Wortspiele

Preacher-Slams scheinen gerade der „heiße Scheiß“ der Homiletik zu sein. Holger Pyka, Pfarrer in Wuppertal und selbst als Preacher-Slammer unterwegs hat nun ein Buch dazu herausgebracht: „Spiel mit dem Wort. Kreatives Schreiben für Predigt und Preacher-Slam“. Auf rund 170 Seiten skizziert Pyka knapp und pointiert, wie Preacher-Slam und Kreatives Schreiben die Predigtpraxis bereichern kann. „Wortspiele“ weiterlesen

Mit Fingerübungen beginnen

„Aller Anfang ist schwer“ oder „Anfangen ist leicht“ – Sprichwörter transportieren oft sehr gegensätzliche Erfahrungen. In der Tat: Den einen fällt es leicht, etwas Neues anzufangen, nur haben sie Schwierigkeiten, dabei zu bleiben. Andere warten auf einen entscheidenden Impuls um anzufangen und schieben den Start vor sich her. Diese Erfahrungen machen auch Menschen, die schreiben. Die einen haben die Schublade voller vielversprechender Anfänge, die anderen den Kopf voller Ideen, aber das Blatt bleibt leer. „Mit Fingerübungen beginnen“ weiterlesen

Mit Jugendlichen zur Sprache kommen

Cover "Spirituelle Schreibwerkstatt" - www.herder.de
Cover „Spirituelle Schreibwerkstatt“ – www.herder.de

Stephan Siggs „Spirituelle Schreibwerkstatt“ hat mich im Laden gleich angesprungen – aber trotz guter Ideen ist das Buch auch eine Mogelpackung. Treffender wäre ein Titel wie „Mit Jugendlichen zur Sprache kommen. Reden und Schreiben über den Glauben.“ Aber wahrscheinlich hätte ich das Buch bei so einem Titel eher liegen gelassen. Die „Spirituelle Schreibwerkstatt“ (mit dem Untertitel „mit jungen Menschen“) ist auf jeden Fall der ansprechendere Titel.

Mogelpackung ist das Buch insofern, als von den rund 160 Seiten des Buches nur 50 Seiten (S.102-152) ausdrücklich Hintergrund und Methoden einer Schreibwerkstatt behandeln. Im ersten Drittel des Buches „Meine Texte – meine Sprache“ geht es Sigg um Texte, die für Jugendliche geeignet sind: im Gottesdienst, im Unterricht oder in Gruppenstunden. Wie findet man geeignete Texte? Wie überarbeitet man Texte, die sich an andere Zielgruppen richten, so dass Jugendliche angesprochen werden? Wie bringt man Texte für und mit Jugendlichen zu Gehör? Auch im Hauptteil „Jugendliche zum Sprechen und Schreiben aktivieren“ geht es auf 40 von 90 Seiten nicht vorrangig ums Schreiben: Neben grundsätzlichen Überlegungen zu Jugend und spiritueller Sprache geht es um Methoden, Formen und Probleme des Gesprächs über Glauben mit Jugendlichen. Das sind zweifellos wichtige Fragen, aber sie berühren nur am Rande, was im Rahmen einer Schreibwerkstatt normalerweise stattfindet.

Was Sigg dann über die Durchführung einer Spirituellen Schreibwerkstatt mit Jugendlichen schreibt ist entsprechend knapp, aber durchaus fundiert. Anknüpfend an die Schreiberfahrung von Jugendlichen mit Sozialen Medien zeigt Sigg, wie es gelingen kann, mit Jugendlichen ins Schreiben zu kommen. Es skizziert Grundvoraussetzungen und stellt einige mögliche Methoden vor. Sigg erfindet dabei das Rad nicht neu: Er nimmt bewährte Formen auf, die er zum Teil mit Blick auf die Lebenswelt von Jugendlichen verändert oder als Mini-Schreib-Projekte im Rahmen von Gottesdiensten oder bei Freizeiten aufbereitet.

Schade ist, dass die speziellen Fragen einer Schreibwerkstatt mit Jugendlichen letztlich so knapp behandelt werden. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass Schreiben mit Jugendlichen eine große Herausforderung ist, mit viel Frustrationspotential. Sigg gibt zwar ein paar Hinweise, was man als Leiter berücksichtigen sollte, aber die Tücken und Begrenzungen werden kaum angesprochen. Hier habe ich mir von einem erfahrenen, professionellen Schreibwerkstatt-Leiter mehr versprochen.

Die „Spirituelle Schreibwerkstatt mit jungen Menschen“ schlägt weiten einen Bogen von der Begegnung mit fremden Glaubenstexten über das Gespräch in Gruppen hin zum eigenen Schreiben über den Glauben. Es geht Stephan Sigg um Glaubenskommunikation, die die Sprache von Jugendlichen auf- und ernstnimmt und ihnen dazu verhelfen will, selbst aktiv ihren Glauben ins Gespräch zu bringen. Dafür bietet das Buch gute Anregungen, auch wenn der spezielle Themenkomplex „Spirituelle Schreibwerkstatt“ mir zu knapp gehalten ist. Die beigefügte CD-Rom enthält das Buch noch einmal im pdf-Format.

Stephan Sigg: Spirituelle Schreibwerkstatt mit jungen Menschen. Anleitung und Beispiele. Herder Verlag: Freiburg i.Br. 2014. 159 S., 14,99 € – ISBN 978-3-451-31211-3
[Verlags-Info]

Internetauftritt von Autor Stephan Sigg: stephansigg.com

P.S.: Als evangelischer Theologe kann ich es mir nicht verkneifen einen für das Buch an sich unbedeutenden Fehler anzustreichen: Martin Luther hat natürlich nicht die lateinische Bibelübersetzung ins Deutsche übersetzt (vgl. S. 19), sondern (bezogen auf das NT) den griechischen Ur-Text. Dieses ad fontes ist nach wie vor ein unverzichtbares, humanistisch-reformatorisches Erbe.

Tabu spielen in der Predigt

„Sieben Wochen ohne Große Worte“ ­ die Anregung des Zentrums für Predigtkultur ist zunächst einmal interessant: In der Passionszeit sollen Pfarrerinnen und Pfarrer einmal sieben Wochen auf große Worte verzichten. Eine Liste mit 49 Beispielen kann man sich mit der Post zuschicken lassen. Sie hängt mittlerweile über meinem Schreibtisch. Auf der Internetseite des Predigtzentrums kann man sich die Liste ansehen. Sie enthält viele theologische -ung-, -heit- und -keit-Wörter aber auch Begriffe wie „Gott“, „Christus“ und „Kreuz“.

Natürlich hat die Idee wegen genau solcher Wörter Widerspruch, Spott und Häme in Blogs und bei Twitter geerntet: Wie soll man predigen, so der Einwand, wenn zentrale Begriffe des christlichen Glaubens nicht ausgesprochen werden dürfen. Übersehen wird bei diesem Einwand allerdings, dass ein inflationärer Wortgebrauch Begriffe durchaus entwerten kann. Zudem muss man im Gespräch mit Menschen, die der christlichen Sprache nicht mächtig sind, sowieso Übersetzungsarbeit in die Alltagssprache leisten. Die Idee, zeitweilig auf Wörter wie „Gott“ zu verzichten, ist nicht neu, aber die Verbindung mit der Aktion „Sieben Wochen ohne“ durchaus originell.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich allerdings: Mag die Idee auch originell sein, die Art der Durchführung ist es nicht. Philipp Greifenstein hat in einem lesenswerten Blogbeitrag einige Kritikpunkte vorgetragen und damit eine kleine Diskussion ausgelöst, an der auch ich mich beteiligt habe. Ich werde, was ich dort geäußert habe, hier nicht wiederholen, sondern mich auf eine Frage konzentrieren: Was bringt es, eine Zeitlang auf bestimmte Wörter zu verzichten?

Eine spontane Antwort liegt auf der Hand: Bestimmte Wörter bewusst nicht zu gebrauchen macht deutlich, wie schwer es ist, scheinbar Selbstverständliches verständlich auszudrücken, wenn die üblichen Begriffe nicht zur Verfügung stehen. Das Ratespiel Tabu setzt das sehr schön um: Dort geht es darum, Begriffe zum Raten zu umschreiben, ohne bei der Erklärung auf bestimmte Wörter zurück zu greifen. Leicht geraten Predigerinnen und Prediger in die Jargon-Falle, weil der innerkirchliche und innergemeindliche Gebrauch bestimmter Wörter und Ausdrucksweisen eben nur scheinbar selbstverständlich ist. Philipp Greifenstein hat dies mit seinem Bullshit-Bingo zur Weihnachtspredigt schon zwei Mal deutlich gemacht. Er hat damit nicht nur für Heiterkeit unter Pfarrerinnen und Pfarrern gesorgt, sondern manchen tatsächlich ins Grübeln gebracht: Ist mein Reden tatsächlich so floskelhaft? Was bleibt noch übrig, wenn ich auf die Floskeln verzichte? Die Fastenaktion des Predigtzentrums zielt darauf, zeitweilig auf Selbstverständliches zu verzichten, um neu verständlich zu werden.

Leider ist die Aktion des Predigtzentrums, anders als Philipps zum Nachdenken anregendes Bullshit-Bingo, völlig humor- und ironiefrei. Schaue ich auf meine eigene Predigtsprache, so habe ich den Eindruck, dass die vorgelegte Liste der „Großen Worte“ eher einer homiletischen Mottenkiste von Predigtklischees entstammt. Natürlich gibt es Wörter darunter, deren Vermeidung eine Herausforderung darstellen könnten. Aber viele der Beispielwörter würde ich sowieso nicht ohne weiteres in einer Predigt verwenden, sondern innerhalb von Kontexten, die die Bedeutung klarmachen, auch ohne zwangläufig erklären zu müssen. Gegenwärtige Floskeln und Modewörter wären sicher anregender als die gewählten Beispiele gewesen.

Ich glaube allerdings, dass die Wörter gar nicht das Problem sind. Nicht ob wir das Wort „Gott“ in der Rede gebrauchen oder darauf verzichten sorgt für Klärung und Verständnis, sondern wie wir das Wort gebrauchen. Die Diagnose des Predigtzentrums lautet: „Einige wichtige Wörter, die wir in den Predigten verwenden, haben ihren Sinn verloren.“ Ihr Therapievorschlag besteht darin, eine Zeitlang auf diese Wörter zu verzichten. Der Zwang, nach neuen Ausdrucksformen zu suchen, so Annahme, würde die Predigtsprache lebendiger, anschaulicher und konkreter werden lassen. Ich nehme dagegen an, dass nicht die leeren Wörter, sondern das ziellose Reden das eigentliche Problem darstellen.

Bei Ludwig Wittgenstein gibt es das schöne Bild einer leerlaufenden Sprache (PU §132). Leer läuft die Sprache nicht, weil sie sinnentleerte Begriffe verwendet. Dieses Problem ließe sich mit Sprachreform, mit exemplarischen Einführungen und Definitionen beheben. Das Problem bei Wittgenstein ist nicht Sinnentleerung, sondern eine Sprache im Leerlauf – wie bei einem Fahrzeug, bei dem man den Gang heraus genommen hat. Die Sprache arbeitet nicht. Sie macht Urlaub und feiert (PU §38). Was Wittgenstein für philosophische Probleme diagnostiziert, gilt meines Erachtens auch für theologisches Reden – vielleicht sogar für theologisches Reden noch viel mehr. Als Behandlungsmethode böte sich dann eine homiletische Ergotherapie an, die Glaubenssprache für den Alltag handlungsfähig macht.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Bei der Themensuche für einen Gottesdienst im Team, zum Beispiel beim Schulgottesdienst, fallen als Themenvorschläge gerne Wörter wie „Schöpfung“ und „Gemeinschaft“. Es könnten auch Wörter von der Beispielliste sein. Ich entgegne regelmäßig: „‘Schöpfung‘ ist kein Thema, sondern ein Stichwort.“ Auch typische „als“-Überschriften wie „Schöpfung als Auftrag“ formulieren noch kein Thema. Erst die Aussage macht das Thema. Themen könnten sein „Schöpfung bewahren ist Auftrag für Menschen“ oder auch „Schöpfung untertan machen ist Auftrag für Menschen“. Natürlich muss auch der Begriff der Schöpfung dabei geklärt werden, aber die Klärung des Begriffes allein macht noch nicht viel klar. Wichtiger ist zu klären was mit welcher Intention ausgesagt werden soll.

Eine Predigt im Leerlauf macht keine Mühe, weder dem Prediger noch dem Hörer. Sie läuft so dahin und im besten Fall sagt der Prediger nichts Falsches, aber eben auch nichts Bewegendes. Das Mühevolle der Predigtvorbereitung ist, die Predigtsprache ans Arbeiten zu bekommen. Und die Predigtsprache arbeitet dann, wenn der Prediger mit dem, was er sagt, tatsächlich etwas tut, und die Hörenden dies aufnehmen und damit weiter arbeiten können. Bestimmte Wörter dabei nicht zu gebrauchen kann ein schönes Spiel sein, aber es holt die Sprache nicht aus dem Leerlauf. Philipp Greifenstein schreibt dazu: „Nicht zum Verzicht auf Worte, sondern zum Mut, sie in den Mund zu nehmen und für unsere Zeit verantwortlich auszulegen, muss aufgerufen werden.“ Ich würde es so formulieren: Nicht der Verzicht, sondern der Versuch einer lebendigen, anschaulichen und konkreten Benutzung der Wörter hilft zu klären, ob die Wörter heute noch sinnvoll verwendet werden können oder nicht. „Die Bedeutung eines Wortes“, so eine bekannte Notiz Wittgensteins, „ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (PU §43)

Trotzdem ist die Aktion nicht schlecht. Beim Schreiben bestimmte Wörter bewusst vermeiden ist eine kreative Schreibmethode, die zu Neuformulierungen zwingt und neue Sprachbilder produzieren hilft. In Ländern, in denen es eine Zensur der Literatur gibt, entwickeln Autoren neue Sprach- und Ausdrucksformen, die nicht unter die Zensur fallen und doch von den Lesern verstanden werden. In unserem Fall ist der Verzicht eine Art freiwillige Selbstzensur, deren kreatives Potential vor allem für die Predigtvorbereitung genutzt werden könnte. Vielleicht hilft es zu klären, warum ein bestimmtes Wort am Ende doch unverzichtbar für die Predigt ist oder warum man gut und gerne darauf verzichten kann. Vielleicht bis es einmal wieder entdeckt wird wie ein alter Name.

Für mich ist das am Ende vielleicht sogar das Beste an der Beispielliste: Sie enthält, wie schon gesagt, viele Wörter, die nicht zu meinem aktiven Predigtwortschatz gehören. Die Herausforderung ist darum nicht der Verzicht, sondern vielleicht auch eine Neuaneignung durch einen neuen Gebrauch.

Brockhaus bleibt kreativ an der Oberfläche

Coverbild aus dem Brockhaus-Pressebereich
© brockhaus.de

Nachdem der DUDEN-Verlag eine ganz interessante Reihe zum Kreativen Schreiben heraus gebracht hat, legt nun der BROCKHAUS-Verlag eine kompakte Übersicht über das Kreative Schreiben vor. Von anderen Schreibbüchern hebt sich der Band durch sein Format und seine Aufmachung deutlich ab. Das Buch streift sämtliche Themen des doch sehr weiten Feldes des Kreativen Schreibens, was allerdings zu lasten der Darstellungstiefe geht.

Während sich die kleinen Bücher aus dem DUDEN-Verlag jeweils einem Sonderthema des Schreibens widmen (Notizbuch, Tagebuch, Reisebuch, Schreiben im Netz, Spannungsliteratur und zuletzt Autobiografie), nimmt das BROCKHAUS-Buch im Groß-Oktav-Format auf jeweils rund 20 Seiten einen Komplex wie Genre, Lyrik und Nonfiction, Erzählung, Plot- und Figurenentwicklung als Ganzes in den Blick. Da bleiben zum Beispiel im Bereich Genre nicht mehr als zwei Seiten übrig für Kriminal-, Liebes- und historische Romane. Science-Fiction-, Abenteuer-, Horror-Roman müssen sich sogar mit nur einer Seite begnügen. Natürlich ist das sehr übersichtlich, aber deutlich weniger informativ als ein Wikipedia-Artikel zum entsprechenden Thema.

Auch die Vorstellung von Schreibmethoden ist sehr dürftig. So wird beispielsweise zwar das Clustering erwähnt und die Methode auf gut anderthalb Seiten knapp beschrieben, aber es wird weder erwähnt, von wem die Methode stammt, noch dass es ein wirklich hervorragendes Schreiblernbuch von Gabriele L. Rico dazu gibt. Dass die eigentlich Pointe der Methode, das Schaffen von Verknüpfungen über das sog. Versuchsnetz, nicht erwähnt wird, mag angesichts der Knappheit der Darstellung noch nachvollziehbar sein, aber dass es weder einen Hinweis auf weiterführende Literatur noch überhaupt eine Erwähnung in einem Literaturverzeichnis gibt, ist eigentlich mehr als sträflich. Ähnliches gilt für die Ausführungen zum Sudelbuch, zum Brainstorming und zum Zettelkasten. Das Mindmapping wird zwar in einer Übung angewandt, aber nicht methodisch eingeführt – entsprechend fehlt das Stichwort auch im Register.

Geschrieben haben das Buch Anni Bürki, Gitta Edelmann, Iris Leister und Anette Schwohl, allesamt Autorinnen beziehungsweise Dozentinnen für Kreatives Schreiben. Sie greifen auf bekannte Muster und Übungen zurück, ohne die Referenzen (bis auf wenige Beispiele) und weiterführende Literatur anzugeben. Aufgemacht ist das Buch wie ein Schul- oder Arbeitsbuch. Es gibt viele praktische, gut erklärte Schreibaufgaben, die zum Teil im Buch selbst eingetragen werden können. Diese Übungen gehören zu den Stärken des Buches und weisen darauf hin, dass die Autorinnen praktische Erfahrungen in der Anleitung von Schreibwilligen haben.

Fazit: Obwohl BROCKHAUS Kreatives Schreiben zunächst einmal durch seinen klaren Aufbau, seine Übersichtlichkeit und großzügiges Layout anspricht, enttäuscht das Buch im Blick auf die Details. Als Einführung taugt es nur begrenzt, weil die Autorinnen auf Hinweise zu vertiefender Literatur verzichten. Als Nachschlagewerk bleibt es zu oberflächlich: Register und Glossar sind unvollständig, Literaturangaben sind mangelhaft. Allenfalls als Schnupperkurs für absolute Neulinge oder als Übungsbuch ergänzend zu einer fundierteren Einführung ins Kreative Schreiben mag der BROCKHAUS-Band durchgehen. Wirklich empfehlen kann ich das Buch aber nicht.

BROCKHAUS Kreatives Schreiben. Vom leeren Blatt zum fertigen Text, F.A.Brockhaus/wissenmedia, Gütersloh/München 2013.
ISBN 978-3-577-00303-2 | 14,95 € | 240 S.

Kreatives Schreiben – fortgeschritten und vertieft

„Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ ist die Fortsetzung von Fritz Gesings Klassiker Kreativ Schreiben. Die Rückverweise auf den ersten Band unterstreichen bei der Lektüre den Fortsetzungcharakter. Dabei kommt es vereinzelt zu Wiederholungen und Bündelungen, die allerdings die Lektüre des ersten Bandes nicht überflüssig machen. Seit längerer Zeit wollte ich meine Notizen zu dem 2006 erschienen Buch aufschreiben, komme aber erst jetzt dazu.

Ein wesentliches Element des Buches sind die Analysen von drei erfolgreichen Romanen: Sakrileg von Dan Brown, About a Boy von Nick Hornby und Herr Lehmann von Sven Regener. Die leitende Frage von Gesing ist: Warum waren diese Bücher so erfolgreich und was können Autoren davon lernen? Ein wichtiger Teil der Antwort steckt darin, dass die jeweiligen Autoren ihre Leserschaft gut im Blick hatten. Wer also erfolgreich schreiben möchte, sollte sich im klaren sein, für wen er oder sie schreibt. Gesing geht dazu im ersten Teil des Buch auf Lesererwartungen und -typologien ein.

Wer seine Zielgruppe klar vor Augen hat, wird seine Geschichten entsprechend Gestalten. Diese Gestaltungsfragen nehmen den Hauptteil des Buches ein: Was ist zu berücksichtigen, damit Leserinnen und Leser das Buch nicht gleich nach den ersten Seiten wieder zuklappen? Dazu gilt es unter anderem, die Sympathie des Lesers für die Protagonisten zu wecken, das Interesse für die Geschichte zu wecken und die Spannung zu halten. Gesings Erkenntnisse sind nicht neu, aber wie schon im ersten Band ist das Fortgeschrittenen-Buch durch den klaren Aufbau auch ein gutes Nachschlagewerk für die Grundprinzipien des Schreibens.

Am interessantesten sind sicherlich die exemplarischen Analysen. Allerdings wird die Zeitgebundenheit des Buches dabei immer wieder deutlich: Harry Potter ist noch nicht abgeschlossen, Regener hat die Folgebände noch nicht vorgelegt und der geheimnisvolle Erfolg von Shades of Grey spielt noch keine Rolle. Trotzdem ist es erfrischend, einmal hellsichtige Analysen moderner Belletristik zu lesen und nicht immer nur die bewundernde Betrachtung alter Klassiker. Insofern ist Gesings Buch auch ein guter Werkstattbericht für modernes Schreiben. Auch dass Gesing den Einfluss des Films auf die Literatur betrachtet (nicht nur in dem entsprechenden Kapitel) ist erwähnenswert. Verzichtbar wäre hingegen die bemühte Abgrenzung gegenüber der literarischen Hochkultur.

Ein Rezept für erfolgreiche Bücher kann Gesing am Ende aber dennoch nicht ausstellen. Insofern bleibt das „Geheimnis des Erfolgs“, auf das der Untertitel verweist, ein Geheimnis. Dass beispielsweise Dan Brown sämtliche Kriterien eines erfolgreichen Buches erfüllt, erlaubt nicht den Umkehrschluss, dass das Erfüllen der Kriterien auch den Erfolg nach sich zieht.

Fazit: Was beide Kreativ-Schreiben-Bücher von Fritz Gesing interessant macht ist, dass für diesen Preis kaum deutsche Bücher in dieser Qualität zu finden sind. Insgesamt ist „Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ mehr eine Vertiefung des ersten Bandes als eine tatsächliche Fortsetzung. Lesenswert ist es – zumindest in Teilen – im Blick auf die Analysen von Sakrileg, About a Boy und Herr Lehmann. Auch wenn es keine wesentlich neuen Erkenntnisse bringt, bleibt es als Nachschlagewerk in meinem Regal stehen.

Fritz Gesing: ‚Kreativ schreiben’ für Fortgeschrittene. Geheimnisse des Erfolgs. DuMont, Köln 2006.
ISBN 3-8321-7930-5 | 12,90 € | 268 S.

Scapple – die Grundfunktionen vorgestellt

Ich hab meine ersten Erfahrungen mit Scapple gesammelt und bin begeistert: Auf so ein Programm habe ich lange gewartet. OK, es gibt auch Sachen, die ich vermisse, aber vom Ansatz her ist es wunderbar, weil einfach und fast intuitiv. Wer das Programm allerdings als Mindmapping-Software oder Programm zur Erstellung von Grafiken und Flowcharts missversteht, wird enttäuscht werden. Ich will in loser Folge mal die Funktionen des Programms vorstellen. Heute geht es los mit den Grundfunktionen. Ich mache das mal als Grafik aus Scapple heraus, weil das gleich viel mehr demonstriert als jede Beschreibung.

Ein Klick auf das Bild erlaubt eine 100%-Ansicht:

Wie Scapple funktioniert - #1

Grundfunktion von Scapple #2

Wie man an meinem ersten Predigtentwurf mit Scapple sehen kann (siehe hier) sind natürlich vielfältige Verbindungen möglich.

P.S: Den Inspector kann man doch andocken: Über das Optionenmenü lässt sich der Inspektor am rechten Rand anzeigen. Er ist dann nicht immer im Weg, verbraucht aber sehr viel Platz. Sinnvoll ist das nur, wenn man einen sehr großen Bildschirm zur Verfügung hat.

 

Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

Anfangen muss man selbst

Boris Maggionis Sachbuch „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ hält in zweifacher Weise nicht, was der Titel verspricht: Es ist kein Buch für Fortgeschrittene und sagt nur begrenzt etwas über das Schreiben von Romanen. Wer einen Kindle besitzt und sich für als Neuling für das Schreiben von Geschichten interessiert findet hier aber eine günstige Einführung.

Dass Maggioni nichts Neues schreibt, sieht der Autor selbst: „All das, was in diesem Buch steht, stand so oder ähnlich schon in vielen anderen Büchern.“ (Pos. 1381) Maggioni ist aber der Meinung, ihm sei eine umfassendere, verständlichere und hilfreichere Schreibanleitung gelungen. Es ist das Recht des Autors, dieser Meinung zu sein, aber für ein paar Euro mehr bekommt man etwas mit Fritz Gesings „Kreativ schreiben“ und Sybille Knauss „Schule des Erzählens“ informativere und vor allem besser geschriebene Einführungen.

Methodischer Kern bei Boris Maggioni ist die „Was wäre, wenn …“-Methode (Pos. 1139): Man überlege sich ein Grundsetting und überlege: „Was wäre, wenn …“ Dann überlege man sich 10-30 Alternativen, entscheide sich für die Beste, notiere sich diese und fahre fort „was wäre, wenn dann …“. Das ist die Grundtechnik des Plottings (obwohl sich bei Maggioni der Begriff des Plots nicht findet). Im Prinzip entstehen so durchaus komplexe Geschichten. Damit es nicht zu flach wird, braucht man natürlich gut geschaffene, nicht zu klischeehafte Charaktere. Man brauchte einen starken Konflikt und die Hauptperson muss sich im Laufe der Geschichte verändern. Man muss auf seinen sprachlichen Ausdruck achten. Aber der Kern ist, durch die „Was wäre, wenn“-Frage eine glaubwürdige Geschichte zu schaffen.

Dann muss man nur noch anfangen zu schreiben. Neben dem andauernden Verweis auf die „Was wäre, wenn“-Frage ist das ein zweiter Dauerton des Buches: Alles Wissen über gute Geschichten nützen nichts, wenn man nicht anfängt. Auch damit hat Maggioni zweifellos recht: Wer schon andere Schreibbücher kennt und noch immer auf der Suche ist nach der ultimativen Schreibmethode, wird sie auch hier nicht finden. Er stößt aber auf den richtigen Tipp, einfach anzufangen. Denn das bleibt niemandem erspart.

Was den Roman von anderen Erzählformen unterscheidet, dazu sagt Maggioni eigentlich nichts. Für ihn ist der Roman einfach nur eine komplexere, längere Erzählform, die beim Schreiben einen längeren Atem erfordert als das Schreiben einer Kurzgeschichte. Insofern wäre „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ besser betitelt mit „Schreiben für Anfänger“.

Fazit: Wer schon diverse Schreibbücher kennt, wird hier nichts Neues finden außer der Erkenntnis, dass einem Schriftsteller das Schreiben von niemandem abgenommen wird: Man muss eben anfangen zu schreiben, auch wenn’s schwer fällt. Wer sich neu für das Thema interessiert findet insbesondere in der Kindle-Ausgabe eine locker geschriebene Einführung. Der Erwerb der Printausgabe lohnt sich nicht, weil es für wenig mehr Geld wesentlich bessere Schreibbücher gibt.

Maggioni, Boris: Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene, Selbstverlag (CreateSpace Independent Publishing Platform) o.O. 2012, ISBN 1477671013 | als Taschenbuch 9,90 €, als eBook (nur für Kindle) 4,97€ | 150 S.