Brockhaus bleibt kreativ an der Oberfläche

Coverbild aus dem Brockhaus-Pressebereich
© brockhaus.de

Nachdem der DUDEN-Verlag eine ganz interessante Reihe zum Kreativen Schreiben heraus gebracht hat, legt nun der BROCKHAUS-Verlag eine kompakte Übersicht über das Kreative Schreiben vor. Von anderen Schreibbüchern hebt sich der Band durch sein Format und seine Aufmachung deutlich ab. Das Buch streift sämtliche Themen des doch sehr weiten Feldes des Kreativen Schreibens, was allerdings zu lasten der Darstellungstiefe geht.

Während sich die kleinen Bücher aus dem DUDEN-Verlag jeweils einem Sonderthema des Schreibens widmen (Notizbuch, Tagebuch, Reisebuch, Schreiben im Netz, Spannungsliteratur und zuletzt Autobiografie), nimmt das BROCKHAUS-Buch im Groß-Oktav-Format auf jeweils rund 20 Seiten einen Komplex wie Genre, Lyrik und Nonfiction, Erzählung, Plot- und Figurenentwicklung als Ganzes in den Blick. Da bleiben zum Beispiel im Bereich Genre nicht mehr als zwei Seiten übrig für Kriminal-, Liebes- und historische Romane. Science-Fiction-, Abenteuer-, Horror-Roman müssen sich sogar mit nur einer Seite begnügen. Natürlich ist das sehr übersichtlich, aber deutlich weniger informativ als ein Wikipedia-Artikel zum entsprechenden Thema.

Auch die Vorstellung von Schreibmethoden ist sehr dürftig. So wird beispielsweise zwar das Clustering erwähnt und die Methode auf gut anderthalb Seiten knapp beschrieben, aber es wird weder erwähnt, von wem die Methode stammt, noch dass es ein wirklich hervorragendes Schreiblernbuch von Gabriele L. Rico dazu gibt. Dass die eigentlich Pointe der Methode, das Schaffen von Verknüpfungen über das sog. Versuchsnetz, nicht erwähnt wird, mag angesichts der Knappheit der Darstellung noch nachvollziehbar sein, aber dass es weder einen Hinweis auf weiterführende Literatur noch überhaupt eine Erwähnung in einem Literaturverzeichnis gibt, ist eigentlich mehr als sträflich. Ähnliches gilt für die Ausführungen zum Sudelbuch, zum Brainstorming und zum Zettelkasten. Das Mindmapping wird zwar in einer Übung angewandt, aber nicht methodisch eingeführt – entsprechend fehlt das Stichwort auch im Register.

Geschrieben haben das Buch Anni Bürki, Gitta Edelmann, Iris Leister und Anette Schwohl, allesamt Autorinnen beziehungsweise Dozentinnen für Kreatives Schreiben. Sie greifen auf bekannte Muster und Übungen zurück, ohne die Referenzen (bis auf wenige Beispiele) und weiterführende Literatur anzugeben. Aufgemacht ist das Buch wie ein Schul- oder Arbeitsbuch. Es gibt viele praktische, gut erklärte Schreibaufgaben, die zum Teil im Buch selbst eingetragen werden können. Diese Übungen gehören zu den Stärken des Buches und weisen darauf hin, dass die Autorinnen praktische Erfahrungen in der Anleitung von Schreibwilligen haben.

Fazit: Obwohl BROCKHAUS Kreatives Schreiben zunächst einmal durch seinen klaren Aufbau, seine Übersichtlichkeit und großzügiges Layout anspricht, enttäuscht das Buch im Blick auf die Details. Als Einführung taugt es nur begrenzt, weil die Autorinnen auf Hinweise zu vertiefender Literatur verzichten. Als Nachschlagewerk bleibt es zu oberflächlich: Register und Glossar sind unvollständig, Literaturangaben sind mangelhaft. Allenfalls als Schnupperkurs für absolute Neulinge oder als Übungsbuch ergänzend zu einer fundierteren Einführung ins Kreative Schreiben mag der BROCKHAUS-Band durchgehen. Wirklich empfehlen kann ich das Buch aber nicht.

BROCKHAUS Kreatives Schreiben. Vom leeren Blatt zum fertigen Text, F.A.Brockhaus/wissenmedia, Gütersloh/München 2013.
ISBN 978-3-577-00303-2 | 14,95 € | 240 S.

Kreatives Schreiben – fortgeschritten und vertieft

„Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ ist die Fortsetzung von Fritz Gesings Klassiker Kreativ Schreiben. Die Rückverweise auf den ersten Band unterstreichen bei der Lektüre den Fortsetzungcharakter. Dabei kommt es vereinzelt zu Wiederholungen und Bündelungen, die allerdings die Lektüre des ersten Bandes nicht überflüssig machen. Seit längerer Zeit wollte ich meine Notizen zu dem 2006 erschienen Buch aufschreiben, komme aber erst jetzt dazu.

Ein wesentliches Element des Buches sind die Analysen von drei erfolgreichen Romanen: Sakrileg von Dan Brown, About a Boy von Nick Hornby und Herr Lehmann von Sven Regener. Die leitende Frage von Gesing ist: Warum waren diese Bücher so erfolgreich und was können Autoren davon lernen? Ein wichtiger Teil der Antwort steckt darin, dass die jeweiligen Autoren ihre Leserschaft gut im Blick hatten. Wer also erfolgreich schreiben möchte, sollte sich im klaren sein, für wen er oder sie schreibt. Gesing geht dazu im ersten Teil des Buch auf Lesererwartungen und -typologien ein.

Wer seine Zielgruppe klar vor Augen hat, wird seine Geschichten entsprechend Gestalten. Diese Gestaltungsfragen nehmen den Hauptteil des Buches ein: Was ist zu berücksichtigen, damit Leserinnen und Leser das Buch nicht gleich nach den ersten Seiten wieder zuklappen? Dazu gilt es unter anderem, die Sympathie des Lesers für die Protagonisten zu wecken, das Interesse für die Geschichte zu wecken und die Spannung zu halten. Gesings Erkenntnisse sind nicht neu, aber wie schon im ersten Band ist das Fortgeschrittenen-Buch durch den klaren Aufbau auch ein gutes Nachschlagewerk für die Grundprinzipien des Schreibens.

Am interessantesten sind sicherlich die exemplarischen Analysen. Allerdings wird die Zeitgebundenheit des Buches dabei immer wieder deutlich: Harry Potter ist noch nicht abgeschlossen, Regener hat die Folgebände noch nicht vorgelegt und der geheimnisvolle Erfolg von Shades of Grey spielt noch keine Rolle. Trotzdem ist es erfrischend, einmal hellsichtige Analysen moderner Belletristik zu lesen und nicht immer nur die bewundernde Betrachtung alter Klassiker. Insofern ist Gesings Buch auch ein guter Werkstattbericht für modernes Schreiben. Auch dass Gesing den Einfluss des Films auf die Literatur betrachtet (nicht nur in dem entsprechenden Kapitel) ist erwähnenswert. Verzichtbar wäre hingegen die bemühte Abgrenzung gegenüber der literarischen Hochkultur.

Ein Rezept für erfolgreiche Bücher kann Gesing am Ende aber dennoch nicht ausstellen. Insofern bleibt das „Geheimnis des Erfolgs“, auf das der Untertitel verweist, ein Geheimnis. Dass beispielsweise Dan Brown sämtliche Kriterien eines erfolgreichen Buches erfüllt, erlaubt nicht den Umkehrschluss, dass das Erfüllen der Kriterien auch den Erfolg nach sich zieht.

Fazit: Was beide Kreativ-Schreiben-Bücher von Fritz Gesing interessant macht ist, dass für diesen Preis kaum deutsche Bücher in dieser Qualität zu finden sind. Insgesamt ist „Kreativ schreiben für Fortgeschrittene“ mehr eine Vertiefung des ersten Bandes als eine tatsächliche Fortsetzung. Lesenswert ist es – zumindest in Teilen – im Blick auf die Analysen von Sakrileg, About a Boy und Herr Lehmann. Auch wenn es keine wesentlich neuen Erkenntnisse bringt, bleibt es als Nachschlagewerk in meinem Regal stehen.

Fritz Gesing: ‚Kreativ schreiben’ für Fortgeschrittene. Geheimnisse des Erfolgs. DuMont, Köln 2006.
ISBN 3-8321-7930-5 | 12,90 € | 268 S.

Background Shapes in Scapple

Auf dem Blatt Papier lassen sich Notizen auch dadurch miteinander verbinden, dass man einen gemeinsamen Rahmen um diese Notizen zieht. Scapple bietet über die Funktion „Background Shape“ (ich übersetzte das mal mit Hintergrundrahmen“) eine vergleichbare Möglichkeit. Über “Notes/New Background Shape” wird dieser Hintergrundrahmen eingefügt. Auf diesem Hintergrund lassen sich Notizen ablegen. Background Shapes lassen sich wie normale Notizen formatieren, nur dass sie sich nicht direkt beschriften lassen. Werden mehrere Notizen ausgewählt, lassen sie sich direkt mit einem angepassten, gemeinsamen Hintergrundrahmen versehen.

Wird ein Background Shape angeklickt, erscheint im Inspector ein neues Elemtent: magnetisch. Solange “magnetisch” nicht aktiviert ist, lässt sich der Hintergrundrahmen unabhängig von den Notizen verschieben. Wird “magnetisch” aktiviert, werden alle Notizen, die auf dem Hintergrund abgelegt sind, immer mitverschoben. Das gilt auch, wenn die Notiz über den Rahmen hinausreicht oder ihn nur leicht berührt.
Background Shapes lassen sich wie normale Notizen miteinander verbinden. Auch kann so ein Rahmen auf eine einzelne Notiz innerhalb eines anderen Rahmens verweisen. Eine einzelne Notiz lässt sich mit dem Rahmen allerdings nur über “Notes/Connect” verbinden, denn wenn eine Notiz auf einen Rahmen gezogen wird, wird sie darauf abgelegt.

Hintergrundrahmen (Background Shapes) bieten eine einfach Möglichkeit, komplexe Notizen zu strukturieren und neben den Verbindungspfeilen Zusammenhänge sichtbar zu machen. Die folgende Grafik zeigt die Punkte diese Posts noch einmal übersichtlich an.

Themenpredigt Gottvertrauen als Cluster

Predigtcluster zum Entwurf eine Themenpredigt (mit Scapple)
Predigtcluster zum Entwurf eine Themenpredigt (mit Scapple)

Leider lässt sich in Scapple nur eine voreingestellte Schrift benutzen – das macht die Notiz hebräischer und griechischer Worte schwierig. Die lassen sich aber als Grafik einfügen. Als Workaround funktioniert zum Beispiel die Arbeit mit dem Windows Snipping Tool: Wort auf dem Bildschirm grafisch ausschneiden und per Paste in das Cluster einfügen.

Scapple – die Grundfunktionen vorgestellt

Ich hab meine ersten Erfahrungen mit Scapple gesammelt und bin begeistert: Auf so ein Programm habe ich lange gewartet. OK, es gibt auch Sachen, die ich vermisse, aber vom Ansatz her ist es wunderbar, weil einfach und fast intuitiv. Wer das Programm allerdings als Mindmapping-Software oder Programm zur Erstellung von Grafiken und Flowcharts missversteht, wird enttäuscht werden. Ich will in loser Folge mal die Funktionen des Programms vorstellen. Heute geht es los mit den Grundfunktionen. Ich mache das mal als Grafik aus Scapple heraus, weil das gleich viel mehr demonstriert als jede Beschreibung.

Ein Klick auf das Bild erlaubt eine 100%-Ansicht:

Wie Scapple funktioniert - #1

Grundfunktion von Scapple #2

Wie man an meinem ersten Predigtentwurf mit Scapple sehen kann (siehe hier) sind natürlich vielfältige Verbindungen möglich.

P.S: Den Inspector kann man doch andocken: Über das Optionenmenü lässt sich der Inspektor am rechten Rand anzeigen. Er ist dann nicht immer im Weg, verbraucht aber sehr viel Platz. Sinnvoll ist das nur, wenn man einen sehr großen Bildschirm zur Verfügung hat.

 

Predigt entwerfen mit Scapple

Predigt zum Mk 2,23-28
Predigtentwurf mit Scapple

Scapple habe ich neulich bereits vorgestellt. Mittlerweile liegt die Release-Version vor. Ich kann erstmal keinen großen Unterschied entdecken, habe aber erstmals einen Predigtentwurf mit Scapple gewagt – und bin begeistert. Für gerade mal 12,14€ erhält man ein funktional zwar sehr spezialisiertes, aber gut durchdachtes Programm. Wer mit Clustering oder ähnlichen Skizzenmethoden auf dem Papier arbeitet, sollte sich Scapple auf jeden Fall anschauen. Für dreißig Tage lässt sich das Demo ohne Einschränkungen ausprobieren. Ich werde mal schauen, dass ich in der nächsten Zeit die Funktionen des Programms und die Arbeitsmöglichkeiten etwas genauer vorstelle.

Scapple – bald auch für Windows?

Die Macher von Scrivener haben eine Clustering-Software entwickelt – für die Mac-Welt schon erhältlich, für Windows noch im Beta-Stadium

Notizblatt zu "Tradition und Verfahren"
Notizblatt zu „Tradition und Verfahren“

Ich hab es schon gemacht, als ich noch kein Wort dafür kannte: Clustering. Bei Mitschriften an der Uni und als Entwurfstechnik für Seminararbeiten und der späteren Dissertation habe ich kurze Notizen einkreist oder mit Wolken und Kästchen umgeben und durch Striche mit anderen Notizen verbunden. OK, es waren keine Cluster in Gabriele Ricos Sinne, aber es war ein intuitiver Versuch, Struktur in die Notizen zu bringen und Zusammenhänge für das Schreiben sichtbar zu machen.

Literature & Latte, die Macher der Autorensoftware Scrivener, die ich seit einiger Zeit benutze, haben eine Software entwickelt, mit der man am Recher in gleicher Weise arbeiten kann: Scapple. Wer sich mit den Methoden nicht so gut auskennt, könnte meinen, das müsste auch mit Mindmapping-Software gehen. Ich benutze den Mindmanager und Freemind und kann sagen: Es geht nicht. Mindmap und Cluster sind völlig verschiedene Werkzeuge. Insofern ist das Erscheinungen von Scapple mehr als erfreulich. Mac-Nutzer können das Programm bereits kaufen – Windows-Nutzer müssen sich noch etwas gedulden. Bislang liegt nur eine Beta-Fassung vor. Aber die lässt aufmerken.

In Scapple können Notizen frei platziert, verschoben und mit anderen Notizen verknüpft werden. Zudem lassen sich Scapple und Scrivener miteinander verbinden: Per drag&drop können Notizen von Scapple zu Scrivener und umgekehrt verschoben werden. Anders als beim Mindmapping gibt es keine Hierarchien der Notizen. Wer Scapple als alternative Mindmapping-Software betrachtet, wird damit ebenso unzufrieden sein wie jemand, der versucht mit Mindmaps zu clustern. Ein Video auf youtube veranschaulicht die Verwendung.

Die aktuelle Windows-Beta lässt sich noch bis zum 15. Oktober verwenden. Wann eine Verkaufsversion erscheint, steht noch nicht fest. Bei Scrivener konnte man die Windows-Testversion mehrfach verlängern, bis die Release-Version erschien.

Schreibend denken

Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie
"I think" - Darwin notiert seinen Einfall zur Evolutionstheorie

“Ich denke tatsächlich oft mit der Feder”, notierte Wittgenstein einmal. Er ist nicht der einzige, der den Zusammenhang von Schreiben und Denken so oder ähnlich beschreibt. In meiner eigenen Schreiberfahrung finde ich mich darin gut wieder. Ulrike Scheuermann hat diese Erfahrung als Konzept des Schreibdenkes für die Hochschuldidaktik ausgearbeitet. Sie beansprucht damit nicht, etwas völlig Neues in die Schreibdiskussion einzubringen, aber ihr Ansatz gibt gute methodische Hinweise zum Schreibprozess beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte. Der Prozess lässt sich auch gut auf die Predigtvorbereitung übertragen.

Sprechdenken in der Predigt gilt den einen als Königsweg zur freien Predigt, während die anderen in der Methode eine Verführung zur anspruchslosen Predigt aus dem Stegreif sehen. Ulrike Scheuermanns Ansatz des Schreibdenkens könnte ein interessantes Bindeglied bilden. “Schreibdenken” ist der dritte Band der Reihe “Kompetent lehren”, die sich die Verbesserung der Hochschuldidaktik auf die Fahnen geschrieben hat. Das Buch wendet sich in erster Linie an Lehrende an der Universität und will ihnen Hilfestellung dafür geben, Schreiben als Mittel des Lernens zu vermitteln. Dieser Horizont des Buches klingt zwar eng, er weitet sich aber bei der Lektüre schnell, denn die Möglichkeit der Anwendung auf sämtliche Formen reflektierenden Schreibens ist leicht zu erkennen.

Schreibdenken ist zugleich Prozess und Methode. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prozess des Schreibens mit seinen unverzichtbaren Ausarbeitungs- und Überarbeitungsschritten. Scheuermann unterteilt den Schreibprozess in sieben Phasen:

Phase 1: Einstimmen
Phase 2: Ideen entwickeln
Phase 3: Strukturieren
Pahse 4: Rohtexten
Phase 5: Reflektieren
Pahse 6: Überarbeiten
Phase 7: Veröffentlichen

Auf der Internetseite ulrike-scheuermann.de gibt es im Downloadbereich eine grafische Darstellung dieses Prozesses, die eine gute Übersicht über den Ansatz liefert. Wichtig am Prozess des Schreibens ist: Schreiben ist ein Werkzeug des Denkens. Die schulische Schreibdidaktik krankt oft daran, dass sie zu sehr vom Produkt ausgeht und den Prozess des Schreibens vernachlässigt. Kaum jemand schreibt druckreif und oft klärt sich erst am Ende eines Aufsatzes, worauf der eigene Text eigentlich hinaus will. Bei vielen Predigern ist es nicht anders: Sie fangen vorne an und hören hinten auf. Überarbeitungsschritte scheinen überflüssig. In der Regel ist ­ wie bei einer Klausur ­ am Ende auch gar keine Zeit mehr dazu. Der Ansatz des Schreibdenkens geht davon aus, dass Denken und Schreiben Zeit brauchen und die Erstfassung eines Textes noch nicht veröffentlichungsfähig ist. Deshalb ist es wichtig, Schreibzeiten im Alltag zu verankern und Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein Text allmählich Gestalt annehmen kann.

Natürlich ist Schreiben auch eine Typfrage. Ausführlich beschäftigt sich Scheuermann daher mit vier verschiedenen Schreibtypen: dem Planer, dem Drauflosschreiber, dem Versionenschreiber sowie dem Patchworkschreiber. Viele Autoren von Schreibbüchern übersehen dies und verkennen daher, dass es verschiedenen Schreibtypen auch unterschiedliche Schreibstrategien brauchen. In dieser Typologie werden sich Predigerinnen und Prediger leicht wiedererkennen und einordnen können.

Methodisch geht es Scheuermann darum, eine Vielzahl von “assoziativen, strukturierenden, reflektierenden, denk- und schreibfördernden, psychologisch reflektierenden sowie Text-Bild-integrierenden Techniken” (S. 18) für den Schreibprozess zu nutzen. Neben bekannten Methoden wie Mindmap und Cluster finden sich Varianten des Freewriting, nämlich die von Scheuermann so genannten Schreibsprints, und auch Gruppenmethoden. Das Notieren als Grundform des Schreibens wird zwar nur gestreift, kommt aber immerhin vor. Die vorgestellten Methoden mögen nicht neu und originell sein, dafür sind die bewährt und sehr effektiv. Alle Methoden werden kurz eingeführt und anhand einer Übung in der Praxis demonstriert. Scheuermanns Anspruch geht so weit, dass sie das Schreibdenken auch als Methode der Selbstorganisation begreift.

Fazit: Ulrike Scheuermann gelingt es in „Schreibdenken“, knapp und doch umfassend und praxisorientiert die Grundlagen reflektierenden Schreibens vorzustellen. Schon allein weil es wenige Schreibbücher gibt, die das Schreiben in diesem Zusammenhang beleuchten, lohnt sich die Anschaffung. Weil auch die Arbeit am Predigtmanuskript reflektierendes Schreiben ist, werden sicher auch Predigerinnen und Prediger das Buch mit Gewinn lesen.

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto 2012.
ISBN 978-3-8252-3687-8 | 9,90 € | 126 S.

Befreiter Predigen

Frei Predigen ist für viele ein hehres Ziel, aber auch mit großem Druck verbunden. Dabei muss es ja gar nicht die ganz freie, manuskriptlose Rede sein. Vielleicht sollte man deshalb lieber an freieres Predigen denken. Für das Gütersloher Prädikantenkonvent habe ich dazu sechs Thesen aufgestellt:

1. Die Predigt ist ein Ereignis im Gottesdienst.
(Das Manuskript ist nur der Predigtplan, nicht die Predigt!
Streng genommen bin ich am Samstagabend allenfalls mit dem Predigtplan fertig, nicht aber mit der Predigt.)

2. Frei predigen heißt, sich jederzeit vom eigenen Predigtplan lösen zu können.
(Das ist wie bei einem Stadtplan: ich sehe die verschiedenen Wege zu einem Ziel, und kann mich spontan umentscheiden, eine Abkürzung zu nehmen oder eine kleinen Bogen zu machen.

3. Freies Predigen braucht einen übersichtlichen Predigtplan
(Dabei gilt der Grundsatz: Soviel Übersicht wie möglich, soviel Details wie nötig)

4. Für einen übersichtlichen Predigtplan ist es wichtig, sein Predigen zu vereinfachen:
einfache Sprache,
klarer Aufbau,
langsame Entwicklung der Gedanken,
Mut zum Streichen

5.    Einfacher predigen heißt, an Aussagen und Aufbau feilen – nicht an den Formulierungen.

6.    Das Ausformulieren einer Predigt ist immer der letzte Schritt
– sei es gesprochen auf der Kanzel oder schriftlich im Manuskript.

Homiletik der Langeweile

Der Mann im Turm

Der Mann im Turm
Was Prediger mit ihrer Predigt erreichen wollen, lässt sich nicht allgemein sagen. Dass ein Prediger aber zumindest irgendetwas sagen will, wird normalerweise vorausgesetzt – auch wenn die Botschaft nicht immer ganz klar ist. Es gibt diesen alten Witz: Der Mann kommt vom Gottesdienst nach Hause kommt und sagt: „Heute hat der Pastor über 30 Minuten gepredigt.“ „Worüber denn?“, fragt die Ehefrau. Und der Mann antwortet: „Das hat er nicht gesagt.“

Viele setzen bei einem Prediger voraus, dass er irgend etwas sagen will – auch wenn am Ende nicht immer klar ist, was. Vor diesem Hintergrund bin ich unschlüssig, was von der These Dietrich Sagerts zu halten ist: „Predigt bewerkstelligt nichts, sie bewirkt nichts und soll auch zu nichts dienen.“ Sagert leitet damit den zweiten Band mit Texten des Zentrums für Evangelische Predigtkultur ein: „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur.“ „Predigt teilt“, meint Sagert. In einer Art Briefbericht über seine Korrespondenz mit dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy deutet Sagert an, was Predigt als Mit-Teilung bedeuten könnte: Wenn man „den Zuhörer als Souverän seiner eigenen spirituellen Erfahrung respektieren“ will (S. 167), kann (oder darf?) man Predigt nicht mehr verstehen als Verkündigung einer verfügbaren Botschaft. Deshalb will Sagert die Predigt radikal offen halten: Selbst der Aussagen zur Existenz Gottes sollte sich der Prediger besser enthalten. Aus Nancys Überlegung, dass Sinn sich aus geteiltem Sinn ergibt, geht Sagert über zur These, dass Sinn und Botschaft der Predigt sich ergeben aus dem Teilen von dem, was der Predigt „zuteil geworden“ (S. 9) ist. Was Sagert da mit-teilen möchte, sagt er leider nicht.

Während ich noch darüber nachdenke, ob die Aussagen Sagerts, sofern sie welche sind, deskriptiv oder normativ gemeint sind, lese ich die ZEIT. Hanno Rauterberg schreibt da über die Skulpturen des Bildhauers Stephan Balkenhol: „Es ist eine Kunst, die nichts will – und deshalb gewollt wird.“ Weil die beliebten Holzfiguren nichts bedeuten und ausdrücken, weil sie frei sind von Überzeugung und Glauben sind sie letztlich banal – und irgendwie langweilig. Bei der documenta (13) waren die harmlosen Figuren Balkenhols durch die Presse gegangen, weil eine katholische Gemeinde direkt gegenüber dem Kasseler documenta-Hauptgebäude die Holzfiguren unübersehbar aufgestellt hatte: Eine Figur stand oben auf dem Glockenturm und zog die Blicke auf sich. Das fanden viele nett, bis auf die documenta-Chefin: Wahrscheinlich hat sie befürchtet, dass die langweilige Banalität der Figuren auf die documenta abfärben könnte. Ich befürchte, dass eine Predigt, die nichts will, die frei ist von Überzeugung und Glauben, ebenso wie Balkenhols Figuren in der Gefahr steht, banal und letztlich langweilig zu werden.

Es kann daher kein Zufall sein, dass ein weiterer Text von Sagert in dem genannten Band die Überschrift „Langweilig!“ trägt. Aufhänger ist ein Bericht über jugendliche Juroren bei der Ruhrtriennale, die die Premiere zwar freundlich bewerteten, aber letztlich langweilig fanden – weil Kunst eben so ist. Für die Predigt als Kunst gilt das oft ja nicht anders, so dass Sagert mit Blick auf den Fenstersturz des Eutyches zu einer kleinen Homilektik der Langeweile abhebt. Zugegeben: Das liest sich streckenweise ganz amüsant, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob der Humor beabsichtigt oder unfreiwillig ist. Am Ende erweist sich die Langeweile als Lücke zwischen menschlichem Sein und Gott, die durch Erfindungsgeist gefüllt wird. Hier schließt sich der Kreis zu den Eingangsüberlegungen Sagerts: Indem der Prediger mit seiner nichts sagenden und zu nichts dienenden Predigt den Predigthörer langweilt, öffnet sich eine Lücke, in die hinein der gelangweilte Mensch sich seinen zurück blickenden Gott erfindet. Ein schöner Gedanke, der mehr und mehr offenlegt, dass es sich beim Zentrum für evangelische Predigtkultur eigentlich um ein großartiges Satireprojekt handelt.

P.S.:
Nach dem Klappentext will der Band „Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigtkultur“ (EVA Leipzig 2013, 196 S., 14,80 €) „Einblicke geben in verschiedene Prozesse, durch die Predigt entsteht“. Wer auch immer den Klappentext verfasst hat, scheint den Inhalt des Buches nicht zu kennen. Man könnte die versammelten Beiträge eher als einen Werkstattbericht bezeichnen. Die Beiträge von Martina Sauer, Wilfried Härle, Kathrin Oxen und eben Dietrich Sagert sind ausserordentlich überflüssig. Am Erstaunlichsten ist Härles Beitrag zu „Hirnforschung und Predigtarbeit“: Nach zweifelhaften Auslassungen zur Hirn- und Schlafforschung kommt Härle am Ende zu reichlich trivialen Predigtratschlägen. Schade, dass die guten Beiträge in dem Band da fast verschwinden. Dazu gehören Anne Gideons fortgesetzte Überlegungen zu Predigt und leichter Sprache sowie die Vorträge von Cord Richelmann, Reinhold Zwick, Martin Treml und Christian Strecker zu Paulus und seiner Rezeption durch Pier Paolo Pasolini, Jakob Taubes und in der neueren Paulusforschung.

Kathrin Oxen und Dietrich Sagert (Hg.): Mitteilungen. Zur Erneuerung evangelischer Predigkultur. Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2013.