Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

Befreiter Predigen

Frei Predigen ist für viele ein hehres Ziel, aber auch mit großem Druck verbunden. Dabei muss es ja gar nicht die ganz freie, manuskriptlose Rede sein. Vielleicht sollte man deshalb lieber an freieres Predigen denken. Für das Gütersloher Prädikantenkonvent habe ich dazu sechs Thesen aufgestellt:

1. Die Predigt ist ein Ereignis im Gottesdienst.
(Das Manuskript ist nur der Predigtplan, nicht die Predigt!
Streng genommen bin ich am Samstagabend allenfalls mit dem Predigtplan fertig, nicht aber mit der Predigt.)

2. Frei predigen heißt, sich jederzeit vom eigenen Predigtplan lösen zu können.
(Das ist wie bei einem Stadtplan: ich sehe die verschiedenen Wege zu einem Ziel, und kann mich spontan umentscheiden, eine Abkürzung zu nehmen oder eine kleinen Bogen zu machen.

3. Freies Predigen braucht einen übersichtlichen Predigtplan
(Dabei gilt der Grundsatz: Soviel Übersicht wie möglich, soviel Details wie nötig)

4. Für einen übersichtlichen Predigtplan ist es wichtig, sein Predigen zu vereinfachen:
einfache Sprache,
klarer Aufbau,
langsame Entwicklung der Gedanken,
Mut zum Streichen

5.    Einfacher predigen heißt, an Aussagen und Aufbau feilen – nicht an den Formulierungen.

6.    Das Ausformulieren einer Predigt ist immer der letzte Schritt
– sei es gesprochen auf der Kanzel oder schriftlich im Manuskript.

Homiletik der Langeweile

Der Mann im Turm
Was Prediger mit ihrer Predigt erreichen wollen, lässt sich nicht allgemein sagen. Dass ein Prediger aber zumindest irgendetwas sagen will, wird normalerweise vorausgesetzt – auch wenn die Botschaft nicht immer ganz klar ist. Es gibt diesen alten Witz: Der Mann kommt vom Gottesdienst nach Hause kommt und sagt: „Heute hat der Pastor über 30 Minuten gepredigt.“ „Worüber denn?“, fragt die Ehefrau. Und der Mann antwortet: „Das hat er nicht gesagt.“ „Homiletik der Langeweile“ weiterlesen

Ins Labyrinth der Zettel

Zettelkästen sind für viele, die schreiben, eines der wichtigsten, kreativen Werkzeuge. Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erlaubt im Jean-Paul-Jahr 2013 einen Einblick in die sonst verschlossenen Zettelwelten, denn in der Regel findet sich im Labyrinth der Zettel nur der zurecht, der es angelegt an. Wem die Reise an den Neckar zu weit ist, kann sich an einem großartig gestalteten Katalog erfreuen, der gerade erschienen ist. Neben einem 163-seitigen Textteil gibt es einen rund 220-seitigen Bildteil, der einen guten Einblick gibt in die Vielgestaltigkeit von Zettelkästen. Allein das Stöbern darin ist eine große Freude.

„Zettelkästen sind Häuser des Lesens, Denkens und Schreibens“ (5), beginnen Heike Gfrereis ihren Aufsatz zur Einleitung in den Katalog und die Ausstellung. Der Textteil ist selbst wie ein Zettelkasten aufgebaut: Sortiert nach „15 Buchstaben eines unvollständigen Alphabets“ (14) von „a“ wie ABSTRACT bis „z“ wie ZYKEL finden sich dort Aufsätze über und Beiträge von Schriftstellern und wie sie Zettel(-Kästen) zum Schreiben nutzten und nutzen. Jeder Text ist einem Stichwort zugeordnet. Der Einleitungstext zum Stichwort „Architektur“ von Gfrereis und Strittmatter funktioniert wie ein Index, der mit Pfeilen markierte und grün unterlegte Verweise auf die Beitrags-Stichworte im Text enthält. So wird die Einleitung zum Sprungbrett in die nachfolgende Sammlung von Texten (die selbst wiederum aber nur an wenigen Stellen auf andere Texte verweisen).

Die längeren Aufsätze des Kataloges widmen sich jeweils einem Schriftsteller oder Wissenschaftler und stellen die Besonderheiten seines Zettelkastens vor. In diesen Texten werden die Arbeitsweisen von unter anderem von Jean Paul, Walter Benjamin, Walter Kempowski, Niklas Luhmann, Arno Schmidt und Aby Warburg betrachtet. Eine Ausnahme ist der Text von Hektor Haarkötter, der einen Einblick gibt in die Geschichte des Zettelkastens selbst. Die Kuratorinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter wiederum haben zu einigen Exponaten kurze Erläuterungen geschrieben. Sie werden ergänzt durch kurze Beiträge der Schriftsteller F.C. Delius, Oswald Egger, Jochen Missfeldt, Eckart Henscheid, Wilhelm Genanzino und Alissa Walser, die beschreiben, wie in ihrer Arbeit Zettel tatsächlich vorkommen – oder auch nicht.

Denn Zettelkasten ist nicht gleich Zettelkasten, das wird beim Lesen der verschiedenen Beiträge schnell deutlich. Deshalb ist es gut, dass die Kuratorinnen die Ausstellung und den Katalog mit dem Plural „Zettelkästen“ überschreiben. Die Arbeitsweisen der verschiedenen Autoren mit ihren Kästen sind höchst unterschiedlich. Verbindend ist allenfalls der Kampf mit dem Chaos der Vielzahl von Zetteln. Die Spannung von Ordnung und Unordnung ist allerdings Voraussetzung ist für den kreativen Prozess. Insofern sind es tatsächlich Zettel-Labyrinthe, in die der Katalog hineinführt.

Dass Zettelkasten nicht gleich Zettelkasten ist, kann man ganz gut und in zweifacher Hinsicht an F.C. Delius verdeutlichen. Zum einen gilt: Ein Zettelkasten muss nicht aus Holz und Papier bestehen: F.C. Delius hat Mitte der 80er Jahren den Computer als besseren Zettelkasten entdeckt. Hier trifft er sich mit Friedrich Kittler, der zur gleichen Zeit von Karten auf virtuelle Datensätze umgestellt hat. Kittler hat dabei nicht einfach die Struktur des Kastens aus Holz und Papier am Rechner nachgebildet, sondern in der digitalen Verarbeitung „ein völlig neues Medium“ (53) erkannt. Die „Optionen ‚Copy’, ‚Paste’ und ‚Print’“ stellen für Delius sogar eine Befreiung von den steifen Karteikarten dar (16).

Delius’ Vorbehalt gegen den traditionellen Zettelkasten liegt zum anderen in dessen angeblich linearer, hierarchischer Ordnung. Ein Vergleich mit Niklas Luhmann zeigt, dass sich diese Ordnung mit einfachen Regeln auflösen lässt, so dass der Zettelkasten zu einem fast schon organischen Wesen wird: Luhmann sieht im Zettelkasten einen Kommunikationspartner, der es versteht, sein Gegenüber mit Ideen und interessanten Zusammenhängen zu überraschen. Das gelingt, gerade weil der Zettelkasten „keine systematische Gliederung und inhaltliche Ordnung aufweist“ (87).

Der umfangreiche Bildteil des Kataloges macht die abstrakten Überlegungen zu den Zettelkästen anschaulich. Der Buchblock ragt 5 mm aus dem Buchblock des Textteils heraus. Auf dem Deckblatt finden sich die fünfzehn Buchstaben der Ausstellung wieder. So ist es jederzeit gut und übersichtlich möglich, aus dem Text in den Bildteil zu springen und sich anzusehen, worüber man gerade gelesen hat. Das ist nicht nur elegant sondern auch sehr schön gelöst. Etwas umständlich ist, dass die Fußnoten zum Textteil sich am Ende des Buches hinter dem Bildteil verstecken. Aber damit kann man leben.

Großartig ist, dass die Abbildungen Zettel aus den Kästen ziehen. So wird sichtbar, wie der jeweilige Autor notiert und seine Zettel im Kasten angelegt hat. Hier zahlt sich die Trennung von Textteil und Bildteil wirklich aus. Statt wie sonst oft üblich die Fotografien zu bloßen Illustrationen zu degradieren, haben die guten Fotografien durch viel Weißraum die Möglichkeit, eine eigene Wirkung zu entfalten. Das gleich gilt umgekehrt übrigens auch für den Text: das schöne und großzügige Layout macht das Lesen doppelt Freude.

Fazit: „Zettelkästen“ ist ein großartiger Ausstellungskatalog, der auch als eigenständige Publikation funktioniert. Wer sich für Zettelkästen interessiert, gewinnt einen hervorragenden Einblick in die Arbeitsweisen von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die den Zettelkasten als kreatives Werkzeug nutzen. Auch wer sich bislang nicht mit dem Zettelkasten befasst hat, wird hineingeführt in die Faszination der Zettellabyrinthe – und bekommt vielleicht Lust, diese kreativen „Maschinen der Phantasie“ für sich selbst zu entdecken.

Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter (Hrsg.): Zettelkästen. Maschinen der Phantasie (Marbacher Katalog 66), Marbach am Neckar 2013.
ISBN 978-3-93734-83-2| 28 € | 382 S. [Link zum Shop der Literaturarchivs]

[Link zur Infoseite über die Ausstellung auf der Homepage des Deutschen Literaturachivs]

Cartoonale Homiletik

Eine Predigt-Mindmap„Schreib doch mal eine cartoonale Homiletik, über die allmähliche Formulierung der Gedanken beim Zeichnen“, hat Silke vorgeschlagen. Eine schöne Idee. Hätte ich doch mehr Zeit. Das Bild oben zeigt einen Predigtentwurf zu Hiob 14,1-6 – mal gestaltet mit Aquarellfarben, inspiriert von den Überlegungen von Susanne Haun.

Quelle: Redline Verlag http://www.m-vg.de

Wenn es eine cartoonale Homiletik gäbe, sähe sie wahrscheintlich ein bisschen so aus wie Dan Roams „Auf der Serviette erklärt“ (Redline Verlag, München 2009). Das Buch hat zwar weder was mit Homiletik noch mit Cartoons zu tun, aber es demonstriert sehr schön, wie visuelles Denken funktioniert. Es zielt dabei auf grafisches Gestalten bei Vorträgen ab, aber die Grundprinzipien lassen sich auch für die Predigtvorbereitung nutzen.

Dan Roams Grundprinzip ist, das „innere Sehvermögen zu nutzen, …, um Ideen zu entdecken, die sonst unsichtbar sind“ (S.14). Es geht dabei nicht um einen künstlerischen Anspruch, sondern um das Nutzen der Kraft von Bildern, um Ideen so zu entwickeln, dass sie auch anderen schnell und einfach einleuchten.

Ich fand das Buch sehr inspirierend nicht nur für die Predigtvorbereitung, sondern auch für den Einsatz von zeichnendem Erklären und Erläutern im Konfirmandenunterricht und der Erwachsenenbildung. Mittlerweile ist zu dem Buch auch ein Übungsbuch erschienen.

Cluster und Mindmap als Zeichnungen

Die Künsterlerin Susanne Haun denkt ihrem Blog über die Verbindung von Mindmaps und Kunst nach – und hat in dem Zusammenhang Aquarell-Mindmaps veröffentlicht. Ein interessantes Projekt, auch wenn Nicht-Künstler sicher einen anderen Anspruch an ihre Mindmap stellen. Aber schon bei Tony Buzan finden sich Beispiele für die Verschränkung von Kunst und Mindmap. Die künsterlerische Darstellung hat dabei aber keinen Selbstzweck, sondern dient dazu Impulse zu geben und Assoziationen zu wecken (vgl. Mindmap).

In meiner Praxis verschränken sich Clustermethode und Mindmap zu einem kreativen Spielfeld, auf dem ich Ideen ausprobieren kann. Manchmal sogar, wie bei der Vorbereitung der heutigen Predigt, mit kleinen Skizzen:

Predigtskizze "Weltuntergang? Nicht schon wieder!"Das ist keine Mindmap im strengen Sinne, sondern eher ein Cluster mit graphischen Elementen. Als Predigtskript wäre das natürlich zu verworren. Es ist die Grundlage für die Ausarbeitung einer Predigt – und sei es, dass die Stichworte zur in eine schnell aufnehmbare Reihenfolge gebracht würden. Die vier Predigtteile sind aber klar zu erkennen.

In den meisten Fällen bleibt es bei sprachlichen Skizzen, wie hier, wo der Übergang vom Cluster zum Schreiben sichtbar wird:

Predigtcluster zu WundergeschichtenSo ein Cluster ist bloß ein Sprungbrett, um ins Schreiben zu kommen: Zusammenhänge werden zu einem Versuchsnetz geknüpft, aus dem irgendwann erste Ideen, Sätze, Thesen entstehen. Mit so einem Cluster kann niemand etwas anfangen als der Schreibende selbst. Schon nach kurzer Zeit wird es aber auch für den Autor schwierig, die alten Verknüpfungen und Zusammenhänge wieder zu entdecken. Das Cluster dient nur für den Augenblick.

Eine Mindmap kann dagegen durchaus auch von anderen verstanden und vom Autor auch später noch einmal verwendet werden. Richtige Mindmaps entstehen bei mir erst ganz am Ende, zum Beispiel als Stichwortzettel wie bei diesem Predigtcluster zu einer Pfingstzeltlager-Predigt in Verbindung mit der Daniel-Geschichte:

Predigt-Mindmap zur einer PfingstpredigtZwar fehlen Zeichnungen, aber es gibt farbige Kennzeichnungen und graphische Elemente, die als nächsten Schritt auch abbildende Elemente enthalten könnten.

Anfangen muss man selbst

Boris Maggionis Sachbuch „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ hält in zweifacher Weise nicht, was der Titel verspricht: Es ist kein Buch für Fortgeschrittene und sagt nur begrenzt etwas über das Schreiben von Romanen. Wer einen Kindle besitzt und sich für als Neuling für das Schreiben von Geschichten interessiert findet hier aber eine günstige Einführung.

Dass Maggioni nichts Neues schreibt, sieht der Autor selbst: „All das, was in diesem Buch steht, stand so oder ähnlich schon in vielen anderen Büchern.“ (Pos. 1381) Maggioni ist aber der Meinung, ihm sei eine umfassendere, verständlichere und hilfreichere Schreibanleitung gelungen. Es ist das Recht des Autors, dieser Meinung zu sein, aber für ein paar Euro mehr bekommt man etwas mit Fritz Gesings „Kreativ schreiben“ und Sybille Knauss „Schule des Erzählens“ informativere und vor allem besser geschriebene Einführungen.

Methodischer Kern bei Boris Maggioni ist die „Was wäre, wenn …“-Methode (Pos. 1139): Man überlege sich ein Grundsetting und überlege: „Was wäre, wenn …“ Dann überlege man sich 10-30 Alternativen, entscheide sich für die Beste, notiere sich diese und fahre fort „was wäre, wenn dann …“. Das ist die Grundtechnik des Plottings (obwohl sich bei Maggioni der Begriff des Plots nicht findet). Im Prinzip entstehen so durchaus komplexe Geschichten. Damit es nicht zu flach wird, braucht man natürlich gut geschaffene, nicht zu klischeehafte Charaktere. Man brauchte einen starken Konflikt und die Hauptperson muss sich im Laufe der Geschichte verändern. Man muss auf seinen sprachlichen Ausdruck achten. Aber der Kern ist, durch die „Was wäre, wenn“-Frage eine glaubwürdige Geschichte zu schaffen.

Dann muss man nur noch anfangen zu schreiben. Neben dem andauernden Verweis auf die „Was wäre, wenn“-Frage ist das ein zweiter Dauerton des Buches: Alles Wissen über gute Geschichten nützen nichts, wenn man nicht anfängt. Auch damit hat Maggioni zweifellos recht: Wer schon andere Schreibbücher kennt und noch immer auf der Suche ist nach der ultimativen Schreibmethode, wird sie auch hier nicht finden. Er stößt aber auf den richtigen Tipp, einfach anzufangen. Denn das bleibt niemandem erspart.

Was den Roman von anderen Erzählformen unterscheidet, dazu sagt Maggioni eigentlich nichts. Für ihn ist der Roman einfach nur eine komplexere, längere Erzählform, die beim Schreiben einen längeren Atem erfordert als das Schreiben einer Kurzgeschichte. Insofern wäre „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ besser betitelt mit „Schreiben für Anfänger“.

Fazit: Wer schon diverse Schreibbücher kennt, wird hier nichts Neues finden außer der Erkenntnis, dass einem Schriftsteller das Schreiben von niemandem abgenommen wird: Man muss eben anfangen zu schreiben, auch wenn’s schwer fällt. Wer sich neu für das Thema interessiert findet insbesondere in der Kindle-Ausgabe eine locker geschriebene Einführung. Der Erwerb der Printausgabe lohnt sich nicht, weil es für wenig mehr Geld wesentlich bessere Schreibbücher gibt.

Maggioni, Boris: Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene, Selbstverlag (CreateSpace Independent Publishing Platform) o.O. 2012, ISBN 1477671013 | als Taschenbuch 9,90 €, als eBook (nur für Kindle) 4,97€ | 150 S.

Nicht wirklich spannend

BuchcoverEine „Methodenlehre der Spannung“ verspricht Herausgeber Hanns-Josef Ortheil in seinem Vorwort zu Christian Schärfs „Spannend schreiben“. Der Untertitel verrät: Im fünften Band der DUDEN-Reihe „Kreatives Schreiben“ geht es um Krimis, Mord- und Schauerromane. Charakteristisch für die ganze Buch-Reihe ist der Versuch, in die Schreibwerkstätten ausgewählter Schriftsteller zu führen, um dort Anregungen für das eigene Schreiben zu bekommen. Das hatte bislang durchaus seinen Charme, tendiert in „Spannend schreiben“ aber stark zu einem germanistischen Proseminar. Auch wenn bei Schärf einige interessante Überlegungen zu finden sind – gemessen an dem Versprechen, eine „Methodenlehre der Spannung“ vorzulegen, muss das Buch enttäuschen.

Schärf nähert sich dem Begriff der Spannung auf rezeptionsästhetische Weise: Statt zu versuchen, einen allgemeinen Begriff von Spannung vorzulegen, schlägt Schärf vor, Spannung zu verstehen als „ein Phänomen, das zwischen den Akten der Herstellung eines Textes einerseits und seiner Wahrnehmung bei Lesern andererseits liegt“ (S. 10). Das Kapitel über die „Erschaffung des Lesers“ (S.119ff) gehört daher zu den interessantesten Abschnitten des Buchs. Die Kunstfertigkeit des Krimi-Autors liegt für Schärf letztlich nicht in der Verwendung literarischer Tricks der Spannungserzeugung, sondern in der „Einbindung des Lesers in die Aufklärungsarbeit“ (S. 121). Das wichtigste Instrument ist dabei die „Aussparung“ (S. 12) und die „Zurückhaltung von Information“ (S. 121): „Was wir als ‚spannend schreiben’ bezeichnen, hängt davon ab, inwieweit es dem Autor gelingt, einen Leser zu schaffen, der seine eigenen Projektionen und Hypothesen auf die Handlung bezieht und damit eine Identifikation mit dem Verbrechen und seiner Vor- und Nachgeschichte herstellt.“ (S. 123)

Das Phänomen Spannung äußert sich darin, dass ein spannender Text die Aufmerksamkeit des Lesers bindet. Das geschieht nicht einfach so: Solche „Spannung muss … erzeugt werden“ (S. 11), und zwar indem der Stoff, aus dem eine Geschichte besteht, dramatisiert wird. Das gelingt am einfachsten dadurch, dass der Autor Informationen zurück hält. Im Englischen steht dafür der Begriff der Suspense, den Schärf nicht ganz zutreffend als „Aufschub“ übersetzt.  ‚To keep somebody in suspense’  bedeutet aber eher, jemanden in Ungewissen lassen bzw. auf die Folter zu spannen – in diesem Fall: den Leser. Auch wenn Schärf sich etwas unklar ausdrückt, meint er aber genau das.

Die Kernfrage ist dann also, wie es einem Autor gelingt, seinen Leser dazu zu bringen, sich auf die Folter spannen zu lassen. Auf diese Frage sollte eine Methodenlehre der Spannung Antwort geben – und genau hier setzt die Enttäuschung über das Buch ein: Auch wenn es durchaus gute methodische Hinweise gibt, mangelt es doch an einer systematischen Entfaltung. Das liegt meines Erachtens vor allem an Schärfs Grundannahmen und der  Grundkonzeption des Buches.

Zweifellos interessant sind die Hinweise zum dem, was Schärf „Antizipation der Bedrohung“ (S. 20) nennt und die Überlegungen zur „Gestaltung von Zonen der Angst“ (S. 46). Es ist konstitutiv für die Angst im Unterschied zur Furcht, dass sich die Angst auf eine mögliche Bedrohung richtet. Diese Bedrohung anzudeuten, ihre Konkretion aber zu verzögern, schafft eine spannungsvolle Atmosphäre, die schrittweise aufzubauen ist: im einem zunächst gefahrlosen Raum gibt es erste Anzeichen einer Bedrohung, dies sich erst allmählich manifestiert und sich schließlich als echte Gefahr zeigt: im Schauerroman als übermenschliche Bedrohung, im Kriminalroman als unmenschliche. Die diffuse Angst schlägt in Frucht und Grauen um. Ein wichtiges Mittel ist dabei die Darstellung der Orte und Rahmenbedingungen als „Angstzonen“. Beides kann man sich sehr gut am Beispiel eines Films wie „Alien“ deutlich machen: in dem Science-Fiction-Film ist das Alien im überwiegenden Teil des Filmes gar nicht zu sehen; zur klaustrophobischen Atmosphäre trägt vor allem die Darstellung des Raumschiffs bei. Christian Schärf führt die klassische Verwendung dieser Stilmittel an Beispielen von Edgar Allan Poe, Bram Stoker und E.T.A. Hoffmann vor.

Die Grundannahme jedoch, dass das Phänomen der Spannung „keine empirisch zu bestimmende materielle Basis aufweist“ (S. 10) führt Schärf zu einer (durchaus begründeten) Skepsis gegenüber Patentrezepten der Spannung. Schärfs These von der Erschaffung des Lesers hebt ja zu Recht hervor, dass nicht jeder Leser sich von einem Text gefangen nehmen und auf die Folter spannen lässt. Der Autor kann im Einsatz seiner Spannungsmittel scheitern. Deshalb aber zum Beispiel ein beliebtes Mittel wie cliffhanger  nur begrifflich zu erwähnen (vgl. S. 119), ohne das Mittel selbst vorzustellen, ist ein Manko. Ja, der übermäßige Gebrauch der Methode, ein Kapitel auf dem Höhepunkt der Spannung abzubrechen und verzögert fortzusetzen, ist auf Dauer einfallslos und ermüdet bald. Das zeigen zum Beispiel die Romane von Dan Brown, die fast nur mit diesem Mittel arbeiten. Trotzdem haben die Bücher ein Millionenpublikum gefesselt. Wer Alwin Fills sprachwissenschaftliche Analyse „Das Prinzip Spannung“ liest, wird auf eine verwirrende Vielzahl von empirisch bestimmbaren Elementen der Spannung auf allen Ebenen der Sprache stoßen: Kein Element muss, aber jedes einzelne kann Spannung erzeugen. Für eine Methodenlehre der Spannung wäre es eigentlich notwendig, die für die Praxis des kreativen Schreibens relevantesten Aspekte darzustellen. Das kommt in Schärfs Buch zu kurz.

Auch die Grundkonzeption mündet letztlich in eine Enttäuschung. Christian Schärf bezieht spannendes Schreiben ausschließlich auf Schauer- und Kriminalgeschichten. Seine plausibel ausgeführte These ist, dass sich der moderne Kriminalroman aus der  gothic novel des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Den Prozess dieser Entwicklung zeichnet er nach, indem er zunächst Grundelemente der Angstspannung in der Schauerliteratur darstellt, und dann über die Erfindung der Detektivfigur und der Rätselspannung zu zeitgenössischen Thrillern gelangt. Schärfs Analysen sind interessant zu lesen und im Detail durchaus aufschlussreich. Spannend schreiben bedeutet aber mehr als Krimis zu schreiben. Auch ein Liebesroman lebt von der Spannung der Ungewissheit, ob sich die beiden am Schluss kriegen oder nicht. Das kann spannend sein „wie ein Krimi“. Auch mein „Alien“-Beispiel zeigt: Spannung gibt es nicht nur im Krimi. Es spricht natürlich nichts dagegen, Spannungsliteratur vorwiegend auf den Kriminalroman zu beziehen und exemplarisch vorzuführen. Eine Methodenlehre des spannenden Schreibens sollte aber ansetzen bei der allgemeineren Frage, welche erzählerischen Mittel zur Spannung einer Geschichte beitragen.

Wer nun wiederum denkt, er bekäme zumindest Hinweise zur Konstruktion einer Kriminalgeschichte wird ebenfalls enttäuscht sein. Im Kapitel zum Plotting (S. 92ff) findet man gerade keine Methoden zur Herstellung eines Plots, also eine Handlungslinie, sondern nur die Entfaltung zweier spezifischer Plotstrukturen: der Reise und des Wettstreits. Die Überlegungen zum Krimi als Reise in eine labyrinthische Struktur, die der Detektiv erkunden und entwirren muss (wie im klassischen Detektivroman) und der Krimi als Wettstreit zwischen Täter und Ermittler (etwa im Genre der Serienmördergeschichten) sind kenntnisreich geschrieben und interessant zu lesen. Auf die entscheidende Frage, wie man ein kriminalistisches Rätsel und Labyrinth entwirft, in das man Detektiv und Leser dann schickt, gibt Schärf aber keine Antwort.

Da helfen auch die Schreibaufgaben nicht weiter. Sie fordern zuweilen im Stile von schulischen Klausuraufgaben zur Analyse klassischer Texte auf oder ermuntern zur Imitation eines Stils bzw. die Verfassung von Pastichen. Im Unterschied zu früheren Bänden der DUDEN-Reihe finden sich in den Schreibaufgaben aber kaum methodische Bündelungen von Schreibverfahren exemplarisch vorgestellter Autoren.

Fazit: Eine „Methodenlehre der Spannung“ ist Christian Schärfs Buch „Spannend schreiben“ also nicht. Die Ausführungen sind zwar informativ und die Analysen können überzeugen, aber es fehlen grundsätzliche Überlegungen zu dem, was Texte und Geschichten – jenseits von Krimi und Grusel – spannend macht.  Andererseits bietet das Buch auch kein spezifisches Handwerkzeugs zum Entwickeln eines Krimi-Plots. Die Stärken des Buches liegen darum eher in der Reflexion auf einige Grundlagen der klassischen Kriminalliteratur, weniger in der praktischen Anregung zum kreativ-spannenden Schreiben. Obwohl die als „Schreibverführer“ beworbenen Bücher gerade das versprechen. „Spannend schreiben“ löst dieses Versprechen nicht ein.

Christian Schärf: Spannend schreiben. Krimi, Mord- und Schauergeschichten, , 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012. ISBN 978-3-411-75436-6| 14,95 € | 157 S.

Unterwegs Schreiben

Wenn einer eine Reise tut, hat er nicht nur was zu erzählen, er kann auch davon schreiben. Schreiben und Reisen bilden oft eine Symbiose: „Kaum eine andere kulturelle Praxis hat so viel zur Ausbildung des Schreibens beigetragen wie das Reisen.“ (S. 9) Mit dieser These leitet Hanns-Josef Ortheil den mittlerweile vierten Band der DUDEN-Reihe zum Kreativen Schreiben ein. Noch immer gehört das Schreiben von Postkarten für viele als Ritual zum Urlaub. Ergänzt wird das private Schreiben aus der Ferne mittlerweile durch das öffentliche Schreiben in Blogs und über Facebook. Ortheil nimmt diese Bandbreite mit in den Blick. Dabei wiederholen sich notgedrungen die Grundelemente des Schreibens, wie sie bereits in den vorliegenden Büchern der Reihe dargestellt wurden. Inspirierend kann die Lektüre trotzdem sein.

Die von Ortheil herausgegebene DUDEN-Reihe zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen Blick in die Schreibwerkstatt von Schriftstellern wirft. Dieses Prinzip setzt sich auch in „Schreiben auf Reisen“ fort. Jedem Kaptitel sind am Schluss wieder Schreibaufgaben beigefügt, die den Schreibansatz komprimiert darstellen und konkrete Schreibimpulse geben. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Schreibmöglichkeiten exemplarisch vorgeführt werden. Es bleibt aber auch bei den Nachteilen, dass die methodischen Hinweise zuweilen gekünstelt wirken. Auch fehlen wichtige Schreibansätze oder Schriftsteller, in diesem Fall zum Beispiel die literarische Form der fiktionalen Reise wie in „Gullivers Reisen“ oder „Utopia“ oder auch Felicitas Hoppe, die als wichtige, zeitgenössische Reiseschriftstellerin gilt (wie überhaupt mit Eva Corino nur eine einzige Frau vertreten ist).

Ortheil gliedert sein Buch in fünf Teile. Er beginnt mit Vorübungen, die das ‚kleine Reisen’ literarisch umsetzen: den Spaziergang (Franz Hohler, Jean-Jacques Rousseau, Nik Cohn), die Flanerie (u.a. David Wagner), die Wanderung (Matsuo Bashô, Joseph Roth) und die „Reise um mein Zimmer“ (Xavier de Maistre). Schon hier deutet sich an, was im zweiten Abschnitt gewiss wird: Schreiben auf Reisen ist ein besonderer Schreibkontext, der zurück greift auf die bekannten Formen des Tagebuchs (Franz Kafka, Cees Nooteboom, Albert Camus) und der verschiedenen Arten von Notizbüchern, sei es frei geführt (Ryszard Kapuściński) oder thematisch gebunden (Jean-Paul Sartre, Eva Corino, Alexandre Dumas u.a.). Daher gibt es viele explizite Querverweise auf die anderen Bücher der Reihe.

Im dritten Teil verschiebt sich der Focus vom privaten Schreiben hin zum Schreiben für andere. Dabei werden die Möglichkeiten aufgezeigt, die üblichen Formen von Reisepost wie die Postkarte (Jurek Becker) oder den Reisebrief (Guiseppe Tomasi di Lampedusa) als literarische Ausdrucksweisen zu verstehen. Auch die moderne Konkurrenz eines solchen Schreibens für andere in Form von SMS, Mail und Blog, sowie das Schreiben über Twitter und Facebook wird angesprochen. Obwohl diese Formen des Schreibens in modernen Kommunikationsmedien ein großes Potential bieten, fallen die beiden entsprechenden Kapitel inhaltlich doch sehr gegenüber dem Rest des Buches ab. Insbesondere die Form des Reiseblogs hätte hier mehr Beachtung verdient. Leider verzichtet Ortheil bei diesem Kapitel sogar auf Schreibaufgaben und verweist nur summarisch auf Porombkas „Schreiben unter Strom“.

Die stärkten Kapitel des Buches finden sich in den beiden Schlussteilen: Im vierten Teil stellt Ortheil Reiseprojekte vor, bei denen sich Reisen und Schreiben eng verzahnen, und das Schreiben nicht nur eine Begleiterscheinung des Reisens ist: Beim Ethnologischen Schreiben (Bernardino de Sahagún; Roland Barthes) geht es um die schreibende Erkundung von fremden wie nahen Lebenswelten. „Reisen auf den Spuren eines anderen“ (Alain de Botton) zeigt dagegen auf, wie spannend reflektiertes Nachreisen der Wege berühmter Personen sein kann. Am Beispiel einer Parisreise Max Brods und Franz Kafkas wird das Schreibprojekt eines „Reisens (und Schreibens) zu zweit“ vorgeführt, während die vorgestellte Künstlerreise (wie sie die Zeitschrift Kunstforum in einer Ausgabe einmal dokumentierte) die Grenze von Schreiben und darstellender Kunst überschreitet. Der fünfte Teil stellt schließlich Formen der Ausarbeitung von Reisenotizen zum Reisebericht (Georg Forster), zur Reiseerzählung (Ernest Hemingway) und zum Reiseroman (Joseph von Eichendorff; Jack Kerouac) vor.

„Schreiben auf Reisen“ kann zwar durchaus interessant und inspirierend sein, kann aber genauso enttäuschen, denn im Vergleich mit „Schreiben dicht am Leben“, „Schreiben Tag für Tag“ und „ Schreiben unter Strom“ gibt es nur wenig Neues. Die in den ersten drei Bänden vorgelegten Einblicke in Techniken des Notierens, des Tagebuchs und des Schreibens mit neuen Medien werden hier bloß mit dem Focus auf das Setting der Reise noch einmal durchbuchstabiert. Wer das möchte, findet gute Anstöße zum Schreiben. Ansonsten wirkt der vierte Band der DUDEN-Reihe mit seinen zahlreichen Rückverweisen wie ein thematisch fokussierter Nachtrag. Leser, die die ersten Bände nicht kennen, und sich nur für das Thema des Schreibens unterwegs interessieren, werden möglicherweise enttäuscht sein darüber, dass einige Punkte nur angerissen werden mit dem Verweis, weitergehendes in den anderen Bänden zu finden.

Sparsam sind auch wieder die methodischen Hinweise. In einer kurzen Nachbetrachtung stellt Ortheil die Vorzüge eines Spiralnotizbuchs vor, dessen Seiten – nur einseitig beschrieben – sich einfach entnehmen und neu arrangieren lassen, beispielsweise in einem großformatigen Skizzenheft. Schon in Ortheils „Schreiben dich am Leben“ fehlte eine ausgearbeitete Methodik, die zeigt, wie aus Notizen umfangreichere Werke werden können. „Schreiben auf Reisen“ hätte dies exemplarisch nachholen können. Dass „Schreiben auf Reisen“ dennoch durchaus gelungen ist, liegt deshalb erneut an dem Ansatz, einen Blick in die Schreibwerkstätten von Schriftstellern zu werfen. Das Gewicht liegt dabei auf den Betrachtungen elementarer Schreibformen in Notizbuch, Tagebuch und Journal.

Fazit: Hanns-Josef Ortheil fügt mit „Schreiben auf Reisen“ der DUDEN-Reihe zum Kreativen Schreiben einen thematischen Band zum Skizzieren und Notieren bei. Der Gesamteindruck ist ambivalent: Im Vergleich mit den früheren Bänden erfährt man nicht viel Neues, sieht aber beispielhaft vorgeführt, wie Schriftsteller unterwegs Eindrücke und Gedanken festgehalten und später in größeren Projekten weiter verarbeitet haben. Schade ist, dass das Schreiben von unterwegs in modernen Medien recht oberflächlich behandelt wird. Das gilt umso mehr, als viele Reisende gerade im Internet ihre Eindrücke veröffentlichen und mehr Hinweise erwarten dürften als bloß den andauernden Verweis auf Porombkas „Schreiben unter Strom“. Wer sowieso schon ständig notiert, wird dies auch beim Reisen tun, und muss dazu nicht erst durch Ortheils Buch angeregt werden; er oder sie kann aber bei den Vorstellungen umfangreicherer Schreibprojekte durchaus gute Anregungen finden. Tatsächlich sind die Kapitel zu Reise-Schreibprojekten und zum Schreiben nach der Reise der eigentliche Gewinn des Buches. Auf den Punkt gebracht: Eigentlich genügt es, die letzten 50 Seiten des Buches zu lesen; die ersten 100 Seiten sind im Prinzip nur Wiederholung.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben auf Reisen. Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2012. ISBN 978-3-411-75371-0| 14,95 € | 158 S.