Västerås-Methode

Die Västerås-Methode ist ein einfaches, vierschrittiges Verfahren, um in einer Gruppe über einen Text zu sprechen. Im Mittelpunkt steht dabei ein strukturiertes Gespräch, bei dem der Text Vers für Vers betrachtet wird. Vorbereitet wird dieses Gespräch durch eine Phase der individuellen Textbegegnung, bei der der Text mit einfachen Randzeichen versehen wird. Gerahmt ist das Ganze durch das Vorlesen des Bibeltextes. „Västerås-Methode“ weiterlesen

Fünf-Schritte-Methode

Die Fünf-Schritte-Methode ist eine Lesemethode, die auf gründliche Lektüre und inhaltliche Bündelung konzentriert ist. Das Verfahren wird unterschiedlich beschrieben und begegnet unter verschiedenen Namen (z.B. SQ3R-Methode). Was diese Methodenfamilie verbindet ist, dass der zentrale dritte Schritt, das genaue Lesen, zwei vorbereitende und zwei nachbereitende Phasen hat. „Fünf-Schritte-Methode“ weiterlesen

Close Reading. Ein vereinfachtes Verfahren

„Close Reading“ ist eine Methode zum intensiven Lesen eines Textabschnitts. Im engeren Sinne entstammt „Close Reading“ der amerikanischen, literaturwissenschaftlichen Bewegung des New Criticism. Im weiteren Sinne ist Close Reading ein Werkzeug zur Textinterpretation, das einen Text zunächst einmal aus sich selbst heraus verstehen will. „Close Reading. Ein vereinfachtes Verfahren“ weiterlesen

Glückliche Entdeckungen

Kunsthalle Bielefeld mit einem "Speicher" von Jörg Sasse
Kunsthalle Bielefeld mit einem „Speicher“ von Jörg Sasse

„Ich suche nicht, ich finde“, lautet ein bekanntes Bonmot von Pablo Picasso. Niklas Luhmann hat einmal ähnliches gesagt, als er die Arbeit mit seinem Zettelkasten beschrieben hat: Wenn er beginnt, hat er oft bestimmte Dinge im Kopf, an die er sich erinnert und nach denen er im Zettelkasten sucht. Meistens findet er aber anderes und vor allen Dingen neue Bezüge, die ihn auf die eigentlich spannenden weil überraschenden Aspekte stoßen. In der Ausstellung „Serendipity. Vom Glück des Findens“ in der Bielefelder Kunsthalle ist aktuell ein Teil des Zettelkastens von Niklas Luhmann zu sehen. Dieser bildet – wenn auch nicht verbunden mit Picasso – den Ausgangspunkt für die Begegnung mit zwei deutschen Künstlern der Gegenwart, für die das Glück des Findens Teil ihrer künstlerischen Arbeit ist: Ulrich Rückriem (*1938) und Jörg Sasse (*1962). Mittelbar wird in der Ausstellung anschaulich, wie wichtig das glückliche Finden für kreatives Arbeiten ist. „Glückliche Entdeckungen“ weiterlesen

Robinsons Rat zum Zettelkasten

Zettelkastenreiter

In Haddon Robinsons Buch „Predige das Wort“ (Originaltitel: Biblical Preaching) wird sehr schön der Einsatz von Zettelkästen für Prediger beschrieben. In seinem Kapitel über die lebendige Ausgestaltung eines Predigtentwurfes mit illustrierendem Material schreibt Robinson:

„Das meiste Material findet der Prediger zweifellos in seiner eigenen Sammlung. Deshalb sollte es sich ein gutes Ordnungssystem dafür anlegen. Denn was er dort für seine Predigt findet, hängt völlig davon ab, was und wie er es hinein getan hat. Es gibt viele Systeme, um die Ergebnisse des Studiums und Lebens zuordnen. Normalerweise benötigt man zweierlei Karteien. In die eine Großformatige ordnet man Predigtnotizen, Auszüge und Kopien so, wie sie sind. Sie können eingeteilt sein nach Themen oder nach den Büchern der Bibel.

Als Ergänzung sollte ein Prediger ein Karteikartensystem mit kleineren Kärtchen führen. Ein Bereich dieses Systems bezieht sich auf die Bücher der Bibel. Hier notiert man sich auf den Karten Illustrationen, Auslegungsnotizen und Hinweise auf hilfreiche Literatur zu einzelnen Bibelstellen. Ein anderer Teil des Karteikartensystems sollte alphabetisch nach Themen geordnet sein.

Das meiste Predigtmaterial – Anekdoten, Zitate, Gedichte, Notizen zur Auslegung, Analogien, Literaturhinweis – kann auf solchen Karten gesammelt werden.

Jeder Prediger braucht ein System. Jedes System, das Ihnen hilft, Informationen zu ordnen, ist besser als gar keines. Es sollte aber auch gepflegt werden.“ (S. 129)

Haddon Robinsons Buch lohnt sich zu lesen. Die amerikanische Homiletik des 20. Jahrhunderts wird in der deutschen Homiletik ja leider nur am Rande wahrgenommen, was unter anderem daran liegt, dass nur wenige Bücher auf Deutsch vorliegen. Beklagt habe ich das schon im Verweis auf David Buttricks „Homiletic. Moves and Structure“. Robinsons Buch gehört zwar zu den klassischen und einflussreichsten Werken der amerikanischen Homiletik und liegt sogar auf Deutsch vor, aber wahrscheinlich ist es hier der evangelikale Verlagskontext, die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, die eine ernsthafte Rezeption erschwert. So ist beispielsweise das vom Verlag vorgeschaltete deutsche Vorwort unglaublich schlecht und theologisch von so unterirdischem Niveau, das es eigentlich eine verlegerische Untat ist – käme dem Verlag nicht das Verdienst zu, das Buch überhaupt auf Deutsch zugänglich zu machen. Weil ich das Buch wirklich schätze, werde ich es in meinen nächsten Artikeln etwas ausführlicher darstellen.

Robinson, Haddon W., Predige das Wort. Vom Bibeltext zur lebendigen Predigt. Überarbeitete Neuauflage, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg: 2001.
ISBN 978-3-86353-044-0. 9,90 €.

Ich wünsch mir einen Zettelkasten

Zettelkasten
Mein kleiner Zettelkasten

Zu Weihnachten wünsche ich mir dieses Jahr einen neuen digitalen Zettelkasten. Könnte ich programmieren, hätte ich das schon längst in Angriff genommen. Da ich leider nicht programmieren kann, setzte ich meine Hoffnung darauf, dass der Weihnachtsmann meinen Blog liest.

Der digitale Zettelkasten meiner Wahl ist zunächst einmal und seit einigen Jahren der „Zettelkasten“ von Daniel Lüdecke. „Zettelkasten“ orientiert sich an Niklas Luhmanns analogem Zettelkasten und setzt das Prinzip eigentlich ganz gut um. Seit einer Umstellung von einigen Jahren hat das Programm für mich aber zwei wichtige Funktionen verloren: die Möglichkeit, Zettel an selbst gewählten Stellen einzusortieren und die Möglichkeit, mehrere, ausgewählte Zettelkästen zeitweilig zu kombinieren, ohne sie gleich zusammenführen zu müssen. Seit es diese Funktionen nicht mehr gibt, bin ich immer mal wieder auf der Suche nach einer Alternative.

Ich komme vom analogen Zettelkasten und arbeite auch weiter damit, aber digitale Kästen haben einfach große Vorteile: die einfachere Schlag- und Stichwortverwaltung sowie die Suche im Gesamttext. Was diese Anforderungen betrifft, sind eigentlich sämtliche auf dem Markt erhältlichen digitalen Zettelkästen gleich gut. Die Unterschiede ergeben sich aus speziellen Anwendungszwecken, auf die sich die jeweilige Software konzentriert: Literaturverwaltung wie bei Synapsen, Notizverwaltung wie bei Resophnotes, Outlining wie bei ScribblePapers oder persönliche Wikis wie bei ConnectedText.

Für mich ist ein Zettelkasten das beste Werkzeug, um Notizen zu verwalten. Allan Henry hat auf lifehacker.com 2011 seine besten Notiz-Apps vorgestellt: Evernote, Springpad, OneNote, Simplenote sowie – Überraschung – Stift und Papier. Bei einer Leserumfrage haben 37% für Evernote und 33% für Stift und Papier als beste Apps votiert, gefolgt von OneNote mit nur noch 18%. Ich würde Papier und Bleistift noch den Vorrang vor Evernote geben, doch egal, welche Notiz-App man benutzt: Sie sind nicht geeignet hunderte oder tausende von Notizen auch zu verwalten. Dazu braucht es einen guten Zettelkasten.

Leider gibt es keinen digitalen Zettelkasten, der meinen Wünschen voll und ganz entspricht: Flexibel wie ein analoger Kasten, bearbeitbar wie ein digitaler. Zurzeit arbeite ich parallel mit drei Systemen, von denen jedes für sich seine Vorteile hat. Der „Zettelkasten“ kommt dem idealen Zettelkasten noch am nächsten. Er ist mein mittleres System. Bevor nämlich eine Notiz im „Zettelkasten“ landet, kommt sie erst in ResophNotes: Das Programm ist schnell und kann über SimpleNote sogar mit meinem Mobiltelefon kommunizieren. Umfangreichere Überlegungen zu Begriffen, Personen und Konzepten werden dagegen in ConnectedText eingepflegt, meinem persönlichen Wiki. Die ideale Notizverwaltung müsste die drei Systeme vereinen. Folgende fünf Wünsche an einen neuen digitalen Zettelkasten hätte ich:

1. Zur Suche in den Zetteln sollten sich verschiedene Zettelkästen per Mausklick kombinieren lassen. Das war beim „Zettelkasten“ vor einigen Versionen mal möglich, fiel dann aber einer Überarbeitung zum Opfer. Ideal wäre, wenn alle in bestimmten Ordner abgelegten und thematisch getrennten Zettelkästen sich per Klick auf ein Auswahlfeld aktivieren oder deaktivieren ließen.

2. Zettel sollten sich neben der alphabetischen und chronologischen Sortierung vor allem auch manuell sortieren lassen wie bei CintaNotes – nur komfortabler. Bei CintaNotes muss eine Notiz im manuellen Modus per Alt-Up oder Alt-Down verschoben werden. Bei hunderten von Notizen ist das unmöglich. Besser wäre, zum einen direkt vor oder nach einem Zettel eine Notiz einfügen zu können oder per Befehl zu sagen: diesen Zettel bitte vor oder nach jenem Zettel.

3. Zettel sollten als einzelne txt-Files in einem Ordner abgelegt werden können, formatiert mit MarkDown – wie bei ResophNotes. Für jeden neuen Zettelkasten sollte es einen eigenen Ordner geben, zwischen denen man einfach wechseln kann. Es sollte möglich sein, verschiedenen Zettelkästen gleichzeitig zu öffnen. Dieser Punkt ist mir wichtig, weil ich auch in 20 Jahren noch auf meine Notizen zugreifen können will.

4. Es sollte einen Schreibtisch geben, auf dem ausgewählte Zettel zu Weiterverarbeitung abgelegt werden können – wie beim „Zettelkasten“.

5. Die Notizen sollten sich sowohl einzeln ansehen lassen, wenn sie ausgewählt sind, als auch in einer kombinierten Ansicht, so dass man durch alle ausgewählten Notizen scrollen kann – wie bei CintaNotes oder noch besser die Scrivenings-Ansicht bei Scrivener.

Über mich selbst schreiben

Notizbuch
(c) Günther Gumhold / pixelio.de

„Ich könnte ein Buch schreiben“, sagen Menschen häufig, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Doch obwohl viele Menschen gern von ihren Erlebnissen erzählen, gehen die wenigsten den nächsten Schritt, tatsächlich ihr Leben niederzuschreiben. Ratgeberliteratur zum Thema Autobiographie gibt es reichlich. Es scheint also Bedarf zu geben. Nun hat sich Hanns-Josef Ortheil als Autor und Herausgeber der DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben des Themas angenommen: „Schreiben über mich selbst“ versteht Ortheil aber „nicht nur [als] eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern [als] Teil einer umfassenderen ‚Lebenskunst‘ “, bei der es darum geht, „die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen“ (S. 147).

„Schreiben über mich selbst“, der mittlerweile sechste Band der Reihe, fügt sich gut ein in diese Schreibwerkstatt, deren Prinzip ist, Schriftstellern bei ihrem Schreiben über die Schulter zu sehen. Nicht nur im Titel lehnt sich Ortheil an Michel Foucaults Aufsatz „Über mich selbst schreiben“ an. Wie Foucault hebt Ortheil das regelmäßige Notieren als Grundlage des Schreibens hervor. Bei Foucault sind die Notizen Mittel zur Selbstreflexion, insofern stehen hier die Erkenntnisse und das Festhalten eigener wie fremder Gedanken im Mittelpunkt. Notieren ist neben Meditation und Gespräch mit sich und anderen Teil einer ästhetischen Lebensführung. Die Notizen selbst werden zum Rohstoff und Reservoir des eigenen Denkens. Ortheil, dessen Notizleidenschaft hinlänglich bekannt ist, findet in Foucault eine philosophische Entsprechung seines eigenen Ansatzes. Von diesem Ansatz war schon in „Schreiben dicht am Leben“ und „Schreiben auf Reisen“ zu lesen.

In „Schreiben über mich selbst“ geht es nun darum, durch das regelmäßige Notieren hellsichtig zu werden für das autobiografische Potential, den autobiografischen Rohstoff des Alltags. Es geht Ortheil nicht darum, zum Schreiben einer vollständigen Autobiografie anzuleiten. Im Gegenteil: Zeitgemäßes autobiografisches Schreiben besteht seiner Meinung nach „aus lauter eleganten, mit neuen und alten Medien verbundenen Textformen, die ein Leben spielerisch befragen, detaillierte erkunden und in Segmenten erzählen“ (S. 6), und zwar unablässig. Einfache Beobachtungen, Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken – alles wird möglichst „deutungsarm“ notiert, ohne sich zu fragen, „ob das Notierte überhaupt wert ist notiert zu werden“ (S. 148). Denn mit der Zeit kann alles zu einer wichtigen autobiografischen Notiz werden. Mit der Zeit entsteht so ein „Erinnerungs- und Erzählspeicher“ (S. 149) als persönliches Lebensarchiv aus Fragmenten des Alltags.

Interessant ist, dass Ortheil nicht mit dem Schreiben beginnt, sondern mit dem Erzählen. Man mag hierin eine weitere Spur Michel Foucaults finden, für den das Gespräch mit sich und anderen wichtiger Teil des ästhetischen Lebenskonzeptes war. Ortheil steigt in die Reihe seiner Beispiele ein mit einem Blick auf Andy Warhols telefonische Diktate von alltäglichen Erlebnissen (S.14). Von hier geht er weiter zu Beispielen dazu, „sich befragen zu lassen“ bzw. „sich gegenseitig zu befragen“ (unter anderem Michel Polacco und Michel Serres (S. 19ff) sowie Gilles Deleuze und Claire Parnet (S. 28ff)).

Mich hat zunächst irritiert, dass Hanns-Josef Ortheil fasst ein Viertel seines Buches diesen mündlichen Formen widmet. Der Blick auf mein Eingangsbeispiel zeigt aber, dass das Erzählenwollen ein wichtiger Indikator für autobiografische Potentiale von alltäglichen Erfahrungen ist: Vielen Menschen fällt es leichter über sich zu erzählen, als das Buch zu schreiben, das sie schreiben könnten. Beim Übergang vom Erzählen zum Schreiben ist es wichtig, diesen Indikator zu bemerken, denn er gibt den Impuls, „der unsere Aufmerksamkeit anzieht“ (S. 39) und letztlich ins Notieren führt. Mündlichkeit und Schriftlichkeit verdanken sich dem gleichen Impuls des Augenblicks, aber erst in der Notiz gerinnt die Gegenwart – egal ob bedeutsam oder nicht – zu etwas, das später sein autobiografisches Potential entfalten kann – oder auch nicht.

Ausgehend vom einfachen Notieren, zu dem sich Ortheil bereits in früheren Bänden der Reihe geäußert hat, werden zahlreiche, interessante Schreibprojekte vorgestellt – wie man es in der DUDEN-Reihe gewohnt ist, exemplarisch vorgeführt an Beispielen aus der Literatur. Viele dieser Projekte sind auch als Varianten und Impulse für das Führen eines Tagebuchs lesbar. Die angesprochenen Themen sind:

  • Briefe schreiben als Möglichkeit autobiografischen Schreibens (Seite 44ff)
  • Resümee ziehen (Beispiel John Cheevers Tagebücher (Seite 52ff))
  • Schreiben zu „magischen Wörtern“(Czesław Miłosz, S. 56ff) und „stabilen Wörtern“ (bzw. letzte Gewissheiten, Carlos Fuentes, S. 61ff)
  • Selbstportrait mit Foto (John Berger und Jean Mohr, S. 66ff), mit Musik (Ortheil, S. 71), mit Körperteilen (Raymond Federman, S. 77ff), mit Landschaft (Jean-Philippe Toussaint, S. 81ff; Marie Luise Kaschnitz, S. 83f), mit Büchern (Paul Raabe, S. 87ff)
  • Kindheitserinnerungen (Urs Widmer; Joe Brainard, S. 92ff), Kindheitsszenen (Nathalie Sarraute, S. 98ff; Jean-Paul Sartre, S. 100f); Früheste Erinnerungen (Goethe, S. 104ff; Elias Canetti, S. 107); Kindheitswelten (Walter Benjamin, S. 109ff); Gang durch die Kindheit (John Updike, S. 114ff; Peter Kurzeck, S. 117f)
  • Beschreibungen zu Zeitphasen des Lebens: die Familie (Marc Aurel, S. 119; Peter Weiss, S. 123); große und kleine Natur (Nature Writing; Henry David Thoreau, S. 126ff; Cord Riechelmann, S. 129); Liebe und Freundschaft (Roland Barthes, S. 132ff); Die jungen Jahre (Ernest Hemingway, S. 136ff); Brief an die Enkel (John Updike, S. 141ff)

Langsam wird deutlich, was die DUDEN-Reihe Kreatives Schreiben so unverzichtbar macht: Sie rückt die Bedeutung des Notierens für das Schreiben in den Mittelpunkt. In „Schreiben über mich selbst“ wird dies Notizpraxis, in Anlehnung an Foucault, zum Teil einer umfassenden Lebenskunst. In vielfältiger Hinsicht können auch Predigerinnen und Prediger von dieser Kunst lernen: Für die Predigtpraxis sind persönliche Erfahrungen unverzichtbar. Notizen als Fundus helfen grundsätzlich dabei, einen Predigtgegenstand diachron zur eigenen Lebensgeschichte sowie Denk- und Glaubensentwicklung zu reflektieren. Persönliche Notizen helfen darüber hinaus, die blanken Gedanken mit dem Fleisch des Alltagslebens zu umgeben. Die von Ortheil vorgelegten Schreibprojekte lassen sich auch theologisch verlängern: denkbar wären zum Beispiel Selbstporträts zu biblischen Geschichten und Versen, Erinnerungen an Schwellen und Passagen des eigenen Glaubens, Notizen zu Begegnungen und Gesprächen mit prägenden Menschen, Predigten als Briefe an die Gemeinde und anderes mehr.

Fazit: Hanns-Josef Ortheils „Schreiben über mich selbst“ ist ein anregendes und inspirierendes Buch. Im Zusammenhang mit den andern Büchern der DUDEN-Reihe macht es deutlich, wie unverzichtbar regelmäßiges Notieren für das Schreiben – und vielleicht sogar für das Leben ist. Notizbuchfans und Tagebuchschreiber finden eine Fülle an Anregungen dafür, die Wahrnehmung für das autobiografische Potential der Gegenwart zu trainieren. Für Predigerinnen und Prediger stecken in dem Band Impulse für mehr Ich und gelebte Erfahrung auf der Kanzel.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens, Duden Verlag,Berlin, Mannheim und Zürich 2013.
ISBN 978-3-411-75437-3 | 14,95 € | 158 S.