Mit Fingerübungen beginnen

„Aller Anfang ist schwer“ oder „Anfangen ist leicht“ – Sprichwörter transportieren oft sehr gegensätzliche Erfahrungen. In der Tat: Den einen fällt es leicht, etwas Neues anzufangen, nur haben sie Schwierigkeiten, dabei zu bleiben. Andere warten auf einen entscheidenden Impuls um anzufangen und schieben den Start vor sich her. Diese Erfahrungen machen auch Menschen, die schreiben. Die einen haben die Schublade voller vielversprechender Anfänge, die anderen den Kopf voller Ideen, aber das Blatt bleibt leer. „Mit Fingerübungen beginnen“ weiterlesen

Über mich selbst schreiben

Notizbuch
(c) Günther Gumhold / pixelio.de

„Ich könnte ein Buch schreiben“, sagen Menschen häufig, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Doch obwohl viele Menschen gern von ihren Erlebnissen erzählen, gehen die wenigsten den nächsten Schritt, tatsächlich ihr Leben niederzuschreiben. Ratgeberliteratur zum Thema Autobiographie gibt es reichlich. Es scheint also Bedarf zu geben. Nun hat sich Hanns-Josef Ortheil als Autor und Herausgeber der DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben des Themas angenommen: „Schreiben über mich selbst“ versteht Ortheil aber „nicht nur [als] eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern [als] Teil einer umfassenderen ‚Lebenskunst‘ “, bei der es darum geht, „die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen“ (S. 147).

„Schreiben über mich selbst“, der mittlerweile sechste Band der Reihe, fügt sich gut ein in diese Schreibwerkstatt, deren Prinzip ist, Schriftstellern bei ihrem Schreiben über die Schulter zu sehen. Nicht nur im Titel lehnt sich Ortheil an Michel Foucaults Aufsatz „Über mich selbst schreiben“ an. Wie Foucault hebt Ortheil das regelmäßige Notieren als Grundlage des Schreibens hervor. Bei Foucault sind die Notizen Mittel zur Selbstreflexion, insofern stehen hier die Erkenntnisse und das Festhalten eigener wie fremder Gedanken im Mittelpunkt. Notieren ist neben Meditation und Gespräch mit sich und anderen Teil einer ästhetischen Lebensführung. Die Notizen selbst werden zum Rohstoff und Reservoir des eigenen Denkens. Ortheil, dessen Notizleidenschaft hinlänglich bekannt ist, findet in Foucault eine philosophische Entsprechung seines eigenen Ansatzes. Von diesem Ansatz war schon in „Schreiben dicht am Leben“ und „Schreiben auf Reisen“ zu lesen.

In „Schreiben über mich selbst“ geht es nun darum, durch das regelmäßige Notieren hellsichtig zu werden für das autobiografische Potential, den autobiografischen Rohstoff des Alltags. Es geht Ortheil nicht darum, zum Schreiben einer vollständigen Autobiografie anzuleiten. Im Gegenteil: Zeitgemäßes autobiografisches Schreiben besteht seiner Meinung nach „aus lauter eleganten, mit neuen und alten Medien verbundenen Textformen, die ein Leben spielerisch befragen, detaillierte erkunden und in Segmenten erzählen“ (S. 6), und zwar unablässig. Einfache Beobachtungen, Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken – alles wird möglichst „deutungsarm“ notiert, ohne sich zu fragen, „ob das Notierte überhaupt wert ist notiert zu werden“ (S. 148). Denn mit der Zeit kann alles zu einer wichtigen autobiografischen Notiz werden. Mit der Zeit entsteht so ein „Erinnerungs- und Erzählspeicher“ (S. 149) als persönliches Lebensarchiv aus Fragmenten des Alltags.

Interessant ist, dass Ortheil nicht mit dem Schreiben beginnt, sondern mit dem Erzählen. Man mag hierin eine weitere Spur Michel Foucaults finden, für den das Gespräch mit sich und anderen wichtiger Teil des ästhetischen Lebenskonzeptes war. Ortheil steigt in die Reihe seiner Beispiele ein mit einem Blick auf Andy Warhols telefonische Diktate von alltäglichen Erlebnissen (S.14). Von hier geht er weiter zu Beispielen dazu, „sich befragen zu lassen“ bzw. „sich gegenseitig zu befragen“ (unter anderem Michel Polacco und Michel Serres (S. 19ff) sowie Gilles Deleuze und Claire Parnet (S. 28ff)).

Mich hat zunächst irritiert, dass Hanns-Josef Ortheil fasst ein Viertel seines Buches diesen mündlichen Formen widmet. Der Blick auf mein Eingangsbeispiel zeigt aber, dass das Erzählenwollen ein wichtiger Indikator für autobiografische Potentiale von alltäglichen Erfahrungen ist: Vielen Menschen fällt es leichter über sich zu erzählen, als das Buch zu schreiben, das sie schreiben könnten. Beim Übergang vom Erzählen zum Schreiben ist es wichtig, diesen Indikator zu bemerken, denn er gibt den Impuls, „der unsere Aufmerksamkeit anzieht“ (S. 39) und letztlich ins Notieren führt. Mündlichkeit und Schriftlichkeit verdanken sich dem gleichen Impuls des Augenblicks, aber erst in der Notiz gerinnt die Gegenwart – egal ob bedeutsam oder nicht – zu etwas, das später sein autobiografisches Potential entfalten kann – oder auch nicht.

Ausgehend vom einfachen Notieren, zu dem sich Ortheil bereits in früheren Bänden der Reihe geäußert hat, werden zahlreiche, interessante Schreibprojekte vorgestellt – wie man es in der DUDEN-Reihe gewohnt ist, exemplarisch vorgeführt an Beispielen aus der Literatur. Viele dieser Projekte sind auch als Varianten und Impulse für das Führen eines Tagebuchs lesbar. Die angesprochenen Themen sind:

  • Briefe schreiben als Möglichkeit autobiografischen Schreibens (Seite 44ff)
  • Resümee ziehen (Beispiel John Cheevers Tagebücher (Seite 52ff))
  • Schreiben zu „magischen Wörtern“(Czesław Miłosz, S. 56ff) und „stabilen Wörtern“ (bzw. letzte Gewissheiten, Carlos Fuentes, S. 61ff)
  • Selbstportrait mit Foto (John Berger und Jean Mohr, S. 66ff), mit Musik (Ortheil, S. 71), mit Körperteilen (Raymond Federman, S. 77ff), mit Landschaft (Jean-Philippe Toussaint, S. 81ff; Marie Luise Kaschnitz, S. 83f), mit Büchern (Paul Raabe, S. 87ff)
  • Kindheitserinnerungen (Urs Widmer; Joe Brainard, S. 92ff), Kindheitsszenen (Nathalie Sarraute, S. 98ff; Jean-Paul Sartre, S. 100f); Früheste Erinnerungen (Goethe, S. 104ff; Elias Canetti, S. 107); Kindheitswelten (Walter Benjamin, S. 109ff); Gang durch die Kindheit (John Updike, S. 114ff; Peter Kurzeck, S. 117f)
  • Beschreibungen zu Zeitphasen des Lebens: die Familie (Marc Aurel, S. 119; Peter Weiss, S. 123); große und kleine Natur (Nature Writing; Henry David Thoreau, S. 126ff; Cord Riechelmann, S. 129); Liebe und Freundschaft (Roland Barthes, S. 132ff); Die jungen Jahre (Ernest Hemingway, S. 136ff); Brief an die Enkel (John Updike, S. 141ff)

Langsam wird deutlich, was die DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben so unverzichtbar macht: Sie rückt die Bedeutung des Notierens für das Schreiben in den Mittelpunkt. In „Schreiben über mich selbst“ wird dies Notizpraxis, in Anlehnung an Foucault, zum Teil einer umfassenden Lebenskunst. In vielfältiger Hinsicht können auch Predigerinnen und Prediger von dieser Kunst lernen: Für die Predigtpraxis sind persönliche Erfahrungen unverzichtbar. Notizen als Fundus helfen grundsätzlich dabei, einen Predigtgegenstand diachron zur eigenen Lebensgeschichte sowie Denk- und Glaubensentwicklung zu reflektieren. Persönliche Notizen helfen darüber hinaus, die blanken Gedanken mit dem Fleisch des Alltagslebens zu umgeben. Die von Ortheil vorgelegten Schreibprojekte lassen sich auch theologisch verlängern: denkbar wären zum Beispiel Selbstporträts zu biblischen Geschichten und Versen, Erinnerungen an Schwellen und Passagen des eigenen Glaubens, Notizen zu Begegnungen und Gesprächen mit prägenden Menschen, Predigten als Briefe an die Gemeinde und anderes mehr.

Fazit: Hanns-Josef Ortheils „Schreiben über mich selbst“ ist ein anregendes und inspirierendes Buch. Im Zusammenhang mit den andern Büchern der DUDEN-Reihe macht es deutlich, wie unverzichtbar regelmäßiges Notieren für das Schreiben – und vielleicht sogar für das Leben ist. Notizbuchfans und Tagebuchschreiber finden eine Fülle an Anregungen dafür, die Wahrnehmung für das autobiografische Potential der Gegenwart zu trainieren. Für Predigerinnen und Prediger stecken in dem Band Impulse für mehr Ich und gelebte Erfahrung auf der Kanzel.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens, Duden Verlag,Berlin, Mannheim und Zürich 2013.
ISBN 978-3-411-75437-3 | 14,95 € | 158 S.

Himmlische Buchführung

Am Reformationstag 1985 – in einer Lebenskrise – nimmt sich Dorothee Sölle vor, Tagebuch zu schreiben. Ich weiß nicht, wie regelmäßig Dorothee Sölle schon vorher ein Tagebuch geführt hat: aus verschiedenen Notizen wird ersichtlich, dass sie zumindest als Jugendliche tägliche Notizen gemacht hat. In ihrer Zeit in New York – Sölle lehrte dort von 1975 bis 1987 am Union Theological Seminary – fängt sie mit dem Tagebuch zumindest bewusst neu an „obwohl viel dagegenspricht“, wie sie schreibt: sie hält den Akt selbst für eitel und sieht in der Notwendigkeit, auszuwählen, was sie niederschreibt, „eine Art von Lügen“. Und wagt es trotzdem:

„Ich lebe immer noch mit der alten Verrücktheit, jeden Tag drei Gründe zu finden, für die ich Gott loben kann. Eine himmlische Buchführung endlich lernen. Ein paar Regeln:
– Heute von heute schreiben, das Manna nicht aufheben, es stinkt morgen.
– Jeden Tag schreiben – das Graue, Armselige aushalten.
– Die niedrigen, demütigenden Empfindungen – die Reflexe der Bourgeoisie in mir – nicht verleugnen; das, was die ollen Mystiker die ‚Regungen des Fleisches‘ nennen – die Realität wahrhaben.
-Das Glück, auch das kleine, lieben! Nennen! Es gibt einen Punkt jenseits von Arroganz und Selbstverachtung, den ich erreichen will.“

[Dorothee Sölle, Ein New Yorker Tagebuch, in: Gesammelte Werke Bd. 9, S. 338f.]

Täglich Schreiben

Tagebuch schreiben scheint einfach und voraussetzungslos: eine Kladde und ein Stift genügen, um mit täglichen Aufzeichnungen aus dem eigenen Leben zu beginnen. Probleme scheint es allenfalls damit zu geben, wirklich regelmäßig zu schreiben. Aber stimmt dieser Eindruck? Wie schon in Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ stellt Christian Schärf im zweiten Band der Duden-Reihe „Kreatives Schreiben“ an konkreten Beispielen Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Schnell wird dabei deutlich: Selbst ein jugendlicher Herz-Schmerz-Eintrag ist nicht einfach unmittelbarer Ausdruck, sondern schreibend gestaltet: „In diesem Sinn ist das Tagebuchschreiben eine Form des literarischen Schreibens“ (17), auch wenn es nicht auf Veröffentlichung zielt, sondern privater Eintrag ist und bleiben soll.

Was fällt unter ein Tagebuch? Die Grundlage ist für Schärf zunächst die Notiz über ein Ereignis oder Erlebnis. Der Übergang zum Tagebuch geschieht, wo diese Notizen einer chronologischen Ordnung folgen: „Schreiben Tag für Tag bedeutet, festzuhalten, was sonst im Strom des Zeit untergehen würde.“ (11f) Das kann in einer sehr einfachen Form eine Notiz im Kalender sein, wie dies beispielsweise E.T.A. Hoffmann eine zeitlang praktiziert hat (S. 29ff). Dennoch lassen die Grenzen nicht immer scharf ziehen: Gottfried Benns Aufzeichnungen im Notizbuch folgen keiner strengen Ordnung und sind doch auch eine Art von Tagebuch. Auf der anderen Seite können die Einträge  klar definierten Absicht folgen, wie beim Journal, das einen Arbeitsprozess begleitet: „Beim Tagebuchschreiben ist somit im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“ (16)

Dennoch gibt es natürlich Elemente, die tagebuch-typisch sind: neben der Chronologie gehört dazu der private Selbstbezug (13) und die Monologstruktur (ebd.): „Es ist die Stetigkeit des Vor-sich-selbst-Zeugnis-Ablegens, von der sich Tagebuchschreiber aller Epochen eine klarere Erkenntnis ihrer selbst wie ihrer Umwelt versprochen haben.“ (14).

Pragmatische Erwägungen spielen nur am Rande eine Rolle (wie schon in „Schreiben dicht am Leben“): Wie organisiert man die Schreibzeit? Morgens, abends, zwischendurch? Welches Material bietet sich an? Nimmt man ein kostbares Buch für Zuhause oder ein Notizbuch zum Mitnehmen? Was bedeutet das handschriftliche Tagebuch führen – im Unterschied zum Schreiben am PC? Zwar gibt es vereinzelte Hinweise auf die Praxis der verschiedenen Tagebuch-Autoren, aber es bleibt bei Randnotizen. Nur im Schlusskapitel geht Schärf kurz darauf ein. Obwohl er anmerkt, dass die Rahmenbedingungen des Schreibens für Tagebuchschreiber „von erheblicher Bedeutung“ (142) sind, beschränkt er sich auf eine Skizze von rund einer Seite.

Die 25 Kapitel des Buches sind nicht noch einmal untergliedert. Schärf gliedert in der Einführung ohne Angabe der Kaptitel nach spontanen Aufzeichnungen, Formen von Chronik und Journal, herausragenden Themen und Schreibweisen sowie literarische Überformungen. Diese Einteilung aufgreifend könnte man die Kapitel wie folgt gruppieren:

[A Grundformen des Tagebuchs]

1. Die spontane Aufzeichnung (Franz Kafka)
2. Das anarchische Notizbuch (Gottfried Benn)
3. Der Schreibkalender (E.T.A. Hoffmann und Christiane Goethe)

[B Tagebuch als Chronik und Journal]

4. Die minimale Chronik (Johann Wolfgang Goethe)
5. Das elementare Journal (Samuel Pepys)
6. Das asketische Journal (Trauerarbeit bei Novalis)
7. Die pedantische Chronik (Thomas Mann)
8. Das erzählte Leben (Victor Klemperer und Andy Warhol)
9. Das Arbeitsjournal (Berthold Brecht)

[C Tagebuch als Selbstreflexion]

10. Die Entdeckung des Ichs (Franz Kafka)
11. Ich selbst, so wie ich bin (Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Hebbel)
12. Die persönliche Liste (Susan Sonntag und Jochen Schmidt)
13. Ich elender Mensch ! (Schonungslose Selbstbeurteilung bei Leo Tolstoi, Cesare Pavese und Franz Kafka)
14. Das Allerheiligste meiner Seele (Selbstverherrlichung und „pharaonisches Tagebuch“ (G.R. Hocke) bei Georg Heym und Franz Kafka)

[D Thematische Tagebücher]

15. Offensein für die Dinge (notierte Beobachtungen und Entdeckungen bei Hanns-Josef Ortheil und Anne Frank)
16. Gefühle (Romy Schneider, Max Frisch, Georg Heym)
17. Träume (Theodor W. Adorno und Georg Heym)
18. Das Arsenal der Ideen (Albert Camus und Charles Baudelaire)
19. Beschreiben (Reisetagebuch z.B. bei Franz Kafka, Anäis Nin und Arthur Schopenhauer)
20. In my secret life (Erotisches Tagebuch, ohne Beispiele)
21. Tage des Lesens (Lektüretagebuch bei Jochen Schmidt)
22. Das Gesellschaftsjournal (Fritz J. Raddatz)

[E Literarische Tagebuch-Formen]

23. Die autobiografische Collage (Walter Kempowski)
24. Das Journal als Hypertext-Performance (Rainald Goetz)
25. Die verdichtete Zeit (fiktional verfremdete Geschichten bei Clemens Meyer)

Die Probleme des Buches sind sehr ähnlich denen von Ortheils „Schreiben dicht am Leben“ (siehe Rezension):

  • Durch die Orientierung an konkreten Tagebuch-Schreibern fällt auf, dass bekannte Tagebuchschreiber fehlen (z.B. Jochen Klepper, Erich Mühsam oder Sylvia Plath, Anne Frank wird nur einmal erwähnt), während Franz Kafka omnipräsent ist. Aber auch hier ist zuzugestehen: Vollständigkeit ist nicht möglich.
  • Das Inhaltsverzeichnis ist leider nicht so klar gegliedert wie bei Ortheil. Zur schnelleren Orientierung in der Systematik wären überschriebene Blöcke von Kapiteln hilfreich. Zudem sind nicht alle Kapitelüberschriften selbstverständlich. Warum Kapitel 6 beispielsweise „Das asketische Journal“ heißt, ist mir unklar geblieben, geht es darin doch um Novalis Trauerarbeit und Todesreflexionen.
  • Die Schreibaufgaben am Ende jedes Kapitel sind wieder methodische Bündelungen. Sie sollen dabei helfen, heraus zu finden, welcher Tagebuchtyp man selbst ist. Dabei wirken die Aufgaben zum Teil sehr gestelzt und künstlich. Die Anregungen gehen eher von den Beispielen aus, nicht von diesen Schreibaufgaben. Ich habe den Verdacht, dass die Aufgaben Tagebuchneulingen wenig nützen werden.

Die größte Schwäche von Schärfs Buch ist, dass er den Adressatenbezug des Tagebuchs nicht systematisch reflektiert. Ich halte das allerdings für die zentrale Frage des Tagebuchschreibens. Wahrscheinlich führen die wenigsten Menschen Tagebuch, um Literatur zu produzieren. Sie halten schriftlich fest, was ihnen am Tag wichtig war. Dass das Tagebuch dabei „in den meisten Fällen der Verständigung eines Ichs mit sich selbst“ diene (10), hält Schärf zwar für einen wesentlichen Grundzug des Tagebuchschreibens. Trotzdem grenzt er sich deutlich z.B. von Tristine Rainers Ansatz ab, die im New Diary die Möglichkeit sieht, dass der Schreiber mit sich selbst kommuniziert (vgl. Rainer, Tagebuch schreiben, S. 10). Für mich sind die Voraussetzungen die gleichen, aber Rainer baut ihr ganzes Buch auf diesem Ansatz auf. Für sie ist das Tagebuch ein „praktisches, psychologisches Werkzeug“ (ebd., S.11) um zu lernen Gefühle auszudrücken, an Gewohnheiten zu arbeiten und auszusprechen, was einen im Innersten bewegt. Wer Tagebuch schreibt, benutzt das Schreiben, um etwas über sich selbst zu erfahren: indem man später das Geschriebene liest und auf Muster, Wiederholungen und Leitmotive etc. reflektiert. Adressat des Schreibens ist dann das später lesende Ich, kein literarisch interessiertes Publikum.

Für Schärf hingegen ist das Tagebuch, egal ob Chronik oder Journal, eine literarische, keine psychologische Methode der Selbstreflexion, selbst wenn der Autor nicht auf Veröffentlichung zielt und nie „zu einer ‚Professionalität’ des Tagebuchführens gelangt“ (148). Schärf weist zu Recht darauf hin, dass jede Form von Verschriftlichung bereits auf literarische Mittel zurück greifen muss und Unmittelbarkeit nicht zu erreichen ist. Gerade das Tagebuch ist aber oft (wie das Notizbuch) Ort der Skizze und des Schreibens ins Unreine. Das macht einen Teil seiner Faszination aus. Für Schärf scheint dies aber eher an die Grenzen der Tagebuch-Literatur, wie er sie versteht, zu führen: „Man kann dabei [beim Niederschreiben vom Gefühlen; KD] spontan vorgehen und aufschreiben, was und wie man gerade fühlt. Diese Art der Fixierung findet sich oft bei jungen Tagebuchschreibern, die sich mit ihren wechselnden Stimmungen beschäftigen und das Tagebuch als Gegenüber nutzen, das sie in ihrer Umwelt nicht zu finden glauben. Immer kommt es jedoch darauf an, dass einem bei aller Spontaneität die geeigneten sprachlichen Mittel zur Verfügung stehen, die eine Fixierung von Gefühlsgehalten erlauben.“ (90) Aber: Kommt es wirklich darauf an?

Es ist eine interessante Sache, dass das Tagebuch selbst zum Gegenüber – um damit selbst zum Adressaten werden kann („Liebes Tagebuch …“). Ihm kommt dabei eine Mittlerrolle zu: Das schreibende Ich teilt über das Tagebuch als aktuellem Gegenüber einem später lesenden Ich etwas mit – mit den sprachlichen Mitteln, die gerade zu Verfügung stehen. Das ist nicht unproblematisch und hat das Tagebuch in Verruf gebracht: Wenn heute bei Diary Slams Tagebuch-Autoren ihre jugendlichen Peinlichkeiten vor Publikum ausbreiten, hat das natürlich damit zu tun, dass literarisch geeignete sprachliche Mittel nicht zur Verfügung standen, sondern nur sprachliche Klischees und Plattitüden. Das später lesende Ich ist reifer und kann sich über das schreibende Ich prächtig amüsieren. In die gleiche Richtung zielt der Beleg, den Schärf anführt: einen Tagebuch-Eintrag der jugendlichen Romy Schneider. Die Unreife und literarische Unzulänglichkeit von Schneiders Text sieht Schärf darin, dass die Autorin nach kurzer Zeit nicht mehr nachvollziehen kann, warum sie „so etwas schreiben konnte“ (91). Für Tristine Rainer würde wahrscheinlich genau diese Frage, warum man einmal so etwas schreiben konnte, zum Ausgangspunkt für weiteres Nachdenken über sich selbst und die eigene Entwicklung. [Henning Luther (Religion und Alltag, S. 118ff) leitet übrigens aus dieser Erfahrung die These ab, dass ein Tagebuchschreiber eben nicht nur mit sich selbst kommuniziert, sondern mit einem „fiktiven Anderen“, der in der christlichen Tradition den Namen Gott trägt – aber das nur am Rande.]

Beim Eintrag Romy Schneiders ist der private Kontext unübersehbar. Wie Schneider werden nur wenige Tagebuchschreiber beim Schreiben an ein großes Lese-Publikum denken. Das ist zum Beispiel bei Max Frisch der Fall, den Schärf Schneiders Eintrag gegenüberstellt. Frischs Tagebücher sind gerade keine spontanen Notizen, sondern sprachlich gestaltete und überarbeitete Kunstwerke, die die Form des Tagebuchs literarisch überhöhen. Die zweifellos faszinierenden Reflexionen Frischs sind ein Beispiel für das, was Tagebuch-Literatur auch sein kann. Man muss sich aber klar sein, dass der Adressat eine literarisch interessierte Öffentlichkeit ist.

Der Adressatenbezug steht letztlich im Zusammenhang mir der Frage, wozu der Tagebucheintrag dient. Christian Schärf macht aus dem Tagebuch eine literarische Spielwiese. In seiner Eigenschaft als Dozent für Literarisches Schreiben ist das ja auch legitim. Die Bandbreite ist aber größer und reicht durchaus bis in den selbsttherapeutischen Ansatz von Tristine Rainers New Diary hinüber.

Seine Stärken entfaltet das Buch daher dort, wo es um eher abgeklärte, reife Schreibweisen geht: Schärf zeigt, dass das Tagebuch keine Angelegenheit pubertierender Mädchen ist, sondern in der Chronik und im Journal zu einem konzentrierten, zweckorientierten Schreiben führen kann. Predigerinnen und Prediger könnten zum Beispiel das Lektüretagebuch für sich entdecken als Möglichkeit, täglich Eindrücke aus Literatur und Bibelstudium zu notieren. Die Chronik bietet die Möglichkeit, Tageserinnerungen aus dem Pfarralltag festzuhalten. Wer viel schreibt, findet in Schärfs Buch zahlreiche Anregungen, daraus Formen täglichen Schreibens zu entwickeln.

Fazit: Christian Schärf legt auf 159 Seiten eine kompakte Übersicht über die Möglichkeiten des Tagebuchschreibens vor. Die Beschreibung der verschiedenen Ansätze und die Zitate sind anregend für die eigene Tagebuchpraxis. Wer schon Tagebuch schreibt, findet hier die Möglichkeit, über die Vielfalt dessen, was Tagebuch auch sein kann, nachzudenken. Ob Neulinge über das Buch in eine Tagebuchpraxis hineinfinden, lässt sich schwer beurteilen: Da wäre wohl Tristine Rainers „Tagebuch schreiben“ meine erste Empfehlung, zumindest wenn es um das Festhalten von persönlichen Empfindsamkeiten geht. Vielschreiber hingegen, die kein Tagebuch führen, können hier durchaus Anregungen finden, um mit dem Schreiben Tag für Tag zu experimentieren. Denn: „Beim Tagebuchschreiben ist [..] im Prinzip alles möglich und alles erlaubt.“

Christian Schärf: Schreiben Tag für Tag. Journal und Tagebuch, 1. Aufl. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
ISBN 978-3-411-74901-0| 14,95 € | 159 S. [Amazon-Link]

Tristine Rainer: Tagebuch schreiben, 1. Aufl., Autorenhausverlag, Berlin 2005.
ISBN 3-932909-47-X | 14,90 € | 190 S. [Amazon-Link]

Henning Luther: Der fiktive Andere. In: Religion und Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts (S. 111-122), Radius-Verlag, Stuttgart, 1992.
ISBN 3-87173-842-5 | 22 € | 329 S. [Amazon-Link]

Erich Mühsams Tagebücher im Netz

Wer ein Tagebuch führt, wirft wahrscheinlich oft auch einen interessierten Blick in veröffentlichte Tagebücher. Meistens sind diese allerdings literarisch stark bearbeitet, wie beispielsweise die Tagebücher Max Frischs. Spannender sind da schon die Alltagsbetrachtungen eines Samuel Pepys (kürzlich bei 2001 in einer tollen Edition erschienen, gibts aber auch als Blog-Projekt im Netz).

Ein besonders spannendes Projekt ist die Digitalisierung des Tagebuchs von Erich Mühsam, dass Chris Hirte und Conrad Piens vorantreiben (zusammen mit dem Verbrecher-Verlag). Mühsam war Schriftsteller und Anarchist und eines der ersten Opfer der Nazi-Verfolgung: Bereits 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet.
Bis 2018 sollen die erhaltenen Tagebücher vollständig zur Verfügung stehen.
Die vorbildlich editierte Seite bietet nicht nur den Zugriff auf den Text des Tagebuches in Abschrift und als fotografische Abbildung, sondern auch ein Register sowie Links auf Hintergrundinformationen. Das Beste aber sind natürlich die Texte Mühsams: ehrliche, ungekünstelte Tagesbetrachtungen, die faszinieren – persönlich wie sprachlich.

Notizbuchblog

Notizbuch und iPhoneComputer oder Handschrift – das ist hier die Frage? Nicht nur in diversen Produktivitätsblogs, auch bei Pastoren begegnen einem beide konträre Auffassungen. Im Rahmen von Simplify-Tendenzen wird dabei zunehmend die Stärke von Papier und Stift wieder entdeckt. Eine nicht unwichtige Sache ist dabei der Kult schönen Materials: Kolbenfüller, Moleskine-Notizbücher, elegante Papiere …

Ich selbst fahre disbezüglich auch zweigleisig: Die Grundausstattung ist ein einfaches Notizbuch mit befestigtem Stift und mein iPhone (das an die Stelle des heißgeliebten Palm getreten ist). Weil die Stifthalter oft entweder nicht dran sind oder nur für bestimmte Stifte, mache ich meinen Stifthalter selbst: ein Gummiband wird einfach festgetackert (geht natürlich nur mit einem stabilen Tacker). So kann ich im Prinzip überall Notizen und Predigteinfälle festhalten.

Stifthalter - self-madeWas die Notizbücher angeht, bin ich nicht wählerisch. Am liebsten unliniert, aber das gibt es nicht immer. Sehr inspirierend ist da das bei Notizbuchblog von Christian Mähler – über „Notizbücher und die ganze Welt drumherum“. Exquisites Notizschreibzeug, das ohne Akku auskommt.

Für mich hat sich das Notizbuch auch als Filter und Fundgrube entwickelt: alles, was wichtig erscheint, wird abgetippt und in den Zettelkasten eingefügt. Manchmal zeigt sich da schon am Abend, dass ein Gedanke nur wenige Stunden lang wirklich interessant bleibt. Andererseits finde ich manchmal nach Monaten oder sogar Jahren in einem alten Notizbuch, das dann wie ein Tagebuch wirkt, alte Gedanken und Beobachtungen, die erst durch die zeitliche Distanz interessant werden – und manchmal Eingang finden in eine neue Predigt.

Tagebuch-Hack

In Bud Caddell’s Blog „What consumes me“ findet sich die kleine Idee eines Moleskine-Hacks: Ein Tagebuch-Eintrag enthält drei Bereiche: eine Liste der Dinge, die man am Tag getan hat, persönliche Gedanken und ein Glück-o-Meter. Vor allem die abgetrennte Ereignisliste finde ich eine gute Idee. Oft möchte ich einfach nur in einer Notiz festhalten, was war. Das unterbricht aber oft den Gedankenfluß – oder passt einfach nicht dazu.