Über mich selbst schreiben

Notizbuch
(c) Günther Gumhold / pixelio.de

„Ich könnte ein Buch schreiben“, sagen Menschen häufig, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Doch obwohl viele Menschen gern von ihren Erlebnissen erzählen, gehen die wenigsten den nächsten Schritt, tatsächlich ihr Leben niederzuschreiben. Ratgeberliteratur zum Thema Autobiographie gibt es reichlich. Es scheint also Bedarf zu geben. Nun hat sich Hanns-Josef Ortheil als Autor und Herausgeber der DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben des Themas angenommen: „Schreiben über mich selbst“ versteht Ortheil aber „nicht nur [als] eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern [als] Teil einer umfassenderen ‚Lebenskunst‘ “, bei der es darum geht, „die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen“ (S. 147). „Über mich selbst schreiben“ weiterlesen

Kreatives Schreiben – fortgeschritten und vertieft

„Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ ist die Fortsetzung von Fritz Gesings Klassiker Kreativ Schreiben. Die Rückverweise auf den ersten Band unterstreichen bei der Lektüre den Fortsetzungcharakter. Dabei kommt es vereinzelt zu Wiederholungen und Bündelungen, die allerdings die Lektüre des ersten Bandes nicht überflüssig machen.

„Kreatives Schreiben – fortgeschritten und vertieft“ weiterlesen

Scapple – die Grundfunktionen vorgestellt

Ich hab meine ersten Erfahrungen mit Scapple gesammelt und bin begeistert: Auf so ein Programm habe ich lange gewartet. OK, es gibt auch Sachen, die ich vermisse, aber vom Ansatz her ist es wunderbar, weil einfach und fast intuitiv. Wer das Programm allerdings als Mindmapping-Software oder Programm zur Erstellung von Grafiken und Flowcharts missversteht, wird enttäuscht werden. Ich will in loser Folge mal die Funktionen des Programms vorstellen. Heute geht es los mit den Grundfunktionen. Ich mache das mal als Grafik aus Scapple heraus, weil das gleich viel mehr demonstriert als jede Beschreibung.

Ein Klick auf das Bild erlaubt eine 100%-Ansicht:

Wie Scapple funktioniert - #1

Grundfunktion von Scapple #2

Wie man an meinem ersten Predigtentwurf mit Scapple sehen kann (siehe hier) sind natürlich vielfältige Verbindungen möglich.

P.S: Den Inspector kann man doch andocken: Über das Optionenmenü lässt sich der Inspektor am rechten Rand anzeigen. Er ist dann nicht immer im Weg, verbraucht aber sehr viel Platz. Sinnvoll ist das nur, wenn man einen sehr großen Bildschirm zur Verfügung hat.

 

Scapple – bald auch für Windows?

Die Macher von Scrivener haben eine Clustering-Software entwickelt – für die Mac-Welt schon erhältlich, für Windows noch im Beta-Stadium

Notizblatt zu "Tradition und Verfahren"
Notizblatt zu „Tradition und Verfahren“

Ich hab es schon gemacht, als ich noch kein Wort dafür kannte: Clustering. Bei Mitschriften an der Uni und als Entwurfstechnik für Seminararbeiten und der späteren Dissertation habe ich kurze Notizen einkreist oder mit Wolken und Kästchen umgeben und durch Striche mit anderen Notizen verbunden. OK, es waren keine Cluster in Gabriele Ricos Sinne, aber es war ein intuitiver Versuch, Struktur in die Notizen zu bringen und Zusammenhänge für das Schreiben sichtbar zu machen.

Literature & Latte, die Macher der Autorensoftware Scrivener, die ich seit einiger Zeit benutze, haben eine Software entwickelt, mit der man am Recher in gleicher Weise arbeiten kann: Scapple. Wer sich mit den Methoden nicht so gut auskennt, könnte meinen, das müsste auch mit Mindmapping-Software gehen. Ich benutze den Mindmanager und Freemind und kann sagen: Es geht nicht. Mindmap und Cluster sind völlig verschiedene Werkzeuge. Insofern ist das Erscheinungen von Scapple mehr als erfreulich. Mac-Nutzer können das Programm bereits kaufen – Windows-Nutzer müssen sich noch etwas gedulden. Bislang liegt nur eine Beta-Fassung vor. Aber die lässt aufmerken.

In Scapple können Notizen frei platziert, verschoben und mit anderen Notizen verknüpft werden. Zudem lassen sich Scapple und Scrivener miteinander verbinden: Per drag&drop können Notizen von Scapple zu Scrivener und umgekehrt verschoben werden. Anders als beim Mindmapping gibt es keine Hierarchien der Notizen. Wer Scapple als alternative Mindmapping-Software betrachtet, wird damit ebenso unzufrieden sein wie jemand, der versucht mit Mindmaps zu clustern. Ein Video auf youtube veranschaulicht die Verwendung.

Die aktuelle Windows-Beta lässt sich noch bis zum 15. Oktober verwenden. Wann eine Verkaufsversion erscheint, steht noch nicht fest. Bei Scrivener konnte man die Windows-Testversion mehrfach verlängern, bis die Release-Version erschien.

Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

Befreiter Predigen

Frei Predigen ist für viele ein hehres Ziel, aber auch mit großem Druck verbunden. Dabei muss es ja gar nicht die ganz freie, manuskriptlose Rede sein. Vielleicht sollte man deshalb lieber an freieres Predigen denken. Für das Gütersloher Prädikantenkonvent habe ich dazu sechs Thesen aufgestellt:

1. Die Predigt ist ein Ereignis im Gottesdienst.
(Das Manuskript ist nur der Predigtplan, nicht die Predigt!
Streng genommen bin ich am Samstagabend allenfalls mit dem Predigtplan fertig, nicht aber mit der Predigt.)

2. Frei predigen heißt, sich jederzeit vom eigenen Predigtplan lösen zu können.
(Das ist wie bei einem Stadtplan: ich sehe die verschiedenen Wege zu einem Ziel, und kann mich spontan umentscheiden, eine Abkürzung zu nehmen oder eine kleinen Bogen zu machen.

3. Freies Predigen braucht einen übersichtlichen Predigtplan
(Dabei gilt der Grundsatz: Soviel Übersicht wie möglich, soviel Details wie nötig)

4. Für einen übersichtlichen Predigtplan ist es wichtig, sein Predigen zu vereinfachen:
einfache Sprache,
klarer Aufbau,
langsame Entwicklung der Gedanken,
Mut zum Streichen

5.    Einfacher predigen heißt, an Aussagen und Aufbau feilen – nicht an den Formulierungen.

6.    Das Ausformulieren einer Predigt ist immer der letzte Schritt
– sei es gesprochen auf der Kanzel oder schriftlich im Manuskript.

Ins Labyrinth der Zettel

Zettelkästen sind für viele, die schreiben, eines der wichtigsten, kreativen Werkzeuge. Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erlaubt im Jean-Paul-Jahr 2013 einen Einblick in die sonst verschlossenen Zettelwelten, denn in der Regel findet sich im Labyrinth der Zettel nur der zurecht, der es angelegt an. Wem die Reise an den Neckar zu weit ist, kann sich an einem großartig gestalteten Katalog erfreuen, der gerade erschienen ist. Neben einem 163-seitigen Textteil gibt es einen rund 220-seitigen Bildteil, der einen guten Einblick gibt in die Vielgestaltigkeit von Zettelkästen. Allein das Stöbern darin ist eine große Freude.

„Zettelkästen sind Häuser des Lesens, Denkens und Schreibens“ (5), beginnen Heike Gfrereis ihren Aufsatz zur Einleitung in den Katalog und die Ausstellung. Der Textteil ist selbst wie ein Zettelkasten aufgebaut: Sortiert nach „15 Buchstaben eines unvollständigen Alphabets“ (14) von „a“ wie ABSTRACT bis „z“ wie ZYKEL finden sich dort Aufsätze über und Beiträge von Schriftstellern und wie sie Zettel(-Kästen) zum Schreiben nutzten und nutzen. Jeder Text ist einem Stichwort zugeordnet. Der Einleitungstext zum Stichwort „Architektur“ von Gfrereis und Strittmatter funktioniert wie ein Index, der mit Pfeilen markierte und grün unterlegte Verweise auf die Beitrags-Stichworte im Text enthält. So wird die Einleitung zum Sprungbrett in die nachfolgende Sammlung von Texten (die selbst wiederum aber nur an wenigen Stellen auf andere Texte verweisen).

Die längeren Aufsätze des Kataloges widmen sich jeweils einem Schriftsteller oder Wissenschaftler und stellen die Besonderheiten seines Zettelkastens vor. In diesen Texten werden die Arbeitsweisen von unter anderem von Jean Paul, Walter Benjamin, Walter Kempowski, Niklas Luhmann, Arno Schmidt und Aby Warburg betrachtet. Eine Ausnahme ist der Text von Hektor Haarkötter, der einen Einblick gibt in die Geschichte des Zettelkastens selbst. Die Kuratorinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter wiederum haben zu einigen Exponaten kurze Erläuterungen geschrieben. Sie werden ergänzt durch kurze Beiträge der Schriftsteller F.C. Delius, Oswald Egger, Jochen Missfeldt, Eckart Henscheid, Wilhelm Genanzino und Alissa Walser, die beschreiben, wie in ihrer Arbeit Zettel tatsächlich vorkommen – oder auch nicht.

Denn Zettelkasten ist nicht gleich Zettelkasten, das wird beim Lesen der verschiedenen Beiträge schnell deutlich. Deshalb ist es gut, dass die Kuratorinnen die Ausstellung und den Katalog mit dem Plural „Zettelkästen“ überschreiben. Die Arbeitsweisen der verschiedenen Autoren mit ihren Kästen sind höchst unterschiedlich. Verbindend ist allenfalls der Kampf mit dem Chaos der Vielzahl von Zetteln. Die Spannung von Ordnung und Unordnung ist allerdings Voraussetzung ist für den kreativen Prozess. Insofern sind es tatsächlich Zettel-Labyrinthe, in die der Katalog hineinführt.

Dass Zettelkasten nicht gleich Zettelkasten ist, kann man ganz gut und in zweifacher Hinsicht an F.C. Delius verdeutlichen. Zum einen gilt: Ein Zettelkasten muss nicht aus Holz und Papier bestehen: F.C. Delius hat Mitte der 80er Jahren den Computer als besseren Zettelkasten entdeckt. Hier trifft er sich mit Friedrich Kittler, der zur gleichen Zeit von Karten auf virtuelle Datensätze umgestellt hat. Kittler hat dabei nicht einfach die Struktur des Kastens aus Holz und Papier am Rechner nachgebildet, sondern in der digitalen Verarbeitung „ein völlig neues Medium“ (53) erkannt. Die „Optionen ‚Copy’, ‚Paste’ und ‚Print’“ stellen für Delius sogar eine Befreiung von den steifen Karteikarten dar (16).

Delius’ Vorbehalt gegen den traditionellen Zettelkasten liegt zum anderen in dessen angeblich linearer, hierarchischer Ordnung. Ein Vergleich mit Niklas Luhmann zeigt, dass sich diese Ordnung mit einfachen Regeln auflösen lässt, so dass der Zettelkasten zu einem fast schon organischen Wesen wird: Luhmann sieht im Zettelkasten einen Kommunikationspartner, der es versteht, sein Gegenüber mit Ideen und interessanten Zusammenhängen zu überraschen. Das gelingt, gerade weil der Zettelkasten „keine systematische Gliederung und inhaltliche Ordnung aufweist“ (87).

Der umfangreiche Bildteil des Kataloges macht die abstrakten Überlegungen zu den Zettelkästen anschaulich. Der Buchblock ragt 5 mm aus dem Buchblock des Textteils heraus. Auf dem Deckblatt finden sich die fünfzehn Buchstaben der Ausstellung wieder. So ist es jederzeit gut und übersichtlich möglich, aus dem Text in den Bildteil zu springen und sich anzusehen, worüber man gerade gelesen hat. Das ist nicht nur elegant sondern auch sehr schön gelöst. Etwas umständlich ist, dass die Fußnoten zum Textteil sich am Ende des Buches hinter dem Bildteil verstecken. Aber damit kann man leben.

Großartig ist, dass die Abbildungen Zettel aus den Kästen ziehen. So wird sichtbar, wie der jeweilige Autor notiert und seine Zettel im Kasten angelegt hat. Hier zahlt sich die Trennung von Textteil und Bildteil wirklich aus. Statt wie sonst oft üblich die Fotografien zu bloßen Illustrationen zu degradieren, haben die guten Fotografien durch viel Weißraum die Möglichkeit, eine eigene Wirkung zu entfalten. Das gleich gilt umgekehrt übrigens auch für den Text: das schöne und großzügige Layout macht das Lesen doppelt Freude.

Fazit: „Zettelkästen“ ist ein großartiger Ausstellungskatalog, der auch als eigenständige Publikation funktioniert. Wer sich für Zettelkästen interessiert, gewinnt einen hervorragenden Einblick in die Arbeitsweisen von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die den Zettelkasten als kreatives Werkzeug nutzen. Auch wer sich bislang nicht mit dem Zettelkasten befasst hat, wird hineingeführt in die Faszination der Zettellabyrinthe – und bekommt vielleicht Lust, diese kreativen „Maschinen der Phantasie“ für sich selbst zu entdecken.

Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter (Hrsg.): Zettelkästen. Maschinen der Phantasie (Marbacher Katalog 66), Marbach am Neckar 2013.
ISBN 978-3-93734-83-2| 28 € | 382 S. [Link zum Shop der Literaturarchivs]

[Link zur Infoseite über die Ausstellung auf der Homepage des Deutschen Literaturachivs]

Mini-Knigge – Regel 4: Mach Pausen

Mach genügend Sprechpausen. Dem Gottesdienst tut eine ruhige Gangart gut. Weil wir im Fernsehen und im Radio das pausenlose Reden gewohnt sind, wirken Pausen oft unprofessionell und wie Fehler: Sie scheinen ungenutzte Zeit zu sein. Das ist aber nicht so, sondern es ist wie in der Musik: Durch Pausen erhält jeder Gottesdienst seine besondere Struktur, seinen Rhythmus – in seinen Teilen wie als Ganzes. Neben dem Pausenzeichen, das für ein bewusstes Aussetzen sorgt, gibt es in der Musik auch das Atemzeichen als Signal zum Luftholen. Beides ist auch für den Gottesdienst wichtig. Pausen erzeugen die notwendige Spannung, um aufmerksam zu bleiben für die Feier des Gottesdienstes und im Hören der Predigt. Zudem: Wo, wenn nicht im Gottesdienst, könnte man lernen auch in die Stille und das Schweigen hinein zu hören?

Pausen sind gut und wichtig sowohl innerhalb der einzelnen liturgischen Bausteine wie den Gebeten, beim Lesen biblischer Texte und als auch bei der Predigt. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, wann Pausen möglich, sinnvoll, und oft sogar nötig sind: Jedes Komma, jeder Punkt, jeder Absatz und neuer Abschnitt ist ein Signal eine Pause zu machen – zum Luftholen oder zum bewussten, spannungserzeugenden Aussetzen. Bereits beim Verfassen der Predigt ist es sinnvoll, diese Pausen mit zu bedenken. Hilfreich ist, jedem einzelnen Gedanken einen eignen Absatz zu geben und größere Sinneinheiten durch Zwischenüberschriften zu gliedern. Jeder Absatz und Abschnitt dient dann als Pausenzeichen. Gerade bei der frei gehaltenen Predigt dient die Pause dem Prediger als kurze Neuorientierung: Wo bin ich jetzt? Wo will ich hin? Und die hörende Gemeinde hat Zeit und Ruhe, den Gedankenbewegungen der Predigt zu folgen.

[Zur Übersicht über alle Regeln]

Cartoonale Homiletik

Eine Predigt-Mindmap„Schreib doch mal eine cartoonale Homiletik, über die allmähliche Formulierung der Gedanken beim Zeichnen“, hat Silke vorgeschlagen. Eine schöne Idee. Hätte ich doch mehr Zeit. Das Bild oben zeigt einen Predigtentwurf zu Hiob 14,1-6 – mal gestaltet mit Aquarellfarben, inspiriert von den Überlegungen von Susanne Haun.

Quelle: Redline Verlag http://www.m-vg.de

Wenn es eine cartoonale Homiletik gäbe, sähe sie wahrscheintlich ein bisschen so aus wie Dan Roams „Auf der Serviette erklärt“ (Redline Verlag, München 2009). Das Buch hat zwar weder was mit Homiletik noch mit Cartoons zu tun, aber es demonstriert sehr schön, wie visuelles Denken funktioniert. Es zielt dabei auf grafisches Gestalten bei Vorträgen ab, aber die Grundprinzipien lassen sich auch für die Predigtvorbereitung nutzen.

Dan Roams Grundprinzip ist, das „innere Sehvermögen zu nutzen, …, um Ideen zu entdecken, die sonst unsichtbar sind“ (S.14). Es geht dabei nicht um einen künstlerischen Anspruch, sondern um das Nutzen der Kraft von Bildern, um Ideen so zu entwickeln, dass sie auch anderen schnell und einfach einleuchten.

Ich fand das Buch sehr inspirierend nicht nur für die Predigtvorbereitung, sondern auch für den Einsatz von zeichnendem Erklären und Erläutern im Konfirmandenunterricht und der Erwachsenenbildung. Mittlerweile ist zu dem Buch auch ein Übungsbuch erschienen.

Anfangen muss man selbst

Boris Maggionis Sachbuch „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ hält in zweifacher Weise nicht, was der Titel verspricht: Es ist kein Buch für Fortgeschrittene und sagt nur begrenzt etwas über das Schreiben von Romanen. Wer einen Kindle besitzt und sich für als Neuling für das Schreiben von Geschichten interessiert findet hier aber eine günstige Einführung.

Dass Maggioni nichts Neues schreibt, sieht der Autor selbst: „All das, was in diesem Buch steht, stand so oder ähnlich schon in vielen anderen Büchern.“ (Pos. 1381) Maggioni ist aber der Meinung, ihm sei eine umfassendere, verständlichere und hilfreichere Schreibanleitung gelungen. Es ist das Recht des Autors, dieser Meinung zu sein, aber für ein paar Euro mehr bekommt man etwas mit Fritz Gesings „Kreativ schreiben“ und Sybille Knauss „Schule des Erzählens“ informativere und vor allem besser geschriebene Einführungen.

Methodischer Kern bei Boris Maggioni ist die „Was wäre, wenn …“-Methode (Pos. 1139): Man überlege sich ein Grundsetting und überlege: „Was wäre, wenn …“ Dann überlege man sich 10-30 Alternativen, entscheide sich für die Beste, notiere sich diese und fahre fort „was wäre, wenn dann …“. Das ist die Grundtechnik des Plottings (obwohl sich bei Maggioni der Begriff des Plots nicht findet). Im Prinzip entstehen so durchaus komplexe Geschichten. Damit es nicht zu flach wird, braucht man natürlich gut geschaffene, nicht zu klischeehafte Charaktere. Man brauchte einen starken Konflikt und die Hauptperson muss sich im Laufe der Geschichte verändern. Man muss auf seinen sprachlichen Ausdruck achten. Aber der Kern ist, durch die „Was wäre, wenn“-Frage eine glaubwürdige Geschichte zu schaffen.

Dann muss man nur noch anfangen zu schreiben. Neben dem andauernden Verweis auf die „Was wäre, wenn“-Frage ist das ein zweiter Dauerton des Buches: Alles Wissen über gute Geschichten nützen nichts, wenn man nicht anfängt. Auch damit hat Maggioni zweifellos recht: Wer schon andere Schreibbücher kennt und noch immer auf der Suche ist nach der ultimativen Schreibmethode, wird sie auch hier nicht finden. Er stößt aber auf den richtigen Tipp, einfach anzufangen. Denn das bleibt niemandem erspart.

Was den Roman von anderen Erzählformen unterscheidet, dazu sagt Maggioni eigentlich nichts. Für ihn ist der Roman einfach nur eine komplexere, längere Erzählform, die beim Schreiben einen längeren Atem erfordert als das Schreiben einer Kurzgeschichte. Insofern wäre „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ besser betitelt mit „Schreiben für Anfänger“.

Fazit: Wer schon diverse Schreibbücher kennt, wird hier nichts Neues finden außer der Erkenntnis, dass einem Schriftsteller das Schreiben von niemandem abgenommen wird: Man muss eben anfangen zu schreiben, auch wenn’s schwer fällt. Wer sich neu für das Thema interessiert findet insbesondere in der Kindle-Ausgabe eine locker geschriebene Einführung. Der Erwerb der Printausgabe lohnt sich nicht, weil es für wenig mehr Geld wesentlich bessere Schreibbücher gibt.

Maggioni, Boris: Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene, Selbstverlag (CreateSpace Independent Publishing Platform) o.O. 2012, ISBN 1477671013 | als Taschenbuch 9,90 €, als eBook (nur für Kindle) 4,97€ | 150 S.