Theologisches Notizbuch #4

Christliches Glauben entwickelt sich im Gespräch, insbesondere mit seiner eigenen Vergangenheit. Ein wichtiger Gesprächspartner ist die Bibel, ein Buch aus vielen Büchern mit einer eigenen Geschichte. So besteht die christliche Bibel aus zwei Textsammlungen: einem im Original überwiegend hebräischen ersten Teil, dem sog. Alten Testament, und dem griechischen zweiten Teil, Neues Testament genannt. Die Bücher des ersten Teils teilen Christen mit Juden, allerdings folgen die Bücher der hebräischen Bibel einer anderen Anordnung als die christlichen Fassungen. Auch jede einzelne Schrift der Bibel hat, wie jeder Text, eine Geschichte. Oft sind mündlich überlieferte Geschichten und Erzählungen, alte Manuskripte, spätere Ergänzungen, Erläuterungen und Interpretationen im Lauf der Zeit zu zusammenhängenden Texte komponiert worden. Die Komposition der einzelnen Schriften und ihre Zusammenstellung im Buch der Bibel folgt einem theologischen Programm. Dabei können unterschiedliche und zum Teil gegensätzliche Glaubensweisen in einem veränderten Zusammenhang neu interpretiert werden. Auch das Lesen der Bibel, die Übersetzung und Interpretation haben ihre Geschichte. In den orthodoxen Kirchen spielt die griechische Fassung des Alten Testamentes, die Septuaginta, eine große Rolle. In der römisch-katholischen Kirche genießt die lateinische Übersetzung von Altem und Neuem Testament, die Vulgata, besonderes Vertrauen. In den evangelischen Kirchen haben die Urtexte das höchste Ansehen. Was „Bibel“ ist, lässt sich so einfach gar nicht sagen. Man kann aber sagen: In der jeweils akzeptierten Fassung der biblischen Schriftsammlung liegt ein theologischer Diskussionsprozess in geronnener Form vor. Jede heutige Lektüre führt den Interpretations- und Diskussionsprozess fort.

Die hohe Wertschätzung der Bibel drückt sich aus in Bezeichungen wie „Heilige Schrift“ oder „Wort Gottes“. Doch obwohl das Christentum eine Religion des Buches ist, ist es keine Buchreligion. Bei einer Buchreligion im engeren Sinne wird das Buch selbst verehrt, wie dies etwa bei den Veden im Hinduismus oder beim Koran im Islam der Fall ist. In beiden Fällen gelten die Texte als Offenbarungen, die in der ursprünglichen Sprache überliefert und rezitiert werden müssen. Der im christlichen Fundamentalismus begegnende Biblizismus hat zwar buchreligiöse Tendenzen, weil der biblische Text als geoffenbartes Gotteswort verstanden wird. Aber auch Fundamentalisten lesen die Schriften der Bibel nicht im Urtext, sondern meistens in Übersetzungen. Übersetzungen sind Interpretationen des Textes in einer anderen Sprache. Das Christentum ist insofern eine Religion des Buch, als es eine Buchreligion in einem weiter gefassten Sinn ist. Als „Heilige Schrift“ wird die Bibel zwar hoch geachtet, aber sie ist nicht sakrosankt. Die Entstehungsgeschichte der Bibel und ihrer Texte lässt sich mit wissenschaftlichen, historisch-kritischen Methoden untersuchen. Und als Gesprächspartner ist die Bibel inhaltlich genauso kritisierbar, wie die biblischen Texte aus der Vergangenheit heraus heutigen Leserinnen und Leser kritische Anfragen stellen. Darum entwickelt sich christliches Glauben im Gespräch weiter und geht über den biblischen Text hinaus.