Bücher zum Kreativen Schreiben kennt, wird bei Gesing zwar nicht viel Neues finden, aber das vorbildliche (weil übersichtliche) Layout und die knappe Darstellung lassen das Buch schon bald zu einem oft genutzten Nachschlagewerk werden. Dem dient auch das gute Sachregister, das nicht nur die Hauptstichworte nennt, sondern von Unterpunkten auf die zentralen Stichworte verweist und verwandte Stichworte nennt.

Vergleichbar ist das Buch mit Otto Kruses „Kunst und Technik des Erzählens“.  Kruse legt mehr Gewicht auf die praktischen Übungen und führt stärker durch das Buch, weshalb es sich stärker als Übungsbuch zum Selbststudium eignet. Gesings Schwerpunkt liegt auf der Darstellung, die einzelnen Abschnitte wirken in sich geschlossener (was den Charakter eines Nachschlagewerkes unterstreicht) und das Layout ist übersichtlicher.

Fazit: Fritz Gesings „Kreativ Schreiben“ ist eine sehr gute, solide Einführung in das kreative Schreiben erzählender Texte. Aufbau, Layout und Knappheit der Darstellung machen das Buch auch zu einem guten Nachschlagewerk. Obwohl es sich ausdrücklich an Anfänger wendet, lohnt sich auch für erfahrende Schreiber ein Blick in das Buch. Predigerinnen und Prediger erhalten einen guten Einblick in das Thema und werden immer wieder auf inspirierende Hinweise für die Predigtpraxis stoßen, die über de erzählende Prosa hinaus aus für die Predigtpraxis hilfreich sind.

Gesing, Fritz: Kreativ schreiben. Handwerk und Techniken des Erzählens, Köln 2004.
ISBN 3-8321-7472-9 (Neuausgabe) | 9,95 € | 259 Seiten

Bis auf die Knochen

Goldberg-Cover: Schreiben in CafésWriting down the bones von Natalie Goldberg gilt als Klassiker der Kreativ-Schreiben-Literatur. Das zunächst unter dem Titel „Der Weg des Schreibens“ auf Deutsch veröffentlichte Buch liegt mittlerweile unter dem Titel „Schreiben in Cafés“ als Neuauflage vor. Es handelt sich um eine lockere Sammlung von Schreibempfehlungen, die um den Zentralgedanken kreisen „Vertrau auf das, was du liebst, und es wird dich dorthin bringen, wo du hingehen musst.“ Beeinflusst sind ihre Empfehlungen durch den Zen-Buddhismus. Beim Schreiben „bis ins Mark vordringen“ (16) ist das Ziel ihres Ansatzes.

Die 64 Kapitel des Buches sind im lockeren Plauderton geschrieben. Ein Durchlesen von vorne nach Hinten ist nicht nötig. Oft umfassen die Kapitel nicht mehr als ein oder zwei Seiten. Interessant, um ein wenig in dem Buch zu stöbern.

Goldberg stellt keine Methode im engeren Sinne vor. Sie will dazu anregen ins Schreiben zu kommen, indem man einfach losschreibt und die Hand in Bewegung hält. Ihre Empfehlung: Einfach billige Spiralhefte und einen gut schreibenden Stift besorgen und Kladde um Kladde füllen. Dazu formuliert Goldberg sechs Regel:

„1. Halten Sie Ihre Hand in Bewegung. […]
2. Streichen Sie nichts. […]
3. Kümmern Sie sich nicht um Rechtschreibung, Zeichensetzung oder Grammatik. […]
4. Lassen Sie sich gehen.
5. Denken Sie nicht. Versuchen Sie nicht, logisch zu sein.
6. Weichen Sie dem wunden Punkt nicht aus. […]“

Goldberg meint nicht, dass dadurch bereits große Literatur entstünde. Es geht gar nicht um große Literatur. Jedenfalls nicht im Prozess des Schreibens. Das mag später kommen, wenn die Texte gesichtet und überarbeitet werden. Nicht aber während des Schreibens. Hier geht es darum, sich dem Schreibfluss anzuvertrauen und zu schreiben, was einem in den Sinn kommt. Eine Zensur findet nicht statt.

Anders als z.B. beim Freewriting gibt es keine weiteren Regeln. Letztlich ist alles erlaubt, was ins Schreiben bringt. Die Ausführungen von Natalie Goldberg haben hier nur den Rang von Tipps und Tricks: Was bei dem einen funktioniert, muss bei dem anderen noch lange nicht das Schreiben fördern. Die öfter wiederholte Empfehlung in Cafés zu schreiben (worauf der Titel verweist) ist eine persönliche Erfahrung von Goldberg und Freundinnen. Ob es ein Ort ist, an dem auch der Leser ins Schreiben kommt, muss es letztlich ausprobieren. Das ist einer der sympathischen Züge an Goldbergs Ansatz: Es gibt keinen Königsweg zum Schreiben, außer das Schreiben selbst. Goldberg gibt Hinweise und Anregungen sich auf den „Weg des Schreibens“ zu machen: „Es ist wichtig, dass Sie eine Methode entwickeln, wie Sie mit dem Schreiben beginnen: sonst wird der Abwasch – oder alles andere, das Sie von Schreiben ablenkt – plötzlich zu wichtigsten Sache der Welt. Eigentlich muss man nur den Mund halten, sich hinsetzen und – schreiben.“ (40)

Interessant sind die religiösen Implikationen des Buches: Schreiben wird selbst zu einer religiösen Erfahrung. An manchen Punkten wird der Prediger, der sich nicht vom Zen-Hintergrund irritieren lässt, auch viel über seine eigene Erfahrungen lesen können. Oft lässt sich diese Erfahrung bereits dadurch sichtbar machen, dass man statt „Schriftsteller“ jeweils „Prediger“ liest. Dieser religiöse Hintergrund hatte bei der Erstauflage dazu geführt, dass der Verlag das Buch in der Esoterikecke verortet hat. Auch der alte Untertitel suggerierte diesen Bezug. Goldberg geht es aber nicht in erster Linie um Selbsterkenntnis, für die sie sich das Schreiben zu Nutze machte, sondern um das Entdecken der eigenen Stimme und Sprache.

Fazit: „Schreiben in Cafés“ ist eine Sammlung von kurzen Tipps und Reflexionen zum Schreiben. Eher ein Buch zum Stöbern als zum Durchlesen. Wer schon viele andere Schreibbücher kennt, wird hier nicht unbedingt viele Neuigkeiten lesen. Aber es ist erfrischend und ermutigend, dass Goldberg keine umfangreiches Instrumentarium anbietet, sondern immer nur auf das Wesentliche rekurriert: Lust und Spaß am Schreiben zu jeder Gelegenheit und über jedes Thema.

Goldberg, Natalie: Schreiben in Cafés, Berlin: Autorenhaus 2003.
ISBN 3-932909-65-8 | 14,– € | 200 Seiten
(2. Auflage: 16,80 €)  [Amazon-Link]

Die Kunst des Zettelkastens

Der Titel „Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu schreiben“ von Jack Bickham führt in die Irre. Allerdings ist auch der Originaltitel nicht besser: „Writing the Short Story. A Hands-On Program“. Denn die praktische Anleitung erweist sich sehr sperrig: Zwar liefert das Buch ein ausführliches Schritt-für-Schritt-Programm, doch bis man ins Schreiben kommt, vergeht viel Zeit, während der sich zwar der eigene Zettelkasten füllt. Der Spaß am Schreiben kann einem aber unterwegs verloren gehen. Anders als die meisten Schreibbücher vermittelt Bickham vor allem den Ernst und die Mühen des Schreibens. Da wundert es nicht, dass Bickham unablässig zu aufmunternden Worten greift: „Verlieren Sie nicht den Mut!“ – Am Ende, so Bickhams Versprechen, zahlt sich die Mühe aus.

Bickhams Methode beruht auf dem guten, alten Zettelkasten. Da Bickham davon ausgeht, dass eine angehende SchriftstellerIn über keinen prallen Zettelkasten verfügt, besteht der erste Teil des Buches vor allem mit Aufforderungen, Karteikarten zu beschriften: 5 Karten hierzu, 10 dazu, 20 zu noch etwas anderem. Wer sich darauf einlässt, verfügt am Ende des Programms über einen ansehnlichen Grundstock für seinen neuen Zettelkasten.

Bickham zeigt, wie dieser Zettelkasten zum Einsatz kommen kann: Bei der Figurenentwicklung, der Ortsbeschreibung, der allgemeinen Recherche und dem Entwurf einer Grundstruktur für eine Geschichte (Plotting). Auch hierbei weicht Bickham von vielen anderen Kreativitätsbüchern ab: Erst wenn eine solide Vorarbeit und das Gründgerüst der Geschichte steht, sollte man mit dem Schreiben beginnen, lautet im Kern sein schriftstellerisches Credo. Die am Anfang mit Mühe erstellten Karteikarten helfen am Ende, eine Geschichte detailliert zu konzipieren und auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Beim Schreiben selber hilft dies, den roten Faden im Auge zu behalten.

Dabei ist es am Ende unwichtig, ob man eine Short Story oder einen Roman schreibt. Das ist letztlich auch der Grund, warum der Titel irreführend ist: Es geht dem Autor nicht um eine praktische Einführung in die Kunst der amerikanischen Short Story, sondern um einen pragmatischen Weg zum Schreiben, der immer wieder deutlich macht, dass Schreiben Arbeit ist. Aber eine lernbare Arbeit.

Das Buch ist kein Buch für Anfänger. Es ist vielmehr ein Buch für jene Menschen, die an ihren bisherigen Schreiberfahrungen gescheitert sind. Ihnen zeigt Bickham einen gangbaren, aber steinigen Weg zur ersten längeren Geschichte. Dass Bickham dennoch eine Reihe von Grundfragen der Figurenentwicklung, des Plottings etc. anspricht, gehört zu den Schwächen des Buches: Für Anfänger sind die Hinweise zu oberflächlich, die Beispiele zu wenig anschaulich; wer hingegen mit den Grundbegriffen schon vertraut ist, liest darüber schnell hinweg. Mit der Konzentration auf eine Lesergruppe und einer pointierteren Darstellung der Karteikartenmethode hätte das Buch deutlich gewonnen.

Diese Beurteilung wirkt sich auch auf die Einschätzung aus, dass Predigerinnen und Prediger nur begrenzt von einer Lektüre profitieren werden: Wer nicht mit einem Zettelkasten arbeitet und eigentlich auch gar nicht weiß, was das ist und wozu er nützt, bekommt seine Einsatzmöglichkeiten am Beispiel fiktionaler Geschichten vorgeführt; es wird nicht schwer fallen, die Methode auf die homiletische Praxis zu übertragen. Wer den Zettelkasten kennt und damit arbeitet – selbst in seinen rudimentärsten Formen – wird nur dann und wann einen inspirierenden Hinweis finden.

Fazit

Bickhams Buch ist eine praktische Anleitung zur Entwicklung und zum Gebrauch des Zettelkastens als schriftstellerische Methode. Eine spezielle Einführung ins Schreiben amerikanischer Short Stories ist es weniger. Hilfreich dürfte das Buch besonders für jene sein, die über das impulsive Schreiben nicht hinauskommen und nach einer systematischen Schreibmethode suchen. Für PredigerInnen ist das Buch zumindest als Anleitung für den Gebrauch eines Zettelkastens interessant.

Bickham, Jack M.: Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen, Frankfurt a.M. 2002. ISBN 3-86150-462-6 (nur bei zweitausendeins) | € 12,75 / 221 Seiten

Natürlich schreiben lernen

Rico-Cover: Garantiert schreiben lernen„Garantiert schreiben lernen“ ist eines der Standardwerke des Kreativen Schreibens – und teilt dabei das Schicksal andere Standardwerke: Man kennt die darin entwickelte Methode, das sog. Clustering, aus Kurzdarstellungen in der Sekundärliteratur, nicht aber den Primärtext. Dabei ist dieses Buch selbst bereits ein ausgezeichneter Schreibkursus, der sich auch gut zum Selbststudium eignet. Das vorgestellte Verfahren dient nicht allein dem Zweck des Schreibens: Clustering ist eine Grundmethode für jede schöpferische Arbeit und dient insbesondere der Ideenfindung und ersten Konzipierung.

„Natürlich schreiben“ wäre die angemessenere Übersetzung für Gabriele L. Ricos Buch „Writing the natural way“ – auch weil es Konzeption und Anspruch klarer auf den Punkt bringen würde.. Ähnlich dem MindMap-Verfahren von Tony Buzan (mit dem es häufig verwechselt wird) geht das Clustering konzeptionell von der These aus, dass Kreativität aus der Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften entsteht: Begriffliches und bildliches Denken ergänzen demnach sich wechselseitig. Wer auf Verfahren zurückgreift, die bei der schöpferischen Arbeit beide Gehirnhälften beanspruchen, hätte damit – so die Grundthese – methodisch den Schritt hin zu einem größeren, kreativen Potential bewältigt. Dazu ist prinzipiell jeder Mensch in der Lage. Das also ist der Anspruch: Schreiben ist natürlich lernbar.

Bei Clustern entstehen Verknüpfungen und Verbindungen, die – so die Grundthese – den Verknüpfungen und assoziativen Verbindungen des Gehirns entsprechen Deshalb ist schöpferisches Denken nicht linear, sondern verzweigt. Das Cluster macht dieses Verzweigungen sichtbar. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, aus vereinzelten Informationen Gesamtbilder herzustellen. Das macht sich das Clusteringverfahren konzeptionell zu nutze: Die sichtbar gemachten Verzweigungen lassen dem Gehirn Raum, Verbindungen und Zusammenhänge zu konstruieren, die  bei einem rein linearen Vorgehen undenkbar geblieben wären.

Man muss diesen Vorannahmen nicht zustimmen, um mit dem Verfahren zu überraschenden Ergebnissen zu gelangen. Rico äußert sich in ihrem Buch ausführlicher zu den Annahmen über die Arbeitsweisen des Gehirns (Kap. 4), ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Im Vordergrund stehen zahlreiche Anwendungsbeispiele. Was das Buch trotz der Kurzbeschreibungen der Methode, die zahlreich in anderen Schreibbüchern und im Internet vorliegen (auch auf dieser Seite: Clustern – Schritt für Schritt), lesenswert macht, ist die Darstellung der Clustering im Rahmen einer Gesamtkonzeption des Kreativen Schreibens. Dies reicht von ersten Assoziationen über die Herausarbeitung eines roten Fadens bis hin Überarbeitung.

Als Kurs zum Selbststudium ist „Garantiert schreiben lernen“ insofern geeignet, als das Buch und die darin vorgestellte Methode von den ersten Versuchen an unmittelbar auf die Textproduktion zielt und schon früh mit ersten Erfolgen weiter lockt.  Wer allerdings nur an einer kurzen Darstellung der Methode interessiert ist oder eine Methodenvielzahl erwartet, wird enttäuscht sein: Für die einen ist das Buch zu ausführlich, für die anderen methodisch zu eng.  Andererseits ist die Methode für das Kreative Schreiben und darüber hinaus von so fundamentaler Bedeutung, dass ein Durcharbeiten des Buches ein lohnenswertes Projekt ist. Das nicht zuletzt deshalb, weil die Methodik selbst eine äußert differenzierte Anwendung erlaubt.

Fazit: „Garantiert schreiben lernen“ von Gabriele Rico ist ein empfehlenswerter Grundkurs im Kreativen Schreiben, der ausschließlich auf die Methode des Clustering setzt und dabei alle Feinheiten der Methode demonstriert. Vorkenntnisse werden nicht erwartet, deshalb eignet sich das Buch gut als Einstieg. Wer bereits mit anderen Methoden vertraut ist, wird hier eine solide Darstellung einer Grundmethode finden. Predigerinnen und Prediger werden mit einer Methode belohnt, die sich für das Predigtschreiben ebenso eignet wie für die Konzeptionen von Unterrichtsstunden und das kurze Entwerfen von Andachten.  Allerdings sollte man sich das Durcharbeiten wirklich vornehmen: Zum gelegentlichen, inspirierenden Stöbern eignet sich das Buch nicht.

Rico, Gabriele L.: Garantiert schreiben lernen. Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs, Reinbek bei Hamburg 2004.
ISBN 3-499-61685-8 (Sonderausgabe) | 12,99 € | 304 Seiten [Amazon-Link]

Die Kunst des Erzählens verstehen

Sybille Knauss‘ „Schule des Erzählens“ ist – wie der Untertitel zu Recht verspricht – ein Leitfaden. Kein Handbuch und kein Schreibkurs. Man wird viele gute und nützliche Hinweise für die eigene Schreib- und Erzählpraxis finden, aber nur wenige methodische Hinweise. Aber das ist auch gar nicht Aufgabe und Anspruch des Buches. Denn als Leitfaden will es zunächst einmal nur in die auf den ersten Blick unübersichtliche Welt des erzählenden Schreibens einführen. Mythen und Erzählperspektive, Kunst der Beschreibung und das Problem realistischer Schreibvorbilder, die Entwicklung von Charakteren und Dialogtechnik, sowie das Plotten und Entspinnen eines Handlungsfadens sind die Kernpunkte der vier Kapitel und vier Exkurse.

Das schmale Taschenbuch (174 S.) ist eine der besten Einführungen in die Kunst des Erzählens, die es gibt. Oder besser: Die es gab. Denn leider, leider ist das Buch zur Zeit vergriffen. Anders als viele Bücher über das Schreiben ist diese Schule des Erzählens selbst wunderbar geschrieben – humorvoll, schlicht und kenntnisreich. Dabei gelingt es Sibylle Knauss nicht nur, Spaß am Erzählen zu wecken. Mit leichter Hand stellt sie am Beispiel bekannter Geschichten deren erzählerischen Kern heraus – und schärft so den Blick zu für das, was beim Erzählen geschieht.

Der Begriff der Erzählung ist weit gefasst: „Erzählen bedeutet eine bestimmte Sichtweise auf das Leben.“ (S. 7). Es ist nicht nur eine Frage des schreibenden Erzählens. Knauss nimmt sämtliche Formen zeitgenössischen Erzählens in den Blick und ihr Ansatz lässt sich leicht auf alles übertragen, was mit der erzählerischen Sicht auf das Leben zu tun hat: Literatur, Theater, Film, Musik und letztlich auch Predigt.

Predigt? Ja tatsächlich. Knauss gelingt es nicht nur, religiöse Erzählstrukturen in Bibel und Populärkultur anschaulich werden zu lassen. In beeindruckender Weise (weil von leichter Hand vorgeführt) verdeutlicht sie besser als mancher Prediger, was gute Predigt sein könnte. Etwa durch den ersten Exkurs über das Verhältnis von Autor und Text: Ich habe noch kein theologisches Buch gelesen, das die Frage von Rechtfertigung und Selbstrechtfertigung so klar auf den Punkt bringt.

Fazit

Wer das Buch gelesen hat, wird sich wirklich eingeführt wissen in die Welt des Schreibens. Selbst jene, die sich schon länger mit der Thematik befassen, werden das Buch mit Gewinn lesen. Wie es bei einer guten Einführung ist, wird man das Buch von Zeit zu Zeit wieder zur Hand nehmen. Zum Beispiel um sich neu für den erzählerischen Blick auf die Welt inspirieren zu lassen. Knauss Schule des Erzählens gehört unbedingt in die Hausbibliothek.

Knauss, Sibylle: Schule des Erzählens. Ein Leitfaden, Frankfurt
a.M. 1995. ISBN 3-596-12885-4 |DM 16,90
(
Neuauflage im Autorenhaus-Verlag: 14,80€ ISBN 3866710119)

Gesammelte Allgemeinplätze

In der Tat spricht der Wilhelm Ruprecht Frieling in seinem schmalen Buch (162 S.) „über die Kunst des Schreibens“ – ohne aber wirklich in diese Kunst einzuführen. Es ist dem Autor zuzugestehen, dass es ihm erklärtermaßen nicht um Schreibtechnik geht. Ihm geht es um „Wege, wie man als Autor bewußt zu sich selbst findet“, womit Frieling „wesentliche Grundlagen für die Aneignung der Kunst des Schreibens“ (S. 128) angesprochen zu haben glaubt. Als selbst diesen Anspruch holt das Buch nicht ein.

In vier Hauptkapiteln (Jeder kann schreiben; An der inneren Mauer; Kraftquell Unterbewußtsein; Die Begegnung mit dem Leser) sowie einem kurzen Anhang, der aber vor allem Eigenwerbung des Autors und Verlegers enthält findet der interessierte Leser nur wenig konkrete Schreibhinweise und -reflexionen. Frieling belässt es dabei, neben verschiedenen Allgemeinplätzen über das Schreiben eine Vielzahl von Zitaten zusammen zu stellen und zu kommentieren. So überrascht es nicht, dass die Kernthese des Buches selbst ein Allgemeinplatz ist: „Jeder, der Autor werden möchte, hat die Chance, dies zu tun.“ (S. 30)

Nun könnte man diese These einfach als richtig stehen lassen – würde sie in Frielings Buch nicht eine doppelte Funktion haben. Denn Frieling schreibt nicht nur als Autor, der anderen Autoren helfen will, selbst ins Schreiben zu kommen. Er ist zugleich Gründer des Privatverlags Frieling – auf der Suche nach Autoren, die bereit sind, für die Veröffentlichung ihres Werkes zu zahlen. Dadurch erhalten die dürftigen Bemerkungen über das Schreiben einen unangenehmen Beigeschmack.

Das unterstreicht erst recht der Schluss des Buches. Dort findet sich nämlich das Verlagssignet des Frielingverlages, dem der Absatz vorausgeht: „Jeder Autor braucht einen Verleger. […] Das Buch […] ist seit Jahrhunderten das Gefäß des Schriftstellers. Darum sollte kein Preis zu hoch sein, das Ziel zu erreichen: das eigene Buch.“ Wollen wir wenigstens hoffen, dass die Preise des Verlags angemessen sind.

Fazit

Frielings „Über die Kunst des Schreibens“ kann für gänzlich unbeleckte Neu-Autoren ein Einstieg in die Materie sein, wenn man nicht allzu hohe Erwartungen an das Buch stellt (wie sie der Klappentext wecken kann). Der Preis von 10 € (20 DM) wäre für das Buch selbst angemessen – wenn es sich nicht um eine als Ratgeber getarnte Verlagswerbung handelte.

Frieling, Wilhelm Ruprecht: Über die Kunst des Schreibens. Wie Autoren unbewußte Kräfte besser nutzen, Berlin 1994. ISBN 3-890-09700-6 | 10€ / 162 Seiten