Wortspiele

Preacher-Slams scheinen gerade der „heiße Scheiß“ der Homiletik zu sein. Holger Pyka, Pfarrer in Wuppertal und selbst als Preacher-Slammer unterwegs hat nun ein Buch dazu herausgebracht: „Spiel mit dem Wort. Kreatives Schreiben für Predigt und Preacher-Slam“. Auf rund 170 Seiten skizziert Pyka knapp und pointiert, wie Preacher-Slam und Kreatives Schreiben die Predigtpraxis bereichern kann. „Wortspiele“ weiterlesen

Rhetorik des Zauderns

„Eine kleine Rhetorik“ nennt Dietrich Sagert sein Buch „Vom Hörensagen“, ein „Spielbuch“, wie er sagt, kein abgeschlossenes Werk. Und tatsächlich hat das Buch etwas verspieltes, aber es ist nicht das selbstvergessene Spiel eines Kindes, sondern eher ein selbstgefälliges Spielen mit kleinen Denkfiguren, Beobachtungen, Wörtern. Dieser Versuch einer homiletischen Avantgarde kann einem auf die Nerven gehen: der manierierte Schreibstil, das Hin und Herschieben postmoderner „Wortstellwände“ (vgl. 115), die ablenken wollen von den notierten Trivialitäten, das Sammelsurium an Zitaten, die mehr illustrieren als zeigen. Trotzdem ist Sagerts Buch gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick wirkt. „Rhetorik des Zauderns“ weiterlesen

Predigten komponieren

Schreiben führt in der Predigtvorbereitung zwar nicht zwingend zu guten Predigten, kann aber helfen, “theologische und lebenspraktische Themen intellektuell zu durchdringen, sowie … sich Glaubensinhalte und Traditionsfragmente anzueignen. Predigtschreiben kann dazu beitragen, dass Pfarrpersonen in ihrer seelischen, geistigen und geistlichen Existenz wachsen.“ (S. 372) Zu diesem Ergebnis kommt Annette Müller in ihrer Dissertation “Predigt schreiben”. Sie hat dafür empirisch untersucht, was eigentlich geschieht, wenn Predigerinnen und Prediger ihr Predigtmanuskript erstellen. Damit kommt dem Schreiben in der Predigtvorbereitung eine wichtige Funktion zu: Es wird “eingesetzt, um kreativ und verantwortlich Theologie zu treiben“ (S. 394). „Predigten komponieren“ weiterlesen

Schreiben in der Predigtvorbereitung

Welche Rolle spielt das Schreiben in der Predigtvorbereitung? – Annette Müller hat für ihre soeben erschienene Dissertation Pfarrerinnen und Pfarrer danach befragt, wie sie ihre Predigtarbeit organisieren, das Manuskript erstellen und schreibend das Geschehen auf der Kanzel vorbereiten. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn hat Annette Müller Erfahrungen damit gesammelt, wie schwer das Handwerk des wissenschaftlichen Schreibens für Studierende sein kann. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund für ihr von Wilfried Engemann betreutes Dissertationsprojekt „Predigt schreiben. Prozess und Strategien der homiletischen Komposition“.

Gelesen habe die Arbeit noch nicht, aber ich bin schon sehr gespannt darauf und erwarte mir einiges davon. Bislang gibt es in der deutschsprachigen Homiletik noch keine umfangreiche Arbeit, die sich mit der Beziehung des Schreibhandwerks mit der Predigtvorbereitung befasst. Obwohl Autoren wie Alexander Deeg und Michael Meyer-Blanck dafür plädieren ein Predigtmanuskript schriftlich auszuformulieren, fehlt bislang eine systematische und empirische Untersuchung der Rolle des Schreibens im Prozess der Predigtentstehung. Annette Müller holt die empirische Seite durch exemplarische Interviews mit Pfarrerinnen und Pfarrern ein, die von ihren Erfahrungen berichten. Zugleich reflektiert sie systematisch und schreibpädagogisch den Entstehungsprozess von Predigten.

Da ich einer der interviewten Pfarrer bin, schreibe ich hier natürlich nicht ganz neutral, aber ich wünsche Annette Müllers Arbeit – trotz des stolzen Preises von 48€ – viele interessierte Leser. Zudem hoffe ich, dass die Arbeit Anstoß gibt, die Rolle des Schreibens endlich stärker homiletisch zu reflektieren. Sobald ich das Buch gelesen habe, werde ich hier natürlich ausführlicher darüber berichten. [Zum ausführlichen Bericht ]

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

Blick in die Predigtwerkstatt

(c) Bernd Romeike / pixelio.de
(c) Bernd Romeike / pixelio.de

„Wie heute predigen?“ fragt eine Reihe von österreichischen, römisch-katholischen Homiletikerinnen und Homiletikern in einem neuen Sammelband, herausgegeben von den Praktologen Maria Elisabeth Aigner, Johann Poch und Hildegard Wustmans. Es finden sich darin keine überraschend neuen Ansätze, aber doch ein paar lesenswerte Beiträge.

Die 10 Autorinnen und Autoren sind in unterschiedlichen Zusammenhängen in der homiletischen Ausbildung tätig und wollen Einblick geben in ihre „Predigtwerkstätten“. So haben Maria Aigner und Johann Pock an der Grazer Uni eine „Werkstatt Wortverkündigung“ aufgebaut und führen sie seit über 10 Jahren als verkündigungsorientierte Redeausbildung im Studium und in der Pastoralausbildung durch. Pock hat darüber hinaus ein homiletisches Ausbildungskonzept für Ständige Diakone entwickelt. Zielgruppe des Bandes sind daher in der Verkündigung wie in der homiletischen Aus- und Fortbildung Tätige.

Themenkomplexe, die die einzelnen Beiträge aufgreifen sind Genderfragen, Traupredigt, Bibliolog, Bibelgespräch, klassische Rhetorik, liturgische und homiletische Präsenz und der Kirchenraum als Ort der Predigt. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität und wer Pohl-Patalongs „Predigen im Plural“ oder Charbonniers u.a. „Homiletik“ kennt, wird keine großen Entdeckungen machen. Interessant ist, dass bis auf die argumentativen Bezüge auf päpstliche Enzykliken ein eigenständiger, katholischer Homiletikansatz nicht erkennbar ist. Auch ist der Einfluss der deutschsprachigen, evangelischen Homilektik kaum zu übersehen.

Zwei Beiträge möchte ich aber doch hervorheben: Der Erste ist Johann Pocks „Die Freude der Verkündigung“. Im Anschluss an die klassische Rhetorik legt Pock dar, dass die Rolle der Emotion in der Predigt nicht vernachlässigt werden darf, weder für die Hörenden noch im Blick auf die Predigenden. Indem die Lebenswirklichkeit lange Zeit der theologischen Richtigkeit untergeordnet wurde, ist aber genau das passiert. Emotionen sind jedoch ein rhetorisch probates Mittel, um die Grenzen zwischen Religion und Alltag, Kirche und Lebenswirklichkeit aufzusprengen. Dazu müssen Predigerinnen und Prediger sich selbst und ihre Erfahrungen als Quelle mit in die Predigt einbringen, um frohe Botschaft glaubwürdig zu bezeugen. „Der anschaulichste Teil der Predigt bin ich selbst“, zitiert Pock Axel Denecke.

Der zweite, interessante Aufsatz ist Veit Neumanns „Die Befreiung aus dem Dasein als Mauerblümchen in der Predigt“. Neumann legt darin eine kleine Phänomenologie der Floskel als einem sprachlichen Werkzeug der Predigt vor. Während die Floskel normalerweise nur abschätzig betrachtet wird, ist Neumanns These, dass die Floskel die Rede würzt – aber je nach Einsatz einen Text erst genießbar, aber eben auch ungenießbar machen kann. Deshalb gilt es, den Umgang mit Floskeln in Predigt und Liturgie zu üben, um sie gezielt einsetzen zu können. Beeindruckendes Beispiel ist das Ende einer Predigt zu sexuellem Missbrauch, bei der abmildernde und beruhigende Floskeln eingesetzt wurden  – um dann durch ein scharfes „Nein“ eine schroffe Absage daran auszudrücken: einlullende Beruhigung durch Floskeln kann es hier nicht geben. Nicht allen Beobachtungen Neumanns würde ich zustimmen, aber seine Betrachtungen zur Floskel insgesamt sind bedenkenswert.

Ob sich eine Anschaffung des Sammelbandes lohnt, hängt davon ab, welche Literatur sowieso schon im Regal steht. Lohnend sind auf jeden Fall die erwähnten Texte von Johann Pock und Veit Neumann. Leider bietet der Echter-Verlag kein pdf-Dokument des Einleitungskapitels an, aber zumindest kann man in Vorwort und Einleitung herein lesen und einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis werfen.

Maria Elisabeth Aigner, Johann Pock, Hildegard Wustmans (Hg.): Wie heute predigen? Einblicke in die Predigtwerkstatt. Echter Verlag: Würzburg 2014. 276 S., 19,80 € – ISBN 3429037115.

Zwischen Kultur und Glauben

Das Wittenberger Zentrum für evangelische Predigtkultur hat einen dritten Band mit Ergebnissen aus seiner Arbeit vorgelegt: „Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“. Leider hat das Buch, trotz des interessanten Themas, homiletisch nicht viel lesenswertes zu bieten.

Heraus sticht Kerstin Wimmers Beitrag zur „Poetik des Dialogs“, eine reflektierte Meditation über das Verhältnis von Gesagtem und Ungesagtem, Bekanntem und Fremdem in dem Predigt. Die Arbeit an der Predigt besteht für Wimmer nicht nur darin, die richtigen Worte zu finden und möglichst alles zu sagen, was zu sagen ist, sondern auch sich in der „Kunst der Enthaltung“ zu üben. Der Prediger „muss auch überlegen, was man er nicht sagen möchte“, auch wenn er durchaus wünschen kann, die Zuhörer mögen zwischen den Zeilen heraushören, was nicht gesagt wurde. Ein zweiter Gedankengang reflektiert die Spannung von Bekanntem und Unbekanntem. Diese Spannung aufzuspüren ist für Wimmer ein hermeneutisches Prinzip für den Prozess der Predigtvorbereitung. Zwar ist alles nur angerissen, aber dennoch klar und inspirierend zu lesen.

Wimmer hebt sich wohltuend von anderen Beiträgen ab, wie den wieder einmal recht geschwätzigen Texten des Herausgebers Dietrich Sagert. Auch die Beiträge von Dirk Pilz zu Charles Taylor und Aleida Assmann enttäuschen. Gerade sein Aufsatz zu Taylors Verständnis von Glaube und Kultur in der modernen Gesellschaft hätte thematisch ein Hauptartikel des Bandes werden können. Leider verliert sich Pilz im Dickicht des eigenen Unverständnisses und liefert dazu noch ein schlecht geschriebenes (Rede?-)Manuskript ab.

„Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“ setzt keine besonderen Impulse. Andererseits ist es mit 14,80€ erschwinglich. Vielleicht sollte man den Band eher als Zeitschrift im Buchformat verstehen, mit qualitativ höchst unterschiedlichen Beiträgen. Wer reinschauen mag, sollte einen Blick werfen auf Alexander Deegs Bericht über die gegenwärtige Homiletik im Kontext der Societas Homiletica, sowie auf Daniel Weidners „Bibel als Literatur“.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben, Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013. 314 S. – ISBN 3374033296 – 14,80 €

Homiletik in der Übersicht

Wie verstehen eigentlich Praktische Theologen ihre homiletischen Ansätze praktisch? Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn Homiletik als reflektierte Betrachtung der Predigtpraxis zielt nicht unbedingt auf die Praxis konkreter Predigtvorbereitung und -performanz. Insofern folgt der Homiletik-Band aus der Reihe „elementar“ bei V&R einer interessanten Konzeption: Vierzehn wichtige Homiletiker der Gegenwart stellen nicht nur ihren Ansatz selbst vor, sie präsentieren auch ein eigenes oder fremdes Predigtmanuskript, in dem sie das eigene Konzept gut wiedererkennen.

Die „elementar“-Reihe zielt eigentlich auf Studierende sowie Vikarinnen und Vikare, die sich jeweils aufs Examen vorbereiten. Dennoch ist der Band auch für Pfarrer und Prediger zu empfehlen, die sich über die gegenwärtige Situation in der deutschen Homiletik auf den aktuellen Stand bringen wollen. Auch wenn nicht alle Homiletiker vertreten sind, bekommt man doch eine sehr gute Auswahl knapp präsentiert, und zwar von den Autoren selbst, und nicht als Versammenfassung Dritter. Bedauerlich ist zwar, dass zum Beispiel Wilfried Engemann fehlt. Auch hätte ich mir einen kleinen Blick über den Tellerrand der Nation und Konfession gewünscht. Aber man kann nicht alles haben.

Es wäre dem Ansatz des Buches nicht angemessen, hier einzelne Autoren zu kritisieren: Es geht ja gerade um die Bandbreite zum Teil höchst unterschiedlicher homiletischer Konzepte. Auffällig ist, wie nahe sich viele Ansätze dann aber zuweilen sind. Höchst spannend ist, wie weit entfernt einige Predigtmanuskripte als Praxisbeispiele von dem sind, was die konzeptionellen Überlegungen erwarten ließen – und wie herkömmlich dann manches Predigtmanuskript doch wirkt.

Das Konzept der Herausgeber Lars Charbonnier, Konrad Merzyn und Peter Meyer geht auf: „Homiletik“ bündelt aktuelle Ansätze der deutschen, evangelischen Homiletik, indem die Praktischen Theologinnen und Theologen ihre eigenen Konzepte auf den Punkt bringen und exemplarisch abrunden. Vertreten sind Alexander Deeg, Wilhelm Gräb, Albrecht Grözinger, Hans-Günter Heimbrock, Jan Hermelink, Manfred Josuttis, Isolde Karle, Gerhard Marcel Martin, Michael Meyer-Blanck, Christian Möller, Martin Nicol, David Plüss, Uta Pohl-Patalong, Helmut Schwier und Birgit Weyel.

Eine Leseprobe mit dem Einleitungskapitel und dem Anfang des Beitrags von Isolde Kahle findet sich auf der Seite des Verlages Vandenhoeck & Rupprecht.

Lars Charbonnier, Konrad Merzyn, Peter Meyer (Hg.): Homiletik – Aktuelle Konzepte und ihre Umsetzung, 1. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen, 2012
– 251 Seiten – ISBN 978-3-525-62003-8.

Robinsons Phasen der Predigtvorbereitung

Schreibtisch
Die Vorbereitung der Predigt am Schreibtisch

Haddon Wheeler Robinson, 1931 in New York geboren gilt als einflussreicher Homiletiker evangelikaler Prägung. Nach dem Studium war er zunächst Pastor einer Baptistengemeinde und unterrichte dann am konservativ-evangelikalen Dallas Theological Seminary. Nach der Promotion in Philosophie 1964 war er von 1979 bis 1991 Dozent und Rektor am Denver Theological Seminary, wo 1980 sein Buch „Biblical Preaching“ entstand. Seit 1991 hat er eine Homiletik-Professur an einer der größten evangelikalen Ausbildungsstätten der USA inne, dem Gordon-Conwell Theological Seminary.

Obwohl ich Robinsons theologischen Ansatz nicht teile und auch homiletische Einwände zu erheben haben, schätze ich „Biblical Preaching“ (dt.: Predige das Wort). Was mir gefällt ist Robinsons pragmatischer Ansatz: Kern der Predigtarbeit ist danach, sich darüber klar zu werden, was man sagen will, indem man seine Gedanken klar auf eine Kernaussage hin orientiert.

Für die Predigtvorbereitung schlägt Robinson zehn Phasen vor. Ein Schwerpunkt liegt darauf, sich zuerst über Predigtthema und Predigtzweck klar zu werden, bevor eine Gliederung der Predigt entworfen wird. Anschließend wird die Gliederung mit illustrierendem, reflektierendem und erläuterndem Material gefüllt.

Natürlich ergeben sich aus heutiger Sicht gleich zwei grundlegende Einwände. Der erste Einwand ist, dass so eine Schrittfolge zu starr ist. Angemessener erscheint mir heute ein Phasenmodell mit gröberen Schritten, das ein Hin-und-her-Springen zwischen verschiedenen Arbeitsschritten ermöglicht. Der zweite Einwand ist, dass die Illustrationen bloß als Füllmaterial für das Gedankenskelett verstanden werden. Heute gilt es dagegen, mit dem Material zu denken, so dass Gedanken, Geschichten und Illustrationen sich zu einem Gewebe verdichtet. Oder kurz: Die Geschichten sind die Predigt, nicht ihr Füllmaterial.

Stärken treten in diesem Phasenmodell an zwei Punkten hervor: Alle Predigtarbeit dreht sich darum, sich über Predigtthema und Predigtzweck klar zu werden. Und: Die Einleitung und den Schluss der Predigt überlegt man am besten am Ende.

Phase 1 – Auswahl des Predigttextes (43): In Robinsons freikirchlichem Kontext taucht zwar keine Perikopenordnung auf, doch auch eine Perikopenordnung bewahrt nicht vor der Entscheidung, sich rechtzeitig für einen Predigttext zu entscheiden.

Phase 2 – Studium des Bibeltextes (46): Hierunter fallen selbstredend exegetische Überlegungen.

Phase 3 – Erarbeitung des Textthemas (50): Robinson unterscheidet hier zwischen Textgegenstand (wovon der Text handelt) und der Textaussage (Was wird über den Gegenstand ausgesagt) Das Textthema lässt sich formulieren durch eine Verbindung von Textgegenstand und -aussage.

Phase 4 – Analyse des Textthemas mithilfe von drei grundsätzlichen Fragen (59): Was bedeutet diese Aussage (61), ist die Aussage heute noch gültig (63) und welche Konsequenzen ergeben sich daraus (69)?

Phase 6 – Festlegung des Predigtzwecks (86): Aus Text- und Predigtthema als Zusammenfassung der biblischen Botschaft wird als Predigtzweck daraus abgeleitet, wozu diese Botschaft dienen soll.

Phase 7 – Denke darüber nach, wie das Predigtthema am besten entfaltet wird, um den Predigtzweck zu erreichen. (91) Robinson stellt hier knapp fünf Gestaltungsmöglichkeiten von Predigten vor: Erklärung eine Aussage (92), Überprüfung einer Behauptung (95), Anwendung eines Prinzips (97), Erläuterung eines Themas (99) und das Erzählen einer Geschichte (101).

Phase 8 – Nachdem du entschieden hast, wie du das Predigtthema entfaltest, um den Predigtzweck zu erreichen, entwirft eine Predigtgliederung. (106) Für den Prediger zielt die Gliederung darauf, den Zusammenhang der Predigtteile nicht aus dem Blick zu verlieren. Für die Hörer erleichtert eine klare Gliederung, den Gedanken des Predigers zu folgen.

Phase 9 ­ Fülle die Gliederung mit ergänzendem Material, welches die Punkte erklärt, prüft, illustriert oder zur Anwendung bringt. (113) Dazu nennt Robinson sechs Materialformen: Umformulierungen, Definitionen und Erklärungen, Sachinformationen (Tatsachen), Zitate, Erzählungen, Illustrationen

Phase 10 ­ Bereite die Einleitung und den Schluss der Predigt vor. (131)

Robinsons Rat zum Zettelkasten

Zettelkastenreiter

In Haddon Robinsons Buch „Predige das Wort“ (Originaltitel: Biblical Preaching) wird sehr schön der Einsatz von Zettelkästen für Prediger beschrieben. In seinem Kapitel über die lebendige Ausgestaltung eines Predigtentwurfes mit illustrierendem Material schreibt Robinson:

„Das meiste Material findet der Prediger zweifellos in seiner eigenen Sammlung. Deshalb sollte es sich ein gutes Ordnungssystem dafür anlegen. Denn was er dort für seine Predigt findet, hängt völlig davon ab, was und wie er es hinein getan hat. Es gibt viele Systeme, um die Ergebnisse des Studiums und Lebens zuordnen. Normalerweise benötigt man zweierlei Karteien. In die eine Großformatige ordnet man Predigtnotizen, Auszüge und Kopien so, wie sie sind. Sie können eingeteilt sein nach Themen oder nach den Büchern der Bibel.

Als Ergänzung sollte ein Prediger ein Karteikartensystem mit kleineren Kärtchen führen. Ein Bereich dieses Systems bezieht sich auf die Bücher der Bibel. Hier notiert man sich auf den Karten Illustrationen, Auslegungsnotizen und Hinweise auf hilfreiche Literatur zu einzelnen Bibelstellen. Ein anderer Teil des Karteikartensystems sollte alphabetisch nach Themen geordnet sein.

Das meiste Predigtmaterial – Anekdoten, Zitate, Gedichte, Notizen zur Auslegung, Analogien, Literaturhinweis – kann auf solchen Karten gesammelt werden.

Jeder Prediger braucht ein System. Jedes System, das Ihnen hilft, Informationen zu ordnen, ist besser als gar keines. Es sollte aber auch gepflegt werden.“ (S. 129)

Haddon Robinsons Buch lohnt sich zu lesen. Die amerikanische Homiletik des 20. Jahrhunderts wird in der deutschen Homiletik ja leider nur am Rande wahrgenommen, was unter anderem daran liegt, dass nur wenige Bücher auf Deutsch vorliegen. Beklagt habe ich das schon im Verweis auf David Buttricks „Homiletic. Moves and Structure“. Robinsons Buch gehört zwar zu den klassischen und einflussreichsten Werken der amerikanischen Homiletik und liegt sogar auf Deutsch vor, aber wahrscheinlich ist es hier der evangelikale Verlagskontext, die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, die eine ernsthafte Rezeption erschwert. So ist beispielsweise das vom Verlag vorgeschaltete deutsche Vorwort unglaublich schlecht und theologisch von so unterirdischem Niveau, das es eigentlich eine verlegerische Untat ist – käme dem Verlag nicht das Verdienst zu, das Buch überhaupt auf Deutsch zugänglich zu machen. Weil ich das Buch wirklich schätze, werde ich es in meinen nächsten Artikeln etwas ausführlicher darstellen.

Robinson, Haddon W., Predige das Wort. Vom Bibeltext zur lebendigen Predigt. Überarbeitete Neuauflage, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg: 2001.
ISBN 978-3-86353-044-0. 9,90 €.

Homiletik der Langeweile

Der Mann im Turm

Der Mann im Turm
Was Prediger mit ihrer Predigt erreichen wollen, lässt sich nicht allgemein sagen. Dass ein Prediger aber zumindest irgendetwas sagen will, wird normalerweise vorausgesetzt – auch wenn die Botschaft nicht immer ganz klar ist. Es gibt diesen alten Witz: Der Mann kommt vom Gottesdienst nach Hause kommt und sagt: „Heute hat der Pastor über 30 Minuten gepredigt.“ „Worüber denn?“, fragt die Ehefrau. Und der Mann antwortet: „Das hat er nicht gesagt.“

Viele setzen bei einem Prediger voraus, dass er irgend etwas sagen will – auch wenn am Ende nicht immer klar ist, was. Vor diesem Hintergrund bin ich unschlüssig, was von der These Dietrich Sagerts zu halten ist: „Predigt bewerkstelligt nichts, sie bewirkt nichts und soll auch zu nichts dienen.“ Sagert leitet damit den zweiten Band mit Texten des Zentrums für Evangelische Predigtkultur ein: „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur.“ „Predigt teilt“, meint Sagert. In einer Art Briefbericht über seine Korrespondenz mit dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy deutet Sagert an, was Predigt als Mit-Teilung bedeuten könnte: Wenn man „den Zuhörer als Souverän seiner eigenen spirituellen Erfahrung respektieren“ will (S. 167), kann (oder darf?) man Predigt nicht mehr verstehen als Verkündigung einer verfügbaren Botschaft. Deshalb will Sagert die Predigt radikal offen halten: Selbst der Aussagen zur Existenz Gottes sollte sich der Prediger besser enthalten. Aus Nancys Überlegung, dass Sinn sich aus geteiltem Sinn ergibt, geht Sagert über zur These, dass Sinn und Botschaft der Predigt sich ergeben aus dem Teilen von dem, was der Predigt „zuteil geworden“ (S. 9) ist. Was Sagert da mit-teilen möchte, sagt er leider nicht.

Während ich noch darüber nachdenke, ob die Aussagen Sagerts, sofern sie welche sind, deskriptiv oder normativ gemeint sind, lese ich die ZEIT. Hanno Rauterberg schreibt da über die Skulpturen des Bildhauers Stephan Balkenhol: „Es ist eine Kunst, die nichts will – und deshalb gewollt wird.“ Weil die beliebten Holzfiguren nichts bedeuten und ausdrücken, weil sie frei sind von Überzeugung und Glauben sind sie letztlich banal – und irgendwie langweilig. Bei der documenta (13) waren die harmlosen Figuren Balkenhols durch die Presse gegangen, weil eine katholische Gemeinde direkt gegenüber dem Kasseler documenta-Hauptgebäude die Holzfiguren unübersehbar aufgestellt hatte: Eine Figur stand oben auf dem Glockenturm und zog die Blicke auf sich. Das fanden viele nett, bis auf die documenta-Chefin: Wahrscheinlich hat sie befürchtet, dass die langweilige Banalität der Figuren auf die documenta abfärben könnte. Ich befürchte, dass eine Predigt, die nichts will, die frei ist von Überzeugung und Glauben, ebenso wie Balkenhols Figuren in der Gefahr steht, banal und letztlich langweilig zu werden.

Es kann daher kein Zufall sein, dass ein weiterer Text von Sagert in dem genannten Band die Überschrift „Langweilig!“ trägt. Aufhänger ist ein Bericht über jugendliche Juroren bei der Ruhrtriennale, die die Premiere zwar freundlich bewerteten, aber letztlich langweilig fanden – weil Kunst eben so ist. Für die Predigt als Kunst gilt das oft ja nicht anders, so dass Sagert mit Blick auf den Fenstersturz des Eutyches zu einer kleinen Homilektik der Langeweile abhebt. Zugegeben: Das liest sich streckenweise ganz amüsant, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob der Humor beabsichtigt oder unfreiwillig ist. Am Ende erweist sich die Langeweile als Lücke zwischen menschlichem Sein und Gott, die durch Erfindungsgeist gefüllt wird. Hier schließt sich der Kreis zu den Eingangsüberlegungen Sagerts: Indem der Prediger mit seiner nichts sagenden und zu nichts dienenden Predigt den Predigthörer langweilt, öffnet sich eine Lücke, in die hinein der gelangweilte Mensch sich seinen zurück blickenden Gott erfindet. Ein schöner Gedanke, der mehr und mehr offenlegt, dass es sich beim Zentrum für evangelische Predigtkultur eigentlich um ein großartiges Satireprojekt handelt.

P.S.:
Nach dem Klappentext will der Band „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur“ (EVA Leipzig 2013, 196 S., 14,80 €) „Einblicke geben in verschiedene Prozesse, durch die Predigt entsteht“. Wer auch immer den Klappentext verfasst hat, scheint den Inhalt des Buches nicht zu kennen. Man könnte die versammelten Beiträge eher als einen Werkstattbericht bezeichnen. Die Beiträge von Martina Sauer, Wilfried Härle, Kathrin Oxen und eben Dietrich Sagert sind ausserordentlich überflüssig. Am Erstaunlichsten ist Härles Beitrag zu „Hirnforschung und Predigtarbeit“: Nach zweifelhaften Auslassungen zur Hirn- und Schlafforschung kommt Härle am Ende zu reichlich trivialen Predigtratschlägen. Schade, dass die guten Beiträge in dem Band da fast verschwinden. Dazu gehören Anne Gideons fortgesetzte Überlegungen zu Predigt und leichter Sprache sowie die Vorträge von Cord Richelmann, Reinhold Zwick, Martin Treml und Christian Strecker zu Paulus und seiner Rezeption durch Pier Paolo Pasolini, Jakob Taubes und in der neueren Paulusforschung.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigkultur. Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013.