Theologische Notizen #6

Was Religion ist, lässt sich nicht klar und eindeutig fassen. Konkrete Religionen erscheinen als Komplexe von Handlungsweisen, Anschauungen und Erlebnissen, die aber weder in allen Religionen auftreten, noch überall um einen einheitlichen Kern kreisen. Religion ist eher wie eine Überschrift, unter die man ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen fasst. Sie stehen miteinander in Verbindung und bilden Komplexe des Religiösen, die einander ähneln wie Mitglieder einer Familie (vgl. #2). Zu den Bausteinen des Religiösen gehören Riten, Frömmigkeitsstile, Organisationsformen, Regeln der Lebensführung, Heilige Schriften, Lehrtraditionen, Gottesbilder u.a.m. Es gibt Religionen, bei denen bestimmte Elemente stark ausgestaltet sind (z.B. Gottesvorstellungen), während andere Religionen vollständig darauf verzichten können, immer aber treten sie in Zusammenhängen mit anderen Elementen auf.

Wie unscharf die Grenzen sind, zeigen Vergleiche mit anderen kulturelle Komplexen. Im Sport beispielsweise gibt es ebenfalls Rituale oder Organisationsformen und sogar gebets- und segensähnliche Praktiken bis hin zu magischen Handlungen, die einen Spieler oder den Ausgang eines Spiels beeinflussen sollen. Man kann sagen, Fußball erscheint manchmal wie eine Religion, ohne dass man damit behauptet, Fußball sei eine Religion. Aber die Grenzen sind fließend. Manchmal reichen Praktiken aus einer konkreten Religion im den Kontext des Spiels hinein, wie das Bekreuzigen vor dem Betreten des Rasens. Es können aber aus inszenatorische Elemente, die zum Sport gehören, wie der Einzug der Spieler zu einer bestimmten Musik, bei den Anhängern ähnlich erhabene Gefühle auslösen wie ein festlicher Gottesdienst. Ein anderes Beispiel ist die Politik: Der Faschismus bedient sich offensichtlich religiös etablierter Formen wie zum Beispiel Personenkult, Fakelumzüge oder Fahneneid. Aber auch in demokratischen Gesellschaften schwingen in der politischen Kultur religiöse Elemente mit, wenn man beispielsweise den Schwur auf die Bibel mit einem Verfassungseid vergleicht. Robert N. Bellah spricht hier sogar von „Zivilreligion“.

Wahrscheinlich ist es eher so, dass man sagen kann: Bestimmte Erscheinungen wie Gebetsrituale, Opfer, heilige Schriften oder Gottesbilder sind typischere Erscheinungsformen des Religösen als andere. Aber erst aus der systematischen Verbindung verschiedener Erscheinungen lässt sich ein kultureller Komplex als religiös bezeichnen. Umgekehrt lässt sich jedoch von einem kulturellen Komplex, der als Religion verstanden wird, nicht darauf schließen, dass bestimmte Phänomen zu erwarten sind. Deshalb ist auch die Rede von wahrer oder echter Religion schwierig. Wer von Religion redet, wagt sich auf einen schwammigen Untergrund.