Nicht wirklich spannend

BuchcoverEine „Methodenlehre der Spannung“ verspricht Herausgeber Hanns-Josef Ortheil in seinem Vorwort zu Christian Schärfs „Spannend schreiben“. Der Untertitel verrät: Im fünften Band der DUDEN-Reihe „Kreatives Schreiben“ geht es um Krimis, Mord- und Schauerromane. Charakteristisch für die ganze Buch-Reihe ist der Versuch, in die Schreibwerkstätten ausgewählter Schriftsteller zu führen, um dort Anregungen für das eigene Schreiben zu bekommen. Das hatte bislang durchaus seinen Charme, tendiert in „Spannend schreiben“ aber stark zu einem germanistischen Proseminar. Auch wenn bei Schärf einige interessante Überlegungen zu finden sind – gemessen an dem Versprechen, eine „Methodenlehre der Spannung“ vorzulegen, muss das Buch enttäuschen.

Schärf nähert sich dem Begriff der Spannung auf rezeptionsästhetische Weise: Statt zu versuchen, einen allgemeinen Begriff von Spannung vorzulegen, schlägt Schärf vor, Spannung zu verstehen als „ein Phänomen, das zwischen den Akten der Herstellung eines Textes einerseits und seiner Wahrnehmung bei Lesern andererseits liegt“ (S. 10). Das Kapitel über die „Erschaffung des Lesers“ (S.119ff) gehört daher zu den interessantesten Abschnitten des Buchs. Die Kunstfertigkeit des Krimi-Autors liegt für Schärf letztlich nicht in der Verwendung literarischer Tricks der Spannungserzeugung, sondern in der „Einbindung des Lesers in die Aufklärungsarbeit“ (S. 121). Das wichtigste Instrument ist dabei die „Aussparung“ (S. 12) und die „Zurückhaltung von Information“ (S. 121): „Was wir als ‚spannend schreiben’ bezeichnen, hängt davon ab, inwieweit es dem Autor gelingt, einen Leser zu schaffen, der seine eigenen Projektionen und Hypothesen auf die Handlung bezieht und damit eine Identifikation mit dem Verbrechen und seiner Vor- und Nachgeschichte herstellt.“ (S. 123)

Das Phänomen Spannung äußert sich darin, dass ein spannender Text die Aufmerksamkeit des Lesers bindet. Das geschieht nicht einfach so: Solche „Spannung muss … erzeugt werden“ (S. 11), und zwar indem der Stoff, aus dem eine Geschichte besteht, dramatisiert wird. Das gelingt am einfachsten dadurch, dass der Autor Informationen zurück hält. Im Englischen steht dafür der Begriff der Suspense, den Schärf nicht ganz zutreffend als „Aufschub“ übersetzt.  ‚To keep somebody in suspense’  bedeutet aber eher, jemanden in Ungewissen lassen bzw. auf die Folter zu spannen – in diesem Fall: den Leser. Auch wenn Schärf sich etwas unklar ausdrückt, meint er aber genau das.

Die Kernfrage ist dann also, wie es einem Autor gelingt, seinen Leser dazu zu bringen, sich auf die Folter spannen zu lassen. Auf diese Frage sollte eine Methodenlehre der Spannung Antwort geben – und genau hier setzt die Enttäuschung über das Buch ein: Auch wenn es durchaus gute methodische Hinweise gibt, mangelt es doch an einer systematischen Entfaltung. Das liegt meines Erachtens vor allem an Schärfs Grundannahmen und der  Grundkonzeption des Buches.

Zweifellos interessant sind die Hinweise zum dem, was Schärf „Antizipation der Bedrohung“ (S. 20) nennt und die Überlegungen zur „Gestaltung von Zonen der Angst“ (S. 46). Es ist konstitutiv für die Angst im Unterschied zur Furcht, dass sich die Angst auf eine mögliche Bedrohung richtet. Diese Bedrohung anzudeuten, ihre Konkretion aber zu verzögern, schafft eine spannungsvolle Atmosphäre, die schrittweise aufzubauen ist: im einem zunächst gefahrlosen Raum gibt es erste Anzeichen einer Bedrohung, dies sich erst allmählich manifestiert und sich schließlich als echte Gefahr zeigt: im Schauerroman als übermenschliche Bedrohung, im Kriminalroman als unmenschliche. Die diffuse Angst schlägt in Frucht und Grauen um. Ein wichtiges Mittel ist dabei die Darstellung der Orte und Rahmenbedingungen als „Angstzonen“. Beides kann man sich sehr gut am Beispiel eines Films wie „Alien“ deutlich machen: in dem Science-Fiction-Film ist das Alien im überwiegenden Teil des Filmes gar nicht zu sehen; zur klaustrophobischen Atmosphäre trägt vor allem die Darstellung des Raumschiffs bei. Christian Schärf führt die klassische Verwendung dieser Stilmittel an Beispielen von Edgar Allan Poe, Bram Stoker und E.T.A. Hoffmann vor.

Die Grundannahme jedoch, dass das Phänomen der Spannung „keine empirisch zu bestimmende materielle Basis aufweist“ (S. 10) führt Schärf zu einer (durchaus begründeten) Skepsis gegenüber Patentrezepten der Spannung. Schärfs These von der Erschaffung des Lesers hebt ja zu Recht hervor, dass nicht jeder Leser sich von einem Text gefangen nehmen und auf die Folter spannen lässt. Der Autor kann im Einsatz seiner Spannungsmittel scheitern. Deshalb aber zum Beispiel ein beliebtes Mittel wie cliffhanger  nur begrifflich zu erwähnen (vgl. S. 119), ohne das Mittel selbst vorzustellen, ist ein Manko. Ja, der übermäßige Gebrauch der Methode, ein Kapitel auf dem Höhepunkt der Spannung abzubrechen und verzögert fortzusetzen, ist auf Dauer einfallslos und ermüdet bald. Das zeigen zum Beispiel die Romane von Dan Brown, die fast nur mit diesem Mittel arbeiten. Trotzdem haben die Bücher ein Millionenpublikum gefesselt. Wer Alwin Fills sprachwissenschaftliche Analyse „Das Prinzip Spannung“ liest, wird auf eine verwirrende Vielzahl von empirisch bestimmbaren Elementen der Spannung auf allen Ebenen der Sprache stoßen: Kein Element muss, aber jedes einzelne kann Spannung erzeugen. Für eine Methodenlehre der Spannung wäre es eigentlich notwendig, die für die Praxis des kreativen Schreibens relevantesten Aspekte darzustellen. Das kommt in Schärfs Buch zu kurz.

Auch die Grundkonzeption mündet letztlich in eine Enttäuschung. Christian Schärf bezieht spannendes Schreiben ausschließlich auf Schauer- und Kriminalgeschichten. Seine plausibel ausgeführte These ist, dass sich der moderne Kriminalroman aus der  gothic novel des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Den Prozess dieser Entwicklung zeichnet er nach, indem er zunächst Grundelemente der Angstspannung in der Schauerliteratur darstellt, und dann über die Erfindung der Detektivfigur und der Rätselspannung zu zeitgenössischen Thrillern gelangt. Schärfs Analysen sind interessant zu lesen und im Detail durchaus aufschlussreich. Spannend schreiben bedeutet aber mehr als Krimis zu schreiben. Auch ein Liebesroman lebt von der Spannung der Ungewissheit, ob sich die beiden am Schluss kriegen oder nicht. Das kann spannend sein „wie ein Krimi“. Auch mein „Alien“-Beispiel zeigt: Spannung gibt es nicht nur im Krimi. Es spricht natürlich nichts dagegen, Spannungsliteratur vorwiegend auf den Kriminalroman zu beziehen und exemplarisch vorzuführen. Eine Methodenlehre des spannenden Schreibens sollte aber ansetzen bei der allgemeineren Frage, welche erzählerischen Mittel zur Spannung einer Geschichte beitragen.

Wer nun wiederum denkt, er bekäme zumindest Hinweise zur Konstruktion einer Kriminalgeschichte wird ebenfalls enttäuscht sein. Im Kapitel zum Plotting (S. 92ff) findet man gerade keine Methoden zur Herstellung eines Plots, also eine Handlungslinie, sondern nur die Entfaltung zweier spezifischer Plotstrukturen: der Reise und des Wettstreits. Die Überlegungen zum Krimi als Reise in eine labyrinthische Struktur, die der Detektiv erkunden und entwirren muss (wie im klassischen Detektivroman) und der Krimi als Wettstreit zwischen Täter und Ermittler (etwa im Genre der Serienmördergeschichten) sind kenntnisreich geschrieben und interessant zu lesen. Auf die entscheidende Frage, wie man ein kriminalistisches Rätsel und Labyrinth entwirft, in das man Detektiv und Leser dann schickt, gibt Schärf aber keine Antwort.

Da helfen auch die Schreibaufgaben nicht weiter. Sie fordern zuweilen im Stile von schulischen Klausuraufgaben zur Analyse klassischer Texte auf oder ermuntern zur Imitation eines Stils bzw. die Verfassung von Pastichen. Im Unterschied zu früheren Bänden der DUDEN-Reihe finden sich in den Schreibaufgaben aber kaum methodische Bündelungen von Schreibverfahren exemplarisch vorgestellter Autoren.

Fazit: Eine „Methodenlehre der Spannung“ ist Christian Schärfs Buch „Spannend schreiben“ also nicht. Die Ausführungen sind zwar informativ und die Analysen können überzeugen, aber es fehlen grundsätzliche Überlegungen zu dem, was Texte und Geschichten – jenseits von Krimi und Grusel – spannend macht.  Andererseits bietet das Buch auch kein spezifisches Handwerkzeugs zum Entwickeln eines Krimi-Plots. Die Stärken des Buches liegen darum eher in der Reflexion auf einige Grundlagen der klassischen Kriminalliteratur, weniger in der praktischen Anregung zum kreativ-spannenden Schreiben. Obwohl die als „Schreibverführer“ beworbenen Bücher gerade das versprechen. „Spannend schreiben“ löst dieses Versprechen nicht ein.

Christian Schärf: Spannend schreiben. Krimi, Mord- und Schauergeschichten, , 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012. ISBN 978-3-411-75436-6| 14,95 € | 157 S.

Unter Strom

Cover von "Schreiben unter Strom"Schreiben in Sozialen Netzwerken beeinflusst die Art und den Stil des eigenen Schreibens. Die Vernetzung mit Lesern, die zu Mitschreibern werden können, eröffnet ein weites Experimentierfeld. Stephan Porombka stellt im dritten Band der DUDEN-Reihe zum Kreativen Schreiben einige der Möglichkeiten vor. Das ist zwar nicht ganz das Thema dieses Blogs – aber da ich die anderen beiden Bände schon besprochen habe (1; 2), will ich der Vollständigkeit wegen ein paar Anmerkungen zu dem Buch machen.

Den wichtigsten Hinweis nennt Porombka ganz zum Schluss: „Wer unter Strom schreibt, schließt nicht bestimmte Möglichkeiten aus. Wer unter Strom schreibt, schließt ausdrücklich alle Möglichkeiten ein und bringt sie ins Spiel, um sie immer wieder mit etwas anderem zu kombinieren und dadurch neue Impulse zu bekommen und sie gleichzeitig an andere weiterzugeben.“ (153f) Die Schreibempfehlungen zielen aufs schreibende Experimentieren. Den Untertitel des Buches sollte man also ernst nehmen.

Porombka gliedert sein Buch in drei Teile: Im Grundlagenteil geht es zunächst um die Möglichkeiten, am Computer Texte zu zerlegen und – zuweilen ganz zufällig – neu zu kombinieren. Die Technik ist zwar schon alt, erfährt in Zeiten von Internet, Copy & Paste aber neue Möglichkeiten: Bei der Flarflyrik geht es beispielsweise darum, Resultate einer Google-Suche zu einem neuen Text zu arrangieren. Ein zweiter Punkt ist die Auflösung linearer Strukturen in Hypertexten. Auch diese Technik hat es schon vor dem PC gegeben, aber erst in digitalen Hypertexten entfalten sich die ganzen Möglichkeiten, sei es durch Inner-Textliche Links, sei es durch Links ins WWW. Die dritte Grundtechnik ist die Textbegrenzung und Reduktion wie bei der SMS, bei der nur eine begrenzte Anzahl an Zeichen zur Verfügung steht, und schließlich die Vernetzung solcher Möglichkeiten durch Dienste wie Twitter.

Der zweite Teil des Buches stellt Experimente mit diesen Grundtechniken vor. Beim Schreiben und Experimentieren wird auf die neuen, technischen Möglichkeiten zurückgegriffen, das Ergebnis zielt aber am Ende auf Texte in herkömmlicher Form. So haben beispielsweise Alexander Aciman und Emmett Rensin Texte der Weltliteratur so bearbeitet, dass eine Geschichte als Folge von rund 20 Tweets erzählt wird. Im ihrem Buch „Twitterature“ dampfen sie so ein ganzes Regal an Weltliteratur auf gerade mal 146 Seiten ein. Komplexere Möglichkeiten bietet der klassische Briefroman, auf E-Mail-Korrespondenz umgebrochen: So kann man sich unter www.die-leiden-des-jungen-werther.de dazu anmelden, Werthers Briefe als einzelne E-Mails zusenden zu lassen, z.B. in den Abständen, in denen Goethes Werther seine Brief einst schrieb.

Auf der Grundlage neuer, elektronischer Kommunikation lassen sich natürlich nicht nur Klassiker bearbeiten. Der nächste Schritt ist, selbst auf dieser Basis Texte zu produzieren. Als Beispiele stellt Porombka die E-Mails von Matthias Zschoschke an Niels Höpfner vor, die sich als digitales Journal und Werkstatt-Bericht lesen lassen. Andere Autoren wie Daniel Glattauer erzählen eine Geschichte durch die E-Mail-Korrespondenz zweier Personen. Jan Kossdorff lässt in seinem Roman sogar 15 Mailschreiber miteinander kommunizieren.

Im dritten Teil von „Schreiben unter Strom“ skizziert Porombka schließlich, wie ein Schreiben aussehen kann, das nicht mehr unmittelbar auf Buchveröffentlichung zielt, sondern vorrangig als Netzliteratur entsteht. An der Grenze steht da zunächst das Schreiben im Blog. Porombka wartet da mit einer steilen These auf: „Einen Blog zu machen heißt: sich die Buchkultur abzugewöhnen.“ (88) Porombka meint das nicht kritisch. Er will damit auf die veränderten Schreibbedingungen aufmerksam machen: Das Schreiben erfolgt nicht mehr in großen Abständen, mehrfach redigiert, sondern oft von Tag zu Tag oder gar von Stunde zu Stunde. Das verlangt nach einem anderen, nämlich entspannteren Schreiben: „Verspannt oder verkrampft man beim Bloggen, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass man immer noch viel zu sehr an die alte Verlags- und Feuilletonkultur denkt. Deshalb ist der wichtigste Hinweis für angehende Blogger: Locker bleiben!“ (ebd.) Tatsächlich haben allerdings die angeführten Autoren wie Andrew Sullivan und Sven Regener ihre Blogeinträge längst wieder in Buchform veröffentlicht.

Anders ist beim Schreiben in Facebook. Jenseits der schlichten „Was ich grad mache“-Meldungen kann Facebook zu einem interessanten Experimentierfeld werden. Etwa wenn Jan Fischer zwar Beobachtungen niederschreibt, das schreibende Ich dabei aber nicht identisch sein muss mit dem Schriftsteller Jan Fischer. Die Faszination von Facebook greift aber erst, wenn durch die Kommentare neue Textebenen entstehen, für die nicht mehr ein Autor allein verantwortlich ist. Die Grenze zwischen Autor und Leser verwischt. Das gilt dann in noch radikalerer Form für Jonas Bohlken, der in „neosex“ Online-Gespräche aus einschlägigen Foren dokumentiert. Das Werk liegt auf einem USB-Stick vor. Über einen Browser lassen sich Links ins Internet Welt verfolgen. Das sicher aufwendigste Konzept, das Porombka am Ende seines Buches vorstellt, ist „transmedia storytelling“. Im transmedialen Erzählen verschränken sich Virtualität und Realität: eine Geschichte wird auf Flugblättern, über Facebook und Blog-Einträge sowie Performances an echten Orten erzählt. Ein aufwendiges Konzept, das vor allem in der Werbung zum Tragen kommt.

Jedes der dreizehn Kapitel enthält am Schluss eine Schreibaufgabe, um die vorgestellten Techniken auszuprobieren. Wie bei den beiden anderen DUDEN-Bänden wirken diese Schreibübungen aber manchmal etwas bemüht. Auch darf man – wie in den anderen Bänden der Reihe – keine ausführlichen, technischen Hinweise zur Umsetzung erwarten. Zwar gibt es Hinweise auf blogger und wordpress, aber wie ein Blog eingerichtet und dauerhaft organisiert wird interessiert Porombka nicht. Es gibt sogar technische Hinweise, die eher problematisch sind, wie etwa die Empfehlung, bei Facebook einen Fakeaccount zum Experimentieren einzurichten, was offensichtlich den Nutzungsrichtlinien bei Facebook widerspricht.

Schade ist, dass das Buch selbst keine Schnittstelle zum Internet hat. Ein begleitender Blog oder zumindest eine einzelne Seite mit Links wäre ein schöner Service für die Leser, die sich damit das Abtippen von Links wie https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1785439154172.2104292.1185308648&i=972f9989fb ersparen könnten.

Fazit: Stephan Porombka legt mit „Schreiben unter Strom“ eine knappe Übersicht über Möglichkeiten des Schreibens im Kontext von E-Mail und sozialen Netzwerken vor. Zuviel sollte man sich davon aber nicht erwarten: Der Buch ist keine technische Anleitung für den Betrieb von Blogs oder zur Nutzung von Facebook und Twitter. Zielgruppe ist letztlich weder der Social-Media-Neuling, der eine Starthilfe braucht, noch der routinierte Blogger, der nach neuen Impulsen sucht. Porombka zielt auf Menschen, die neue Schreibmöglichkeiten ausprobieren möchten. Am Ende geht es also ums Experimentieren mit den neuen Medien und die Frage, wie sich darüber das eigene Schreiben verändert und weiter entwickelt. Wer sich darauf einlässt findet eine Reihe von Anregungen, auch wenn manches davon schon altbekannt ist. Schade ist allerdings, dass der Autor die neuen Medien nicht nutzt, um eine Schnittstelle von Buch und Netz zu schaffen.

Stephan Poromka: Schreiben unter Strom. Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012.
ISBN 978-3-411-74921-8| 14,95 € | 159 S.

Mindmap

Eine Mindmap (eingedeutscht auch: Wissenkarte) ist eine Methode zur Strukturierung, Kategorisierung und Hierarchisierung von Informationen. Das Verfahren wurde von Tony Buzan entwickelt und immer weiter verfeinert. Das Mindmapverfahren lässt sich auch als Instrument für ein Brainstorming gebrauchen. Allerdings ist hier das Clusterverfahren oft die angemessenere Methode (vgl. die Gegenüberstellung beider Grundmethoden).

Mindmap-Beispiel

Sammlung von Einfällen und anschließende Ordnung ist in einem Arbeitsschritt kaum möglich. Um zu verhindern, dass Notizen aufwändig von einem Cluster in eine Mindmap überführt werden müssen, kann man mit Kärtchen arbeiten. Sehr komfortabel ist Mindmap-Software für den PC (v.a. der MindManager der Firma MindJet).

Mindmap mit dem Computer

In jedem Fall ist die Kombination von Cluster- und Mindmap-Verfahren ein bewährtes methodisches Instrument der Textproduktion. Obwohl es auf den ersten Blick einfach aussieht, bedarf es einiger Eingewöhnung.

Grundregeln

Für das Mindmapverfahren gibt es verschiedene Anleitungen. Die folgende Schritt-für-Schritt-Anleitung beschreibt die Grundzüge, wie sie sich in den meisten Anwendungen finden.

1. Legen Sie ein leeres Blatt vor sich, schreiben Sie in Druckbuchstaben das Zentralwort in die Mitte des Blattes und umkreisen Sie das Wort.

Mindmap - Anfang

2. Zeichnen Sie Linien („Äste“), die vom Zentralwort ausgehen. Notieren Sie auf diesen Ästen zügig Ihre Einfälle zum Zentralwort.

3. Verwenden Sie für jeden Ast (und später für jeden Zweig) nur ein Wort!

4. Benutzen Sie nur Großbuchstaben in Druckschrift!

5. Erweitern Sie ihre Anfangs-Mindmap, indem sie den ursprünglichen Ästen weitere Zweige hinzufügen.

Mindmap mit Verzweigungen

Erweiterte Regeln

  • Verwenden Sie statt eines Zentralwortes möglichst ein Zentralbild.Schon eine Wolke ist mehr als ein einfacher Kreis. In unserem Beispiel kann daraus eine Sturmwolke werden. Weil eine Bild bekanntlich mehr sagt als 1000 Worte, kann ein Zentralbild zu Assoziationen führen, die bei der alleinigen Verwendung von Begriffen nicht möglich gewesen wären.
  • Verwenden Sie möglichst häufig Bilder und Symbole!Auch in der Mindmap sollten Sie möglichst oft zu Bildern und Symbolen greifen. Diese können neben Ästen und Zweigen stehen oder sogar ein geschriebenes Wort ganz ersetzen.
  • Variieren Sie die Größe der Schrift.
  • Unterstreichen, rahmen, gestalten Sie die einzelnen Begriffe.
  • Benutzen Sie verschiedene Farben und Stifte.
  • Bemühen Sie sich um Übersichtlichkeit!Kreisen Sie z.B. einzelne Äste und ihre Zweige ein, um Zusammenhänge zu verdeutlichen!
  • Bemühen Sie sich um hierarchische Strukturen.Suchen Sie nach Ober- und Unterbegriffen. Nummerieren Sie Zweige und Äste durch.Verstärken Sie die Hauptäste! Alles ist erlaubt, was Wichtiges von weniger Wichtigem, Übergeordnetes von Untergeordnetem, Zusammengehörendes von Zutrennendem unterscheidet und solche Unterschiede sichtbar macht.
  • Arbeiten Sie mit (vorläufigen) Anfangs-Mindmaps und ausgearbeiteten Mindmaps!Oft ergibt sich eine endgültige Struktur erst, wenn die Anfangs-Mindmap schon soweit entwickelt ist, dass sie nur noch schwer umzustellen ist. Fangen Sie dann einfach eine neue Mindmap an. Betrachten Sie die erste Mindmap immer als vorläufige Anfangs-Mindmap; das hilft, sich von dem ersten Entwurf zu lösen und eine Umgestaltung in Angriff zu nehmen.Bei der Beispiel-Mindmap würde es sich zum Beispiel nahe legen, die als 1.1, 1.2 und 1.3 nummerierten Äste zu einem Ast der Kategorie „Natur“ zusammen zu fassen. Ast 2 würde den neuen Titel „Bedeutung“ tragen. Ast 3 könnte den Titel „Übertragen“ bekommen.

Wort- und Bild-Mindmaps

Oft bleibt es – vor allem bei Anfängern – bei reinen Wort-Mindmaps, wie sie bei der Einführung der Grundregeln zu sehen sind. Reine Bild-Mindmaps dürften dagegen selbst bei routinierten Mindmappern selten sein. Für TONY BUZAN gehört es allerdings zur hohen Kunst des Mindmappings, Wort und Bild in einer Mindmap zu integrieren: So wie die Krickelei beim Telefonieren kann das Zeichnen entspannen und über den visuellen Impuls zu neuen Assoziationen führen.

Mindmap vollständig

Cluster

Das Cluster ist ein Brainstormingverfahren, in dem Verbindungen der notierten Assoziationen sichtbar werden. „Cluster“ ist ein schillernder Begriff: In die Terminologie des Kreativen Schreibens wurde er von Gabriele L. Rico in ihrem Buch „Writing the natural way“ (Dt.: Garantiert schreiben lernen) eingebracht. Er bezeichnet dort ein Netzwerk von Worten und Gedanken, die von einem Zentrum aus entwickelt werden.

Die Spezialität des Cluster ist, dass aus zunächst unsystematischen, assoziative Ideenketten ein Gedankennetz entsteht, das einen Schreibimpuls auslöst. Wer diesen Schreibimpuls spürt, fängt unmittelbar an zu schreiben und schreibt, solange der Impuls trägt. Hier verbindet sich das Clustering mit dem Freien Schreiben.

Cluster-Beispiel

Zuweilen wird das Cluster mit einer Mindmap verwechselt. Trotz gewisser Ähnlichkeiten dienen die Methoden aber unterschiedlichen Zwecken: Das Cluster ist ein Assoziationsverfahren, die Mindmap ein Verfahren zur Systematisierung. Die Methoden sind aber miteinander kombinierbar. So kann zum Beispiel ein Cluster als Ausgangspunkt für eine Mindmap dienen. Die folgende Schritt-für-Schritt-Anleitung folgt Ricos Ansatz.

Cluster können von einer oder von mehreren Personen gleichzeitig entwickelt werden. In letzterem Fall nähert sich das Clustering dem Stummen Gespräch an, v.a. wenn nicht nur Wörter, sondern ganze Sätze notiert werden.

Grundregeln

1. Legen Sie ein leeres Blatt quer vor sich, schreiben Sie in Druckbuchstaben das Zentralwort (oder eine Redewendung, einen Bibelvers) in die Mitte des Blattes und zeichnen Sie einen Kreis darum.

2. Beginnen Sie nun, Ihre Einfälle zu notieren. Ziehen Sie um den ersten Einfall einen Kreis und verbinden Sie ihn mit dem Zentralwort in der Mitte. Einen weiteren Einfall verbinden sie mit dem vorigen Kreis. Was immer Ihnen einfällt, dürfen Sie notieren: Wörter, längere Ausdrücke, Zitate.

3. Bei einem neuen Einfall, der Ihnen nicht in die Kette der vorigen Assoziationen zu passen scheint, verbinden Sie den Kreis wieder mit dem Zentralwort und entwickeln Sie eine neue Kette.

4. Bewerten Sie keinen Einfall. Alles ist erlaubt. Es gibt keine richtigen oder falschen Cluster.

5. Wenn der Schreibfluss ins Stocken gerät, betrachten Sie ihr bisheriges Cluster. Ergänzen Sie neue Assoziationen an anderen Kreisen. Ziehen Sie Verbindungslinien zwischen unverbundenen Kreisen. Verstärken Sie wichtige Verbindungslinien.

Cluster-Beispiel

Muster, Versuchsnetz und Schreibimpuls

Wer zum ersten Mal ein Cluster erstellt, wird sich schon bald nach dem Sinn des Ganzen fragen. RICO erklärt diese Reaktion zum einen mit dem inneren Widerstand des gewohnten, begrifflich-linearen Denkens, zum anderen mit der anfänglichen Konzentration auf die neue Methode. In der Regel stellt sich aber schon nach kurzer Einübung das eigentlich gewünschte Phänomen ein: In dem Durcheinander der Notizen wird ein Zusammenhang zwischen einzelnen Notizen sichtbar. Eine Idee blitzt auf. RICO spricht von einem Muster, das erkennbar wird.

Im letzten Cluster könnte solch ein Muster die Entdeckung sein, dass drei Namen auftauchen (Jesus, Don Quichotte, Thor). Die erste Idee könnte sein, die drei Personen miteinander zu verbinden. Was haben sie gemeinsam? Was unterscheidet sie? Welche weiteren Notizen stehen mit diesem Muster im Zusammenhang?

Ein Muster zu erkennen dauert nur einen Augenblick und bildet den Übergang zur nächsten Phase: Die kurz aufblitzende Idee weiter zu verfolgen. RICO nennt diese Phase das Versuchsnetz (trial-web). Das Cluster wird in eine bestimmte Richtung weiter entwickelt. Dabei erweist sich die Idee entweder als irrig (Was nicht weiter schlimm ist, denn es war ja nur ein Versuch) oder tatsächlich als gangbarer Weg.

Wenn das Versuchnetz trägt, dann entwickelt sich daraus wahrscheinlich schon bald ein Schreibimpuls. Nutzen Sie diesen Impuls! Fangen Sie sofort an zu schreiben! Achten Sie nicht auf Orthographie oder andere Hemmnisse des Schreibflusses. Schreiben Sie, soweit die Energie des Impulses reicht.

Doppelcluster

Reden, Erzählen, Nachdenken sind oft durch begriffliche Gegensätze bestimmt: heiß/kalt, hoch/tief, arm/reich. Wer Gegensätze benennt und Gegenbeispiele einbringt schärft damit die eigene Aussage. Das Clusterverfahren nutzt diesen Umstand im Doppelcluster. Das Cluster beginnt mit zwei Zentralworten.

Doppelcluster - AnfangWie bei einem einfachen Cluster werden nun die Einfälle notiert, bis ein Muster erkennbar wird und der Übergang zum Versuchnetz erfolgt.

Doppelcluster - vollständig

Kreatives Handwerk

Gesing-Cover: Kreatives SchreibenFritz Gesings Einführung in das Kreative Schreiben gehört mittlerweile zu den deutschsprachigen Klassikern: Nicht weil er eine besondere Methode vorstellt, sondern weil er tatsächlich in das Metier einführt und sich das Buch – wie jede gute Einführung – später hervorragend als Nachschlagewerk eignet. Geprägt ist die Einführung durch amerikanische Creative-Writer, deren Ansätze Gesing vorstellt, sowie durch zahlreiche Beispiele aus der Weltliteratur, auf die Gesing zum Weiterlesen verweist oder aus denen er zur Illustration des Geschilderten zitiert. In grauen Kästen hervorgehoben sind die praktische Hinweise und Anleitungen, die man vor allem dann zu schätzen lernt, wenn man das Buch als Nachschlagewerk nutzt.

Das Buch wendet sich vornehmlich an den Anfänger im Kreativen Schreiben erzählender Prosa und will nach Selbstaussage sowohl zum Selbststudium wie als begleitende Lektüre eines Workshops geeignet sein. Dieser Einschätzung kam man ohne weiteres zustimmen: In zehn Kapitel stellt Gesing Grundsätze der Charakter- und Handlungsentwicklung, der Erzählperspektive, der Erzählweise und der Überarbeitung vor. Dabei werden auch typische Fragen wie der Umgang mit Schreibhemmungen, mit Erzählproblemen und der sprachlichen Gestaltung angesprochen. Das alles geschieht knapp und präzise, wie es für eine Einführung sein muss. Wer einen vertieften Einstieg in bestimmte Fragestellungen wünscht, findet im ausführlichen und gut gegliederten Literaturverzeichnis entsprechende Hinweise.

Wer schon viele Bücher zum Kreativen Schreiben kennt, wird bei Gesing zwar nicht viel Neues finden, aber das vorbildliche (weil übersichtliche) Layout und die knappe Darstellung lassen das Buch schon bald zu einem oft genutzten Nachschlagewerk werden. Dem dient auch das gute Sachregister, das nicht nur die Hauptstichworte nennt, sondern von Unterpunkten auf die zentralen Stichworte verweist und verwandte Stichworte nennt.

Vergleichbar ist das Buch mit Otto Kruses „Kunst und Technik des Erzählens“.  Kruse legt mehr Gewicht auf die praktischen Übungen und führt stärker durch das Buch, weshalb es sich stärker als Übungsbuch zum Selbststudium eignet. Gesings Schwerpunkt liegt auf der Darstellung, die einzelnen Abschnitte wirken in sich geschlossener (was den Charakter eines Nachschlagewerkes unterstreicht) und das Layout ist übersichtlicher.

Fazit: Fritz Gesings „Kreativ Schreiben“ ist eine sehr gute, solide Einführung in das kreative Schreiben erzählender Texte. Aufbau, Layout und Knappheit der Darstellung machen das Buch auch zu einem guten Nachschlagewerk. Obwohl es sich ausdrücklich an Anfänger wendet, lohnt sich auch für erfahrende Schreiber ein Blick in das Buch. Predigerinnen und Prediger erhalten einen guten Einblick in das Thema und werden immer wieder auf inspirierende Hinweise für die Predigtpraxis stoßen, die über de erzählende Prosa hinaus aus für die Predigtpraxis hilfreich sind.

Gesing, Fritz: Kreativ schreiben. Handwerk und Techniken des Erzählens, Köln 2004.
ISBN 3-8321-7472-9 (Neuausgabe) | 9,95 € | 259 Seiten

Bis auf die Knochen

Goldberg-Cover: Schreiben in CafésWriting down the bones von Natalie Goldberg gilt als Klassiker der Kreativ-Schreiben-Literatur. Das zunächst unter dem Titel „Der Weg des Schreibens“ auf Deutsch veröffentlichte Buch liegt mittlerweile unter dem Titel „Schreiben in Cafés“ als Neuauflage vor. Es handelt sich um eine lockere Sammlung von Schreibempfehlungen, die um den Zentralgedanken kreisen „Vertrau auf das, was du liebst, und es wird dich dorthin bringen, wo du hingehen musst.“ Beeinflusst sind ihre Empfehlungen durch den Zen-Buddhismus. Beim Schreiben „bis ins Mark vordringen“ (16) ist das Ziel ihres Ansatzes.

Die 64 Kapitel des Buches sind im lockeren Plauderton geschrieben. Ein Durchlesen von vorne nach Hinten ist nicht nötig. Oft umfassen die Kapitel nicht mehr als ein oder zwei Seiten. Interessant, um ein wenig in dem Buch zu stöbern.

Goldberg stellt keine Methode im engeren Sinne vor. Sie will dazu anregen ins Schreiben zu kommen, indem man einfach losschreibt und die Hand in Bewegung hält. Ihre Empfehlung: Einfach billige Spiralhefte und einen gut schreibenden Stift besorgen und Kladde um Kladde füllen. Dazu formuliert Goldberg sechs Regel:

„1. Halten Sie Ihre Hand in Bewegung. […]
2. Streichen Sie nichts. […]
3. Kümmern Sie sich nicht um Rechtschreibung, Zeichensetzung oder Grammatik. […]
4. Lassen Sie sich gehen.
5. Denken Sie nicht. Versuchen Sie nicht, logisch zu sein.
6. Weichen Sie dem wunden Punkt nicht aus. […]“

Goldberg meint nicht, dass dadurch bereits große Literatur entstünde. Es geht gar nicht um große Literatur. Jedenfalls nicht im Prozess des Schreibens. Das mag später kommen, wenn die Texte gesichtet und überarbeitet werden. Nicht aber während des Schreibens. Hier geht es darum, sich dem Schreibfluss anzuvertrauen und zu schreiben, was einem in den Sinn kommt. Eine Zensur findet nicht statt.

Anders als z.B. beim Freewriting gibt es keine weiteren Regeln. Letztlich ist alles erlaubt, was ins Schreiben bringt. Die Ausführungen von Natalie Goldberg haben hier nur den Rang von Tipps und Tricks: Was bei dem einen funktioniert, muss bei dem anderen noch lange nicht das Schreiben fördern. Die öfter wiederholte Empfehlung in Cafés zu schreiben (worauf der Titel verweist) ist eine persönliche Erfahrung von Goldberg und Freundinnen. Ob es ein Ort ist, an dem auch der Leser ins Schreiben kommt, muss es letztlich ausprobieren. Das ist einer der sympathischen Züge an Goldbergs Ansatz: Es gibt keinen Königsweg zum Schreiben, außer das Schreiben selbst. Goldberg gibt Hinweise und Anregungen sich auf den „Weg des Schreibens“ zu machen: „Es ist wichtig, dass Sie eine Methode entwickeln, wie Sie mit dem Schreiben beginnen: sonst wird der Abwasch – oder alles andere, das Sie von Schreiben ablenkt – plötzlich zu wichtigsten Sache der Welt. Eigentlich muss man nur den Mund halten, sich hinsetzen und – schreiben.“ (40)

Interessant sind die religiösen Implikationen des Buches: Schreiben wird selbst zu einer religiösen Erfahrung. An manchen Punkten wird der Prediger, der sich nicht vom Zen-Hintergrund irritieren lässt, auch viel über seine eigene Erfahrungen lesen können. Oft lässt sich diese Erfahrung bereits dadurch sichtbar machen, dass man statt „Schriftsteller“ jeweils „Prediger“ liest. Dieser religiöse Hintergrund hatte bei der Erstauflage dazu geführt, dass der Verlag das Buch in der Esoterikecke verortet hat. Auch der alte Untertitel suggerierte diesen Bezug. Goldberg geht es aber nicht in erster Linie um Selbsterkenntnis, für die sie sich das Schreiben zu Nutze machte, sondern um das Entdecken der eigenen Stimme und Sprache.

Fazit: „Schreiben in Cafés“ ist eine Sammlung von kurzen Tipps und Reflexionen zum Schreiben. Eher ein Buch zum Stöbern als zum Durchlesen. Wer schon viele andere Schreibbücher kennt, wird hier nicht unbedingt viele Neuigkeiten lesen. Aber es ist erfrischend und ermutigend, dass Goldberg keine umfangreiches Instrumentarium anbietet, sondern immer nur auf das Wesentliche rekurriert: Lust und Spaß am Schreiben zu jeder Gelegenheit und über jedes Thema.

Goldberg, Natalie: Schreiben in Cafés, Berlin: Autorenhaus 2003.
ISBN 3-932909-65-8 | 14,– € | 200 Seiten
(2. Auflage: 16,80 €)  [Amazon-Link]

Die Kunst des Zettelkastens

Der Titel „Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu schreiben“ von Jack Bickham führt in die Irre. Allerdings ist auch der Originaltitel nicht besser: „Writing the Short Story. A Hands-On Program“. Denn die praktische Anleitung erweist sich sehr sperrig: Zwar liefert das Buch ein ausführliches Schritt-für-Schritt-Programm, doch bis man ins Schreiben kommt, vergeht viel Zeit, während der sich zwar der eigene Zettelkasten füllt. Der Spaß am Schreiben kann einem aber unterwegs verloren gehen. Anders als die meisten Schreibbücher vermittelt Bickham vor allem den Ernst und die Mühen des Schreibens. Da wundert es nicht, dass Bickham unablässig zu aufmunternden Worten greift: „Verlieren Sie nicht den Mut!“ – Am Ende, so Bickhams Versprechen, zahlt sich die Mühe aus.

Bickhams Methode beruht auf dem guten, alten Zettelkasten. Da Bickham davon ausgeht, dass eine angehende SchriftstellerIn über keinen prallen Zettelkasten verfügt, besteht der erste Teil des Buches vor allem mit Aufforderungen, Karteikarten zu beschriften: 5 Karten hierzu, 10 dazu, 20 zu noch etwas anderem. Wer sich darauf einlässt, verfügt am Ende des Programms über einen ansehnlichen Grundstock für seinen neuen Zettelkasten.

Bickham zeigt, wie dieser Zettelkasten zum Einsatz kommen kann: Bei der Figurenentwicklung, der Ortsbeschreibung, der allgemeinen Recherche und dem Entwurf einer Grundstruktur für eine Geschichte (Plotting). Auch hierbei weicht Bickham von vielen anderen Kreativitätsbüchern ab: Erst wenn eine solide Vorarbeit und das Gründgerüst der Geschichte steht, sollte man mit dem Schreiben beginnen, lautet im Kern sein schriftstellerisches Credo. Die am Anfang mit Mühe erstellten Karteikarten helfen am Ende, eine Geschichte detailliert zu konzipieren und auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Beim Schreiben selber hilft dies, den roten Faden im Auge zu behalten.

Dabei ist es am Ende unwichtig, ob man eine Short Story oder einen Roman schreibt. Das ist letztlich auch der Grund, warum der Titel irreführend ist: Es geht dem Autor nicht um eine praktische Einführung in die Kunst der amerikanischen Short Story, sondern um einen pragmatischen Weg zum Schreiben, der immer wieder deutlich macht, dass Schreiben Arbeit ist. Aber eine lernbare Arbeit.

Das Buch ist kein Buch für Anfänger. Es ist vielmehr ein Buch für jene Menschen, die an ihren bisherigen Schreiberfahrungen gescheitert sind. Ihnen zeigt Bickham einen gangbaren, aber steinigen Weg zur ersten längeren Geschichte. Dass Bickham dennoch eine Reihe von Grundfragen der Figurenentwicklung, des Plottings etc. anspricht, gehört zu den Schwächen des Buches: Für Anfänger sind die Hinweise zu oberflächlich, die Beispiele zu wenig anschaulich; wer hingegen mit den Grundbegriffen schon vertraut ist, liest darüber schnell hinweg. Mit der Konzentration auf eine Lesergruppe und einer pointierteren Darstellung der Karteikartenmethode hätte das Buch deutlich gewonnen.

Diese Beurteilung wirkt sich auch auf die Einschätzung aus, dass Predigerinnen und Prediger nur begrenzt von einer Lektüre profitieren werden: Wer nicht mit einem Zettelkasten arbeitet und eigentlich auch gar nicht weiß, was das ist und wozu er nützt, bekommt seine Einsatzmöglichkeiten am Beispiel fiktionaler Geschichten vorgeführt; es wird nicht schwer fallen, die Methode auf die homiletische Praxis zu übertragen. Wer den Zettelkasten kennt und damit arbeitet – selbst in seinen rudimentärsten Formen – wird nur dann und wann einen inspirierenden Hinweis finden.

Fazit

Bickhams Buch ist eine praktische Anleitung zur Entwicklung und zum Gebrauch des Zettelkastens als schriftstellerische Methode. Eine spezielle Einführung ins Schreiben amerikanischer Short Stories ist es weniger. Hilfreich dürfte das Buch besonders für jene sein, die über das impulsive Schreiben nicht hinauskommen und nach einer systematischen Schreibmethode suchen. Für PredigerInnen ist das Buch zumindest als Anleitung für den Gebrauch eines Zettelkastens interessant.

Bickham, Jack M.: Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen, Frankfurt a.M. 2002. ISBN 3-86150-462-6 (nur bei zweitausendeins) | € 12,75 / 221 Seiten

Natürlich schreiben lernen

Rico-Cover: Garantiert schreiben lernen„Garantiert schreiben lernen“ ist eines der Standardwerke des Kreativen Schreibens – und teilt dabei das Schicksal andere Standardwerke: Man kennt die darin entwickelte Methode, das sog. Clustering, aus Kurzdarstellungen in der Sekundärliteratur, nicht aber den Primärtext. Dabei ist dieses Buch selbst bereits ein ausgezeichneter Schreibkursus, der sich auch gut zum Selbststudium eignet. Das vorgestellte Verfahren dient nicht allein dem Zweck des Schreibens: Clustering ist eine Grundmethode für jede schöpferische Arbeit und dient insbesondere der Ideenfindung und ersten Konzipierung.

„Natürlich schreiben“ wäre die angemessenere Übersetzung für Gabriele L. Ricos Buch „Writing the natural way“ – auch weil es Konzeption und Anspruch klarer auf den Punkt bringen würde.. Ähnlich dem MindMap-Verfahren von Tony Buzan (mit dem es häufig verwechselt wird) geht das Clustering konzeptionell von der These aus, dass Kreativität aus der Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften entsteht: Begriffliches und bildliches Denken ergänzen demnach sich wechselseitig. Wer auf Verfahren zurückgreift, die bei der schöpferischen Arbeit beide Gehirnhälften beanspruchen, hätte damit – so die Grundthese – methodisch den Schritt hin zu einem größeren, kreativen Potential bewältigt. Dazu ist prinzipiell jeder Mensch in der Lage. Das also ist der Anspruch: Schreiben ist natürlich lernbar.

Bei Clustern entstehen Verknüpfungen und Verbindungen, die – so die Grundthese – den Verknüpfungen und assoziativen Verbindungen des Gehirns entsprechen Deshalb ist schöpferisches Denken nicht linear, sondern verzweigt. Das Cluster macht dieses Verzweigungen sichtbar. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, aus vereinzelten Informationen Gesamtbilder herzustellen. Das macht sich das Clusteringverfahren konzeptionell zu nutze: Die sichtbar gemachten Verzweigungen lassen dem Gehirn Raum, Verbindungen und Zusammenhänge zu konstruieren, die  bei einem rein linearen Vorgehen undenkbar geblieben wären.

Man muss diesen Vorannahmen nicht zustimmen, um mit dem Verfahren zu überraschenden Ergebnissen zu gelangen. Rico äußert sich in ihrem Buch ausführlicher zu den Annahmen über die Arbeitsweisen des Gehirns (Kap. 4), ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Im Vordergrund stehen zahlreiche Anwendungsbeispiele. Was das Buch trotz der Kurzbeschreibungen der Methode, die zahlreich in anderen Schreibbüchern und im Internet vorliegen (auch auf dieser Seite: Clustern – Schritt für Schritt), lesenswert macht, ist die Darstellung der Clustering im Rahmen einer Gesamtkonzeption des Kreativen Schreibens. Dies reicht von ersten Assoziationen über die Herausarbeitung eines roten Fadens bis hin Überarbeitung.

Als Kurs zum Selbststudium ist „Garantiert schreiben lernen“ insofern geeignet, als das Buch und die darin vorgestellte Methode von den ersten Versuchen an unmittelbar auf die Textproduktion zielt und schon früh mit ersten Erfolgen weiter lockt.  Wer allerdings nur an einer kurzen Darstellung der Methode interessiert ist oder eine Methodenvielzahl erwartet, wird enttäuscht sein: Für die einen ist das Buch zu ausführlich, für die anderen methodisch zu eng.  Andererseits ist die Methode für das Kreative Schreiben und darüber hinaus von so fundamentaler Bedeutung, dass ein Durcharbeiten des Buches ein lohnenswertes Projekt ist. Das nicht zuletzt deshalb, weil die Methodik selbst eine äußert differenzierte Anwendung erlaubt.

Fazit: „Garantiert schreiben lernen“ von Gabriele Rico ist ein empfehlenswerter Grundkurs im Kreativen Schreiben, der ausschließlich auf die Methode des Clustering setzt und dabei alle Feinheiten der Methode demonstriert. Vorkenntnisse werden nicht erwartet, deshalb eignet sich das Buch gut als Einstieg. Wer bereits mit anderen Methoden vertraut ist, wird hier eine solide Darstellung einer Grundmethode finden. Predigerinnen und Prediger werden mit einer Methode belohnt, die sich für das Predigtschreiben ebenso eignet wie für die Konzeptionen von Unterrichtsstunden und das kurze Entwerfen von Andachten.  Allerdings sollte man sich das Durcharbeiten wirklich vornehmen: Zum gelegentlichen, inspirierenden Stöbern eignet sich das Buch nicht.

Rico, Gabriele L.: Garantiert schreiben lernen. Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs, Reinbek bei Hamburg 2004.
ISBN 3-499-61685-8 (Sonderausgabe) | 12,99 € | 304 Seiten [Amazon-Link]

Gesammelte Allgemeinplätze

In der Tat spricht der Wilhelm Ruprecht Frieling in seinem schmalen Buch (162 S.) „über die Kunst des Schreibens“ – ohne aber wirklich in diese Kunst einzuführen. Es ist dem Autor zuzugestehen, dass es ihm erklärtermaßen nicht um Schreibtechnik geht. Ihm geht es um „Wege, wie man als Autor bewußt zu sich selbst findet“, womit Frieling „wesentliche Grundlagen für die Aneignung der Kunst des Schreibens“ (S. 128) angesprochen zu haben glaubt. Als selbst diesen Anspruch holt das Buch nicht ein.

In vier Hauptkapiteln (Jeder kann schreiben; An der inneren Mauer; Kraftquell Unterbewußtsein; Die Begegnung mit dem Leser) sowie einem kurzen Anhang, der aber vor allem Eigenwerbung des Autors und Verlegers enthält findet der interessierte Leser nur wenig konkrete Schreibhinweise und -reflexionen. Frieling belässt es dabei, neben verschiedenen Allgemeinplätzen über das Schreiben eine Vielzahl von Zitaten zusammen zu stellen und zu kommentieren. So überrascht es nicht, dass die Kernthese des Buches selbst ein Allgemeinplatz ist: „Jeder, der Autor werden möchte, hat die Chance, dies zu tun.“ (S. 30)

Nun könnte man diese These einfach als richtig stehen lassen – würde sie in Frielings Buch nicht eine doppelte Funktion haben. Denn Frieling schreibt nicht nur als Autor, der anderen Autoren helfen will, selbst ins Schreiben zu kommen. Er ist zugleich Gründer des Privatverlags Frieling – auf der Suche nach Autoren, die bereit sind, für die Veröffentlichung ihres Werkes zu zahlen. Dadurch erhalten die dürftigen Bemerkungen über das Schreiben einen unangenehmen Beigeschmack.

Das unterstreicht erst recht der Schluss des Buches. Dort findet sich nämlich das Verlagssignet des Frielingverlages, dem der Absatz vorausgeht: „Jeder Autor braucht einen Verleger. […] Das Buch […] ist seit Jahrhunderten das Gefäß des Schriftstellers. Darum sollte kein Preis zu hoch sein, das Ziel zu erreichen: das eigene Buch.“ Wollen wir wenigstens hoffen, dass die Preise des Verlags angemessen sind.

Fazit

Frielings „Über die Kunst des Schreibens“ kann für gänzlich unbeleckte Neu-Autoren ein Einstieg in die Materie sein, wenn man nicht allzu hohe Erwartungen an das Buch stellt (wie sie der Klappentext wecken kann). Der Preis von 10 € (20 DM) wäre für das Buch selbst angemessen – wenn es sich nicht um eine als Ratgeber getarnte Verlagswerbung handelte.

Frieling, Wilhelm Ruprecht: Über die Kunst des Schreibens. Wie Autoren unbewußte Kräfte besser nutzen, Berlin 1994. ISBN 3-890-09700-6 | 10€ / 162 Seiten

SchreibWEG zu sich selbst

Jürgen vom Scheidt gehört mit Lutz von Werder zu den Protagonisten des Kreativen Schreibens in Deutschland. Und wie bei Werder ist auch Scheidts Ansatz durch eine enge Verbindung von Schreibmethodik und Schreiben als therapeutischem Instrument gekennzeichnet. Scheidts „Kreatives Schreiben“ ist eine Einführung in seinen Ansatz. Es ist eher ein Buch über Kreatives Schreiben als eine Anleitung zu bestimmten Techniken. „SchreibWEG zu sich selbst“ weiterlesen