Mit Schlagschatten und Atemhauch

„Was mich am meisten erstaunt, ist nicht, dass sich die Kirche derart weit von ihrem Ursprung entfernt hat, sondern, im Gegenteil, dass sie nach wie vor die Treue zu diesem Ursprung zu ihrem Ideal erklärt, selbst wenn sie es nicht schafft, treu zu bleiben. Niemals wurde vergessen, was am Anfang stand.“ (S. 496)

Dieser Anfang fasziniert Emmanuel Carrère. Sein Anfang 2016 auf Deutsch erschienenes Buch “Das Reich Gottes” versucht die Ursprünge christlichen Glaubens zu ermitteln. Der Text ist autobiografischer Großessay, romanhafte Nacherzählung, nachformulierende Aneignung biblischer Texte (Réécriture) und populärwissenschaftliche Reflexion in einer faszinierenden Mischung. „Mit Schlagschatten und Atemhauch“ weiterlesen

Notizen zu einer Theologie der Wahrnehmung

Für ein Pastoralkolleg auf Spiekeroog zur „Theologie der Wahrnehmung“ habe ich ein paar Notizen zusammengestellt. Unter der Überschrift „Kommt und seht“ ging es in dem Pastoralkolleg um eine Theologie, die in die Schule des Sehens geht. Aber auch wenn Seh-Sinn unsere Weltwahrnehmung deutlich dominiert ist „Sehen“ hier umfassender gemeint. „Notizen zu einer Theologie der Wahrnehmung“ weiterlesen

Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

„Worum geht es in Ihrer Predigt?“

Predigtentwurf
Kernaussage hervorgehoben

Die Frage, worum es in der eigenen Predigt ging, überrascht einen meist kalt. Zum Beispiel, wenn jemand von der Zeitung nach einem besonderen Gottesdienst fragt, über was man denn gepredigt hat. Meistens kommen dabei bloss Allgemeinplätze heraus. Mir geht die Sache seit dem WDR2-Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Warum ist das so schwer, spontan aber pointiert etwas zum eigenen Text zu sagen?

Mit dem Problem stehen Predigerinnen und Prediger nicht allein. Neulich haben Giovanno di Lorenzo und Hannelore Hoger bei „3 nach 9“ über „Babettes Fest“ gesprochen. Di Lorenzo wollte eine kurze Zusammenfassung, worum es in dem Buch geht, das Hoger gerade als Hörbuch eingesprochen hatte. Hannelore Hoger hat erzählt, was ihr an der Geschichte wichtig ist. Di Lorenzo war dies zu weitschweifig. Es war ein amüsanter Dialog darüber, was an einer Geschichte wichtig ist. Interessant war vor allem, dass Hoger auch deshalb ausholen musste, weil di Lorenzo die Geschichte und die handelnden Figuren anders verstanden hat, als Hoger selbst. Knapp sagen zu können, worum es geht, setzt offenbar die Überzeugung voraus, dass der Gesprächspartner die knappen Andeutungen richtig versteht.

Oft endet die kurze Bündelung in Allgemeinplätzen. In der Zeitung liest man dann Sätze wie „Bischof ruft zu Frieden und Mitmenschlichkeit auf“ – auch wenn der Schwerpunkt der Predigt ein ganz anderer war. Als ich neulich gefragt wurde, worum es in meiner Weihnachtspredigt ginge, fing ich an von Licht und Dunkelheit zu erzählen. Das war zwar nicht verkehrt, aber darum ging es nicht. Es war nur die Leitmetapher für den Gedanken: „Es gibt in der Weltgeschichte und im eigenen Leben genug Gründe dafür, dass es Gott nicht geben kann. Weihnachten bedeutet, mitten in diesen Gründen zu entdecken: Gott ist da – mitten in dieser Welt, die voll ist von Gründen, warum es Gott nicht geben kann.“ Weil der Gedanke paradox ist, schien er mir vielleicht zu komplex, um ihn direkt sagen. Also folgte die Flucht in die Metapher vom Gott als Licht mitten in der Dunkelheit – eine Metapher, die alles und nichts sagt. Ein Allgemeinplatz eben.

Bekanntlich sagt eine Bild mehr als tausend Worte. Für die Predigtarbeit ist es aber wichtig, die bildhaften Allgemeinplätze und abgegriffenen Metaphern zu reflektieren und ihre Aussagemöglichkeiten zu reduzieren. Ich habe eine zeitlang versucht, über jedes Predigtmanuskript meine Hauptaussage zu formulieren – und zwar so, dass sie eine interessante Spannung enthält. Vergleichen kann man das vielleicht mit den Untertiteln in manchen Zeitungen. In der ZEIT z.B., steht unter der Überschrift in der Regel in ein oder zwei Sätzen beschrieben, worum es im Artikel geht. Diese Beschreibung macht das Lesen das Artikels nicht überflüssig. Im Gegenteil: Wenn die Beschreibung gut formuliert ist, weckt sie das Interesse für die Lektüre. Mein Versuch, solche Predigt-Unterüberschriften für meine Predigtentwürfe zu formulieren, zielten allerdings nicht auf die Predigthörer, sondern auf mich als Prediger: So habe ich mir vor der Predigt noch einmal in Erinnerung gerufen, worum es mir beim Vorbereiten ging.

Predigtvorbereitung kann insgesamt als Arbeit an solch einer Aussage verstanden werden. Es ist wie die Arbeit an einer These in einem wissenschaftlichen Aufsatz: Man schreibt dieses These nicht einmal auf und hat sie dann, sondern schreibt die These dauernd um und weiter, bis sie möglichst pointiert die Antwort auf eine Frage oder ein Problem liefert. So beschreibt z.B. Frank Cioffi das Vorgehen beim Schreiben eines Essay. Es hilft dabei, die Linie für die eigene Arbeit zu halten. Bei der Predigt ist es nicht anders, auch wenn die Predigt auf andere Form- und Stilelemente zurückgreift als der wissenschaftliche Aufsatz. Ich habe in meiner Weihnachtspredigt z.B. auf eine Geschichte von Margret Rettich zurückgegriffen. Und als ich beschrieben habe, was Dunkelheit alles konkret bedeuten kann, ging das Licht in der Kirche für eine Zeit aus. Techniken der Inszenierung meiner zentralen Predigtidee. Aber es ging in der Predigt weder um Licht und Dunkelheit noch um die Rettich-Geschichte vom Herrn Probst, sondern um meine Interpretation der Weihnachtsbotschaft. Vielleicht – wenn ich mir wieder angewöhne, meine Hauptaussage über das Predigtmanuskript zu schreiben – kann ich beim nächsten Interview auch pointierter sagen, worum es in meiner Predigt geht.

 

Fünf Schritte zum Essay

Kennzeichnend für den Essay ist, dass er eine Antwort auf eine neue Frage versucht. Eine schon altbekannte oder bloß rhetorisch gestellte Frage taugt nicht für einen interessanten Essay. Und das gilt letztlich auch für die Predigt: Sie versucht die Antwort auf eine Frage, die sich wirklich (und nicht nur rhetorisch) stellt.

Zwar wird oft darauf hingewiesen, dass der europäische und der anglo-amerikanische Essay sich formell unterscheiden – der anglo-amerikanische Essay entspricht oft dem, was wir im Deutschen „Aufsatz“ nennen – aber zum einen ist die Unterscheidung oft akademisch, zum anderen lässt sich viel von anglo-amerikanischen Ansatz lernen, bei dem das Essay-Schreiben Teil des wissenschaftlichen, kreativen Schreibens ist.

Ein gute Zusammenfassung liefert James (Nachname unbekannt) auf der Englisch-Lern-Seite engvid.com (das Video ist auf englisch). James geht es um einen effektiven Essay. Das heißt: Der Essay soll nicht bloß gut geschrieben sein, sondern Leser sollen verstehen, worum es dem Autor geht.

James fasst den Prozess des Essayschreibens in fünf Schritte

  1. Stell eine Frage
  2. Stell eine These auf (keine Larfari-These, sondern eine, die etwas aussagt)
  3. Schreib eine Einführung, die deine These enthält
  4. Gib drei Gründe für die Wahrheit deiner These an (Hauptgründe und unterstützende Überlegungen)
  5. Schreib eine Schlussfolgerung

Ein kleines Grundmodell für den Essay als Predigtform. Das ist zwar nicht sonderlich elaboriert, aber ausreichend als Grundmodell. Man könnte es „aussageorientiertes Predigen“ nennen. Denn auch dem Prediger sollte es doch darum gehen, nicht nur salbungsvolle, schöne Worte zu äußern, sondern in seinem Anliegen verstanden zu werden.

Ist das Feuilleton die Predigt von heute?

„Kann es nicht sein,“ stellt die FAZ die interessante Frage, „dass ganz einfach andere Institutionen [als die Kirchen; KD] die Aufgaben der Predigt übernommen haben? Die ‚Zeit‘ zum Beispiel. Am Ende sogar wir hier? Das Feuilleton [der FAZ; KD]?“

Peter Richter, Kulturredakteur bei der FAZ, richtet die Frage an den Münchener Systematiker Friedrich Wilhelm Graf [Link zum FAZ-Interview]. Dabei will sich Richter aber sicher nicht zu der These versteigen, Feuilletonisten hätten die Aufgabe der Verkündigung übernommen. Doch das, was evangelische Predigt in liberaler Perspektive einmal war, nämlich eine Reflexionsinstanz im Medium der religiösen Rede,scheint sich zugunsten anderer Schwerpunktsetzungen aufgelöst zu haben: Graf jedenfalls macht eine Tendenz zu Infantilisierung, Psycho-Jargon und zunehmender Moralisierung der Predigt aus. Aber ist ist weniger Analyse als Provokation.

Aufgabe der Predigt wäre nach Graf, elementare, existenzielle Spannungen und die Widersprüche des Lebens religiös zu deuten – aber dieser Aufgabe stellt sich die Predigt nicht, weil sie den Menschen diese Spannungen nicht zumuten will. Sie flüchtet in „Wohlfühlrhetorik“. Und genau da setzt die implizite These von Peter Richter an: Es sind andere Instanzen, die diese Aufgabe übernommen haben. Dabei geht es nicht um existentielle Fragen allein: Spätestens mit der Zeitrubrik „Glauben und Wissen“ wagt sich das Feuilleton tatsächlich in religiöse Deutungsgefilde vor. Und sie macht das nicht schlecht: Bei Robert Leicht beispielsweise, dem langjährigen Chefredakteur der ZEIT, habe ich in den vergangen Jahren mit die besten Lesepredigten gefunden, die zu aktuellen religösen Fragestellungen zu finden sind.

Man muss nicht in den kulturpessimistischen Tonfall Grafs einstimmen, um die Probleme gegenwärtiger Predigtpraxis zu sehen: Theologisch anspruchsvolle Predigten kranken oft daran, dass sie zu akademisch sind. Einfache, theologische Antworten driften oft ins fundamentalistisch-frömmlerische ab. Und wer sich dazwischen bewegt, findet sich schnell auf dem Niveau von Lebenshilferatgebern wieder.

Vielleicht könnte eine Lösung darin bestehen, die Methoden des Feuilletons für die Predigtpraxis zu nutzen.

Mich erinnert das an mein altes Anliegen, meine alten Überlegungen zum Esssay als Predigtform endlich mal weiter zu spinnen. Die Idee stammt noch aus einer Seminararbeit von 1993.

Wen’s interessiert – hier ist der alte Text (ohne wissenschaftlichen Apparat):

„Bereits im Verlauf meiner exegetischen Vorarbeiten habe ich über die Art und Weise der Darstellung dieser Ergebnisse in der Predigt nachgedacht. Durch die Beschäftigung mit der Textgattung Essay habe ich mich schließlich entschlossen, meine Predigt an die Essayform anzulehnen. Eine Vorentscheidung war, daß ich der Gemeinde gegenüber nicht mit dem Anspruch auftreten wollte, mit meiner Predigt nun ‚entscheidende Wahrheit‘ mitzuteilen. Meine Predigt soll ein Deutungsangebot sein, dies soll sich in der Form der Predigt ausdrücken.

Wenn ich an dieser Stelle von Form spreche, so gebrauche ich diesen Begriff nicht als einen etwaigen Hinweis auf eine bestimmte äußere Gestalt, die meine Predigt auch hat, sondern vielmehr als Bezeichnung der Vorgehensweise. Auch in Adornos Aufsatz „Der Essay als Form“ bezieht sich der Formbegriff nicht auf die äußere, literarische Gestalt sondern meint die Methode. Im Essay als Form, so schreibt Adorno, werde das Bedürfnis angemeldet, „die theoretisch überholten Ansprüche der Vollständigkeit und Kontinuität auch in der konkreten Verfahrensweise des Geistes zu annullieren“. Die Kritik richtet sich gegen die Vorstellung, daß ein „Gegenstand in lückenlosem Deduktionszusammenhang sich darstellen“ ließe. Dem Vorwurf, der Essay behandele seinen Gegenstand nicht erschöpfend, wird entgegnet, daß bei der Auswahl der Aspekte, die zur Darstellung eines Gegenstandes herangezogen werden, doch „nichts anderes entscheidet als die Intention des Erkennenden“.

Der „Gedanke der traditionellen Idee von der Wahrheit“, so konstatiert Adorno entledige sich im „emphatischen Essay“. Die Methodik beruht darauf, daß der Essay „in Freiheit […]zusammen [denkt], was sich zusammenfindet in dem frei gewählten Gegenstand“; Tiefe gewinnt er darin, wie tief er in den Gegenstand den er behandelt, einzudringen vermag, und nicht darin, wie stark die einzelnen Teile auf etwas anderes außerhalb des Behandelten zurückgeführt werden. Deshalb fängt er „nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe“. Die Freiheit des Essayisten, zusammenzudenken, was sich zusammenfindet, verweist auf den experimentellen Charakter des Essay, für den nach Adorno „Glück und Spiel […] wesentlich“ sind. Damit ordnet sich der Essay der traditionellen wissenschaftlichen Abhandlung aber nicht als bloße Spielerei unter, vielmehr fordert er sie heraus, indem er ernst macht mit den Bedingungen auch des wissenschaftlichen Arbeitens, nämlich der Sprache, als Grundlage des Verstehens. Der Essay, indem er mit durchaus künstlerischen Impetus auftritt, kritisiert ein Modell von Wissenschaft, das „die begrifflichen Ordnungsschemata und die Struktur des Seins einander gleichsetzt“ ; ja er ist „die kritische Form par excellance“, indem er selbst die eigene dargestellte Meinung relativiert, wenn nicht gar liquiditiert.

„Essayistisch schreibt“, so zitiert Adorno Max Bense,“wer experimentierend verfaßt, wer also seinen Gegenstand hin und her wälzt, befragt, betastet, prüft, durchreflektiert, wer von verschiedenen Seiten auf ihn losgeht und in seinem Geistesblick sammelt, was er sieht, und verantwortet, was der Gegenstand unter den im Schreiben geschaffenen Bedingungen sehen läßt“.

Meine Predigt, vor allem die im Anhang abgedruckte Version für die Studierenden des Homiletikseminares, stellt einen solchen »Versuch« dar. Die zentralen Gedanken der Predigt gehen von Beobachtungen im Text aus, indem ich, im Gegensatz zu den herangezogenen Exegeten, für meine Predigt die Unstimmigkeiten nicht als Hinweise auf verschiedene Entstehungsstufen des Textes lese, sondern als bewußt eingesetzte Stilmittel, die die Hörerinnen und Hörer der Geschichte aufhorchen lassen sollen. Dazu gehört auch, wie im exegetischen Teil ausgeführt, daß ich den Text nicht allegorisch auslege.

Dabei gehe ich aber nicht beliebig vor, wie man mir vorwerfen könnte; auch der Essay „gehorcht […] logischen Kriterien insofern, als die Gesamtheit seiner Sätze sich stimmig zusammenfügen muß“ . Nun gilt für Predigten sicher nicht, daß sie im allgemeinen nach den Regeln der Logik funktionieren, sie folgen aber häufig jenen „Ansprüche[n] der Vollständigkeit und Kontinuität“, die „tendentiell schon die Stimmigkeit im Gegenstand“ präjudizieren (ebd.). Dagegen steht mit Henning Luther die Forderung, daß „der Text des Predigers möglichst wenig in der scheinhaften Gestalt eines abgeschlossenen Ganzen präsentiert werden [darf], das es nur zu übernehmen gilt, sondern in der zur Weiterarbeit (Weiterinterpretation) einladenden Gestalt des Fragments“.

Adornos Essay- und Luthers Fragmentbegriff sind über weite Teile kommensurabel. Nur nur, daß Adorno auch auf das Fragment anspielt, auch die Bedeutung des Differenzbegriffes und die Kritik an bestimmten Identitätsmodellen sind für beide Positionen konstitutiv.

Bezeichnet der Essay bei Adorno vor allem eine Methode, so setzt die Arbeit an der Predigt als Essay nicht erst bei der Formulierung der Predigt ein, sondern schon bei der Exegese. Wenn die „Differenz zwischen Text und Auslegung die Grundsituation aller Hermeneutik bestimmt“ (Jauß) und mit Luther „gerade nicht von der Identität zwischen Zeichen und Bedeutung“ auszugehen ist, dann bedeutet das für die Predigt, daß sie nicht in der Lage ist, zu predigen, was mit einem Text gemeint sei, sondern vielmehr in einen offenen Interpretationsprozess eintritt. Der Essay als Predigtform meint dann nichts anderes, als die Hörerinnen und Hörer in diesen Interpretationsprozess mithineinzunehmen.“

Essay

Im anglo-amerikanischen Bildungssystem kommt dem Essay eine ähnlich tragende Rolle zu wie in Deutschland dem Aufsatz. Der Essays ist in seiner Form aber spielerischer als der normierte Aufsatz. Statt streng nach dem Schema „Einleitung – Hauptteil – Schluss“ zu verfahren, steht am Anfang des Essays eine Prämisse – z.B. in der Form eines „Was wäre, wenn …“. Oder zwei zunächst miteinander unverträgliche Dinge, z.B. eine Wundergeschichte und ein Alltagsgegenstand. Die Prämisse ist, davon auszugehen, dass Geschichte und Gegenstand etwas miteinander zu tun haben (Vgl. dazu auch Der heilige Bogen).
Der Essay ist – sofern kein wissenschaftlicher Aufsatz – ein kreatives Spiel mit Möglichkeiten. Etwas pathetisch formuliert: Der Essay ist die große Schule des kreativen, selbständigen Schreibens.