Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

Wann ist eine Predigt fertig?

Kurz vor Weihnachten hat der WDR2 ein kurzes Interview gemacht, wie man als Pastor durch die Weihnachtszeit kommt und worum es z.B. in meiner Weihnachtspredigt geht. Am Ende des Gesprächs stellte Katrin Schmick fest, zumindest sei ja meine Predigt schon fertig. Der Teil wurde nicht gesendet, sondern rausgeschnitten, hat mich aber weiter beschäftigt: Waren meine Predigten (es war ja nicht nur eine, die vorzubereiten war) wirklich schon fertig?

Predigtkladde mit Änderungen
Letzte Änderungen im Predigtskript

Was sich in mir gegen die Formulierung sträubte war wahrscheinlich, dass hier das erarbeitete Predigskript mit der Predigt identifiziert wird. Aber Skript und Rede sind eben nicht identisch: „Es gilt das gesprochene Wort.“ Fertig ist eine Predigt erst, wenn die Rede zuende ist. Man kann allenfalls sagen: Ich bin mit der Vorbereitung der Predigt fertig. Denn die Predigt ist die Rede selbst, nicht das Skript – wie ausgearbeitet auch immer es ist.

Genau genommen bleibt man aber in der Vorbereitungssituation, solange nicht gepredigt wird. Denn auch auch unmittelbar vor Predigtbeginn lassen sich noch Änderungen planen, kann man noch einen Gedanken aufgreifen oder einen Zusammenhang zu etwas zuvor geschehenem herstellen. Solange ich noch darüber nachdenke, was ich gleich sage, bin ich in der Situation der Vorbereitung. Mein sonntägliches Morgenritual sieht denn auch so aus, dass ich beim Frühstück mit Rotstift bewaffnet das Skript ein (vor-)letztes Mal durchsehe. Manchmal mache ich danach sogar noch einen neuen Ausdruck, weil ich noch etwas verändert habe. Wenn ich von der Kanzel aus rede, schaue ich mir den Text dort vor dem Gottesdienst ein letztes Mal an. Wenn ich Handzettel benutze, schaue ich beim Lied vor der Predigt noch einmal über den Text und treffe letzte Entwurfsentscheidungen.

Mit dem Beginn der Predigt ist die Vorbereitung abgeschlossen. Und erst wenn ich aufhöre zu predigen, ist die Predigt fertig. Das ist tautologisch, aber so ist es. Nach dem Gottesdienst kommt zuweilen die Nachbereitung, wenn ich Änderungen nachträglich in das Skript einfüge und für eine eventuelle spätere, erneute Verwendung archviere. Nach der Predigt ist vor der Predigt. Die nächste Predigt ist dann aber noch nicht fertig, selbst wenn das Skript ordentlich abgespeichert ist.

Überarbeitung und Zeitmanagement

Die Überarbeitung ist ein unverzichtbarer, aber zeitaufwändiger Teil des Schreibens. David M. Kaplan meint: „Überarbeiten heißt: denken und überdenken, tippen und neu tippen. Es heißt: zu viel Kaffee trinken und den verzweifelten Wunsch nach irgendeiner Ablenkung verspüren – telefonieren, den Briefträger in eine Gespräch verstricken, ein Buch lesen oder dem plötzlichen Heißhunger auf Croissants nachgeben.“ (Die Überarbeitung, S. 21) Was Kaplan hier beschreibt, nennt man überlicherweise Prokrastination oder Aufschieberitis. Wahrscheinlich ist das Überarbeiten neben der Recherche der zeitintensivste Teil des Schreibens.

Es wundert daher nicht, dass Sondra Wilson Predigtüberarbeitung und Zeitmanagement in einem Kapitel diskutiert (The Write Stuff, S. 103ff), das sie doppeldeutig mit „Time to Revise“ überschreibt: Es kommt eben nicht nur irgendwann die Zeit der Überarbeitung, sondern sie braucht auch Zeit. Das muss entsprechend organisiert werden. Wilson verweist darauf, dass einige Prediger als Zeitbedarf für die Predigtvorbereitung acht Stunden angeben. Und sie erwähnt Harry Fosdick, der sogar forderte, ein Prediger müsse für jede Minute auf der Kanzel eine Stunde Vorbereitungszeit kalkulieren. Dem stehen empirische Studien gegenüber, nach denen Pfarrerinnen und Pfarrern in der Vielfalt ihrer alltäglichen Aufgaben am Ende nur rund drei Stunden übrigbleiben, die sie in die Vorbereitung einer Predigt stecken (vgl. Präsent predigen, S. 116). Predigtvorbereitung, die auf die Phase der Überarbeitung nicht verzichten mag, braucht also ein System des Zeit- und Selbstmanagements.

Leider eignen sich viele Zeitmanagement-Modelle nicht für den Pfarralltag. Viele Ansätze scheinen für Freiberufler optimiert. Wilson gibt nur ein paar Tipps, die kaum als systematisches Modell durchgehen: Große Aufgaben lassen sich in kleinen, überschaubauen Einheiten besser bearbeiten; man darf nicht alles verplanen, sondern muss auch Ruhezeiten einhalten; und bei konkreten Aufgaben kann es helfen, sich mit der Eieruhr-Methode für einen definierten Zeitbereich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Das war’s schon und hilft nur begrenzt weiter. Ich will mal versuchen, in den nächsten Wochen mein Zeitmanagement zu reflektieren. Dass die Predigtvorbereitung dabei nur eine Rolle neben vielen anderen wichtigen Rollen spielt, liegt in der Natur des Pfarralltags.