Wortspiele

Preacher-Slams scheinen gerade der „heiße Scheiß“ (Christian Binder) der Homiletik zu sein. Holger Pyka, Pfarrer in Wuppertal und selbst als Preacher-Slammer unterwegs hat nun ein Buch dazu herausgebracht: „Spiel mit dem Wort. Kreatives Schreiben für Predigt und Preacher-Slam“. Auf rund 170 Seiten skizziert Pyka knapp und pointiert, wie Preacher-Slam und Kreatives Schreiben die Predigtpraxis bereichern kann. „Wortspiele“ weiterlesen

Mit Kunst predigen

Kunst kann in vielfältiger Weise in der Predigt vorkommen. Man kann über ein Kunstwerk predigen oder mit Hilfe eines Kunstwerkes. Man kann mit einem Kunstwerk in Dialog treten oder gegen ein Kunstwerk anpredigen. Man kann ein Kunstwerk auslegen vor dem Hintergrund der Biographie des Künstlers, der Entstehungszeit oder eines künstlerischen Kontextes. Man kann sich schwerpunktmäßig auf das Sujet beziehen, auf Motive oder Symbole. Man kann explizit religiöse Kunst auslegen oder Kunst, die auf den ersten Blick keine religiösen Bezüge aufweist. Man kann über offensichtliche religiöse Motive eines Kunstwerks predigen oder predigend nach verborgenen religiösen Spuren suchen. Man kann ein Kunstwerk in Beziehung setzen zu einem Bibeltext, zu einem Choral, zur eigenen Person, zum Kirchenraum oder es für sich selbst stehen lassen. Noch gar nicht angesprochen ist dabei, was überhaupt unter einem “Kunstwerk” zu verstehen ist und wie es mit Kunst aussieht, die kein „Werk“ vorzuweisen hat. Kurzum: Die Umgangsweisen mit Kunst in der Predigt sind unendlich. „Mit Kunst predigen“ weiterlesen

Rhetorik des Zauderns

„Eine kleine Rhetorik“ nennt Dietrich Sagert sein Buch „Vom Hörensagen“, ein „Spielbuch“, wie er sagt, kein abgeschlossenes Werk. Und tatsächlich hat das Buch etwas verspieltes, aber es ist nicht das selbstvergessene Spiel eines Kindes, sondern eher ein selbstgefälliges Spielen mit kleinen Denkfiguren, Beobachtungen, Wörtern. Dieser Versuch einer homiletischen Avantgarde kann einem auf die Nerven gehen: der manierierte Schreibstil, das Hin und Herschieben postmoderner „Wortstellwände“ (vgl. 115), die ablenken wollen von den notierten Trivialitäten, das Sammelsurium an Zitaten, die mehr illustrieren als zeigen. Trotzdem ist Sagerts Buch gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick wirkt. „Rhetorik des Zauderns“ weiterlesen

Homiletik in der Übersicht

Wie verstehen eigentlich Praktische Theologen ihre homiletischen Ansätze praktisch? Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn Homiletik als reflektierte Betrachtung der Predigtpraxis zielt nicht unbedingt auf die Praxis konkreter Predigtvorbereitung und -performanz. Insofern folgt der Homiletik-Band aus der Reihe „elementar“ bei V&R einer interessanten Konzeption: Vierzehn wichtige Homiletiker der Gegenwart stellen nicht nur ihren Ansatz selbst vor, sie präsentieren auch ein eigenes oder fremdes Predigtmanuskript, in dem sie das eigene Konzept gut wiedererkennen. „Homiletik in der Übersicht“ weiterlesen

Homiletischer Kindergarten

Mit der Post flatterte heute Morgen die aktuelle Ausgabe der idea spektrum (9.2014) als Werbung ins Haus. Die Ausgabe titelt „Wie viel Bibel darf es denn sein?“ und ab Seite 16 dürfen sich Wilhelm Gräb und Helge Stadelmann über die Frage streiten, was eine gute Predigt ausmacht. Leider finden Sie vor lauter Streit zwischen liberaler und evangelikaler Stellung aber keine Zeit, eine angemessene und zeitgemäße, geschweige denn überraschende Antwort zu geben.

Tatsächlich dreht sich das ganze Gespräch weniger um die Frage nach der guten Predigt als darum, welche Aufgabe die Predigt hat und welche Rolle der Bibel darin zukommt. Helge Stadelmann ist Autor der evangelikalen Predigtlehre „Kommunikativ predigen“, die vor der Neuauflage den Titel „Schriftgemäß predigen“ trug. Er macht sich vor allem für die evangelisierende Funktion der Predigt stark und sieht in der Bibel Gottes Wort in menschlicher Sprache, das für die heutigen Leser ausgelegt werden muss. Wilhelm Gräb, Schleiermacher-Experte und Autor der bei V&R erschienenen „Predigtlehre“, versteht Predigt als religiöse Rede, die Menschen auf ihre aktuellen Fragen hin anspricht, und dazu die Bibel kritisch nach Antworten befragt.

Natürlich liegen im unterschiedlichen Verständnis der Bibel fundamentale Differenzen verborgen. Aber längst hat, wie auch Stadelmann betont, ein Dialog zwischen historisch-kritischer und evangelikaler Theologie begonnen, von dem beide Seiten lernen können. So konzediert auch Gräb in dem Gespräch, „dass die historisch-kritische Theologie nicht glaubensproduktiv ist“. Trotzdem ist es schade, dass das Gespräch so wenig konstruktiv verläuft. Die unzweifelhaft bestehenden Differenzen werden erschwerend überlagert durch Vorurteile, gegenseitigen Unterstellungen und Missverständnisse. Ich halte zwar Gräbs Argumentation für besser und überzeugender, aber ich befürchte, das liegt nur daran, dass ich seinen Ansatz im Wesentlichen teile. Leser, die mit Stadelmanns evangelikaler Haltung sympathisieren, werden mit genauso guten Gründen dessen Position für besser vertreten halten.

Zwar ist das gemeinsame Interview als Streitgespräch überschrieben, aber meines Erachtens sollte in einem Streitgespräch die eigene Position scharf profiliert und durch Argumente von einer Gegenposition abgegrenzt werden. Das passiert aber leider kaum. Eher finde ich mich in einem homiletischen Kindergarten wieder: „Du bist schuld!“ – „Nein, du!“ – „Gar nicht wahr!“ – „Doch!“ – „Nein!“ – „Doch!“. Am Ende und sehr unvermittelt kommt die Kindergärtnerin in Gestalt des Moderators Karsten Huhn und sagt: „Habt  ihr beide nicht auch was voneinander gelernt?“ Da erweist sich die  Antwort des evangelikalen Stadelmann als offener als die des liberalen Gräb. Stadelmann hat nämlich gelernt den Alltag genauer zu beobachten und darin nach religiösen Spuren zu suchen. Gräbs Schlusssatz ist dagegen nicht nur peinlich-unterreflektiert, wenn ihm „die Wichtigkeit der Auslegung des Bibeltextes“ klar geworden ist. Am Ende streckt Gräb Stadelmann doch nochmal die Zunge raus. Da sind wir dann wieder zurück im Kindergarten.

Tabu spielen in der Predigt

„Sieben Wochen ohne Große Worte“ ­ die Anregung des Zentrums für Predigtkultur ist zunächst einmal interessant: In der Passionszeit sollen Pfarrerinnen und Pfarrer einmal sieben Wochen auf große Worte verzichten. Eine Liste mit 49 Beispielen kann man sich mit der Post zuschicken lassen. Sie hängt mittlerweile über meinem Schreibtisch. Auf der Internetseite des Predigtzentrums kann man sich die Liste ansehen. Sie enthält viele theologische -ung-, -heit- und -keit-Wörter aber auch Begriffe wie „Gott“, „Christus“ und „Kreuz“.

Natürlich hat die Idee wegen genau solcher Wörter Widerspruch, Spott und Häme in Blogs und bei Twitter geerntet: Wie soll man predigen, so der Einwand, wenn zentrale Begriffe des christlichen Glaubens nicht ausgesprochen werden dürfen. Übersehen wird bei diesem Einwand allerdings, dass ein inflationärer Wortgebrauch Begriffe durchaus entwerten kann. Zudem muss man im Gespräch mit Menschen, die der christlichen Sprache nicht mächtig sind, sowieso Übersetzungsarbeit in die Alltagssprache leisten. Die Idee, zeitweilig auf Wörter wie „Gott“ zu verzichten, ist nicht neu, aber die Verbindung mit der Aktion „Sieben Wochen ohne“ durchaus originell.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich allerdings: Mag die Idee auch originell sein, die Art der Durchführung ist es nicht. Philipp Greifenstein hat in einem lesenswerten Blogbeitrag einige Kritikpunkte vorgetragen und damit eine kleine Diskussion ausgelöst, an der auch ich mich beteiligt habe. Ich werde, was ich dort geäußert habe, hier nicht wiederholen, sondern mich auf eine Frage konzentrieren: Was bringt es, eine Zeitlang auf bestimmte Wörter zu verzichten?

Eine spontane Antwort liegt auf der Hand: Bestimmte Wörter bewusst nicht zu gebrauchen macht deutlich, wie schwer es ist, scheinbar Selbstverständliches verständlich auszudrücken, wenn die üblichen Begriffe nicht zur Verfügung stehen. Das Ratespiel Tabu setzt das sehr schön um: Dort geht es darum, Begriffe zum Raten zu umschreiben, ohne bei der Erklärung auf bestimmte Wörter zurück zu greifen. Leicht geraten Predigerinnen und Prediger in die Jargon-Falle, weil der innerkirchliche und innergemeindliche Gebrauch bestimmter Wörter und Ausdrucksweisen eben nur scheinbar selbstverständlich ist. Philipp Greifenstein hat dies mit seinem Bullshit-Bingo zur Weihnachtspredigt schon zwei Mal deutlich gemacht. Er hat damit nicht nur für Heiterkeit unter Pfarrerinnen und Pfarrern gesorgt, sondern manchen tatsächlich ins Grübeln gebracht: Ist mein Reden tatsächlich so floskelhaft? Was bleibt noch übrig, wenn ich auf die Floskeln verzichte? Die Fastenaktion des Predigtzentrums zielt darauf, zeitweilig auf Selbstverständliches zu verzichten, um neu verständlich zu werden.

Leider ist die Aktion des Predigtzentrums, anders als Philipps zum Nachdenken anregendes Bullshit-Bingo, völlig humor- und ironiefrei. Schaue ich auf meine eigene Predigtsprache, so habe ich den Eindruck, dass die vorgelegte Liste der „Großen Worte“ eher einer homiletischen Mottenkiste von Predigtklischees entstammt. Natürlich gibt es Wörter darunter, deren Vermeidung eine Herausforderung darstellen könnten. Aber viele der Beispielwörter würde ich sowieso nicht ohne weiteres in einer Predigt verwenden, sondern innerhalb von Kontexten, die die Bedeutung klarmachen, auch ohne zwangläufig erklären zu müssen. Gegenwärtige Floskeln und Modewörter wären sicher anregender als die gewählten Beispiele gewesen.

Ich glaube allerdings, dass die Wörter gar nicht das Problem sind. Nicht ob wir das Wort „Gott“ in der Rede gebrauchen oder darauf verzichten sorgt für Klärung und Verständnis, sondern wie wir das Wort gebrauchen. Die Diagnose des Predigtzentrums lautet: „Einige wichtige Wörter, die wir in den Predigten verwenden, haben ihren Sinn verloren.“ Ihr Therapievorschlag besteht darin, eine Zeitlang auf diese Wörter zu verzichten. Der Zwang, nach neuen Ausdrucksformen zu suchen, so Annahme, würde die Predigtsprache lebendiger, anschaulicher und konkreter werden lassen. Ich nehme dagegen an, dass nicht die leeren Wörter, sondern das ziellose Reden das eigentliche Problem darstellen.

Bei Ludwig Wittgenstein gibt es das schöne Bild einer leerlaufenden Sprache (PU §132). Leer läuft die Sprache nicht, weil sie sinnentleerte Begriffe verwendet. Dieses Problem ließe sich mit Sprachreform, mit exemplarischen Einführungen und Definitionen beheben. Das Problem bei Wittgenstein ist nicht Sinnentleerung, sondern eine Sprache im Leerlauf – wie bei einem Fahrzeug, bei dem man den Gang heraus genommen hat. Die Sprache arbeitet nicht. Sie macht Urlaub und feiert (PU §38). Was Wittgenstein für philosophische Probleme diagnostiziert, gilt meines Erachtens auch für theologisches Reden – vielleicht sogar für theologisches Reden noch viel mehr. Als Behandlungsmethode böte sich dann eine homiletische Ergotherapie an, die Glaubenssprache für den Alltag handlungsfähig macht.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Bei der Themensuche für einen Gottesdienst im Team, zum Beispiel beim Schulgottesdienst, fallen als Themenvorschläge gerne Wörter wie „Schöpfung“ und „Gemeinschaft“. Es könnten auch Wörter von der Beispielliste sein. Ich entgegne regelmäßig: „‘Schöpfung‘ ist kein Thema, sondern ein Stichwort.“ Auch typische „als“-Überschriften wie „Schöpfung als Auftrag“ formulieren noch kein Thema. Erst die Aussage macht das Thema. Themen könnten sein „Schöpfung bewahren ist Auftrag für Menschen“ oder auch „Schöpfung untertan machen ist Auftrag für Menschen“. Natürlich muss auch der Begriff der Schöpfung dabei geklärt werden, aber die Klärung des Begriffes allein macht noch nicht viel klar. Wichtiger ist zu klären was mit welcher Intention ausgesagt werden soll.

Eine Predigt im Leerlauf macht keine Mühe, weder dem Prediger noch dem Hörer. Sie läuft so dahin und im besten Fall sagt der Prediger nichts Falsches, aber eben auch nichts Bewegendes. Das Mühevolle der Predigtvorbereitung ist, die Predigtsprache ans Arbeiten zu bekommen. Und die Predigtsprache arbeitet dann, wenn der Prediger mit dem, was er sagt, tatsächlich etwas tut, und die Hörenden dies aufnehmen und damit weiter arbeiten können. Bestimmte Wörter dabei nicht zu gebrauchen kann ein schönes Spiel sein, aber es holt die Sprache nicht aus dem Leerlauf. Philipp Greifenstein schreibt dazu: „Nicht zum Verzicht auf Worte, sondern zum Mut, sie in den Mund zu nehmen und für unsere Zeit verantwortlich auszulegen, muss aufgerufen werden.“ Ich würde es so formulieren: Nicht der Verzicht, sondern der Versuch einer lebendigen, anschaulichen und konkreten Benutzung der Wörter hilft zu klären, ob die Wörter heute noch sinnvoll verwendet werden können oder nicht. „Die Bedeutung eines Wortes“, so eine bekannte Notiz Wittgensteins, „ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (PU §43)

Trotzdem ist die Aktion nicht schlecht. Beim Schreiben bestimmte Wörter bewusst vermeiden ist eine kreative Schreibmethode, die zu Neuformulierungen zwingt und neue Sprachbilder produzieren hilft. In Ländern, in denen es eine Zensur der Literatur gibt, entwickeln Autoren neue Sprach- und Ausdrucksformen, die nicht unter die Zensur fallen und doch von den Lesern verstanden werden. In unserem Fall ist der Verzicht eine Art freiwillige Selbstzensur, deren kreatives Potential vor allem für die Predigtvorbereitung genutzt werden könnte. Vielleicht hilft es zu klären, warum ein bestimmtes Wort am Ende doch unverzichtbar für die Predigt ist oder warum man gut und gerne darauf verzichten kann. Vielleicht bis es einmal wieder entdeckt wird wie ein alter Name.

Für mich ist das am Ende vielleicht sogar das Beste an der Beispielliste: Sie enthält, wie schon gesagt, viele Wörter, die nicht zu meinem aktiven Predigtwortschatz gehören. Die Herausforderung ist darum nicht der Verzicht, sondern vielleicht auch eine Neuaneignung durch einen neuen Gebrauch.