Wortspiele

Preacher-Slams scheinen gerade der „heiße Scheiß“ der Homiletik zu sein. Holger Pyka, Pfarrer in Wuppertal und selbst als Preacher-Slammer unterwegs hat nun ein Buch dazu herausgebracht: „Spiel mit dem Wort. Kreatives Schreiben für Predigt und Preacher-Slam“. Auf rund 170 Seiten skizziert Pyka knapp und pointiert, wie Preacher-Slam und Kreatives Schreiben die Predigtpraxis bereichern kann. „Wortspiele“ weiterlesen

Rhetorik des Zauderns

„Eine kleine Rhetorik“ nennt Dietrich Sagert sein Buch „Vom Hörensagen“, ein „Spielbuch“, wie er sagt, kein abgeschlossenes Werk. Und tatsächlich hat das Buch etwas verspieltes, aber es ist nicht das selbstvergessene Spiel eines Kindes, sondern eher ein selbstgefälliges Spielen mit kleinen Denkfiguren, Beobachtungen, Wörtern. Dieser Versuch einer homiletischen Avantgarde kann einem auf die Nerven gehen: der manierierte Schreibstil, das Hin und Herschieben postmoderner „Wortstellwände“ (vgl. 115), die ablenken wollen von den notierten Trivialitäten, das Sammelsurium an Zitaten, die mehr illustrieren als zeigen. Trotzdem ist Sagerts Buch gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick wirkt. „Rhetorik des Zauderns“ weiterlesen

Predigten komponieren

Foto: Martin Jäger  / pixelio.de
Foto: Martin Jäger / pixelio.de

Schreiben führt in der Predigtvorbereitung zwar nicht zwingend zu guten Predigten, kann aber helfen, “theologische und lebenspraktische Themen intellektuell zu durchdringen, sowie … sich Glaubensinhalte und Traditionsfragmente anzueignen. Predigtschreiben kann dazu beitragen, dass Pfarrpersonen in ihrer seelischen, geistigen und geistlichen Existenz wachsen.“ (S. 372) Zu diesem Ergebnis kommt Annette Müller in ihrer Dissertation “Predigt schreiben”. Sie hat dafür empirisch untersucht, was eigentlich geschieht, wenn Predigerinnen und Prediger ihr Predigtmanuskript erstellen. Damit kommt dem Schreiben in der Predigtvorbereitung eine wichtige Funktion zu: Es wird “eingesetzt, um kreativ und verantwortlich Theologie zu treiben“ (S. 394).

Ich habe auf das Buch schon vor einiger Zeit einmal hingewiesen. Jetzt will ich es hier ausführlich besprechen.

Blick in die Predigtwerkstatt

Für ihre Untersuchung wirft Müller einen Blick in die Predigtwerkstätten von zwölf Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Vorbereitung einer Predigt ist für die meisten ein einsames Handwerk: Die Predigerin oder der Prediger sitzt am Schreibtisch und entwirft ein Manuskript, mit dem sie oder er später vor die Gemeinde tritt. Die Prozesse, die bei dieser Vorbereitung ablaufen, haben die meisten sich durch jahrelange Predigtpraxis erworben. Die oft idealisierenden Modelle aus homiletischen Proseminaren oder Vikariatskursen sind durch diese Praxis längst abgeschliffen und die erlernten Methodenschritte einem pragmatischen Machen gewichen. Am Ende steht ein Produkt, bei dem aus dem einsamen Ringen am Schreibtisch im besten Fall ein kommunikatives Ereignis im Gottesdienst wird.

Prozesse der Komposition einer Predigt

Weil der Prozess am Schreibtisch empirisch kaum untersucht ist, hat Müller sich vorgenommen, die prozeduralen und kognitiven Subprozesse der Predigtkomposition herausarbeiten (S. 18). Vor allem die Funktion des Schreibens in der Predigtarbeit rückt sie dabei ins Zentrum, denn Müllers theoretisches Interesse gilt der Frage, inwiefern Ansätze der Schreibforschung für die Homiletik nutzbar gemacht werden können. Die Theologin war als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn tätig und hat dabei unter anderem Studierenden geholfen, Schreibschwierigkeiten zu überwinden. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen untersucht Müller nun den Prozess der Komposition einer Predigt. Den Begriff der Komposition wählt sie, „weil er für das Kreative und Komplexe der Predigtvorbereitung steht“ (S. 17).

Methodisch greift Annette Müller auf das leitfadenorientierte Interview zurück, mit dessen Hilfe sie die zwölf Pfarrerinnen und Pfarrern nach ihrem tatsächlichen Vorgehen bei der Predigtvorbereitung befragt. Die jeweilige Analyse dieses selbstbeschriebenen Prozesses der Predigtkomposition vergleicht Müller wiederum mit Predigtmanuskripten der Studienteilnehmer. Die Analyse des Predigtmanuskriptes geschieht zum einen im Blick auf Spuren des Kompositionsprozesses, sie ist aber zugleich eine Bewertung, um eventuelle Empfehlungen für die Predigtarbeit aussprechen zu können. Denn Homiletik will nicht nur „Anregungen geben, Predigt theoretisch zu begründen“ sondern auch „praktisch zu verbessern“ (S. 37). Die Darstellung dieser zwölf Gespräche und Predigtanalysen macht den Hauptteil des Buches aus (S. 123-314).

Kein Königsweg zur Predigt

Eine Erkenntnis der Untersuchung ist: „Es gibt keinen Königsweg zur Predigt” und “nicht die eine empfehlenswerte Strategie zur Erarbeitung eines Predigtmanuskriptes” (S. 355). Auch Schreiben bietet keine Garantie, die komplexe Aufgabe der Predigtvorbereitung zu bewältigen. „Innerhalb dieses Problemlösungsprozesses kann das Schreiben sowohl selbst Probleme aufwerfen als auch einen Beitrag leisten, um Probleme zu lösen …“ (S. 367). Allerdings lässt sich auch sagen, dass zumindest eine Strategie nicht zu empfehlen ist: „einen Predigttext meditierend … bedenken und das Ergebnis des Nachdenkens einfach hinzuschreiben“(S. 357) Schreiben in der Predigtarbeit ist mehr als nur das Hinschreiben des vorher nur im Kopf entwickelten.

Die Predigtarbeit ist in einen komplexen beruflichen Alltag eingebettet und stellt hohe Anforderungen an Pfarrerinnen und Pfarrer (S. 375). Viele Prediger schreiben zunächst einmal „um die Angst zu zähmen, auf der Kanzel den roten Faden und damit die Kontrolle über die Redesituation zu verlieren“ (S. 364). Weil die freie Predigt für viele mit Ängsten besetzt, setzten die meisten Predigenden auf ein ausformuliertes Manuskript, selbst wenn es auf der Kanzel nicht unbedingt abgelesen wird. Die Arbeit am Manuskript hilft aber, die eigenen Gedanken zu klären und für den Vortrag zu strukturieren, und zwar sowohl für sich selbst als auch für die Zuhörenden (vgl. S. 362). Wann und auf welche Weise Pfarrer ihre Predigten strukturieren, ist allerdings individuell sehr verschieden (S. 328). Förderlich ist aber, trotz des ausgefüllten Pfarralltags, das Manuskript nicht zu knapp vor dem Predigtvortrag zu erstellen, sondern es einen Augenblick reifen zu lassen und Abstand zum Text zu gewinnen (S. 327).

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist die Wahrnehmung von Spannungen zwischen Predigenden und ihrem Manuskript. Dazu gehört zunächst die Spannung zwischen der Intention des Predigers und der wahrnehmbaren Intentionalität des Manuskriptes (S. 328): Obwohl die Predigenden sich Gedanken darüber machen, was sie mit ihrer Predigt erreichen wollen, ist dieses Ziel nicht unbedingt an der Predigt nachzuvollziehen. Müller vermutet einerseits, dass es Defizite gibt in der Kompetenz, die eigene Predigt zu evaluieren, andererseits, dass die Manuskripte wegen Zeitmangels zu wenig überarbeitet werden. Die zweite Spannung nimmt Müller zwischen der Person des Predigers und dem Manuskript wahr: Obwohl viele Studienteilnehmer sich selbst persönlich in den Prozess der Predigtkomposition involviert sehen, bildet sich „dieses emotionale, spirituelle, lebensgeschichtliche und intellektuelle Involviertsein … nicht in demselben Maße in den analysierten Predigtmanuskripten ab(…)“ (S. 342). Woran das genau liegt, kann auch Müller sich nicht erklären. Sie vermutet eine Nachwehe des dialektisch-theologischen Ansatzes, das Subjekt des Predigers in der Predigt weitgehend auszublenden.

Weil “es nicht den einen richtigen Weg zur gelungenen Predigt gibt”, muss es in der Homiletik darum gehen, Wege zur Predigt aufzuzeigen, die einerseits für die Predigenden “individuell stimmig und praktikabel” sind, die andererseits aber auch den “Bedürfnissen und Anliegen der jeweiligen Adressatenschaft” entgegenkommen (S. 361) Viele Probleme der Predigtpraxis, angefangen bei Examenspredigten bis hin zu routiniert erstellten Predigtmanuskripten, verortet Müller in einem mangelhaften prozeduralen Wissen über das Schreiben von Texten (vgl. S. 116 u. 345). Müller plädiert daher dafür, homiletische Didaktik und Predigtcoaching um eine prozessorientierten Perspektive zu erweitern, die „individuelle Sichtweisen, Einstellungen und konkrete Vorgehensweisen“ von Predigern im Kompositionsprozess berücksichtigt (S. 19). Unverzichtbar ist dabei, ein komplexeres Verständnis für das Schreiben selbst zu entwickeln. Dazu gehört, „dass Predigtmanuskripte entweder sorgfältig geplant oder sorgfältig überarbeitet werden müssen” (S. 395). Etwas pathetisch formuliert Müller die Aufgabe so: „In einer prozessorientierten homiletischen Didaktik wird das Schreiben genutzt, um kühne Ideen zu skizzieren, kostbare Miniaturen zu modellieren, differenzierte Wahrnehmungen in Sprache zu überführen, folgerichtig zu argumentieren, fromm zu bekennen, Traditionen kreativ fortzuschreiben, humorvoll zu persiflieren, lebendige Bilder zu entwerfen, kontaktvoll zu kommunizieren, Phänomene zu interpretieren, mutig Stellung zu beziehen, ehrlich zu reflektieren und hoffnungsvoll zu antizipieren.“ (ebd.)

Komplexer Schreibbegriff, unterkomplexes Rhetorikverständnis

Predigten gehören zu den Texten, die „schriftlich konstituiert“ aber „mündlich realisiert“ werden, so Annette Müller im Anschluss an Norbert Gutenberg (S. 15). Die Faktizität der Schriftlichkeit wird allerdings meistens übersehen oder unterschlagen. Müllers Untersuchung zeigt auf, dass die Rolle des Schreibens in der Predigtarbeit stärker berücksichtigt werden sollte. Die Schreibforschung kann hier wichtige Impulse für die Homiletik bieten. Müllers schreibdidaktisch informierter Blick in die faktische Predigtwerkstatt bietet hier eine Fülle an Anknüpfungspunkten für die homiletische Praxis und Theoriebildung.

Zwei Dinge möchte ich allerdings kritisch anmerken: Der erste Kritikpunkt bezieht sich auf ein problematisches Verständnis von Rhetorik, der zweite auf das methodische Element der Predigtbewertung. Beides hängt miteinander zusammen, weil die Predigtbewertung Hinweise liefert, ob das das Ziel der rhetorischen Bemühungen, die ansprechende Predigt, erreicht wurde oder nicht.

Klischee einer manipulativen Rhetorik

Annette Müller betont immer wieder, dass es in der Homiletik nicht darum gehen kann Schreiben und Sprechen gegeneinander auszuspielen. In der Geschichte der Homiletik hat es immer ein Primat des Sprechens vor dem Schreiben gegeben. Müller attestiert darum einer Reihe von homiletischen Ansätzen ein unterkomplexes Schreibverständnis (S. 25ff.) Wenn sie stattdessen ein komplexes Schreibverständnisses für die homiletische Didaktik einfordert, so ist dem auf jeden Fall zuzustimmen. Umgekehrt lässt sich allerdings in der Arbeit ein tendenziell unterkomplexes Rhetorikverständnis ausmachen. Letztlich rächt sich an dieser Stelle die methodische Entscheidung, das Ziel aller schreibenden Predigtvorbereitung, die sprechende Realisierung in der Predigt, von der Untersuchung auszuschließen und es bei der Analyse von Manuskripten zu belassen. Unterkomplex kann man Müllers Verständnis der Rhetorik nennen, weil es klischeebehaftet und kriterienlos ist.

Einerseits setzt Müller Rhetorik immer wieder gleich mit  rein strategischen, manipulativen, indoktrinären und demagogischen sprachlichen Handlungen. Angemessen sind für sie rhetorische Mittel dann, wenn sie gegenüber den Zuhörenden “respektvoll” gebraucht werden, etwa indem signalisiert wird, “dass es auch andere, gleichberechtigte Interpretations-und Darstellungsweisen eines Sachverhaltes gibt“ (S. 219). Versuche, Predigt bewusst zu inszenieren sieht sie ebenso kritisch wie die effektive und spannungsreiche Montage von Texten (vgl. S. 46, 68). Skepsis ist auch dann “angesagt, wenn in Predigtratgebern Tipps gegeben werden, wie man die Zuhörenden ‚bannen‘ oder ‚rhetorisch anfassen‘ kann“ (S. 63). Was genau Müller unter rhetorischen Mitteln versteht, bleibt aber offen. Die wiederholte Abgrenzung gegen eine manipulative Rhetorik und die Betonung des Predigthörers als mündiges Subjekt im Predigtgeschehen (S. 60) bleiben als Forderungen Allgemeinplätze ohne Auswirkungen auf die Untersuchung. In den Predigtanalysen spielt die Frage nur insofern eine Rolle, als Müller nach möglichen Reaktionen imaginierter Hörerinnen und Hörer fragt. Im sechsten Interview werden beispielsweise Spekulationen darüber angestellt, dass Zuhörer nicht nur „produktiv verunsichert“ (Harald Schroeter-Wittke), sondern sogar verstört werden könnten (S. 232). Daraus leiten sich dann die Vorbehalte gegen die Predigt ab. Gerade das Fehlen von Beispielen für manipulative Mittel legen nahe, dass Annette Müller sich hier bloß von einem Klischee der Rhetorik abgrenzt.

Dabei sieht Müller durchaus, dass es zur rhetorischen Funktion des Schreibens gehört, etwas bewirken zu wollen (vgl. S. 113). In der dritten Falldarstellung benennt Müller die Gefahr eines inneren Aussteigens von Predigthörern (S. 196), was zumindest implizit den Schluss nahelegt, dass Müller eine Präferenz dafür hegt, wenn Hörerinnen und Hörer einer Predigt gerne aufmerksam folgen mögen. Um dieses Ziel zu erreichen sind Mittel nötig, die Hörerinnen und Hörer ansprechen, indem sie ihr ungeteilte Aufmerksamkeit gewinnen und ihr latentes Desinteresse überlisten (wie ich in Anlehnung an Sybille Knauss formulieren möchte). Mit anderen Worten: Um Hörer anzusprechen müssen Predigerinnen und Prediger lernen, rhetorisch Spannung zu erzeugen. Ich vermute allerdings, dass genau dies sich nicht mit Müllers Verständnis von “ansprechend” deckt, denn es gibt eine Tendenz, alles rhetorisch spannungsvolle zu problematisieren. Genau darum geht es aber in der modernen Rhetorik, und zwar nicht nur in der Rhetorik des Sprechens, sondern auch der des Schreibens: Schreiben und Reden, das wirken will, arbeitet mit Spannung, erzeugt Interesse und bündelt Aufmerksamkeit. Gerade wenn es Müller darum geht Schreiben und Sprechen nicht gegeneinander auszuspielen, wäre es wichtig, dass Homiletik nicht nur schreibdidaktisch, sondern auch schreibpragmatisch – mithin also rhetorisch – informiert ist.

Unklare Kriterien der theologischen Bewertung

Annette Müller sieht selbst, dass die Bewertung der vorgelegten Predigtmanuskripte “heikel und subjektiv” ist (S. 142). Sofern es sich um Hinweise auf die sprachliche Gestaltung handelt, sind viele Hinweise überzeugend, so etwa bei ihrer Analyse meines eigenen Predigtmanuskriptes (S. 240ff). Auch die Hinweise auf kompositorische oder strukturelle Schwächen erscheinen mir an vielen Stellen durchaus nachvollziehbar und hilfreich, wie etwa in der vierten Manuskriptanalyse (S. 206ff). Doch obwohl ich die Darstellung der zwölf Gespräche und die Lektüre der zugehörigen Predigten mit Gewinn und Interesse gelesen habe, haben mich die Predigtanalysen zunehmend gestört. Die Einschätzungen sind mir oft zu subjektiv und theologisch zu voraussetzungsreich, die Kriterien der Bewertung nicht offen und damit die Beurteilungen häufig nachvollziehbar sind.  Auch ist Korrespondenz zwischen der Prozess- und der Manuskriptanalyse oft nur schwach herausgearbeitet, womit sich das methodische Problem verbindet, dass die auf diesen  problematischen Beurteilungen fußenden Schlussfolgerungen im Diskussionsteil an Evidenz einbüßen. Am Ende habe ich nur den Eindruck, gelernt zu haben einzuschätzen, was Annette Müller anspricht und was nicht.

Ich will mein Unbehagen an zwei Punkten verdeutlichen.

Das Problem ist zum ersten, dass es zwischen theologischen Aussagen und der bevorzugten Schreibstrategie keinen offenkundigen Zusammenhang gibt. In der ersten Manuskriptanalyse beispielsweise mag es Spannungen geben zwischen den Folterqualen der Kreuzigung und der Dimension der Verheißung: Die Unterstellung, hätte die Predigerin „mehr Muße” (S. 173) für die Predigtarbeit gehabt, wäre vielleicht eine theologisch angemessenere Deutung des Kreuzestodes Jesu herausgekommen, halte ich aber nicht nur für unangemessen, sondern das Urteil ist für mich auch nicht nachvollziehbar. Die kritisierte Spannung fand ich beim Lesen der Predigt gerade anregend. Es ist problematisch, wenn unausgesprochene, theologische Vorannahmen die Bewertung beeinflussen. Noch deutlicher wird dies für mich in der Analyse der vierten Predigt (S. 206ff), wo an der von der Predigerin vertretenen Ganztodtheorie kritisiert wird, diese sei zwar biblisch belegt, tröste aber nicht. So richtig die Empfehlung ist, die Predigerin möge Phasen der Überarbeitung in ihre Predigtarbeit einbauen:  Auch eine besser überarbeitete Predigt könnte theologisch bei der gleichen Auffassung bleiben. Und die Fundamentalkritik an einer abweichenden theologischen Meinung ist in diesem Zusammenhang unangebracht, weil Müller hier ihr eigenes Todes- und Trostverständnis als Bewertungsmaßstab anlegt.

Heikel ist das Vorgehen Müllers zweitens auch deshalb, weil ein eigenes Missverständnis zu einer eklatanten Fehleinschätzung der ganzen Predigt führen kann. Dafür liefert die Analyse der zehnten Predigt ein eindrückliches Beispiel. Müller beurteilt eine in der Predigt verwendete Beispielgeschichte als „in theologischer Hinsicht … hoch problematisch“ (S. 285). Problematisch ist allerdings weniger die Geschichte, die der Prediger dem Buch „Das entfesselte Buch“ von Richard Rohr entnommen hat, sondern dass Müller die Geschichte als Wundergeschichte und “Machtdemonstration eines fiktiven Gottes” missdeutet, obwohl es weder in Rohrs Buch noch in der Predigt darum geht. Formal ist der Text keine Geschichte, sondern ein  Gedankenexperiment, darauf verweisen schon die Anfangswörter “Stell dir vor …”. Es geht dabei um einen fliegenden Teppich, der Faden um Faden aufgelöst wird, während ein Mensch darauf steht. Dieser Teppich steht für all die Hilfsmittel, an die Menschen sich klammern, um Glauben und Vertrauen zu können. Weil Müller den Text Rohrs missversteht, läuft die Kritik der Predigt ins Leere. Statt aus ihrer Sicht eine Beispielgeschichte theologisch zu bewerten, wäre es im Kontext der Arbeit eine andere, wichtige Frage angemessener gewesen: Welche Rolle spielt im Kompositionsprozess der Umgang mit fremdem Material?

Natürlich müssen Predigten grundsätzlich theologisch bewertet werden. Das Problem in Müllers Analysen ist aber, dass die theologische Bewertung im Rahmen dieser Untersuchung als Fremdkörper erscheint. Es gelingt Müller nicht, aufzuzeigen, wie theologische Aussagen und Strategien der Predigtkomposition miteinander zusammenhängen. Allerdings wäre dies auch überraschend, denn dieser Zusammenhang besteht nicht: Auch ein noch so sprachlich elaboriertes Manuskript kann theologisch mangelhaft sein und eine sprachlich miserable Predigt theologisch brillant.

Wann ist eine Predigt „ansprechend“?

Die Kennzeichnung “ansprechend” soll ein Gelingenskriterium für den Produktionsprozess liefern, mit dessen Hilfe kontrolliert wird, ob der Prozess der Manuskripterstellung zum Ziel einer “ansprechenden Predigt” führt oder nicht. Am Ende bleibt allerdings offen, was Annette Müller unter einer “ansprechende(n) Predigt” (S. 347) als Ziel jeglicher Homiletik verstehen will. Weil unklar ist, wann die Kennzeichnung “ansprechend” einer Predigt zugewiesen oder abgesprochen werden kann, bricht Müller letztlich ein wichtiger Baustein ihrer Methodik weg, dass nämlich für die Bewertung homiletischer Kompositionsstrategien nicht nur der Produktionsprozess, sondern auch das Produkt dieses Prozesses heranzuziehen ist. Wenn „ansprechend” aber mehr sein soll als eine inhalts- oder formästhetische Kategorie, womöglich sogar eine bloß subjektive Wahrnehmung, dann muss es um die Korrespondenz gehen zwischen der bewussten Gestaltung und der beabsichtigten Wirkung einer Rede einerseits und um die rezeptionsästhetische Frage, was denn Hörerinnen und Hörer möglicherweise anspricht andererseits. Beide Fragen werden aber nicht gestellt. Das Bewertungskriterium, ob eine Predigt ansprechend ist oder nicht, bleibt damit selbst kriterienlos und inhaltsleer.

Strategien des Schreibens

Auch wenn es Annette Müller nicht gelingt, ihre Kriterien für eine „ansprechende Predigt“ hinreichend scharf zu bestimmen, schmälert das im Großen und Ganzen aber weder den spannenden Blick in die Predigtwerkstätten und deren Analysen, noch den zweiten Schwerpunkt der Arbeit: das Fruchtbarmachen von Ansätzen der Schreibforschung zur Entwicklung von Schreibstrategien für die Predigtvorbereitung.

Wichtig ist dabei, wie Müller herausarbeitet, dass Schreiben nicht einfach nur die Phase der Verschriftlichung von vorbereitenden Gedanken ist, sondern unverzichtbarer Teil der Vorbereitung. Hanspeter Ortner, auf dessen Schreibtypologie Müller zurückgreift, spricht einmal vom “tastenden Nachforschen” (S. 87) als einer Funktion des Schreibens. Wer Schreiben forschend und tastend einsetzt, kann dabei zu neuen Einsichten kommen. Darauf verweisen die Funktionen des Knowledge telling und des Knowledge transforming, wie es Carl Bereiter und Marlene Scardamalia herausstellen (vgl. 91ff). Unerfahrene Schreiber reproduzieren oft nur schon vorhandenes Wissen und schreiben dann wie bei einem Schulaufsatz nieder, was ihnen zu einem Thema einfällt (Knowledge telling). Wer als erfahrener Schreiber dagegen Schreiben methodisch einsetzt, ist in der Lage über das aktuelle Wissen hinaus zu gehen und im Denkprozess während des Schreibens neues Wissen zu schaffen (Knowledge transforming).

Ein komplexes Verständnis des Schreibens, wie es Müller anmahnt, kennt eine Vielzahl weiterer Funktionen (vgl. 102ff), die sich ergänzen und unterschiedlichen Zielen dienen. Neben dem Schreiben als Medium des Denkens und Problemlösens gehört dazu, dass Schreiben helfen kann die Wahrnehmung zu schärfen und die Vorstellungskraft zu wecken, die Welt zu ordnen und zu gestalten – oder auch einfach  nur Genuss und Erfüllung zu finden. Auch die Befürworter der freien Predigt bestreiten nicht, dass Schreiben mit seinen vielfältigen Funktionen in der Predigtvorbereitung eine wichtige Rolle spielt. Leider wird die Funktionsweite dieses wichtigen Werkzeugs aber oft übersehen.

Unterkomplex wäre aber auch, nicht berücksichtigen, dass es nicht einen bestimmten Schreibtypus und eine richtige Schreibstrategie gibt, sondern dass verschiedene Schreibtypen mit unterschiedlichen Strategien erfolgreich Texte produzieren können. Grundlegend lassen sich Schreibprozesse mit Sylvie Monitor-Lübbert zunächst einmal in Top-Down und Bottom-up-Verfahren unterscheiden: Also entweder man geht von einer Grundidee und einer Gliederung aus und entwickelt daraus den Text, oder Struktur und Aufbau entwickeln sich umgekehrt erst während des Schreibens. Natürlich sind dies Idealtypen. In der Wirklichkeit gibt es eher Mischformen mit dem einen oder anderen Schwerpunkt. Viele homiletische Didaktiken präferieren das Top-Down-Schreiben. Für Müller ist wichtig, dass beide Verfahren ihre Berechtigung haben und dass auch das “tastende Schreiben ohne vorab entwickelten Plan” gerechtfertigt wird (S. 90).

Die Grundunterscheidung von Top-down und Bottom-up wird von Annette Müller mit dem Ansatz von Hanspeter Ortner noch weiter ausdifferenziert. Ortner unterscheidet zehn verschiedene Schreibstrategien, die im Spannungsverhältnis stehen zwischen einem linearen, freien Schreiben, das dem Strom der eigenen Gedanken folgt, und einem punktuellen, extrem feingliedrigen Schreiben, das an Details arbeitet. Im Spannungsfeld der unterschiedlichen Zerlegungsgrade des Schreibprozesses bzw. -produktes finden sich verschiedene Strategien wie das Versionenschreiben, das überarbeitende Schreiben oder das schrittweise Vorgehen. Müller analysiert die Interviews und Predigten nach diesen schematischen Unterscheidungen. Sie stellt verschiedenen Mischformen fest und leitet aus ihren Analysen ab, inwiefern bestimmte Strategien von Predigerinnen und Predigern als hilfreich und entlastend empfunden werden (Müller nennt dies “funktional”) und ob die Strategie zu einer “ansprechenden” Predigt führt (Müller spricht dann von zielführend) (vgl. S. 347).

Im Ergebnis stellt Müller fest, dass Top-down-Strategien durchaus zurecht bevorzugt werden, weil sie in der Regel funktional und zielführend sind. Bottom-up-Strategien sind damit aber nicht von vorne herein disqualifiziert. Auch Bottom-up-Strategien können funktional und zielführend sein – allerdings unter einer Bedingung: Die Überarbeitet muss im Prozess des Schreibens eine Rolle spielen, und zwar entweder indem der Text nach dem Einfach-Drauf-Losschreiben anschließend inhaltlich, strukturell und sprachlich überarbeitet wird, oder wenn das Schreiben ein permanentes Überarbeiten des schon Geschriebenen ist, muss sich der Text spürbar weiter entwickeln. In diesem Fällen sind die Schreibprozesse funktional und zielführend. Nicht empfehlenswert ist dagegen ein Drauflosschreiben ohne Überarbeitung oder ein permanentes Überarbeiten, bei dem das Schreiben stagniert und auf der Stelle tritt (vgl. 353f).

Predigtarbeit und Zeitmanagement

Predigtvorbereitung braucht Zeit. Das ist zwar eine triviale Erkenntnis, aber oft genug wird dieser Umstand übersehen, und zwar nicht nur von Homiletikern, sondern auch von Pfarrerinnen und Pfarrern selbst. Zur homiletischen Kompetenz gehört daher auch, „sich angesichts objektiver Herausforderungen des Pfarrdienstes angemessene Zeiträume für die Predigtarbeit zu reservieren und diese produktiv zu nutzen“ (S. 379). Allerdings geht es hier nicht allein um Fragen der Optimierung von Zeitnutzung, sondern vor allem um Fragen des Selbstmanagements und der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, denn „die homiletischen Kompetenz der predigen Personen (ist) einem kontinuierlichen Wandlungsprozess unterworfen“ (S. 375).

Viele Pfarrerinnen und Pfarrer haben Routinen für ihre Predigtarbeit, oft fehlt ihnen aber, so Müller, die Zeit, diese Routinen auch umzusetzen. Es geht deshalb darum, in den Arbeitsalltag auch Vorbereitungsroutinen zu verankern. Dazu gehört die „Fähigkeit, sich eine geeignete Arbeitsumgebung zu schaffen” (S. 384), Orte zu finden, die die Inspiration fördern aber auch heraus zu finden, welche Tätigkeiten dem eigenen kreativen Arbeiten zuträglich sind – und dafür Zeiträume zu einzuplanen, seien es Meditation, Sport oder auch genügend Schlaf.

Wichtig ist aber auch, sich und seine Fähigkeiten realistisch einzuschätzen und die eigenen Konzepte und Routinen immer wieder auf den Prüfstein auch der Fremdeinschätzung zu stellen: „ein allzu optimistisches Selbstbild (kann) dazu verführen (…), die objektiv vorhandenen Herausforderungen der Predigtaufgabe auf die leichte Schulter zu nehmen und sich manchen homiletischen Problemen gar nicht erst zu stellen. Vertrauen in die eigene homiletische Kompetenz darf nicht dazu verführen, dass die predigende Person Resistenzen entwickelt gegenüber korrigierenden Rückmeldungen und theoretischen Impulsen“ (S. 391).

Fazit

Es gibt nicht den einen Weg zur Predigt, sondern eine Vielzahl von möglichen Strategien, sich für die Predigt vorzubereiten. Die Praxis zeigt: Für die meisten Predigerinnen und Prediger ist Schreiben ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung. Es ist daher längst an der Zeit, Schreibprozesse für die homiletische Theoriebildung und Didaktik in den Blick zu nehmen, wie Annette Müller dies in ihrer Dissertation “Predigt schreiben” getan hat. Sie arbeitet in ihrer Dissertation überzeugend heraus, welche Strategien dabei hilfreich sind, und warum bestimmte Strategien eher Probleme produzieren. Wichtig ist, dass Pfarrerinnnen und Pfarrer lernen, die ihnen angemessene Strategie zu finden und in ihren Alltag zu integrieren. Auch wenn Müllers Rhetorikbegriff deutlich hinter das Niveau ihrer schreibdidaktischen Reflexionen zurückfällt und das für die Argumentation wichtige Kriterium der “ansprechenden Predigt” unklar bleibt: Insgesamt ist die Arbeit sehr anregend und informativ. Lesenswert sind vor allem die Prozessanalysen, die einen Blick in verschiedenen Predigtwerkstätten erlauben. Man muss nicht allen Analysen und Überlegungen zustimmen, um sich von ihnen zum Weiterdenken anregen zu lassen. Wünschenswert wäre, wenn vor allem Menschen, die sich mit homiletischer Theorie und Didaktik befassen, durch das Buch entdecken, wie wichtig und unverzichtbar Schreiben für die Predigtarbeit ist.

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

Schreiben in der Predigtvorbereitung

Welche Rolle spielt das Schreiben in der Predigtvorbereitung? – Annette Müller hat für ihre soeben erschienene Dissertation Pfarrerinnen und Pfarrer danach befragt, wie sie ihre Predigtarbeit organisieren, das Manuskript erstellen und schreibend das Geschehen auf der Kanzel vorbereiten. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Uni Paderborn hat Annette Müller Erfahrungen damit gesammelt, wie schwer das Handwerk des wissenschaftlichen Schreibens für Studierende sein kann. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund für ihr von Wilfried Engemann betreutes Dissertationsprojekt „Predigt schreiben. Prozess und Strategien der homiletischen Komposition“.

Gelesen habe die Arbeit noch nicht, aber ich bin schon sehr gespannt darauf und erwarte mir einiges davon. Bislang gibt es in der deutschsprachigen Homiletik noch keine umfangreiche Arbeit, die sich mit der Beziehung des Schreibhandwerks mit der Predigtvorbereitung befasst. Obwohl Autoren wie Alexander Deeg und Michael Meyer-Blanck dafür plädieren ein Predigtmanuskript schriftlich auszuformulieren, fehlt bislang eine systematische und empirische Untersuchung der Rolle des Schreibens im Prozess der Predigtentstehung. Annette Müller holt die empirische Seite durch exemplarische Interviews mit Pfarrerinnen und Pfarrern ein, die von ihren Erfahrungen berichten. Zugleich reflektiert sie systematisch und schreibpädagogisch den Entstehungsprozess von Predigten.

Da ich einer der interviewten Pfarrer bin, schreibe ich hier natürlich nicht ganz neutral, aber ich wünsche Annette Müllers Arbeit – trotz des stolzen Preises von 48€ – viele interessierte Leser. Zudem hoffe ich, dass die Arbeit Anstoß gibt, die Rolle des Schreibens endlich stärker homiletisch zu reflektieren. Sobald ich das Buch gelesen habe, werde ich hier natürlich ausführlicher darüber berichten. [Zum ausführlichen Bericht ]

 Annette Cornelia Müller: Prozess und Strategien der homiletischen Komposition
(Arbeiten zur Praktischen Theologie 55), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 432 S., ISBN 978-3-374-03882-4. – 48€

Blick in die Predigtwerkstatt

(c) Bernd Romeike / pixelio.de
(c) Bernd Romeike / pixelio.de

„Wie heute predigen?“ fragt eine Reihe von österreichischen, römisch-katholischen Homiletikerinnen und Homiletikern in einem neuen Sammelband, herausgegeben von den Praktologen Maria Elisabeth Aigner, Johann Poch und Hildegard Wustmans. Es finden sich darin keine überraschend neuen Ansätze, aber doch ein paar lesenswerte Beiträge.

Die 10 Autorinnen und Autoren sind in unterschiedlichen Zusammenhängen in der homiletischen Ausbildung tätig und wollen Einblick geben in ihre „Predigtwerkstätten“. So haben Maria Aigner und Johann Pock an der Grazer Uni eine „Werkstatt Wortverkündigung“ aufgebaut und führen sie seit über 10 Jahren als verkündigungsorientierte Redeausbildung im Studium und in der Pastoralausbildung durch. Pock hat darüber hinaus ein homiletisches Ausbildungskonzept für Ständige Diakone entwickelt. Zielgruppe des Bandes sind daher in der Verkündigung wie in der homiletischen Aus- und Fortbildung Tätige.

Themenkomplexe, die die einzelnen Beiträge aufgreifen sind Genderfragen, Traupredigt, Bibliolog, Bibelgespräch, klassische Rhetorik, liturgische und homiletische Präsenz und der Kirchenraum als Ort der Predigt. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität und wer Pohl-Patalongs „Predigen im Plural“ oder Charbonniers u.a. „Homiletik“ kennt, wird keine großen Entdeckungen machen. Interessant ist, dass bis auf die argumentativen Bezüge auf päpstliche Enzykliken ein eigenständiger, katholischer Homiletikansatz nicht erkennbar ist. Auch ist der Einfluss der deutschsprachigen, evangelischen Homilektik kaum zu übersehen.

Zwei Beiträge möchte ich aber doch hervorheben: Der Erste ist Johann Pocks „Die Freude der Verkündigung“. Im Anschluss an die klassische Rhetorik legt Pock dar, dass die Rolle der Emotion in der Predigt nicht vernachlässigt werden darf, weder für die Hörenden noch im Blick auf die Predigenden. Indem die Lebenswirklichkeit lange Zeit der theologischen Richtigkeit untergeordnet wurde, ist aber genau das passiert. Emotionen sind jedoch ein rhetorisch probates Mittel, um die Grenzen zwischen Religion und Alltag, Kirche und Lebenswirklichkeit aufzusprengen. Dazu müssen Predigerinnen und Prediger sich selbst und ihre Erfahrungen als Quelle mit in die Predigt einbringen, um frohe Botschaft glaubwürdig zu bezeugen. „Der anschaulichste Teil der Predigt bin ich selbst“, zitiert Pock Axel Denecke.

Der zweite, interessante Aufsatz ist Veit Neumanns „Die Befreiung aus dem Dasein als Mauerblümchen in der Predigt“. Neumann legt darin eine kleine Phänomenologie der Floskel als einem sprachlichen Werkzeug der Predigt vor. Während die Floskel normalerweise nur abschätzig betrachtet wird, ist Neumanns These, dass die Floskel die Rede würzt – aber je nach Einsatz einen Text erst genießbar, aber eben auch ungenießbar machen kann. Deshalb gilt es, den Umgang mit Floskeln in Predigt und Liturgie zu üben, um sie gezielt einsetzen zu können. Beeindruckendes Beispiel ist das Ende einer Predigt zu sexuellem Missbrauch, bei der abmildernde und beruhigende Floskeln eingesetzt wurden  – um dann durch ein scharfes „Nein“ eine schroffe Absage daran auszudrücken: einlullende Beruhigung durch Floskeln kann es hier nicht geben. Nicht allen Beobachtungen Neumanns würde ich zustimmen, aber seine Betrachtungen zur Floskel insgesamt sind bedenkenswert.

Ob sich eine Anschaffung des Sammelbandes lohnt, hängt davon ab, welche Literatur sowieso schon im Regal steht. Lohnend sind auf jeden Fall die erwähnten Texte von Johann Pock und Veit Neumann. Leider bietet der Echter-Verlag kein pdf-Dokument des Einleitungskapitels an, aber zumindest kann man in Vorwort und Einleitung herein lesen und einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis werfen.

Maria Elisabeth Aigner, Johann Pock, Hildegard Wustmans (Hg.): Wie heute predigen? Einblicke in die Predigtwerkstatt. Echter Verlag: Würzburg 2014. 276 S., 19,80 € – ISBN 3429037115.

Zwischen Kultur und Glauben

Das Wittenberger Zentrum für evangelische Predigtkultur hat einen dritten Band mit Ergebnissen aus seiner Arbeit vorgelegt: „Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“. Leider hat das Buch, trotz des interessanten Themas, homiletisch nicht viel lesenswertes zu bieten.

Heraus sticht Kerstin Wimmers Beitrag zur „Poetik des Dialogs“, eine reflektierte Meditation über das Verhältnis von Gesagtem und Ungesagtem, Bekanntem und Fremdem in dem Predigt. Die Arbeit an der Predigt besteht für Wimmer nicht nur darin, die richtigen Worte zu finden und möglichst alles zu sagen, was zu sagen ist, sondern auch sich in der „Kunst der Enthaltung“ zu üben. Der Prediger „muss auch überlegen, was man er nicht sagen möchte“, auch wenn er durchaus wünschen kann, die Zuhörer mögen zwischen den Zeilen heraushören, was nicht gesagt wurde. Ein zweiter Gedankengang reflektiert die Spannung von Bekanntem und Unbekanntem. Diese Spannung aufzuspüren ist für Wimmer ein hermeneutisches Prinzip für den Prozess der Predigtvorbereitung. Zwar ist alles nur angerissen, aber dennoch klar und inspirierend zu lesen.

Wimmer hebt sich wohltuend von anderen Beiträgen ab, wie den wieder einmal recht geschwätzigen Texten des Herausgebers Dietrich Sagert. Auch die Beiträge von Dirk Pilz zu Charles Taylor und Aleida Assmann enttäuschen. Gerade sein Aufsatz zu Taylors Verständnis von Glaube und Kultur in der modernen Gesellschaft hätte thematisch ein Hauptartikel des Bandes werden können. Leider verliert sich Pilz im Dickicht des eigenen Unverständnisses und liefert dazu noch ein schlecht geschriebenes (Rede?-)Manuskript ab.

„Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben“ setzt keine besonderen Impulse. Andererseits ist es mit 14,80€ erschwinglich. Vielleicht sollte man den Band eher als Zeitschrift im Buchformat verstehen, mit qualitativ höchst unterschiedlichen Beiträgen. Wer reinschauen mag, sollte einen Blick werfen auf Alexander Deegs Bericht über die gegenwärtige Homiletik im Kontext der Societas Homiletica, sowie auf Daniel Weidners „Bibel als Literatur“.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Übergänge. Predigt zwischen Kultur und Glauben, Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013. 314 S. – ISBN 3374033296 – 14,80 €

Homiletik in der Übersicht

Wie verstehen eigentlich Praktische Theologen ihre homiletischen Ansätze praktisch? Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn Homiletik als reflektierte Betrachtung der Predigtpraxis zielt nicht unbedingt auf die Praxis konkreter Predigtvorbereitung und -performanz. Insofern folgt der Homiletik-Band aus der Reihe „elementar“ bei V&R einer interessanten Konzeption: Vierzehn wichtige Homiletiker der Gegenwart stellen nicht nur ihren Ansatz selbst vor, sie präsentieren auch ein eigenes oder fremdes Predigtmanuskript, in dem sie das eigene Konzept gut wiedererkennen.

Die „elementar“-Reihe zielt eigentlich auf Studierende sowie Vikarinnen und Vikare, die sich jeweils aufs Examen vorbereiten. Dennoch ist der Band auch für Pfarrer und Prediger zu empfehlen, die sich über die gegenwärtige Situation in der deutschen Homiletik auf den aktuellen Stand bringen wollen. Auch wenn nicht alle Homiletiker vertreten sind, bekommt man doch eine sehr gute Auswahl knapp präsentiert, und zwar von den Autoren selbst, und nicht als Versammenfassung Dritter. Bedauerlich ist zwar, dass zum Beispiel Wilfried Engemann fehlt. Auch hätte ich mir einen kleinen Blick über den Tellerrand der Nation und Konfession gewünscht. Aber man kann nicht alles haben.

Es wäre dem Ansatz des Buches nicht angemessen, hier einzelne Autoren zu kritisieren: Es geht ja gerade um die Bandbreite zum Teil höchst unterschiedlicher homiletischer Konzepte. Auffällig ist, wie nahe sich viele Ansätze dann aber zuweilen sind. Höchst spannend ist, wie weit entfernt einige Predigtmanuskripte als Praxisbeispiele von dem sind, was die konzeptionellen Überlegungen erwarten ließen – und wie herkömmlich dann manches Predigtmanuskript doch wirkt.

Das Konzept der Herausgeber Lars Charbonnier, Konrad Merzyn und Peter Meyer geht auf: „Homiletik“ bündelt aktuelle Ansätze der deutschen, evangelischen Homiletik, indem die Praktischen Theologinnen und Theologen ihre eigenen Konzepte auf den Punkt bringen und exemplarisch abrunden. Vertreten sind Alexander Deeg, Wilhelm Gräb, Albrecht Grözinger, Hans-Günter Heimbrock, Jan Hermelink, Manfred Josuttis, Isolde Karle, Gerhard Marcel Martin, Michael Meyer-Blanck, Christian Möller, Martin Nicol, David Plüss, Uta Pohl-Patalong, Helmut Schwier und Birgit Weyel.

Eine Leseprobe mit dem Einleitungskapitel und dem Anfang des Beitrags von Isolde Kahle findet sich auf der Seite des Verlages Vandenhoeck & Rupprecht.

Lars Charbonnier, Konrad Merzyn, Peter Meyer (Hg.): Homiletik – Aktuelle Konzepte und ihre Umsetzung, 1. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen, 2012
– 251 Seiten – ISBN 978-3-525-62003-8.

Robinsons Phasen der Predigtvorbereitung

Schreibtisch
Die Vorbereitung der Predigt am Schreibtisch

Haddon Wheeler Robinson, 1931 in New York geboren gilt als einflussreicher Homiletiker evangelikaler Prägung. Nach dem Studium war er zunächst Pastor einer Baptistengemeinde und unterrichte dann am konservativ-evangelikalen Dallas Theological Seminary. Nach der Promotion in Philosophie 1964 war er von 1979 bis 1991 Dozent und Rektor am Denver Theological Seminary, wo 1980 sein Buch „Biblical Preaching“ entstand. Seit 1991 hat er eine Homiletik-Professur an einer der größten evangelikalen Ausbildungsstätten der USA inne, dem Gordon-Conwell Theological Seminary.

Obwohl ich Robinsons theologischen Ansatz nicht teile und auch homiletische Einwände zu erheben haben, schätze ich „Biblical Preaching“ (dt.: Predige das Wort). Was mir gefällt ist Robinsons pragmatischer Ansatz: Kern der Predigtarbeit ist danach, sich darüber klar zu werden, was man sagen will, indem man seine Gedanken klar auf eine Kernaussage hin orientiert.

Für die Predigtvorbereitung schlägt Robinson zehn Phasen vor. Ein Schwerpunkt liegt darauf, sich zuerst über Predigtthema und Predigtzweck klar zu werden, bevor eine Gliederung der Predigt entworfen wird. Anschließend wird die Gliederung mit illustrierendem, reflektierendem und erläuterndem Material gefüllt.

Natürlich ergeben sich aus heutiger Sicht gleich zwei grundlegende Einwände. Der erste Einwand ist, dass so eine Schrittfolge zu starr ist. Angemessener erscheint mir heute ein Phasenmodell mit gröberen Schritten, das ein Hin-und-her-Springen zwischen verschiedenen Arbeitsschritten ermöglicht. Der zweite Einwand ist, dass die Illustrationen bloß als Füllmaterial für das Gedankenskelett verstanden werden. Heute gilt es dagegen, mit dem Material zu denken, so dass Gedanken, Geschichten und Illustrationen sich zu einem Gewebe verdichtet. Oder kurz: Die Geschichten sind die Predigt, nicht ihr Füllmaterial.

Stärken treten in diesem Phasenmodell an zwei Punkten hervor: Alle Predigtarbeit dreht sich darum, sich über Predigtthema und Predigtzweck klar zu werden. Und: Die Einleitung und den Schluss der Predigt überlegt man am besten am Ende.

Phase 1 – Auswahl des Predigttextes (43): In Robinsons freikirchlichem Kontext taucht zwar keine Perikopenordnung auf, doch auch eine Perikopenordnung bewahrt nicht vor der Entscheidung, sich rechtzeitig für einen Predigttext zu entscheiden.

Phase 2 – Studium des Bibeltextes (46): Hierunter fallen selbstredend exegetische Überlegungen.

Phase 3 – Erarbeitung des Textthemas (50): Robinson unterscheidet hier zwischen Textgegenstand (wovon der Text handelt) und der Textaussage (Was wird über den Gegenstand ausgesagt) Das Textthema lässt sich formulieren durch eine Verbindung von Textgegenstand und -aussage.

Phase 4 – Analyse des Textthemas mithilfe von drei grundsätzlichen Fragen (59): Was bedeutet diese Aussage (61), ist die Aussage heute noch gültig (63) und welche Konsequenzen ergeben sich daraus (69)?

Phase 6 – Festlegung des Predigtzwecks (86): Aus Text- und Predigtthema als Zusammenfassung der biblischen Botschaft wird als Predigtzweck daraus abgeleitet, wozu diese Botschaft dienen soll.

Phase 7 – Denke darüber nach, wie das Predigtthema am besten entfaltet wird, um den Predigtzweck zu erreichen. (91) Robinson stellt hier knapp fünf Gestaltungsmöglichkeiten von Predigten vor: Erklärung eine Aussage (92), Überprüfung einer Behauptung (95), Anwendung eines Prinzips (97), Erläuterung eines Themas (99) und das Erzählen einer Geschichte (101).

Phase 8 – Nachdem du entschieden hast, wie du das Predigtthema entfaltest, um den Predigtzweck zu erreichen, entwirft eine Predigtgliederung. (106) Für den Prediger zielt die Gliederung darauf, den Zusammenhang der Predigtteile nicht aus dem Blick zu verlieren. Für die Hörer erleichtert eine klare Gliederung, den Gedanken des Predigers zu folgen.

Phase 9 ­ Fülle die Gliederung mit ergänzendem Material, welches die Punkte erklärt, prüft, illustriert oder zur Anwendung bringt. (113) Dazu nennt Robinson sechs Materialformen: Umformulierungen, Definitionen und Erklärungen, Sachinformationen (Tatsachen), Zitate, Erzählungen, Illustrationen

Phase 10 ­ Bereite die Einleitung und den Schluss der Predigt vor. (131)

Robinsons Rat zum Zettelkasten

Zettelkastenreiter

In Haddon Robinsons Buch „Predige das Wort“ (Originaltitel: Biblical Preaching) wird sehr schön der Einsatz von Zettelkästen für Prediger beschrieben. In seinem Kapitel über die lebendige Ausgestaltung eines Predigtentwurfes mit illustrierendem Material schreibt Robinson:

„Das meiste Material findet der Prediger zweifellos in seiner eigenen Sammlung. Deshalb sollte es sich ein gutes Ordnungssystem dafür anlegen. Denn was er dort für seine Predigt findet, hängt völlig davon ab, was und wie er es hinein getan hat. Es gibt viele Systeme, um die Ergebnisse des Studiums und Lebens zuordnen. Normalerweise benötigt man zweierlei Karteien. In die eine Großformatige ordnet man Predigtnotizen, Auszüge und Kopien so, wie sie sind. Sie können eingeteilt sein nach Themen oder nach den Büchern der Bibel.

Als Ergänzung sollte ein Prediger ein Karteikartensystem mit kleineren Kärtchen führen. Ein Bereich dieses Systems bezieht sich auf die Bücher der Bibel. Hier notiert man sich auf den Karten Illustrationen, Auslegungsnotizen und Hinweise auf hilfreiche Literatur zu einzelnen Bibelstellen. Ein anderer Teil des Karteikartensystems sollte alphabetisch nach Themen geordnet sein.

Das meiste Predigtmaterial – Anekdoten, Zitate, Gedichte, Notizen zur Auslegung, Analogien, Literaturhinweis – kann auf solchen Karten gesammelt werden.

Jeder Prediger braucht ein System. Jedes System, das Ihnen hilft, Informationen zu ordnen, ist besser als gar keines. Es sollte aber auch gepflegt werden.“ (S. 129)

Haddon Robinsons Buch lohnt sich zu lesen. Die amerikanische Homiletik des 20. Jahrhunderts wird in der deutschen Homiletik ja leider nur am Rande wahrgenommen, was unter anderem daran liegt, dass nur wenige Bücher auf Deutsch vorliegen. Beklagt habe ich das schon im Verweis auf David Buttricks „Homiletic. Moves and Structure“. Robinsons Buch gehört zwar zu den klassischen und einflussreichsten Werken der amerikanischen Homiletik und liegt sogar auf Deutsch vor, aber wahrscheinlich ist es hier der evangelikale Verlagskontext, die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, die eine ernsthafte Rezeption erschwert. So ist beispielsweise das vom Verlag vorgeschaltete deutsche Vorwort unglaublich schlecht und theologisch von so unterirdischem Niveau, das es eigentlich eine verlegerische Untat ist – käme dem Verlag nicht das Verdienst zu, das Buch überhaupt auf Deutsch zugänglich zu machen. Weil ich das Buch wirklich schätze, werde ich es in meinen nächsten Artikeln etwas ausführlicher darstellen.

Robinson, Haddon W., Predige das Wort. Vom Bibeltext zur lebendigen Predigt. Überarbeitete Neuauflage, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg: 2001.
ISBN 978-3-86353-044-0. 9,90 €.

Homiletik der Langeweile

Der Mann im Turm

Der Mann im Turm
Was Prediger mit ihrer Predigt erreichen wollen, lässt sich nicht allgemein sagen. Dass ein Prediger aber zumindest irgendetwas sagen will, wird normalerweise vorausgesetzt – auch wenn die Botschaft nicht immer ganz klar ist. Es gibt diesen alten Witz: Der Mann kommt vom Gottesdienst nach Hause kommt und sagt: „Heute hat der Pastor über 30 Minuten gepredigt.“ „Worüber denn?“, fragt die Ehefrau. Und der Mann antwortet: „Das hat er nicht gesagt.“

Viele setzen bei einem Prediger voraus, dass er irgend etwas sagen will – auch wenn am Ende nicht immer klar ist, was. Vor diesem Hintergrund bin ich unschlüssig, was von der These Dietrich Sagerts zu halten ist: „Predigt bewerkstelligt nichts, sie bewirkt nichts und soll auch zu nichts dienen.“ Sagert leitet damit den zweiten Band mit Texten des Zentrums für Evangelische Predigtkultur ein: „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur.“ „Predigt teilt“, meint Sagert. In einer Art Briefbericht über seine Korrespondenz mit dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy deutet Sagert an, was Predigt als Mit-Teilung bedeuten könnte: Wenn man „den Zuhörer als Souverän seiner eigenen spirituellen Erfahrung respektieren“ will (S. 167), kann (oder darf?) man Predigt nicht mehr verstehen als Verkündigung einer verfügbaren Botschaft. Deshalb will Sagert die Predigt radikal offen halten: Selbst der Aussagen zur Existenz Gottes sollte sich der Prediger besser enthalten. Aus Nancys Überlegung, dass Sinn sich aus geteiltem Sinn ergibt, geht Sagert über zur These, dass Sinn und Botschaft der Predigt sich ergeben aus dem Teilen von dem, was der Predigt „zuteil geworden“ (S. 9) ist. Was Sagert da mit-teilen möchte, sagt er leider nicht.

Während ich noch darüber nachdenke, ob die Aussagen Sagerts, sofern sie welche sind, deskriptiv oder normativ gemeint sind, lese ich die ZEIT. Hanno Rauterberg schreibt da über die Skulpturen des Bildhauers Stephan Balkenhol: „Es ist eine Kunst, die nichts will – und deshalb gewollt wird.“ Weil die beliebten Holzfiguren nichts bedeuten und ausdrücken, weil sie frei sind von Überzeugung und Glauben sind sie letztlich banal – und irgendwie langweilig. Bei der documenta (13) waren die harmlosen Figuren Balkenhols durch die Presse gegangen, weil eine katholische Gemeinde direkt gegenüber dem Kasseler documenta-Hauptgebäude die Holzfiguren unübersehbar aufgestellt hatte: Eine Figur stand oben auf dem Glockenturm und zog die Blicke auf sich. Das fanden viele nett, bis auf die documenta-Chefin: Wahrscheinlich hat sie befürchtet, dass die langweilige Banalität der Figuren auf die documenta abfärben könnte. Ich befürchte, dass eine Predigt, die nichts will, die frei ist von Überzeugung und Glauben, ebenso wie Balkenhols Figuren in der Gefahr steht, banal und letztlich langweilig zu werden.

Es kann daher kein Zufall sein, dass ein weiterer Text von Sagert in dem genannten Band die Überschrift „Langweilig!“ trägt. Aufhänger ist ein Bericht über jugendliche Juroren bei der Ruhrtriennale, die die Premiere zwar freundlich bewerteten, aber letztlich langweilig fanden – weil Kunst eben so ist. Für die Predigt als Kunst gilt das oft ja nicht anders, so dass Sagert mit Blick auf den Fenstersturz des Eutyches zu einer kleinen Homilektik der Langeweile abhebt. Zugegeben: Das liest sich streckenweise ganz amüsant, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob der Humor beabsichtigt oder unfreiwillig ist. Am Ende erweist sich die Langeweile als Lücke zwischen menschlichem Sein und Gott, die durch Erfindungsgeist gefüllt wird. Hier schließt sich der Kreis zu den Eingangsüberlegungen Sagerts: Indem der Prediger mit seiner nichts sagenden und zu nichts dienenden Predigt den Predigthörer langweilt, öffnet sich eine Lücke, in die hinein der gelangweilte Mensch sich seinen zurück blickenden Gott erfindet. Ein schöner Gedanke, der mehr und mehr offenlegt, dass es sich beim Zentrum für evangelische Predigtkultur eigentlich um ein großartiges Satireprojekt handelt.

P.S.:
Nach dem Klappentext will der Band „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur“ (EVA Leipzig 2013, 196 S., 14,80 €) „Einblicke geben in verschiedene Prozesse, durch die Predigt entsteht“. Wer auch immer den Klappentext verfasst hat, scheint den Inhalt des Buches nicht zu kennen. Man könnte die versammelten Beiträge eher als einen Werkstattbericht bezeichnen. Die Beiträge von Martina Sauer, Wilfried Härle, Kathrin Oxen und eben Dietrich Sagert sind ausserordentlich überflüssig. Am Erstaunlichsten ist Härles Beitrag zu „Hirnforschung und Predigtarbeit“: Nach zweifelhaften Auslassungen zur Hirn- und Schlafforschung kommt Härle am Ende zu reichlich trivialen Predigtratschlägen. Schade, dass die guten Beiträge in dem Band da fast verschwinden. Dazu gehören Anne Gideons fortgesetzte Überlegungen zu Predigt und leichter Sprache sowie die Vorträge von Cord Richelmann, Reinhold Zwick, Martin Treml und Christian Strecker zu Paulus und seiner Rezeption durch Pier Paolo Pasolini, Jakob Taubes und in der neueren Paulusforschung.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigkultur. Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013.